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Titanic

Man schreibt das Jahr 1907: Gepflegtes Diner in London, zu Tisch: Lord William Pirrie, Präsident der Werft Harland & Wolff, und Bruce Ismay, Direktor der Reederei White Star Line. Thema: drei neue Schiffe, die an Grösse, Tempo und Luxus alles je gebaute in den Schatten stellen sollen. Ihre Namen: «Olympic», «Titanic» und «Gigantic» – in der Welt der Dampfer werden den geplanten Ozeanriesen allein die Götter gerecht. Im März 1909 wird die «Titanic» in Belfast in Angriff genommen; zwei Jahre später, am 31. Mai 1911, läuft sie unter dem Jubel von 100 000 Schiffsbegeisterten vom Stapel.

Mit 269 Metern Länge und 46 000 PS ist die «Titanic» das mächtigste Fahrzeug, das je gebaut worden ist. Entsprechend euphorisch wird sie von der Weltpresse aufgenommen: Die «Titanic» ist Sinnbild der Allmacht menschlichen Erfindergeistes, ein achtes Weltwunder und stählerner Beweis für die Überwindbarkeit der Naturgewalten.

Die zweite Hälfte der Geschichte ist kürzer: Jungfernfahrt im April 1912, seitliche Kollision mit einem Eisberg, ein halbes Dutzend Lecks, durch die Zehntausende Tonnen Wasser in Bug, Fracht- und Kesselräume schiessen, langsame Neigung und Auseinanderbrechen des Rumpfs, Sinken, Aufprall in nachtschwarzer, eisiger Tiefe. Die 1514 Todesopfer, die 710 Geretteten.

Der Rest sind Legenden: die halsbrecherische Fahrt des Kapitäns um das Blaue Band etwa, oder die Bordkapelle, die in den letzten Minuten den Choral «Näher mein Gott zu Dir» spielt. Real dagegen ist der Donnerhall in der Presse: Der Untergang der «Titanic» ist der erste globale Medien-Hype der Geschichte.

E-Mail

Wir schreiben das Jahr 1967. Der Ingenieur Lawrence Roberts, Architekt des Arpanet und damit einer der Väter des modernen Internet, war felsenfest überzeugt: Das Austauschen von Textmitteilungen unter den Netzwerkteilnehmern, so schrieb er, sei «kein wichtiger Beweggrund, ein Netz von wissenschaftlichen Rechnern aufzubauen». Es war die Zeit, als Telex noch ein schnelles Kommunikationsmittel war, als Computer noch schrankgross und nur etwas für die crème de la crème der Wissenschaft waren. «Not an important motivation» – welch krasse Fehleinschätzung!

Heute tragen wir Computer in der Tasche, die ein Eintausendfaches jener Rechner leisten, mit denen Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins 1969 auf den Mond gesteuert wurden, Computer, die gleich auch noch telefonieren können und lichtschnelle Postboten sind.

Die Post, damals Briefe oder Lochstreifen, ist heute digital. Und auch sie hat sich vervielfacht. 107 Billionen E-Mails wurden allein letztes Jahr verschickt, eine Zahl mit zwölf Nullen. Druckte man die alle auf Papier, der Turm reichte von der Erde bis hoch zur Venus.

Nur das Recht ist noch nicht so ganz im Internetzeitalter angekommen: E-Mails sind bis heute keine echten Beweismittel. Wer klagen will und nur eine E-Mail in der Hand hat, wird’s vor dem Richter schwer haben. Anders ist das beim Telefax, einer Technik, die fast schon ins Museum gehört.

Bei dieser ozeanischen Flut von E-Mails müsste man meinen, die Menschheit habe noch nie so viel geschrieben und gelesen wie heute. Schön wär’s. Neun von zehn aller Mails dieser Welt sind Spam.

Likejacking

Zwei Milliarden Menschen haben heute Zugang zum Internet. Mehr als ein Viertel davon, über 500 Millionen, nutzen Facebook. Was einst Mark Zuckerberg und seine Freunde als Online-Jahrgangsbuch in ihrer Harvard-Studentenbude zusammenbastelten, hat sich dicht hinter Google zur unangefochtenen Nummer Zwei im Internet entwickelt.

Als Facebook im April 2010 den Like-Button veröffentlichte, jenen Knopf, mit dem man spannende Inhalte auf einen Klick weiter empfehlen kann, galt das als weitere Meisterleistung von Zuckerberg & Co.: Mit einemmal war Facebook nicht länger ein geschlossenes System, sondern – kraft eines gehobenen Daumens in schmuckem Facebook-Blau – von jeder beliebigen Seite aus erreichbar.

Da sind Schmarotzer nicht weit. Der Like-Knopf kann nämlich perfiderweise auch eine transparente, über ein sichtbares Bild gelegte Grafik sein. Über ein vorgegaukeltes Video, das meist auf niedere Instinkte abzielt, wird ein unsichtbarer Like-Button gelegt. Wer sich hinreissen lässt und klickt, wird erstens ungewollt auf eine obskure Webseite umgeleitet und hat zweitens allen Facebook-Freunden denselben Schund schmackhaft gemacht. Das muss nicht immer harmlos sein: Nicht selten nutzen die Gauner Sicherheitslücken aus und verbreiten Schädlinge. «Likejacking» nennt sich diese Bauernfängerei, von to like und hijacking, Entführung.

Dabei gäbe es eine ganz einfache Gegenmassnahme: Verspricht das Filmchen einen ausgiebigen Blick auf die unverhüllte Nachbarin, zeigt die Statuszeile eine unbekannte Adresse statt facebook.com und finden sich im Titel verräterische Rechtschreibfehler, dann sollte man sich den Klick verkneifen, sich selbst und allen Facebook-Freunden zuliebe.

Denn merke: Gauner können viel. Gutes Deutsch aber zählt nicht dazu.

http://

Ob Google, Facebook oder Wikipedia – an «http://» führt kein Weg vorbei. Die vier unverständlichen Buchstaben sind eine Reminiszenz ans Jahr 1989, in dem der Forscher Tim Berners Lee am Cern in Genf das Web erfand.

http:// – das ist die Abkürzung für Hypertext Transfer Protocol, sozusagen das Verkehrsgesetz, das Daten auf den Strassen des Web einzuhalten haben. Denn im Netz zu surfen ist ein bisschen wie Autofahren: Wir drehen am Zündschlüssel, und die Technik kümmert uns keine Spur.

Doch ohne sie geht nichts. Wir rufen also Google auf, und im PC, im Modem und auf Dutzenden von Servern in aller Welt beginnt sich, lichtschnell, ein mächtiges Räderwerk zu drehen. Die Adresse www.google.ch wird vom Hypertext-Übertragungsprotokoll http als erstes in die Nummer 74.125.47.147 übersetzt, eine der zwölfstelligen so genannten IP-Adressen von Google. Die wird mithilfe des TCP, des Transmission Control Protocol, und des IP, des Internet Protocol, an einen der mehr als eine Million Server in einem der rund 40 Google-Rechenzentren übermittelt, die irgendwo in den USA, in Europa oder in Asien stehen. Dieser eine Rechner wird angefragt, ob er eine Startseite mit dem Namen «index.html» besitze, worauf der in der Regel mit «200» antwortet, was in Serversprache «Ja» bedeutet.

Das alles ist nicht nur furchtbar kompliziert, sondern nachgerade unverständlich. Genau wie die zwei seltsamen Schrägstriche nach dem «http:». Unverständlich werden die auch bleiben, auf alle Zeit. Ausgedacht hat sich die beiden neckischen slashes, wie sie auf Englisch heissen, der http-Erfinder Tim Berners Lee. Und der gibt heute offen zu, dass sie 1989 zwar wie eine gute Idee aussahen, aber im Grunde völlig unnötig sind.

Butterfield, Stewart

Es war 1999, da hatte der damals 26-jährige Philosoph Stewart Butterfield eine Wut im Bauch. Es war die Zeit, als man die Bytes noch einzeln durch die Leitung rieseln hörte, und Butterfield wartete mal wieder endlos auf das Laden einer Webseite. Ursache der epischen Ladezeiten war die immer schlampigere Internetprogrammierung, die immer schnellere Verbindungen erzwang, die wiederum noch schlampigeres Programmieren zuliessen. Ein Teufelskreis. Also schrieb Butterfield zusammen mit Freund Eric Costello einen Wettbewerb für gute Webseiten aus – welchen Inhalts, war egal. Hauptsache, sie wogen weniger als 5 Kilobytes. Das ist ungefähr die Datenmenge maschinengeschriebenen A4-Seite. Unmöglich? Weit gefehlt: Unter den Einsendungen fanden sich ein funktionsfähiges Schachspiel oder das kleinste Kunstmuseum der Welt.

Drei Jahre später, 2002, folgte Butterfields nächster Streich: ein noch nie dagewesenes Onlinegame, in dem die Spieler virtuelle Landschaften erkunden und miteinander chatten konnten. Das Game war noch in der Testphase, da fiel Butterfield auf, dass die Spieler vor allem eigene Fotos hochluden, um sie anderen zu zeigen. Butterfield roch Lunte, legte das Game auf Eis und entwickelte www.flickr.com. Flickr ist heute die wichtigste Foto-Plattform der Welt, mit mehr als 5 Milliarden hochgeladenen Bildern und Videos.

Nachdem er Flickr für geschätzte 35 Millionen Dollar an Yahoo verkauft hatte, begann sich der Flickr-Chef zu langweilen. Und heute, da Google, Facebook & Co. vollauf damit beschäftigt sind, immer noch grösser zu werden, fängt Butterfield mal wieder von vorn an. Sein liegen gebliebenes Game heisst ironisch «Glitch» – auf Deutsch Fehler oder Panne – und wird demnächst fertig. Vom Programmierer und Philosophen Stewart Butterfield wird noch so einiges zu hören sein.