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Chopper

Dennis Hopper, Peter Fonda und die amerikanische Rockband «Steppenwolf» haben ihm im Road Movie «Easy Rider» ein Denkmal gesetzt: dem Chopper mit seiner flachen Vordergabel und dem vielen Chrom. Allein schon die Bemalung des Tanks reichte aus, um den Fahrer zum natürlichen Feind jeder bürgerlichen Ordnung werden zu lassen. Das Thema des Films, das Schmuggeln von Kokain, tat da wenig, um dieses Image zu korrigieren.

Chopper – das kommt von «to chop», hauen, hacken, wegschneiden. Das war, in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, durchaus wörtlich gemeint. Bei Kriegsende sass die US-Army auf 90 000 Motorrädern, von Harley-Davidson für den Kampfeinsatz gebaut, und in Friedenszeiten zu nichts mehr nütze.

Die gut erhaltenen Maschinen mit ihren 23 PS und ihrem Hubraum von 740 Kubikzentimetern wurden oft von Veteranen gekauft, die ihr im Krieg gelerntes Mechanikerhandwerk weiterpflegen wollten. Weil die Bikes aber schwer und hässlich waren, griffen die Bastler als erstes zum Schweissbrenner und schnitten alles weg, was nicht zwingend nötig war: Windschutzscheibe, Radabdeckungen, Munitionsbehälter, Gewehrtasche, Scheinwerfer und sogar die Rückspiegel, die man keck durch winzige Spiegelchen ersetze, die nicht selten aus einer Zahnarztpraxis stammten. Die Chopper: das waren nicht die Bikes, sondern vielmehr die Bastler.

Ihre radikal umgebauten Maschinen, einst ausrangiertes Kriegsgerät, gerieten zum Kult. Heute ist der rider nicht mehr ganz so easy: Eine zum Chopper umgebaute Harley, wie sie Dennis Hopper 1969 gefahren war, kostet ein kleines Vermögen.

Paternoster

Jeden Morgen, wenn er das Funkhaus betreten hatte, unterzog sich Murke einer existentiellen Turnübung: Er sprang in den Paternosteraufzug, stieg aber nicht im zweiten Stockwerk, wo sein Büro lag, aus, sondern ließ sich höher tragen, am dritten, am vierten, am fünften Stockwerk vorbei, und jedesmal befiel ihn Angst, wenn die Plattform der Aufzugskabine sich über den Flur des fünften Stockwerks hinweg erhob, die Kabine sich knirschend in den Leerraum schob, wo geölte Ketten, mit Fett beschmierte Stangen, ächzendes Eisenwerk die Kabine aus der Aufwärts- in die Abwärtsrichtung schoben.

So beginnt Heinrich Bölls unsterbliche Satire «Doktor Murkes gesammeltes Schweigen».

An zwei Ketten aufgehängt, fahren beim Paternoster eine Anzahl Kabinen für je eine bis zwei Personen ohne Unterbruch auf der einen Seite nach unten, auf der anderen nach oben. Am Wendepunkt werden die Kabinen vom einen Schacht in den anderen gehoben und wechseln die Richtung. Der erste bekannte Paternoster für Pakete wurde 1876 im General Post Office in London eingebaut. 1882 folgte mit Hart’s Cyclic Lift ebenfalls in London der erste Aufzug für Menschen.

Sein Name kommt vom katholischen Rosenkranz: Auf dieser Gebetsschnur sind Kugeln aufgereiht, je zehn für die Ave Marias, danach eine davon abgesetzte für das Vaterunser, auf lateinisch pater noster. Weil die im Bergbau eingesetzten Lastenaufzüge eine gewissen Ähnlichkeit mit dem Rosenkranz hatten, wurden sie von den Kumpels gern als «Paternoster» verspottet.

Heute ist das nur noch ein Gebet: Auch wenn der Paternoster in der selben Zeit mehr Menschen befördern kann als die heutigen Aufzüge: Die Technik ist veraltet, und Paternoster werden nicht mehr zugelassen.

Yale, Linus

Der Mann war ein leidenschaftlicher Schlosser: Jede freie Minute verbrachte er in seiner kleinen Werkstatt und baute Schlösser. Oft aber hatte er anderes zu tun – sein Name war Louis Auguste, besser bekannt als Louis XVI, König von Frankreich.

70 Jahre später im US-Bundesstaat New York: Linus Yale senior ist Erfinder und hält mehr als ein Dutzend Patente für Schlösser, Dreschmaschinen und Sägemühlen. Sein Sohn Linus Yale junior dagegen studiert Malerei. Doch die Pflicht ist stärker. 1850 tritt der Junior ins Familiengeschäft ein, und als sein Vater stirbt, stellt der junge Linus Yale auf Schlösser um, die unter keinen Umständen zu knacken sind.

Schliessvorrichtungen, in denen Schlüssel einen Riegel bewegen, gibt es seit Jahrtausenden. Ihre Achillesferse aber ist seit jeher das Schlüsselloch: An dieser verräterischen Öffnung machen sich auch Unbefugte zu schaffen, mit geeignetem Werkzeug, und sei es auch nur mit Schiesspulver. Also erfindet Yale das Kombinationsschloss für Banksafes, die das hinter massivem Stahl versteckte Schlüsselloch erst nach der Eingabe der Kombination freigeben.

Yales bedeutendste Konstruktion aber ist ein Schloss, das viel kleiner ist – und das wir auch heute noch benutzen: das 1861 patentierte Zylinderschloss mit seinem charakteristischen flachen Schlüssel. Diese neuen Schlösser stellt Yale erstmals in Massenproduktion her, auch dies eine seiner bahnbrechenden Erfindungen.

Um diesen Platz in der Geschichte hätte Louis Auguste den Konstrukteur Yale beneidet: Er selbst kam nicht als Schlosser zu Ruhm, sondern als glückloser König, von der Revolution zum einfachen citoyen degradiert und 1793 auf der Pariser Place de la Concorde hingerichtet.

Mashup

Ein Mashup, von Englisch «mischen» oder «stampfen», ist ein Gemisch von Webtechnologien: Google Maps zum Beispiel wird mit Echtzeitdaten von Flügen gefüttert, mit Flugzeugsymbolen versehen – und fertig ist die Liveansicht aller Flüge über Zürich. Aber Mashups sind mehr: ein wilder Mix von Medien, die zu neuen, überraschenden Inhalten zusammengemischt werden.

Zum Beispiel so: Der britische Stand-up-Komiker Eddie Izzard nahm auf seiner Tour 2000 das Weltraumepos «Star Wars» und dessen dunklen Helden «Darth Vader» aufs Korn:

Da muss es auf dem Todesstern doch sowas wie eine Kantine gegeben haben, eine Cafeteria, tief unten, wo sich Darth Vader zwischen den Schlachten ein bisschen entspannen und auch mal was essen konnte.

Für den 18-jährigen Kevin alias «Thorn 2200» war das ein gefundenes Fressen: Er griff sich die Tonspur und fabrizierte einen Trickfilm mit putzigen Lego-Figuren in der Hauptrolle. Das Ergebnis ruckelt und wackelt – und ist überbordend komisch. Kevins Video «Death Star Canteen» ist auf Youtube bis heute über 13 Millionen Mal abgespielt worden.

Mashups sind so etwas die Stampfkartoffeln des Internet: Man nehme Tonspuren, Videos, Texte und Bilder, mische sie neu zusammen, schmecke sie mit eigenen Zutaten ab und lade sie neu hoch. Das nötige Werkzeug für Ton- und Filmbearbeitung findet sich heute auf jedem Computer, und Inhalte gibt’s im Web ohnehin frei Haus. Wer’s fachchinesisch mag, spricht von «Web 2.0» oder von user-generated content, auf gut Deutsch aber sind Mashups respektlos, originell und kreativ.

Und manchmal gar erfolgreicher als die Originale.

Zeitmessung

Zeit fällt nicht vom Himmel, Zeit brennt nicht, Zeit macht keinen Lärm. Doch dass es sie gibt – und vor allem: dass sie eine unumkehrbare Richtung hat –, daran besteht kein Zweifel: Jedes Geschehen hat eine zeitliche Abfolge, und Ruinen zeugen davon, dass die Zeit auch einen Zahn hat.

Als der Mensch noch in Höhlen wohnte, bemass sich die Zeit an der Dauer des Tageslichts und am Niederbrennen des Feuers. Die alten Ägypter wollten es genauer wissen: Aus der Zeit Thutmosis III stammt der Fund einer Sonnenuhr, eines hölzernen Winkels, der, am Morgen nach Osten und am Mittag nach Westen gerichtet, die Angabe von zwölf Tagesstunden ermöglichte.

Später kamen die Wasseruhr, die Erfindung eines ägyptischen Beamten um 1500 vor Christus, die Kerzenuhr des angelsächsischen Königs Alfred um 900, die moderne Räderuhr, deren Bau englischen Uhrmachern um 1700 gelang, am Ende die Quartz- und Atomuhren unserer Zeit.

Zwei Dinge allerdings sind weniger bekannt. Erstens: dass schon die alten Griechen um 100 vor Christus eine hochkomplexe astronomische Zahnraduhr gebaut haben, die den Kalender und den Lauf von Sonne und Mond, von Mars und Venus vorausberechnen konnte. Und zweitens: dass der Vater des Radios die Zeitmessung ist: Am 21. Mai 1910 wurde vom Observatorium im Pariser Eiffelturm mit dem Zeitzeichen das erste Radiosignal der Welt ausgestrahlt.

Ein Zeitmass sind übrigens auch diese 100 Sekunden Wissen: … 97, 98, 99, 100.