93 Gramm

Der Fund, den drei Freunde 2002 mit einem Metalldetektor auf einem Feld im walisischen Wrexham machten, war spektakulär: Bronzeäxte und Schmuck, hervorragend erhalten – und 3300 Jahre alt. Darunter war auch ein Halsring aus massivem Gold, der kunstvoll zu einer Doppelspirale verdreht war und der exakt 367,09 Gramm wiegt – ein Vermögen, auch in der Bronzezeit.

Diesen Ring nahm Archäologieprofessor Lorenz Rahmstorf von der Universität Göttingen unter die Lupe. Ähnliche Goldringe waren in England schon zuvor gefunden worden, und Rahmstorf verglich die Gewichte von 52 vergleichbaren Stücken mittels ausgeklügelter statistischer Methoden. Und die zeigen: Alle Ringe basieren auf einer Gewichtseinheit von 93 Gramm. Rahmstorf dehnte seine Untersuchung auf 100 weitere Goldfunde aus, die von den britischen Inseln und aus Nordfrankreich stammen. Und wieder zeigte sich: 93 Gramm waren in der Bronzezeit das Mass aller kostbaren Dinge.

Das ist bemerkenswert, denn es bedeutet: Schon im späten zweiten und frühen ersten Jahrtausend v. Chr. waren die Menschen in der Lage, präzise zu messen, und ihre Handelsrouten reichten weit über Europa hinaus: Die 93 Gramm (das sind ziemlich genau drei heutige Feinunzen) entsprechen nämlich fast genau dem «Deben», einer Gewichtseinheit der Pharaonen, die in altägyptischen Aufzeichnungen genannt wird. Von Ägypten bis zu den entlegensten britischen Inseln: Die Menschen der Bronzezeit kannten schon Kontinente übergreifende Masseinheiten und verlässliche Präzisionswaagen – nicht nur im hoch entwickelten Ägypten oder Mesopotamien, sondern auch in ganz Europa.

Alien

Es gibt zwei Möglichkeiten,

schrieb der britische Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke:

Entweder wir sind allein im Universum, oder wir sind es nicht. Beides ist gleich furchterregend.

Die Vorstellung, da draussen im All könnte es intelligentes Leben geben, hat Menschen immer schon fasziniert und erschreckt. Schon der griechische Philosoph Plutarch hat darüber nachgedacht, ob es Lebewesen jenseits der Erde geben könnte – nicht gar so abwegig in einer Welt, in deren Mythologie es von Göttern und Halbgöttern nur so wimmelte. Über Ausserirdische spekulierte im 16. Jahrhundert auch der Priester und Astronom Giordano Bruno. Weil die von ihm postulierte Unendlichkeit des Weltraums aber keinen Raum für ein Jenseits liess, wurde Bruno im Jahr 1600 wegen Ketzerei auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Der Gedanke aber blieb, und seit 1695 und Christiaan Huygens‘ Schrift «Weltbeschauer, oder vernünftige Muthmaßungen, daß die Planeten nicht weniger geschmükt und bewohnet seyn, als unsere Erde» zählen Ausserirdische zum festen Inventar von Wissenschaft und Spekulation.

Ob niedlich wie E.T. im Spielfilm von Steven Spielberg, brutal wie die Marsianer und ihre dreibeinigen Kampfmaschinen im Hörspiel von Orson Welles oder grausig wie das Alien in den Filmen von Ridley Scott: Wesen aus der Tiefe des Alls sind ideale Projektionsflächen für menschliche Sehnsüchte und Ängste. In der geheimen Luftwaffenbasis «Area 51» in der Wüste von Nevada, so glauben Verschwörungstheoretiker bis heute, werden abgestürzte Alien-Raumschiffe untersucht – mitsamt ihren (wahlweise toten oder noch lebendigen) Besatzungen.

Antikythera, Mechanismus von

Als der Frachter, von Rhodos her kommend, in schwerem Sturm sank, konnte sich seine Besatzung – so ist zu hoffen – noch auf die Leeseite des Inselchens Antikythera retten. Das 50 Meter lange Schiff und seine kostbare Fracht aber sanken 60 Meter tief auf den Grund.

Das war ums Jahr 80 vor Christus. Knapp zweitausend Jahre später, kurz vor Ostern des Jahres 1900, hatte der Schwammtaucher Elias Stadiatis mehr Glück: Als er, nach Luft schnappend, aus dem eisigen Wasser hochschnellte, hielt er einen Arm aus Bronze hoch. Er hatte das antike Wrack entdeckt.

1901 barg die griechische Marine prachtvolle Stücke – und ein paar formlose, dick mit grüner Kruste überzogene Bronzeklumpen, die, weil unansehnlich, prompt im Keller des Athener Nationalmuseums verschwanden. Als ein Jahr später die Ramschkiste zu bröckeln begann und der Archäologe Valerios Stais den Klumpen umpackte, entdeckte er ein Zahnrad. Ein Zahnrad, gefertigt von den alten Griechen.

Das war für die Mathematik- und Technikgeschichte ein ziemlicher Schock. Heute, Abertausende von Forschungsstunden und Röntgenuntersuchungen später, weiss man: Die Griechen im alten Korinth kannten schon Computer. Genauer: ein handgetriebenes Planetarium mit einem Differenzialgetriebe aus Dutzenden von Zahnrädern, das den Lauf von Sonne und Mond vorausberechnen konnte, dazu die Sonnenfinsternisse, die Mondphasen, die Positionen der Planeten Mars und Venus, sowie einen hochpräzisen Kalender mit den zwölf Monaten und dem Vierjahreszyklus der olympischen Spiele.

Es wird spekuliert, Archimedes selbst habe das Uhrwerk gebaut, und gar Julius Cäsar habe die Maschine gekannt. Tatsache ist: Die alten Griechen haben High Tech entwickelt, die mit ihnen ausstarb – und die erst tausend Jahre später von Uhrmachern und Ingenieuren wieder (und vermeintlich neu) erfunden wurde.

Bergkristall

Ambitionierte Mineraliensucher nennt man Strahler. Zwei von ihnen, Franz von Arx und Paul von Känel, entdeckten am 21. September 2005 am Planggenstock im Kanton Uri eine Kluft, aus der ihnen Hunderte perfekt geformter Kristalle entgegenfunkelten. 10 Millionen Jahre hatte es gedauert, bis sich diese Bergkristalle in der Tiefe der Alpen gebildet hatten, aus Quarz, der im bis zu 400 Grad heissen Tiefenwasser gelöst war. Weitere fünf Millionen Jahre sollten vergehen, bis die beiden Strahler auf den Schatz stiessen. Ein Jahrhundertfund: Nie zuvor waren im Alpenraum derart grosse Quarze gefunden worden. Einer der Riesenkristalle ist über einen Meter lang; das gesamte Gewicht des Kristallschatzes wiegt gegen zwei Tonnen. Besichtigt werden kann er im Naturhistorischen Museum Bern.

Mit einem bisschen Glück kann jedermann auf der Bergwanderung einen Kristall finden. Oft ist er bräunlich gefärbt, dann spricht man von Rauchquarz, oft auch weiss – Milchquarz –, gelegentlich rosa – Rosenquarz –, violett – Amethyst –, selten gelb – Citrin –, und manchmal, ja manchmal ist er rein und klar wie Wasser, ein Bergkristall. Alle bestehen sie aus Siliziumdioxid; die Wissenschaft spricht von einem α- oder Tiefquarz. Der ist, nach dem Feldspat, das zweithäufigste Mineral der Erde und bildet einen Hauptteil der Erdkruste. Weil die Kristalle so hart sind – mit ihnen lässt sich sogar Fensterglas ritzen –, sind sie auch sehr witterungsbeständig. Der grösste Teil des Sandes im Meer besteht aus Quarz. Quarz wird als Baustoff genutzt und findet Verwendung in der Keramik-, Glas- und Zementindustrie.

Bikini

Am 18. Juli 1946 liess der gelernte Automechaniker Louis Réard in Paris eine Erfindung patentieren, die ihn auf einen Schlag weltberühmt machen sollte. Vier neckische Stoffdreiecke, je zwei davon mit einer kecken Kordel verbunden, bildeten das Rudiment eines Badekleids, das in den Augen der Zeit den weiblichen Körper mehr ent- als verhüllte. In der Piscine Molitor, dem Jugendstil-Schwimmbad in Auteuil, liess Réard diesen Hauch von Badeanzug vorführen, der – Zitat Réard –

so klein ist, dass er alles von der Trägerin enthüllt ausser dem Geburtsnamen ihrer Mutter.

Kein anständiges Model war bereit, diese textile Winzigkeit zu tragen, so dass Louis Réard nichts übrigblieb, als eine Stripteasetänzerin zu engagieren. Ein handfester Skandal.

Dabei hatte das Evaskostüm namens Bikini schon damals einige Jährchen auf dem Buckel: Schon 1907 hatte der Deutsche Valentin Lehr einen durchaus knappen Zweiteiler entwickelt. Dieser wilhelminische Bikini sollte möglichst viel Haut freigeben, um die Wirkung des heilenden Sonnenlichts nicht zu beeinträchtigen. Und selbst dieser Zweiteiler hatte Vorbilder: Mosaike in der spätrömischen Villa Romana del Casale in Sizilien zeigen junge badende Frauen, die schon eine Art Bikini tragen.

Louis Réards Erfindung von 1946 war also weniger das Textil als vielmehr dessen exotische Bezeichnung. In diesem Sommer fanden auf der Marshall-Insel Bikini Atomwaffentests der USA statt. Die Insel beherrschte die Schlagzeilen, und manch einer assoziierte mit ihr «Sonne», «Südsee» und «Explosion». Was den findigen Louis Réard auf die Idee brachte, seine frivolen Stoffdreiecke kurzerhand «Bikini» zu taufen.