Alle Beiträge von twb

Kalifornien

Mythische Inseln haben die Menschen immer fasziniert: Atlantis, Avalon, Thule – der Mythologie zufolge alles Inseln. Keine davon wurde je entdeckt, mit einer Ausnahme: der Insel Kalifornien. Vom 17. bis ins 19. Jahrhundert zeigen Weltkarten die beiden mexikanischen Bundesstaaten «Baja California» und «Baja California Sur» als Insel. Und das kam so.

In einer Geschichte von 1510 beschrieb der spanische Schriftsteller Garci Rodriguez de Montalvo ein mythisches Land:

Wisse, dass rechter Hand der Indien eine Insel namens California liegt (…). Sie ist von schwarzen Frauen bevölkert, ohne einen einzigen Mann unter ihnen, denn sie leben nach Art der Amazonen.

Die Insel, so heisst es weiter, werde von einer Königin namens Calafia regiert – daher auch Kalifornien –, und auf der ganzen Insel gebe es kein anderes Metall als Gold.

Als Seeleute des spanischen Entdeckers Hernán Cortéz wenig später die Baja California entdeckten, meinten sie eine Insel zu erkennen und nannten sie prompt «Kalifornien». Cortés selbst schwante zwar, das sei eine Mär, doch die Geschichte von der mythischen Amazoneninsel war einfach zu gut. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und volle 200 Jahre lang stellten Kartografen im Westen der Neuen Welt eine grosse Insel dar.

Die Stunde der Wahrheit schlug 1774 und 1776: Mexikanische Landexpeditionen entschieden die Sache zweifelsfrei, und seither ist Niederkalifornien, was es immer gewesen war: eine schmale, langgestreckte Halbinsel.

Bauer

Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt.

So fängt das Lied an, das in den 1920er-Jahren in einer Liedersammlung des tschechisch-deutschen Musiklehrers Walther Hensel erschien. Doch mit Pferden oder der Landwirtschaft hat der Bauer ursprünglich nichts zu tun. Das Wort kommt vielmehr vom althochdeuschen būr, wie man den Bauern in Schweizer Dialekten heute noch nennt. Seit dem 8. Jh. war ein būr ganz einfach ein Haus – davon zeugen heute noch Ortsnamen wie Büren, Altbüron, das «bei den alten Häusern» hiess, Steckborn oder sogar Mammern (von man-burron).

Wer nun im selben Haus oder auch im selben Dorf wohnte, der war ein ge-būr, wörtlich ein «Mit-būr», ein Mitbewohner. Diesen ge-būr, den Gebauer, gibt’s bis heute als Nachnamen, und būr für «Haus» findet sich auch im deutschen Vogelbauer, das nicht einen Geflügelzüchter meint, sondern, eben, ein Vogelhaus, einen Käfig oder eine Voliere – būr als Haus ist nur in solchen Einzelfällen erhalten geblieben.

Beim ge-būr hingegen verschwand nach und nach die sperrige Vorsilbe, und aus dem Gebauer wurde unser heutiger Bauer als Bezeichnung für den, der Vieh züchtet und die Felder bestellt. Wie dieser Bedeutungswandel vom Mitbewohner zum Landwirt zustande kam, weiss die Sprachforschung bis heute nicht. Auch wenn er recht jung ist: In seiner Bibelübersetzung braucht Martin Luther das Wort «Bauer» noch selten, statt dessen spricht er vom «Ackermann». Und auch der ist heute noch ein Name.

Nabel der Welt

Der Nabel der Welt ist der Mythologie zufolge der Weltenmittelpunkt. Zu allen Zeiten haben Herrscher diesen Punkt für sich reklamiert. «Nabel» heisst auf Lateinisch umbilicus, und der umbilicus urbis romanae, das offizielle Zentrum des römischen Strassennetzes und damit der Nabel der Welt, war ein kleiner Tempel auf dem Forum in Rom, dessen Ruinen man heute noch sehen kann. Von hier aus wurden die Meilen der römischen Heerstrassen gezählt. Und weil sich hier, wie man glaubte, die Welt der Lebenden und die der Toten berührten, wurden den Göttern der Unterwelt, des orcus, Opfer gebracht.

Schon die Griechen besassen ihren Nabel der Welt, den omphalos, einen mit Girlandenmustern verzierten Kultstein im Apollon-Tempel von Delphi. Der Sage nach soll der Stein als Meteor vom Himmel gefallen sein und die Stelle markiert haben, an der sich zwei Adler trafen, nachdem sie von Zeus auf die Reise geschickt worden waren, um den Nabel der Welt zu finden. Ein «Omphalion», einen aus bunten Marmorkreisen bestehenden Bereich, gibt es auch unter der Kuppel der Hagia Sophia in Istanbul, und sogar auf dem Berliner Schlossplatz gab es im 19. Jh. einen «Omphalos», einen achtarmigen Kandelaber des Architekten Karl Friedrich Schinkel, auf den sich alle Distanzangaben auf den preussischen Meilensteinen bezogen.

Delphi, Rom, Konstantinopel, Berlin: Wer sich heute für den Nabel der Welt hält, hat historisch gesehen ziemlich viel Konkurrenz.

Sündenbibel

Robert Barker war Drucker in London und von Berufes wegen auf exaktes Arbeiten bedacht. Sein Vater war königlicher Drucker gewesen. Nach seinem Tod erbte Sohn Robert das Patent und war nun offizieller Drucker von King James I.

Barkers wichtigstes Werk ist die King-James-Bibel, die bis heute einflussreichste englischsprachige Bibelübersetzung. Die erste Ausgabe erschien 1611 – ein gewaltiges Werk: Im Auftrag des Königs hatten 47 Gelehrte jahrelang daran gearbeitet.

Im Alten Testament, im 2. Buch Mose, steht in der King-James-Bibel

Thou shalt not commit adultery,

«du sollst nicht ehebrechen». Und ausgerechnet hier unterlief dem Drucker Robert Barker ein fataler Fehler. King James’ Sohn Charles war nach James’ Tod mittlerweile selbst König von England. Er hatte eine neue Auflage in Auftrag gegeben und 1000 Bibeln bestellt. Monate nach dem Druck im Jahr 1631 fiel der Blick des Königs bei den zehn Geboten auf den verhängnisvollen Satz

Thou shalt commit adultery,

«Du sollst ehebrechen» – das Wörtchen «not» war aus unerfindlichen Gründen beim Satz verloren gegangen.

Der König war ausser sich. Die Drucker wurden zu einer horrenden Geldstrafe verurteilt. Die bereits ausgegebenen Exemplare wurden beschlagnahmt und verbrannt. Indes: Einige wenige Exemplare entgingen der Vernichtung. Sie werden heute Wicked Bible genannt, «Sündenbibel», und sie sind Sammlern auf Auktionen Zehntausende Pfund wert.

Fidibus

Ein Fidibus ist ein harzhaltiger Holzspan oder auch ein gefalteter Papierstreifen, mit dem man eine Flamme vom offenen Feuer zum Herd oder auch zur Tabakspfeife beförderte. Fidibusse wurden in sogenannten Fidibusvasen gleich neben der Feuerstelle aufbewahrt und gehörten zum Alltag:

Bringt ihm, was er haben muß, Zeitung, Pfeife, Fidibus,

dichtete Wilhelm Busch in «Max und Moritz».

Der lateinisch klingende Fidibus taucht erst im 17. Jahrhundert auf und stammt aus der Studentensprache. Die Gebrüder Grimm führten das Wort auf den französischen Ausdruck fil de bois für «Holzspan» zurück, andere Sprachforscher vermuten als Ursprung pseudolateinische Zitate oder eine Verkürzung des Ausdrucks fidelibus frateribus, jene Tabakzirkel, in denen im Geheimen getrunken und geraucht wurde.

Ein Fidibus diente aber nicht bloss zum Feuermachen, sondern auch der Geheimhaltung. Ein Schreiber, der es besonders eilig hatte, rollte seinen Brief ein und kniff die Rolle danach mit Daumen und Zeigefinger mehrfach zusammen, von oben nach unten und immer rechtwinklig versetzt. Der Clou: Ein Röllchen, das auf diese Weise kunstvoll zusammengedrückt war, liess sich nach unbefugtem Öffnen unmöglich wieder genau gleich zusammenrollen. So gesehen ist der Fidibus ein früher Vorläufer der heutigen Verschlüsselung.

Noch heute finden sich in Archiven alte Briefe mit dem charakteristischen Gittermuster, die darauf schliessen lassen, dass dieser Fidibus einst wichtig und vertraulich war.