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Hawass

Ein «Habasch» ist in Schweizer Dialekten ein Narr, «Hawass» ist ganz einfach Quatsch. Beide Wörter sind jung – sie stammen aus dem Ersten Weltkrieg. Über das Kriegsgeschehen berichteten unter anderem die deutsche Nachrichtenagentur Wolff und ihre französische Konkurrentin Havas, H-A-V-A-S, so benannt nach ihrem Gründer Charles-Louis Havas. Angesichts des verheerenden Krieges waren beide Agenturen weit von journalistischer Objektivität entfernt – Wolff schönte die Nachrichten ganz im Sinne Deutschlands, Havas im Sinne Frankreichs. In der Soldatensprache bedeutete deshalb «Wolff und Havas» bald dasselbe wie heute «Fake News».

In seinem grossen Familien- und Gesellschaftsroman «Schweizerspiegel» von 1938 nennt der Schwyzer Autor Meinrad Inglin als Ursprung von «Hawass», diesmal eingeschweizert H-A-W-A-S-S geschrieben, explizit die widersprüchlichen Meldungen der Agentur Havas über die Truppenbewegungen an der Marne, wo in mörderischen Schlachten weit über eine Million deutsche, britische, französische, amerikanische und italienische Soldaten getötet wurden.

Über die Soldatensprache setzte sich das Wort «Hawass» in der Schweiz fest. Etwas weiter vom Wortursprung entfernt, aber lautlich damit verwandt ist der personifizierte Gebrauch «Habasch». Dass der schliesslich zur Bezeichnung für einen Dummkopf wurde, hat mit der französischen Agentur, aber vielleicht auch mit George Habasch zu tun, dem 2008 verstorbenen Terroristen und späteren Generalsekretär der Volksfront zur Befreiung Palästinas.

Striegel

Ein Striegel dient der Fellpflege, bei Kühen etwa, besonders aber bei Pferden. In kreisförmigen Bewegungen wird das Fell gestriegelt, was Schmutz und loses Haar entfernt. Das Wort «Striegel» kommt vom lateinischen strigilis. Ein «Strigil» war ein Werkzeug aus Eisen oder Bronze, das ein bisschen so aussah wie ein sehr langgezogener, gebogener Löffel mit scharfen Kanten und einem Griff. Mit dem «Strigil» schabte man sich nach dem Sport oder in den Thermen Öl, Schweiss und Staub vom Körper. Nach dem Training oder der Arbeit wusch man sich nicht mit Wasser und Seife, sondern rieb Olivenöl über den Körper und benutzte dann das Schabeisen, um das Öl zusammen mit dem Schmutz abzustreifen. Dabei blieb immer eine feine Ölschicht zurück, was durchaus gewollt war, weil das Öl trockene Haut geschmeidiger macht.

Solche Striegel wurden vor allem in Gräbern gefunden, und Athleten, die sich die Haut mit dem «Strigil» abschaben, sieht man in der Antike als Statuen, die Sportler bei der Körperpflege zeigen, und in der griechischen Vasenmalerei. Die verwendeten Striegel waren meist einfach, doch gab es auch solche mit Inschriften, ornamentalen oder figürlichen Verzierungen.

Der Striegel diente der Körperhygiene, und das hatte auch eine ganz praktische Seite, wie der römische Dichter Martial in seinen Epigrammen schreibt:

Schab dich mit dem gewölbten Eisen ab, und der Wäscher wird deine Wäsche nicht so oft waschen müssen.

Zoozve

Alle Planeten unseres Sonnensystems haben Monde, die stabil um sie kreisen – die Erde einen, Saturn gar gegen 300. Bloss Merkur und Venus haben keinen. So dachte man. Doch 2002 entdeckte der amerikanische Astronom Brian Skiff im Lowell-Observatorium in Flagstaff, Arizona, einen Himmelskörper, der stabil um die Venus zu kreisen schien. Es zeigte sich, dass es kein eigentlicher Mond ist, sondern ein Asteroid mit weniger als einem halben Kilometer Durchmesser, der auch nicht bloss um die Venus rotiert, sondern auf einer komplexen Bahn auch um die Sonne.

Skiff benannte seine Entdeckung nach der für diesen Fall massgeblichen Regel «2002VE», nach dem Entdeckungsjahr 2002 und VE für «Venus». Fast 20 Jahre später entdeckte ein Journalist ein Kinderposter mit dem Sonnensystem, darauf die Venus und ein Mond namens «Zoozve». Er wunderte sich und begann nachzuforschen. Es zeigte ich, dass der Zeichner des Posters, der Künstler Alex Foster, bei seiner Vorbereitung auf den Asteroiden gestossen war und dessen Namen «2002VE» auf einen Zettel notiert hatte. Seine Handschrift liess zu wünschen übrig, und später, beim Zeichnen, las Foster, «Zoozve» – Z statt 2, o statt 0, und so fand der eigenwillige Name seinen Weg auf das Poster, in die Schulen, in die Medien und endlich zurück in die Astronomie: Die Fachleute fanden das nämlich so amüsant, dass die dafür zuständige Internationale Astronomische Union, die IAU, ihren Segen gab. Und so heisst der um die Venus kreisende Pseudomond seit 2024 ganz offiziell «Zoozve».

Berners Street Hoax

Im Herbst 1810 spazierte der Journalist Theodore Hook mit einem Freund die Berners Street in London entlang. Da deutete Hook auf das Haus Nummer 54, in dem eine gewisse Mrs. Tottenham wohnte, und schlug eine Wette vor: Diesen unscheinbaren Ort werde er binnen kurzem zur bekanntesten Adresse der Stadt machen. Sein Freund schlug ein.

Zusammen mit zwei Gehilfen schrieb Hook eine Unzahl Briefe an Handwerker und Lieferanten und bestellte alle für denselben Tag in die Berners Street. Am Morgen des 27. November 1810 bezogen Hook und seine Freunde gegenüber dem Haus Stellung. Als erster klopfte ein Kaminfeger an, wurde aber vom Hauspersonal abgewiesen, weil keiner bestellt worden sei. Wenig später kamen elf weitere Kaminfeger, Dutzende Kohlewagen fuhren heran, geliefert wurden Fleisch, Fisch, Hochzeitstorten, selbst massgefertigte Särge. Sechs stämmige Männer lieferten eine komplette Orgel, dazu kamen mehrere Dutzend Klaviere. Gegen Ende des Tages drängten sich in der Berners Street Ärzte, Handwerker, Polizisten, zahllose Schaulustige. Die Polizei versuchte, die Strasse abzusperren, wurde aber von Hunderten Arbeitslosen überrannt, die angeblich zu einer Bewerbung bei Mrs. Tottenham aufgeboten waren. Erst in den Abendstunden gelang es, den Auflauf zu beenden.

Trotz einer ausgesetzten Belohnung konnte Scherzbold Hook nicht als Übeltäter ermittelt werden. Erst 25 Jahre später gab er den Streich zu, doch Folgen hatte das keine mehr. Und bis heute gilt der Berners Street Hoax als Paradebeispiel für britische Exzentrik.

Green Book

1936 erscheint in New York ein unscheinbarer Reiseführer: Das Büchlein kostet 25 Cents, hat 16 Seiten, ein dunkelgrünes Cover, und es heisst «The Negro Motorist Green Book», das Green-Buch für schwarze Autofahrer. Es wird von Victor Hugo Green herausgegeben, einem afroamerikanischen Postangestellten in New York City. Und es enthält Reiseziele und Adressen von Hotels, Tankstellen oder Ärzten in der Umgebung von New York, die Schwarze nicht abweisen.

Denn in den USA ist das zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit. Zwar ist die Sklaverei seit 1865 offiziell abgeschafft, doch die sogenannten Jim-Crow-Gesetze sorgen noch immer für eine vor allem in den Südstaaten durchgesetzte Rassentrennung. Seit den 1930er-Jahren kommen erste Farbige zu Wohlstand, leisten sich sogar einen Wagen. Doch hat ein Schwarzer eine Panne, kann es sein, dass die nächste Werkstatt sich weigert, das Auto zu reparieren. Es gibt Orte, in denen Schwarze nach Sonnenuntergang sogar die Stadt oder das County verlassen müssen. Hier hilft das «Green Book»: Wer übernachten will oder in einer Notlage ist, weiss, wohin er sich wenden kann.

Das «Green Book» ist ein Erfolg. Jedes Jahr bringt Green eine neue, erweiterte Ausgabe heraus, bis zu seinem Tod 1960. Der letzte, mittlerweile auf 100 Seiten angewachsene Reiseführer erschien 1966. Was bleibt, sind unscheinbare, verschossene Büchlein in Bibliotheken und Archiven, mit Hunderten von Tipps und Adressen, stumme Zeugen einer rassistisch geprägten, unmenschlichen Realität.