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Cracking Art

Biella ist eine kleine Stadt in der Lombardei. 1993 fand hier zum ersten Mal statt, was verwunderte Passanten in den Folgejahren auch Mailand, Siena, Venedig, Caserta, Cleveland und New York zu sehen bekamen: Urbane Installationen namens «Cracking Art». «Cracking Art», das sind knallbunte Riesentiere aus Plastik, auf öffentlichen Plätzen stehend, entlang von Shopping- und Flaniermeilen, selbst über Strassenzügen schwebend, nachts gar von innen beleuchtet. Ein meterlanges knallrotes Krokodil, ein mächtiger blauer Elefant, überlebensgrosse grüne Wölfe, mannshohe rosa Schnecken, ein Schwalbenschwarm in allen erdenklichen Farben. Der Plastik, aus dem die Tiere gemacht sind, ist Recyclingkunststoff, der sich seinerseits wiederverwerten lässt.

Dahinter steckt eine sechsköpfige italienisch-belgische Künstlergruppe. «Cracking Art» nennt sie ihre Installationen in Anspielung an das englische to crack, «zerbrechen» oder «sprengen». So heisst im Fachjargon jene chemische Reaktion, mit der Erdölprodukte in ihre Bestandteile aufgespalten werden, die sich später durch Hitze, Lösungen oder Druck in alle Arten von Kunststoffen verwandeln lassen, die wir gemeinhin als Plastik bezeichnen.

Dieser Prozess des «Cracking», so schreibt die Künstlergruppe, ist jener Augenblick, in dem das Organische ins Synthetische, das Natürliche ins Künstliche übergeht. Und so sollen ihre friedlichen, bunten Plastiktiere die urbane Landschaft besetzen, in eine Märchenwelt verwandeln und die Menschen zum Nachdenken bringen – über Kunst und Künstlichkeit, über den Bezug zur Natur, über unseren Umgang mit diesem Planeten.

Klicken

Der Sound des Digitalzeitalters klingt so: das Klicken der Maus, mit der wir uns vor 35 Jahren zuerst über den Bildschirm des Apple Macintosh bewegten und bis heute durchs World Wide Web. Und doch ist das Klicken uralt: Geklickt wird seit Jahrhunderten, und ursprünglich bedeutete das Wort «mit einem klickenden Laut brechen».

wer die süssen mandeln wil geniessen, der muß die schalen klicken,

schrieb 1630 der Stadtschreiber von Speyer und Schriftsteller Christoph Lehmann. Folgerichtig wurden im 17. Jahrhundert nicht nur Nüsse und Eier zerklickt, sondern auch weniger Appetitliches wie Flöhe oder Läuse.

«Klicken», hält das Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm fest, «ist das Schwesterwort zu klacken, klecken». Das Prinzip dahinter nennt die Sprachwissenschaft onomatopoeia, auf Deutsch «Lautmalerei» – «klicken» ahmt dabei einen hellen Laut nach, «klacken» einen dunkleren, ähnlich wie bei «klipp» und «klapp», «schnipp» und «schnapp». Solche Klangwörter sind womöglich die sprachgeschichtlich ursprünglichsten überhaupt – Lautmalerei ist denn auch ein wichtiger Teil der Kindersprache und hat sich in neuerer Zeit stark in Comics verbreitet, in der Pop Art und in Chats.

«Klicken» für das Geräusch der Computermaus brauchte seine Zeit: Als in den 80er-Jahren die ersten Computermäuse auftauchten, sprachen Fachleute noch von «tippen» oder «drücken». Doch bald erwies sich «klicken» als so sinnfällig, dass wir heute selbst da noch klicken, wo gar kein Klick mehr zu hören ist: auf dem Handybildschirm.

Celebration

Die Vision, die der legendäre Trickfilmer Walt Disney in seinen letzten Jahren formulierte, war die einer in jeder Hinsicht perfekten Stadt:

Epcot [die englische Abkürzung für «experimentelle Prototyp-Community von morgen»] wird eine durchgeplante, vollständig kontrollierte Gemeinschaft sein, ein Vorzeigeprojekt amerikanischer Industrie. Es wird keinen Landbesitz geben, keine Stimmrechtskontrollen. Die Menschen werden ihre Häuser nicht kaufen, sondern günstig mieten. Es wird keinen Ruhestand geben, und alle Menschen werden Arbeit haben.

Bis zu Walt Disneys Tod 1966 blieb Epcot eine blosse Idee. 1994 aber gründete die Disney Company im US-Bundesstaat Florida die Planstadt «Celebration». Eine idyllische Seenlandschaft, die Strassen blitzsauber, die Hecken akkurat gestutzt: In Celebration sollten die Menschen strikt nach den Vorstellungen Walt Disneys leben. Parkverbot am Strassenrand, die Vorhänge ausschliesslich weiss, keine verdorrten Zierpflanzen auf der Veranda: Jedes noch so kleine Detail war amtlich geregelt.

Celebration war ein voller Erfolg: Mit einer Lotterie wurde 1995 der Zuschlag für eines der 350 Häuser verlost. Doch schon ein Jahr später begehrten die ersten Zuzüger auf: Die umstrittenen Lehrmethoden der Schule führten zu Protesten, um die sich der Disney-Konzern nicht scherte. Demokratische Mitbestimmung war nicht vorgesehen; und so kehrten erste Siederfamilien Celebration den Rücken. 2008 wurde die 11 000 Einwohner zählende Stadt von der Finanzkrise hart getroffen, über 100 Familien mussten ihre Häuser verkaufen. Indes: Celebration besteht bis heute – mit immer noch 7500 Einwohnerinnen und Einwohnern, und einem 166 Seiten starken Regelbuch.

SOS

Als sich am 3. Oktober 1906 die Teilnehmer der Internationalen Funkkonferenz in Berlin zusammensetzten, hatten sie ein Ziel: die Einführung eines einheitlichen Standards für ein Notsignal auf See. Dahinter standen nicht nur das menschliche Leid, sondern auch der Kommerz: Schiffsuntergänge waren teuer. Über die Art des Notrufs allerdings waren sich die Vertreter der 27 Länder uneins. In Deutschland war seit zwei Jahren das Morsesignal «SOS» vorgeschrieben, das übrige Europa und die USA dagegen sendeten die Morsezeichen «CQD». «CQD» kam vom französischen sécurité und détresse, frei übersetzt: «Achtung Notfall». Das deutsche «SOS» dagegen bedeutete – nichts, rein gar nichts; Deutungen wie save our souls, «Rettet unsere Seelen», wurden erst später hineininterpretiert. Beide Lager kämpften an der Konferenz erbittert für «ihre» Kombination, doch am Abend hatte sich SOS durchgesetzt. SOS hatte zwei Vorzüge: Die Kombination kam in kaum einem gebräuchlichen Wort vor und stach daher aus jedem normalen Morseverkehr heraus, und der charakteristische Code «dididit dahdahdah dididit» war überaus einprägsam.

Schon ein Jahr nach seiner offiziellen Einführung rettete SOS 110 Menschenleben: In der Nacht auf den 10. Juni 1909 lief das britische Kreuzfahrtschiff «Slavonia» in dichtem Nebel vor den Azoren auf Grund und drohte auseinanderzubrechen. Der Funker sendete das neue SOS-Signal. Und siehe da: Zwei deutsche Schiffe waren in der Nähe und nahmen die Passagiere auf.

1999 wurde das gemorste SOS abgeschafft, nach neun Jahrzehnten und unzähligen Geretteten. Heute funken Schiffe in Seenot mit GMDSS, einem modernen, satellitengestützten Seenotfunksystem.

Bagatelle

«Rondeau – les bagatelles» nannte der französische Komponist François Couperin ein heiteres Stück, das er 1717 geschrieben hatte. Und damit tauchte die Bagatelle zum ersten Mal in der Musik auf. Eine Bagatelle ist heute der Begriff für ein kleines Charakter- oder Genrestück, meistens für Klavier. Ausserhalb der Musik aber soll man sich mit Bagatellen nicht aufhalten: Beim Parkieren etwas zu weit ausgeholt, und das andere Auto hat eine Delle – ein Bagatellschaden. Und eine Bagatelle ist eine unbedeutende Sache, eine Kleinigkeit, auf die einzugehen die Mühe nicht wert ist. Das Wort kommt von der italienischen Verkleinerungsform bagatella, eine kleine, unnütze Sache, die wiederum auf die lateinische baca zurückgeht, auf Deutsch eine Beere.

Alle Bagatellen haben gemein, dass sie klein sind. Ludwig van Beethoven, wie so oft in Geldnöten, wurde das beinah zum Verhängnis. Über einen langen Zeitraum hinweg hatte er eine Reihe von Bagatellen für Klavier geschrieben, eine disparate Sammlung von unspektakulären kleinen Klavierstücken, die er 1823 dem Leipziger Verleger Carl Friedrich Peters anbot. Der aber lehnte ab: Diese Bagatellen, so schrieb er in einem missmutigen Brief, seien «gar zu klein», technisch unausgewogen, und «für keine Zielgruppe interessant.

Dass dieses Werkchen von dem berühmten Beethoven sey, werden wenige glauben.

Noch im selben Jahr erschienen die Stücke in London dann doch, vielleicht nicht als Beethovens grösste Werke, aber dennoch als Bagatellen von ganz besonderem Format.