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Ukulele

«Ukulele» ist Hawaiianisch und heisst «hüpfender Floh», angeblich eine Anspielung auf die Finger virtuoser Spieler. Davon sind Anfänger weit entfernt, und so kennen wir die Ukulele vor allem als Folter fürs Ohr. Dabei ist sie ein erstzunehmendes Instrument.

Die Ukulele ist vergleichsweise jung: Sie wurde in den 1880er-Jahren auf Hawaii entwickelt, nach dem Vorbild kleiner Gitarren, die portugiesische Immigranten aus Madeira und der Kolonie Kapverde mitgebracht hatten. Keine zwei Wochen war es her, dass die Instrumentenbauer Manuel Nunes, José do Espírito Santo und Augusto Dias von Bord des Immigrantenschiffs «Ravenscrag» gegangen waren, da berichtete die hawaiianische Lokalzeitung im Herbst 1879 bereits über beliebte nächtliche Ukulelenkonzerte. Ein glühender Bewunderer war Hawaiis letzter König Kalākaua, der es liebte, seine Gäste mit der Ukulele zu unterhalten. Bis heute stammen die angeblich besten Ukulelen aus der Werkstatt der Familie Kamaka, und als Krönung gilt ihre Ukulele aus dem Holz der nur auf Hawaii vorkommenden Koa-Akazie, die Ananas-Ukulele heisst, weil ihr ovaler Klangkörper keine Taille besitzt.

Von Piccolo- bis Kontrabassukulele, handgemacht und Tausende von Dollars teuer oder aus billigem Sperrholz und manchmal gar aus Plastik: Die Ukulele ist handlich und leicht zu transportieren, und so fand sie ihren Weg erst nach Japan und in die USA, dann nach Europa und in die ganze Welt – in die Volksmusik, gelegentlich in die Klassik – und ganz besonders in den Jazz.

Tankstelle

In Wiesloch, einem Städtchen in Baden-Württemberg, begann der 3-PS-Motor zu stottern. Man schrieb das Jahr 1888, am Steuer sass Bertha Benz, Ehefrau des Konstrukteurs, und der Tank der dreirädrigen Motorkutsche war leer. Tatsächlich gab es in der Stadt-Apotheke sogenanntes «Ligroin», ein Leichtbenzin, das Hausfrauen zum Entfernen von Flecken benutzten. Mit diesem «Ligroin» füllte Bertha Benz den Tank ihres Benz Patent-Motorwagens Nummer drei und fuhr weiter. Damit ging die Apotheke von Wiesloch in die Geschichte ein: als erste Tankstelle der Welt.

Tankstellen im modernen Sinn – Tanks, Pumpenanlage, Zapfsäulen unter schützendem Dach – entstanden erst in den 1910er-Jahren, und mit ihren hell beleuchteten Säulen strahlten sie Wohlstand und Weltläufigkeit aus. Kein Wunder, dass die Tankstelle bald auch die Kunst anzog: Das Gemälde «Gas» des New Yorker Malers Edward Hopper zeigt die Tankstelle im Abendlicht, in der Bildmitte der Tankwart, an einer der knallrot lackierten Zapfsäulen stehend, in weissem Hemd, Krawatte und Seidenweste.

Die Tankstelle als Inbegriff der Zukunft rückte 1967 der deutsch-amerikanische Architekt Ludwig Mies van der Rohe ins Zentrum: Die Konstruktion, in Montréal für den Esso-Konzern gebaut, ist flach, langgestreckt, und besteht aus für Mies und das Bauhaus typischen strengen, geometrischen Formen – ein frei tragendes Dach auf Stahlpfeilern, zwei glasverkleidete Kuben für Verkaufsraum und Garage, als Kassenhäuschen eine Glasbox. Mies’ zeitlose Eleganz galt nicht bloss einer Zapfstelle: Seine Tankstelle – 2008 stillgelegt, heute ein Begegnungszentrum – war nichts weniger als eine Pilgerstätte des mobilen Menschen.

Weihnachtsinsel

Nein, die Weihnachtsinsel ist kein verschneites Idyll, in dem Rentiere mit Geschenken bepackte Schlitten ziehen. Und genau genommen gibt es die Weihnachtsinsel nur im Plural. Es gibt nämlich eine Weihnachtsinsel ganz im Osten Kanadas, eine Weihnachtsinsel im Pazifik, auf halbem Weg zwischen den USA und Australien, ein Weihnachtsinselchen vor der Ostküste Tasmaniens, und dann gibt es die bekannteste aller Weihnachtsinseln, «Territory of Christmas Island», südlich von Indonesien im Indischen Ozean. Sie ist das pure Gegenteil von dem, was wir unter Weihnachten verstehen: Im Sommer wie im Winter herrschen Temperaturen zwischen 22 und 28 Grad. Die Weihnachtsinsel gehört politisch zu Australien, und auf ihren 135 Quadratkilometern (weniger als der Kanton Appenzell-Innerrhoden) leben etwas mehr als 2000 Einwohner.

Der erste, der an den hoch aufragenden vulkanischen Felsen vorbeisegelte, war der britische Kapitän William Mynors. Auch wenn er die unbewohnte und bis dahin namenlose Insel nicht betrat, taufte er sie nach dem Datum seiner Entdeckung: dem 25. Dezember 1643. Es sollte bis zum Jahr 1688 dauern, dass der britische Pirat William Dampier als erster Europäer die schroffen Küsten, die Sandstrände und den tropischen Regenwald zu erkunden begann. Weitere 200 Jahre lang lag die Insel in einem Dornröschenschlaf, doch nachdem man Phosphor-Vorkommen entdeckt hatte, beschloss die britische Krone, die Insel kurzerhand zu annektieren. Bis heute werden Phosphate abgebaut und exportiert, und weil die meisten Arbeiter aus China und Malaysia stammen – zusammen vier Fünftel der Bevölkerung –, ist die Weihnachtsinsel, ihrem christlichen Namen zum Trotz, mehrheitlich buddhistisch und islamisch.

93 Gramm

Der Fund, den drei Freunde 2002 mit einem Metalldetektor auf einem Feld im walisischen Wrexham machten, war spektakulär: Bronzeäxte und Schmuck, hervorragend erhalten – und 3300 Jahre alt. Darunter war auch ein Halsring aus massivem Gold, der kunstvoll zu einer Doppelspirale verdreht war und der exakt 367,09 Gramm wiegt – ein Vermögen, auch in der Bronzezeit.

Diesen Ring nahm Archäologieprofessor Lorenz Rahmstorf von der Universität Göttingen unter die Lupe. Ähnliche Goldringe waren in England schon zuvor gefunden worden, und Rahmstorf verglich die Gewichte von 52 vergleichbaren Stücken mittels ausgeklügelter statistischer Methoden. Und die zeigen: Alle Ringe basieren auf einer Gewichtseinheit von 93 Gramm. Rahmstorf dehnte seine Untersuchung auf 100 weitere Goldfunde aus, die von den britischen Inseln und aus Nordfrankreich stammen. Und wieder zeigte sich: 93 Gramm waren in der Bronzezeit das Mass aller kostbaren Dinge.

Das ist bemerkenswert, denn es bedeutet: Schon im späten zweiten und frühen ersten Jahrtausend v. Chr. waren die Menschen in der Lage, präzise zu messen, und ihre Handelsrouten reichten weit über Europa hinaus: Die 93 Gramm (das sind ziemlich genau drei heutige Feinunzen) entsprechen nämlich fast genau dem «Deben», einer Gewichtseinheit der Pharaonen, die in altägyptischen Aufzeichnungen genannt wird. Von Ägypten bis zu den entlegensten britischen Inseln: Die Menschen der Bronzezeit kannten schon Kontinente übergreifende Masseinheiten und verlässliche Präzisionswaagen – nicht nur im hoch entwickelten Ägypten oder Mesopotamien, sondern auch in ganz Europa.

Elephant chart

Der Bericht, den der serbisch-amerikanische Ökonom Branko Milanovic vor sieben Jahren für die Weltbank verfasste, bot Sprengstoff. Auf Seite 13 steht eine Grafik, die auf der X-Achse die globale Einkommensverteilung zeigt – von links nach rechts von den Ärmsten zu den Reichsten – und auf der Y-Achse das reale Einkommenswachstum in den Jahren der Globalisierung, von 1988 bis 2008. Die Kurve gleicht frappierend einem Elefanten mit erhobenem Rüssel: Sie steigt beim ärmsten Viertel der Menschheit scharf an, verharrt dann lange auf Rückenhöhe und fällt schliesslich beim Mittelstand ins Rüsseltal ab, um erst wieder bei den reichsten Menschen zur erhobenen Rüsselspitze anzusteigen. Die Grafik zeigt: Die Ärmeren, die Mittelschicht in den Schwellenländern und die wenigen Allerreichsten dieser Welt haben von der Globalisierung stark profitiert; ausgerechnet der Mittelstand des Westens dagegen nicht.

Das ist brisant, denn es bedeutet: Die Verlierer der Globalisierung sind nicht pauschal die Armen dieser Welt, sondern nur die wenigen Allerärmsten – und ausgerechnet die wohlhabende Mittelschicht, und so machte die Elefantengrafik als elephant chart eine Blitzkarriere. «Die einflussreichste Grafik des letzten Jahrzehnts», wie sie auch genannt wurde, musste für eine ganze Reihe von Erklärungen herhalten: für den Aufstieg des Populismus, für den Brexit, für die Wahl von Donald Trump. Zwar wurde Milanovic für seine Messmethode kritisiert, doch auch Neuberechnungen machten aus dem Elefanten keine Maus. Und so geht die «elephant chart» in die Wirtschaftsgeschichte ein – weil sie zeigt, dass die Dinge oft ganz anders sind, als sie auf den ersten Blick zu sein scheinen.