Brille

Wenn wir am Morgen verschlafen zur Brille greifen, dann verschwenden wir keinen Gedanken daran, welche Bedeutung ihre Erfindung gehabt haben muss. Das ist ja auch schon eine Weile her: Das erste Gemälde, auf dem eine Brille zu sehen ist (auf der Nase eines Kirchenfürsten in Frankreich), stammt aus dem Jahr 1352. Doch Augengläser gab es schon lange vorher: Dass eine Linse das Licht auf ganz besondere Weise bricht, war schon in der Antike bekannt; angeblich soll bereits im 3. Jh. v. Chr. der griechische Gelehrte Archimedes einen Kristall zur Sehkorrektur benutzt haben. Nachahmer fand er noch keine – zwar soll Kaiser Nero im 1. Jh. n. Chr. Gladiatorenkämpfe durch Gläser aus grünem Smaragd verfolgt haben, doch die dienten nicht zur Sehkorrektur, sondern nur zum Schutz der Augen vor dem gleissenden Sonnenlicht. Bekannt waren dagegen Linsen, die das Licht bündelten, um Feuer zu entfachen. Neros Berater Seneca wiederum wusste, dass sich kleine Buchstaben mithilfe einer wassergefüllten Glaskugel vergrössern liessen. Die Wikinger schliesslich entdeckten, dass das Ergebnis noch besser war, wenn man geschliffene Kristalle auf Buchseiten legte – auf diese Weise wurde die Schrift auch für Weitsichtige lesbar.

Das Schleifen von Linsen setzte Glas oder durchsichtige Halbedelsteine voraus – Bergkristall oder auch das häufig vorkommende Silikatmineral Beryll. Aus Beryll wurden im Mittelalter die Sichtfenster von Reliquiaren und Monstranzen geschliffen, Linsen, durch die man die eingeschlossenen Reliquien sehen konnte. Und so wurde der Kristall namens Beryll zum Inbegriff alles Durchsichtigen – und am Ende zu unserem heutigen Wort «Brille».

Eile mit Weile

«Beginnen darf, wer eine 5 gewürfelt hat. Kommt ein Stein auf ein Feld, das von einem feindlichen Stein besetzt ist, so wird dieser geschlagen und muss noch einmal von vorne anfangen.» So steht es in der Anleitung zu «Eile mit Weile». «Eile mit Weile» ist ein Spiel mit einer langen Geschichte. «Dieses ausserordentlich interessante Spiel hat sich in kurzer Zeit so viele Freunde erworben, dass es als wirklich gediegene Unterhaltungsgabe jedermann aufs beste empfohlen werden kann», lobt eine Spielanleitung schon ums Jahr 1900.

Doch «Eile mit Weile» ist viel älter: Es stammt vom altindischen «Pachisi» ab, einem Spiel, das schon im 6. Jh. gespielt wurde. «Pachisi» ist komplexer, weil es stärker auf Strategie und Taktik fokussiert. Die vier Spieler bilden zwei gegnerische Teams, und gespielt wird nicht mit Würfeln, sondern mit fünf, sechs oder sieben Kaurischnecken, bei denen die oben liegenden Öffnungen gezählt werden. Weil in «Pachisi» die Spieler in der Mitte beginnen, das Brett im Gegenuhrzeigersinn umrunden und am Ende wieder im Zentrum ankommen, vermuten Spieleforscher fernöstliche Symbolik: Menschen werden geboren und ziehen in die Welt hinaus, erleiden Schicksalsschläge, werden wiedergeboren – und gelangen am Ende ins Paradies.

Auch «Pachisi» zog in die Welt hinaus und kam im 17. Jh. nach Grossbritannien. Mit etwas einfacheren Regeln wurde das Spiel nach 1900 in der Deutschweiz zu «Eile mit Weile», in der Romandie zu «Hâte-toi lentement», in Norditalien zu «Chi va piano va sano» oder in Deutschland zu «Mensch ärgere dich nicht» – und eroberte so die Familientische Europas.