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Copy & Paste

Es ist noch nicht lange her, da war, was man heute copy & paste nennt, noch ein Beruf namens «Fräulein», und das Kommando lautete «ein Durchschlag, bitte!». Heute heissen die Sekretärinnen «Bürofachkraft» oder «Backoffice-Assistentin», und der Befehl lautet CTRL-C.

Von einem Befehl zu sprechen, ist allerdings stark untertrieben: CTRL-C ist eine veritable Kulturtechnik, die Schüler- und Doktorarbeiten und halbe Romane entstehen lässt. Selbst im Journalismus wird nicht länger abgeschrieben, sondern – Sie ahnen es – CTRL-C.

Der Ahnherr dieses Klammergriffs ist allerdings älter als jeder Computer: Mit cut & paste wurden im Verlagswesen Manuskripte redigiert, will heissen: mit der Schere abschnitts- oder gar satzweise zurechtgeschnitten, auf leeren Blättern neu zusammengeklebt und anschliessend mit der Hand redigiert. Das nötige Werkzeug: Gummi arabicum, jener zuckerhaltige, wasserlösliche Saft der Akazienwurzel, und die Redigierschere, die lang genug war, um eine A4-Seite auf einmal durchzuschneiden. Obgleich man Manuskripten schon immer so zu Leibe gerückt war – oft sehr zum Leidwesen des Autors –, erlebte das cut & paste mit Schere und Leim im Zeitalter des Fotokopierers einen enormen Aufschwung.

Heute reicht ein Klick, ein Tastendruck. Die Eroberung des Schreibtischs durch den Computer ist nicht zuletzt der gewaltigen Vereinfachung der einstigen Collagetechnik zu verdanken. Auch wenn der Ruf des copy & paste nicht der allerbeste ist: Die Wissenschaft spricht gern von copy & waste, Kopieren und Müll.

Der Durchschlag mittels Kohlepapier übrigens hat das alles überlebt: Die E-Mail-Kopie heisst bis auf den heutigen Tag «Cc», als Abkürzung für carbon copy.

Xerox

Der 22. Oktober 1938 war ein historischer Tag. Chester Carlson, der sich mit Gelegenheitsarbeiten ein Physikstudium verdient und danach gleich auch noch ein juristisches Abendstudium angehängt hatte, war kein Fan von Langsamkeit. Damit plagte ihn sein Beruf ohnehin schon genug – die Arbeit in der Patentabteilung einer Elektrofirma bestand aus mühseligem Abtippen von Patentschriften –, und Carlson fand, das müsste doch eigentlich viel schneller gehen.

Carlsons Patent unter dem Titel «Elektrofotografie» hatte zwar noch den Charme von Zeichnungen eines Leonardo da Vinci, aber es legte den Grundstein zur modernen Fotokopie. In seinem Behelfslabor im New Yorker Vorort Astoria rieb er eine mit Schwefel beschichtete Metallplatte heftig mit seinem Taschentuch, lud sie so elektrostatisch auf und belichtete sie durch eine Glasplatte hindurch, die das mit Tinte geschriebene Datum trug: «Astoria 10-22-38». Nach der Belichtung bestreute Carlson das Metall mit hauchfeinen Bärlappsporen, und der Schriftzug wurde sichtbar. An einem darüber gelegten Wachspapier schliesslich blieb der gelbliche Puder haften – und fertig war die erste Fotokopie der Geschichte.

Bis zur ersten kommerziellen Maschine mit dem Namen «Model A» im Jahr 1949, die auf Knopfdruck kopierte, sollte es noch eine ganze Weile dauern. Doch dann nahm die Revolution in den Schreibstuben und Kontoren ihren Lauf.

Das Wort «Xerografie» (von griechisch xeros, «trocken», und graphein, «schreiben») liessen sich Carlson und seine Chefs erst später einfallen. Es war nicht weniger erfolgreich: Das gleichnamige Unternehmen hat heute eine Bilanzsumme von über 30 Milliarden Dollar, und «fotokopieren» heisst auf Englisch ganz einfach to xerox.

Takeaway

In der Steinzeit müssen die Menschen davon geträumt haben: ein allzeit bereiter Auftragsjäger, der auf Kommando das Schnitzel erlegt und brät – in weniger als einer Viertelstunde. Der Gasthof des Mittelalters, eine Art «Come-on-in», kam dem Traum schon ziemlich nah, doch seine Vollendung heisst «Takeaway».

Takeaway
Takeaway
Weil der Auftragsjägertraum ein globaler ist, hat seine Erfüllung viele Namen: Deutschland hat seinen Imbissstand, Österreich seine Würstelbude oder sein Buffet. Der Schweizer Takeaway ist zwar ein Anglizismus, aber nur einer von vielen: Der hungrige Schotte geht zum carry-out, der Amerikaner zum take-out, der Inder zum parcel und der Chinese zum tapau, was soviel heisst wie «pack’s ein». Auch korrektes Bestellen erfordert einige Kenntnis: Amerika und Kanada bestellen to go, England to take away oder to eat out – Letzteres meint also keineswegs den reziproken Essensvorgang im Fall akuter Magenverstimmung.

So unterschiedlich die Schnellküchen auch heissen mögen: Ihr Angebot ist einigermassen globalisiert. Pizza in allen Varianten, Kebab mit alles oder wenigstens mit viel Scharf, daneben fish and chips und natürlich Sandwiches und Wurst in allen Variationen.

Dass man bei soviel Einheitsbrei auch die lokale Küche pflegen kann, zeigt der oberfränkische Würstchenmann mit seinem rechteckigen, tragbaren Wurstkessel: 1881 erfand eine Metzgerei in der Stadt Hof den Wärschtlamo, und bis heute locken die Wärschtlamänner mit dem Ruf «haass senn sa, koid wern sa», heiss sind sie, kalt werden sie.

Takeaway muss dabei durchaus nichts Vergängliches sein: Ihrem Wärschtlamo haben die Hofer auf dem Sonnenplatz gar ein Denkmal gesetzt.

Schienenzeppelin

So sieht die Zukunft aus: eine hellgraue, 26 Meter lange Zigarre auf Schienen, mit Rippen aus Aluminium und einer Haut aus Segeltuch. «Schienenzeppelin» nennt Ingenieur Franz Kruckenberg sein futuristisches Gefährt. Denn während Luftschiffe längst den Himmel bevölkern, ist der Schienenzeppelin der erste seiner Gattung. Zwei Jahre lang hat Kruckenberg, der vor dem Ersten Weltkrieg Flugzeuge gebaut hat, an seinem neuartigen Schienenfahrzeug getüftelt. 1930 ist es fertig: ein Zeppelin auf Rädern, mit einem 600-PS-Motor von BMW und einem gewaltigen Propeller aus Eschenholz im Heck. Dessen Achse ist leicht nach oben geneigt, damit das Fahrzeug nicht seinen Namensvettern nacheifert, sondern auf die Schienen gepresst wird. Wo immer der Schienenzeppelin vorgeführt wird – er zieht Technikbegeisterte in hellen Scharen an.

Hamburg-Bergedorf, 21. Juni 1931, 3.27 Uhr nachts, eine Zeit, in der im ganzen Reich kein Zug unterwegs ist. Pilot Kruckenberg dreht den Motor hoch. Nach der Durchfahrt in Karstädt, 150 Kilometer von Hamburg entfernt, erreicht der Schienenzeppelin eine Geschwindigkeit von über 230 Stundenkilometern. Um 5.05 Uhr, gut eineinhalb Stunden nach dem Start, hält der Zug im Lehrter Bahnhof in Berlin.

Trotz des enormen Tempos hat der Schienenzeppelin keine Zukunft: Die Luftschraube im Heck lässt keine weiteren Wagen zu, für Rangierfahrten ist ein Hilfsmotor nötig, und der offene Riesenpropeller ist eine Gefahr für die Passagiere. 1939, fünf Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wird das exotische Fahrzeug verschrottet.

Überlebt haben einzig Schwarzweissfotos – und Modelle des Spielwarenherstellers Märklin.

Smiley

Er ist eine Ikone des Glücklichseins: der gelbe Kreis mit zwei Punkten und einem aufwärts gerichteten Bogen, den wir als strahlendes Lächeln interpretieren und der in der Notation Semikolon-Bindestrich-Klammer mittlerweile jeden zweiten Satz ziert.

«Emoticon» nennt man solch stilisierte Fröhlichkeit, und zur Welt kam der Smiley – korrekt übrigens mit -ey und nicht etwa mit -ie geschrieben – im Jahr 1953. Um den Kitschfilm «Lili» mit Leslie Caron in der Hauptrolle bekannt zu machen, schalteten die Verleiher handgezeichnete Inserate, die zur Untermalung des Versprechens «Today you’ll laugh, cry, love» von drei lachenden, weinenden und liebenden Ur-Smileys geziert wurden. Der moderne Smiley – gelber Kreis, ovale schwarze Augen, Grübchen – ist bereits die Version 2.0. Gezeichnet hat ihn im Dezember 1963 der amerikanische Kriegsveteran und Werbegrafiker Harvey Ball, in 10 Minuten und im Auftrag einer Versicherung, die nach einer feindlichen Übernahme mit lustigen Anstecknadeln das Betriebsklima wieder heben wollte. Die Anstecker verbreiteten sich epidemisch, von den Angestellten und deren Familien übers ganze Land.

Der gelbe Strahlemann wirbt heute für alles, wofür es sich zu werben lohnt und macht viele Menschen reich. Allen voran den französischen Unternehmensberater Franklin Loufrani: Der meldete 1971 ein leicht verändertes Grinsen zum Patent an, das er sich zur Kennzeichnung der guten Nachrichten seines Auftraggebers «France Soir» angeblich selbst ausgedacht hatte. Loufrani ist heute Multimillionär und hält die Smiley-Nutzungsrechte in über 80 Ländern.

Erfinder Harvey Ball dagegen ging bis zu seinem Tod 2001 leer aus. Das Honorar für seinen Ur-Smiley waren gerade mal 45 Dollar.