Spiegel

Spieglein, Spieglein an der Wand: Wer ist die Schönste im ganzen Land?

Mal für Mal bestätigt der Spiegel, die schönste aller Frauen sei sie. Schneewittchen wächst heran, bis der Spiegel endlich erkennt:

Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.

Das eigene Gesicht zu betrachten, ist dem Menschen nicht gegeben. Dazu ist eine spiegelnde Oberfläche nötig. Die Physik besagt, dass der Ausfallswinkel eines Lichtstrahls, der auf einen ebenen Spiegel trifft, genau so gross ist wie sein Einfallswinkel. Deshalb sehen wir jedes Detail, wie es ist – scheinbar, denn: Der Spiegel zeigt nie die Realität, sondern immer nur deren seitenverkehrte Reflexion. Diese Brechung hat die Menschen schon immer fasziniert: In der griechischen Mythologie verliebt sich der bildschöne Narziss unglücklich in sein eigenes Spiegelbild im Wasser.

Die ersten Spiegel, so nehmen Archäologen an, werden tatsächlich flache, mit Wasser gefüllte Schalen gewesen sein – oder mühevoll polierte Oberflächen, etwa des schwarzen Vulkansteins Obsidian. Die Herstellung von Bronze machte die Sache einfacher: In Mesopotamien wurden um 3000 v. Chr. erste Bronzespiegel hergestellt, Spiegel, von denen schon das Alte Testament erzählt und die im alten Ägypten und Rom bereits gang und gäbe waren.

«Spiegel» kommt vom lateinischen speculum, «Abbild», und Verhaltensforscher sehen im Erkennen des eigenen Spiegelbildes bei Tieren oder kleinen Kindern ein Zeichen von Intelligenz und Abstraktionsvermögen. Selbst im Digitalzeitalter ist der Spiegel so faszinierend wie eh und je. Was einst Narziss die Quelle, ist uns heute das Handy und seine Frontkamera.

Spiegelschrift

Mailand, 1490. Der 38-jährige Leonardo da Vinci notiert:

Es ist nützlich, andauernd zu beobachten, aufzuschreiben und nachzudenken.

Wohin Leonardo auch geht, stets baumelt ein Notizbuch von seinem Gürtel, und in dieses Buch notiert das Universalgenie, was immer ihn gerade beschäftigt und was als nächstes zu tun ist. So steht da:

Die genauen Masse von Mailand berechnen,
den Professor fragen, wie man ein Dreieck in ein gleich grosses Quadrat umwandelt,
Karte von Mailand zeichnen.

Bloss: So einfach lesen lassen sich die Notizen nicht, denn bis auf Briefe, die für andere bestimmt waren, hat Leonardo alles in Spiegelschrift geschrieben, immer seitenverkehrt und von rechts nach links. Wer seine Aufzeichnungen entziffern will, muss sie vor einen Spiegel halten.

Die Wissenschaft hat lange darüber gerätselt, weshalb. Wollte Leonardo seine Erfindungen vor unbefugten Lesern schützen? War es eine Geheimschrift; eine Art Patentschutz? Die Antwort ist einfacher. Leonardo da Vinci war Linkshänder, und die Spiegelschrift bewahrte ihn vor dem Verschmieren der Tinte. Genutzt wird sie bis heute. Polizei-, Ambulanz- und Feuerwehrfahrzeuge, deren Beschriftung im Rückspiegel lesbar sein muss, werden vorn seitenverkehrt beschriftet.

Spiegelschrift von Hand ist eine Knacknuss. Wer Linkshänder ist wie Leonardo, aber mit rechts schreiben gelernt hat, ist dabei im Vorteil: Viele umgeschulte Linkshänder beherrschen die Spiegelschrift von Natur aus – ohne Übung und ohne nachzudenken, als ob sie schon immer so geschrieben hätten.

Spiel des Lebens

Mathematik, mit Leib und Seele: John Horton Conway, Jahrgang 1937 und Professor in Princeton, entspricht nicht ganz dem kreidestaubigen Klischee. Denn er hat eine Schwäche: das Spielen. Für andere wäre «Unterhaltungsmathematik» eine Beleidigung. Nicht für John Conway.

1970 dachte er sich ein «Spiel für null Spieler» aus, wie er es augenzwingernd nannte. Das geht so: Man stelle sich ein unendlich grosses Schachbrett vor. Legt man einen Spielstein auf ein Feld, kann dieser Stein maximal acht Nachbarn haben, dann nämlich, wenn auf jedem umliegenden Feld ebenfalls ein Stein liegt. Conway streute wahllos Steine auf sein Brett und stellte sich dabei vor, jeder sei ein Lebewesen. Die virtuelle Natur sollte drei einfachen Regeln folgen: Ist ein leeres Feld von drei angrenzenden Zellen umgeben, dann entsteht darauf eine neue Zelle. Eine lebende Zelle, die zwei oder drei Nachbarn hat, bleibt am Leben; hat sie nur einen oder aber mehr als drei Nachbarn, geht sie zugrunde, je nachdem an Einsamkeit oder Übervölkerung.

Runde für Runde verändert sich so das Spiel, das Conway «Life» nannte, Spiel des Lebens. Nächtelang brütete er über seinen Spielsteinen – und entdeckte dabei faszinierende Muster: Figuren, die krabbeln können, Figuren, die sich in die Unendlichkeit ausdehnen – und dann urplötzlich in sich zusammenfallen.

Studenten dient das Spiel heute als Fingerübung im Programmieren, und Wissenschaftler sehen in ihm so genannte «zelluläre Automaten». Noch heute gibt es ganze Forscherteams, die das «Game of Life» in potenziell unendlichen Räumen erforschen.

Conway selbst hatte nichts als sein Spielbrett zur Verfügung. Und seinen ungebremsten Spieltrieb. So kommt es, dass die Conway-Krabbelfigur, der so genannte «Gleiter», zum Symbol geworden ist: nicht für die Gilde der Mathematiker, sondern der Computer-Hacker.

Spielkarten

Spielkarten sind Kulturgut par excellence. Und längst sind sie Teil der Alltagssprache – ob zwei Staaten ein Abkommen aushandeln oder zwei Bauern um eine Kuh feilschen: Beide werden sie sich nicht in die Karten blicken lassen. Dabei wären Karten genau dafür gemacht: Spielkarten sind deshalb punktsymmetrisch, damit man sie auch dann erkennen kann, wenn sie kopfstehen.

Mit Karten spielt buchstäblich die ganze Welt, und so verschieden die Menschen, so verschieden die Karten. In Indien gab es runde Karten und in China schmale, längliche Streifen. Auffällig ist, dass Kartenspiele fast ausnahmslos vier verschiedene Farbwerte aufweisen: Im französischen Blatt sind das Kreuz, Pik, Herz und Karo, im Schweizer Blatt Eicheln, Schilten, Schellen, und Rosen, oder in Italien und Spanien Schwerter, Kelche, Münzen und Stäbe. Verblüffend ist die Verwandtschaft mit den chinesischen Mahjongg-Spielsteinen und ihren Farbwerten Bambus, Zahl und Kreis – sowie Blumen, Jahreszeiten, Winde und Drachen. Mahjongg-Steine sind würfelzuckerklein und meist aus Bambus gemacht, aber klar, dass es das Spiel auch in Kartenform gibt.

Karten sind universell und daher, wie heute üblich, genormt. Der Standard ISO-216 kennt die Grössen Poker (63 mal 88 Millimeter) oder Bridge (sieben Millimeter schmaler). Der Grund: Der Pokerspieler muss die Karten seines Gegenübers auch über einen verrauchten Tisch hinweg erkennen können, und eine Bridge-Spielerin muss es schaffen, ein Blatt von 13 Karten in der Hand zu halten.

Spielkarten haben ihren Ursprung in Ostasien. Sie bestehen aus dünnem Karton, und der verbreitete sich in Europa erst im Mittelalter. Im Jahr 1367 verbot die Stadt Bern ein Spiel mit dem Namen «Das Gebetbuch des Teufels» – nach Ansicht von Forschern war damit ein Kartenspiel gemeint.

Spintrien

Die seltsamen Metallplättchen müssen den Archäologen die Schamröte ins Gesicht getrieben haben: 20 bis 23 Millimeter im Durchmesser, aus Bronze oder Messing, auf der Rückseite eine römische Zahl von 1 bis 16, auf der Motivseite ein Paar beim Sex, mit viel Liebe zum Detail, in immer anderen Positionen. Eine Art in Metall geschlagenes Kamasutra aus dem alten Rom. Die rätselhaften erotischen Münzen werden heute «Spintrien» genannt, weil der römische Schriftsteller Sueton im 2. Jahrhundert n. Chr. junge männliche Prostituierte als «Spintria» bezeichnet hatte.

Die Spintrien, wie sie auch in Pompeji gefunden wurden, geben der Wissenschaft bis heute Rätsel auf. Lange nahm man an, sie seien Jetons für Theater oder Bordelle gewesen, also eine Art Ticket oder Gutschein. Heute gilt als wahrscheinlich, dass viele davon aus ein und derselben Prägewerkstatt stammen und zwischen 22 und 37 n.Chr. geschlagen wurden – als Geldersatz, weil es verboten war, Münzen, die das Porträt des Kaisers Tiberius trugen, ins Bordell mitzunehmen.

Ob die teils sehr gut erhaltenen Spintrien eine Art Ersatzwährung in der Halbwelt war, oder vielleicht Figuren eines längst vergessenen Spiels oder am Ende doch bloss Garderobenmarken – ihr genauer Zweck bleibt unbekannt. Sicher ist nur, dass im kaiserzeitlichen Rom die Darstellung erotischer Szenen Alltag war. An den Hauswänden von Pompeji sind viele erotische Fresken zu finden. Und so glaubte man lange, dass die untergegangene Stadt am Vesuv ungewöhnlich viele Freudenhäuser gehabt haben müsse. Alles falsch: Freizügige Szenen, an die Wand gemalt, waren in römischen Kneipen und Schlafzimmern völlig normal.