Spitzmaus

Die Spitzmaus ist gar keine Maus: Sie zählt nicht zu den Nagetieren, sondern zu den Insektenfressern und ist damit eine Verwandte des Maulwurfs. Es gibt Hunderte von Arten, doch nur 10 leben auch in Mitteleuropa. Mit zwischen 5 und 10 Zentimetern ist die Spitzmaus klein, und sie ist sehr anpassungsfähig. Sie lebt an Land und im Wasser. Landspitzmäuse markieren ihr Territorium mit einem penetranten Duft (weshalb sie zwar von Katzen gefangen, aber nicht gefressen werden); Wasserspitzmäuse haben an den fünf Zehen ihrer Füsschen eine Art Schwimmhaut aus Borsten.

Für gewöhnlich ändern sich Körpermasse von Tieren nicht mehr, sobald sie ausgewachsen sind. Bei der Spitzmaus ist das anders. Organe und sogar Knochen beginnen sich auf den Winter hin zurückzubilden; im Februar wachsen die Tiere wieder. Das hat seinen Preis: Weil auch das Spitzmaushirn im Winter kleiner ist, sind die kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt. Ausserdem wachsen die Tiere nicht so stark, wie sie vorher geschrumpft sind; sie sind im Frühling also etwas kleiner als vor dem Winter – ein enorm entbehrungsreicher Prozess, der zeigt, wie anpassungsfähig Säugetiere sein können.

Bleibt die Frage, warum die Spitzmaus so heisst, obwohl sie keine ist. 1942 beschloss die Deutsche Gesellschaft für Säugetierkunde, die Spitzmaus in die ältere Bezeichnung «Spitzer» umzubenennen. Als Adolf Hitler davon in der Zeitung las, bekam er einen Wutanfall und liess den Zoologen befehlen, diese «derartig blödsinnige Umbenennung» unverzüglich wieder rückgängig zu machen – unter Androhung längerer Aufenthalte «in Baubataillonen an der russischen Front». Weshalb die Spitzmaus bis heute Spitzmaus heisst.

Steckenpferd

Ein Holzstiel, am einen Ende ein hölzerner Pferdekopf mit zwei Griffen, und fertig ist das Spielzeugpferd. Schon in der Antike ritten Kinder auf Steckenpferden umher. Im Mittelalter sollte das Steckenpferd den Buben ritterliche Ideale vermitteln, und als Motiv ziert es sogar Familienwappen. Weil es auch in alten, heidnischen Bräuchen vorkam, gab es sogar Versuche der Kirche, das Steckenpferd zu verbieten.

In Osnabrück spielt das Steckenpferd eine ganz besondere Rolle. Auf der Treppe des Rathauses wurde 1648 der Westfälische Friede verkündet – ein Friede, der dem dreissigjährigen Krieg mit seinen Millionen von Toten ein Ende setzte. Jedes Jahr am 25. Oktober erinnern die Kinder der Stadt an diesen Friedensschluss, indem sie

Wir Reiter zieh’n durch Osnabrück!

singen und mit ihren Steckenpferden über die Rathaustreppe reiten. Heute ist das Dressurreiten und Springen auf Steckenpferden sogar eine regelrechte Trendsportart: In der finnischen Stadt Seinäjoki werden jedes Jahr Meisterschaften ausgetragen, die Hunderte von Reiterinnen und Tausende Besucher anziehen.

Auf Englisch heisst das Steckenpferd hobby-horse, vom Wort hobby, das im 15. Jh. «kleines Pferd» bedeutete und ebenso für das Kinderspielzeug stand. Die Begeisterung der Kinder übertrug sich auch auf das Wort, so dass hobby-horse im übertragenen Sinn auch «Liebhaberei» bedeuten konnte. To ride one’s hobby-horse im Sinne von «einer Lieblingsbeschäftigung nachgehen» wurde mit der Zeit zum modernen «Hobby», und umgekehrt steht auch heute noch das «Steckenpferd» für das, was wir am allerliebsten tun.

Steganographie

Das kleine Einmaleins des Geheimniskrämers ist das Verschlüsseln, von der einfachen Buchstabentabelle für den Liebesbrief auf dem Schulhof bis hin zur legendären Enigma für die Verschlüsselung deutscher Telegramme im Zweiten Weltkrieg. Das Verschlüsseln hat eine kleine Schwester, die zwar weniger bekannt, aber genauso talentiert ist: die Steganografie.

«Steganografie» ist Griechisch und heisst wörtlich «verdecktes Schreiben». Das einfachste Beispiel ist das Schreiben mit Zitronensaft: Das Vertrauliche lässt sich mit normaler Tinte überschreiben und wird erst durch Erwärmen über einer Kerzenflamme sichtbar. Während klassisches Verschlüsseln aus einem Text unverständliches Kauderwelsch macht, bleibt ein Steganogramm lesbar. Nur der Empfänger weiss, was es damit auf sich hat – zum Beispiel, dass die versteckte Information aus den Anfangsbuchstaben aller Wörter besteht. Für den heimlichen Mitleser dagegen bleibt die Botschaft ohne weiteres verständlich. Und weil er nicht weiss, worum es wirklich geht, schöpft er keinen Verdacht und legt den Brief zur Seite.

Steganografie wird längst nicht mehr nur auf Text angewandt. Eine geheime Planskizze lässt sich in einem harmlos aussehenden Katzenfoto verstecken, indem ein Stückchen Information zur Beschreibung jedes einzelnen Bildpunkts zweckentfremdet wird. Mit entsprechendem Werkzeug lässt sich selbst Spionage-Software in Ton oder Video verwandeln. Auf diese Weise bleibt nicht nur die versteckte Information vertraulich, sondern sogar der Umstand, dass da überhaupt etwas versteckt ist – Steganographie ist sozusagen Geheimniskrämerei im Quadrat.

Stein des Anstosses

Im alten Rom und in den Städten des Mittelalters herrschte geschäftiges Treiben. Vor allem Händler mit ihren sperrigen Pferdefuhrwerken hatten es schwer, durch die engen Gassen zu kommen. Wer an diesen schmalen Strassen ein Haus besass, konnte davon ein Liedchen singen: Immer wieder schrammte ein Wagen, dessen Lenker sich verschätzt hatte, an der Hausmauer vorbei und hinterliess Schäden – davon zeugt auch die Redensart «die Kurve kratzen».

Findige Baumeister begannen deshalb die exponierten Mauern mit massiven, kniehohen Steinen zu schützen, sogenannten Pollern, Prellsteinen oder Radabweisern. Diese Steine standen etwas vor, sodass ein Wagen, der die Kurve zu eng nahm, den Stein rammte und die gemauerte Fassade verschont blieb. Die Steine mussten etwas weniger hoch sein als die Radnabe und leicht zum Haus hin geneigt, so dass beim Anstoss das Wagenrad nicht blockierte, sondern bloss abrutschte. Höhere Steine hätten die Radachse beschädigt, deren Reparatur kostspielig gewesen wäre. Die schützenden Steine zählten bald zum Stadtbild und fanden Eingang in die Lutherbibel. «Und der Herr wird ein Heiligtum sein und ein Stein des Anstosses», sagt der Prophet Jesaja – damit gemeint ist, dass sich die Heiden an diesem Stein stossen und zu Fall kommen, die Gläubigen dagegen unversehrt bleiben.

Auch wenn das sprachgeschichtlich nicht gesichert ist: Von solchen Prellsteinen soll der sprichwörtliche «Stein des Anstosses» kommen. Damit wir, wenn wir es mal allzu eilig haben, nicht die Kurve kratzen.

Stereo

Ein halbes Jahrhundert ist es her, da war der Röhrenempfänger Gegenwart, das Transistorradio Moderne, und Stereophonie Inbegriff der Zukunft. Klang, dessen Ursprung sich im Raum orten liess – das war eine Art achtes Weltwunder.

Stereo
Heute, da Konzertsäle in jedem Handy Platz finden, ist kaum mehr vorstellbar, mit welcher Andacht die ersten Stereoaufnahmen gehört wurden. Dabei ist die Technik rasch erklärt: Eine Stereoaufnahme gibt zwei Aufnahmen wieder, Aufnahmen, die mit verschiedenen Mikrofonen an unterschiedlichen Orten gemacht wurden, jede davon auf ihrem eigenen Kanal. Die Aufnahme des einen Mikrofons bei den Geigen im linken, die des anderen zwischen Celli und Bässen im rechten Ohr: Das liess den Musikfan gleichsam zum Dirigenten werden. Anlagen, die den Stereoeffekt voll zur Geltung bringen konnten, waren nicht Unterhaltungselektronik, sondern Hausaltar.

Stereo ist Griechisch und kommt von stereos, «hart», «starr» oder «Raum». Erste Experimente gab es bereits 1940 im Walt-Disney-Zeichentrickfilm «Fantasia», dessen Stereoton allerdings nur wenige Kinos wiedergeben konnten. Instrumente links, Gesang rechts: Das war es, was die Beatles unter stereo verstanden, und andere Bands liessen den Popsound von links nach rechts und wieder zurück wandern – ein Pingpong-Effekt, der den Freundeskreis in Andacht erstarren liess.

Nicht überall aber wurde die neue Technik verehrt. Mit «Fünf Mann Menschen» produzierten 1968 Ernst Jandl und Friederike Mayröcker das erste vollständig in Stereo produzierte Hörspiel. Indes: Das mit dem renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnete Stück galt dem deutschen Hörspielpapst Heinz Schwitzke als «Kind einer Zeit des Überflusses und des Konsums».