Sen, Amartya

Die Harvard University ist sozusagen der Olymp der Wissenschaft. Hier lehrt der Ökonom, Philosoph und Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen. Sein Forschungsgebiet ist Armut. Und das kam so.

Amartya Sen stammt aus dem indischen Bundesstaat Westbengalen. 1933 in einem wohlhabenden Elternhaus geboren, erlebte der achtjährige Sen einen Schock: Auf offener Strasse wurde der muslimische Tagelöhner Kader Mia von einem extremistischen Hindu niedergestochen. Schwer verletzt schleppte sich Mia zum Haus der Familie Sen. Auf dem Weg ins Spital flüsterte der Sterbende, seine Frau habe ihn genau davor gewarnt: als Ausländer in einem Land sozialer Unrast Arbeit zu suchen; doch weil seine Familie nichts zu essen habe, sei ihm nichts anderes übrig geblieben. «Der Tod dieses Mannes hat mich geprägt», schreibt Sen in einem biografischen Essay. «Er hat mir klargemacht, dass ökonomische Unfreiheit einen Menschen zum hilflosen Opfer macht.»

Und so begann Amartya Sen, die Zusammenhänge zwischen ökonomischer Freiheit und sozialen Chancen zu untersuchen. Ihm fiel auf, dass die Wissenschaft das Phänomen der Armut ausgesprochen eindimensional betrachtete. Nicht einfach die Verteilung von Gütern bestimme, ob jemand arm sei, stellte Sen fest: Entscheidend sei vielmehr, wie viele Chancen auf Verwirklichung seiner Ziele ein Mensch habe. Diese capabilities seien es, die seinen Grad an ökonomischer Freiheit bestimmten.

Trotz all des Elends, das Amartya Sen erforscht, hat er sich seinen Schalk bewahrt: «Ich habe an vielen grossen Universitäten gelehrt», steht in seinem Lebenslauf zu lesen. «Einen anständigen nichtakademischen Job hatte ich nie.»

Sexagesimalsystem

Was uns die Zehn ist, war den alten Babyloniern die Sechzig: Das Sexagesimalsystem (vom lateinischen Wort sexagesimus, der Sechzigste) ist weit intuitiver, als man meinen könnte. Mit ihm lässt sich nämlich effizient zählen, mit den Fingern einer Hand bis zwölf und mit beiden Händen sogar bis 60. Das geht so: Für die Zahl eins berührt der Daumen das obere Fingerglied des kleinen Fingers derselben Hand, für die Zahl zwei das mittlere und für drei das untere Fingerglied des kleinen Fingers. Für die Zahl vier geht es dann mit dem oberen Glied des Ringfingers weiter, bis das Dutzend am unteren Ende des Zeigefingers erreicht ist. Mit der anderen Hand streckt man dann für jedes volle Dutzend einen Finger aus. Noch heute wird in Teilen der Türkei, im mittleren Osten und in Indien auf diese Weise gezählt.

Um 3300 v. Chr., in Sumer, dem heutigen südöstlichen Irak, war das Sexagesimalsystem noch ein reines Additionssystem – die fragliche Zahl ergab sich aus dem Addieren der einzelnen Ziffern. Ab 2000 v. Chr. dagegen entwickelten die Babylonier daraus ein modernes Stellenwertsystem, das genauso funktioniert wie unser heutiges Dezimalsystem, nur eben auf der Basis von 60: Einstellige Zahlen reichten so von 1 bis 59, zweistellige bis 3599.

Babylon war die führende Wissenschaftsnation der Zeit, und weil sich die babylonische Astronomie allmählich über Ägypten und Griechenland nach Europa ausbreitete, rechnen wir heute noch bei Winkelgraden, Stunden, Minuten und Sekunden mit Zahlen aus längst vergangenen Zeiten.

Skara Brae

Der Wind und die Gischt gehören zu Orkney, der Inselgruppe nördlich von Schottland, wie das Salz zum Meer. Sie sind schuld daran, dass hier keine Bäume wachsen. Und das ist ein Segen.

Denn Menschen pflegen mit dem zu bauen, was sie haben. In waldigen Mitteleuropa war das Holz, und bis auf Stümpfe im Seegrund, die von Pfahlbauern zeugen, ist von Bauten der Jungsteinzeit kaum etwas übrig geblieben.

Auf Orkney ist das anders. Hier bauten die Menschen vor 4500 Jahren mit Stein, dem feinkörnigen, rötlichen Sandstein, der sich dank seiner Schichtung leicht in ebene Platten spalten lässt. Und so hat auf Orkney ein ganzes Dorf aus der Jungsteinzeit überdauert – perfekt erhalten, fast so, als sei es gestern erst von seinen Bewohnern verlassen worden. Skara Brae wird das Dorf genannt, und dass es überhaupt entdeckt wurde, ist wieder dem Wetter zu verdanken. Nachdem die Mauern jahrtausendelang von einer Sanddüne bedeckt waren, riss im Winter 1850 ein schwerer Sturm Teile der Küste ins Meer, und erste Umrisse wurden sichtbar.

Skara Brae ist heute ausgegraben und konserviert. Die Siedlung besteht aus insgesamt neun Häusern und einer Werkstatt, deren Dächer zwar fehlen, deren Inneneinrichtung jedoch gut erhalten ist: Bettkästen, Wandnischen, Feuerstellen, Hausaltäre und rechteckige Wassertanks, in denen die Napfschnecken frisch gehalten wurden, die man als Köder zum Fischen benötigte. Die Bewohner fingen Dorsche, hielten Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine, bauten Gerste an und buken Brot. Und lebten in ihren wind- und wasserdichten, gut beheizten Steinhäusern so behaglich, wie das möglich war – gänzlich unbehelligt von Sturm und Gischt, die noch vorher da waren.

Spiegel

Spieglein, Spieglein an der Wand: Wer ist die Schönste im ganzen Land?

Mal für Mal bestätigt der Spiegel, die schönste aller Frauen sei sie. Schneewittchen wächst heran, bis der Spiegel endlich erkennt:

Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.

Das eigene Gesicht zu betrachten, ist dem Menschen nicht gegeben. Dazu ist eine spiegelnde Oberfläche nötig. Die Physik besagt, dass der Ausfallswinkel eines Lichtstrahls, der auf einen ebenen Spiegel trifft, genau so gross ist wie sein Einfallswinkel. Deshalb sehen wir jedes Detail, wie es ist – scheinbar, denn: Der Spiegel zeigt nie die Realität, sondern immer nur deren seitenverkehrte Reflexion. Diese Brechung hat die Menschen schon immer fasziniert: In der griechischen Mythologie verliebt sich der bildschöne Narziss unglücklich in sein eigenes Spiegelbild im Wasser.

Die ersten Spiegel, so nehmen Archäologen an, werden tatsächlich flache, mit Wasser gefüllte Schalen gewesen sein – oder mühevoll polierte Oberflächen, etwa des schwarzen Vulkansteins Obsidian. Die Herstellung von Bronze machte die Sache einfacher: In Mesopotamien wurden um 3000 v. Chr. erste Bronzespiegel hergestellt, Spiegel, von denen schon das Alte Testament erzählt und die im alten Ägypten und Rom bereits gang und gäbe waren.

«Spiegel» kommt vom lateinischen speculum, «Abbild», und Verhaltensforscher sehen im Erkennen des eigenen Spiegelbildes bei Tieren oder kleinen Kindern ein Zeichen von Intelligenz und Abstraktionsvermögen. Selbst im Digitalzeitalter ist der Spiegel so faszinierend wie eh und je. Was einst Narziss die Quelle, ist uns heute das Handy und seine Frontkamera.

Spiegelschrift

Mailand, 1490. Der 38-jährige Leonardo da Vinci notiert:

Es ist nützlich, andauernd zu beobachten, aufzuschreiben und nachzudenken.

Wohin Leonardo auch geht, stets baumelt ein Notizbuch von seinem Gürtel, und in dieses Buch notiert das Universalgenie, was immer ihn gerade beschäftigt und was als nächstes zu tun ist. So steht da:

Die genauen Masse von Mailand berechnen,
den Professor fragen, wie man ein Dreieck in ein gleich grosses Quadrat umwandelt,
Karte von Mailand zeichnen.

Bloss: So einfach lesen lassen sich die Notizen nicht, denn bis auf Briefe, die für andere bestimmt waren, hat Leonardo alles in Spiegelschrift geschrieben, immer seitenverkehrt und von rechts nach links. Wer seine Aufzeichnungen entziffern will, muss sie vor einen Spiegel halten.

Die Wissenschaft hat lange darüber gerätselt, weshalb. Wollte Leonardo seine Erfindungen vor unbefugten Lesern schützen? War es eine Geheimschrift; eine Art Patentschutz? Die Antwort ist einfacher. Leonardo da Vinci war Linkshänder, und die Spiegelschrift bewahrte ihn vor dem Verschmieren der Tinte. Genutzt wird sie bis heute. Polizei-, Ambulanz- und Feuerwehrfahrzeuge, deren Beschriftung im Rückspiegel lesbar sein muss, werden vorn seitenverkehrt beschriftet.

Spiegelschrift von Hand ist eine Knacknuss. Wer Linkshänder ist wie Leonardo, aber mit rechts schreiben gelernt hat, ist dabei im Vorteil: Viele umgeschulte Linkshänder beherrschen die Spiegelschrift von Natur aus – ohne Übung und ohne nachzudenken, als ob sie schon immer so geschrieben hätten.