Reziprozität

Sie kennen das: Sie werden von Bekannten zum Nachtessen eingeladen, und selbst wenn es Ihnen nicht schmeckt, erwarten die Gastgeber eine Gegeneinladung – oder aber Sie haben ein mächtig schlechtes Gewissen. Warum? Die Wissenschaft spricht in diesem Fall von «Reziprozität». Damit ist nichts anderes gemeint als Gegenseitigkeit als Grundprinzip menschlichen Handelns, und diese Gegenseitigkeit ist ein Tummelplatz der Soziologie.

Der polnische Anthropologe Bronisław Malinowski war davon überzeugt, fundierte Erkenntnisse nur im engen, lange dauernden Kontakt zu den Untersuchten gewinnen zu können. 1914, bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, befand sich Malinowski auf Forschungsreise auf einer Inselgruppe in Papua-Neuguinea. Hier stiess er auf ein faszinierendes Tauschsystem, das die Eingeborenen «Kula» nannten: Zwischen den im Kreis angeordneten Inseln wurden im Uhrzeigersinn Halsketten aus kleinen roten Muschelplättchen getauscht, in der Gegenrichtung gegen weisse Muschel-Armreife. Beide, Ketten und Reife, besassen nur sakralen Wert und mussten nach einer Weile weiterverschenkt werden. Malinowski fand heraus, dass jeder Beschenkte die Verpflichtung einging, dem Geber innerhalb einer bestimmten Zeit etwas Entsprechendes zurückzugeben. Das «Kula»-Ritual brachte keinerlei direkten wirtschaftlichen Nutzen, aber es schuf Vertrauen und stärkte die sozialen Bindungen.

Das soziale Prinzip namens «Reziprozität» steckt tief in uns allen drin. Im Volksmund heisst es ganz einfach:

Wie du mir, so ich dir.

Schallmauer

Charles Elwood Yeager (den alle nur Chuck nennen) ist an diesem 14. Oktober 1947 alles andere als flugtüchtig: Bei einem nächtlichen Ausritt hat er ein Gatter übersehen und zwei Rippen gebrochen. Den peinlichen Unfall verschweigt er; nur einem Freund vertraut er sich an, weil er vor lauter Schmerzen die schwere Cockpithaube seines Jets nicht zuschieben kann. Abhilfe schafft ein zurechtgesägter Besenstiel, der als Hebel dient. Yeagers Maschine, eine «Bell X-1», ist ein von vier Raketentriebwerken angetriebenes Experimentalflugzeug der U.S. Air Force. Es kann nicht vom Boden aus, sondern nur am Bauch einer riesigen Boeing hängend in 2000 Metern Höhe starten. Um überhaupt ins Cockpit der X-1 zu gelangen, muss Yeager bei 400 Stundenkilometern Gegenwind eine Leiter hinabklettern.

Der Flug gilt als Todeskommando. Jedes Flugzeug, so glauben viele, müsse beim Erreichen der Schallgeschwindigkeit an der Schallmauer zerschellen wie ein Auto an einem Felsen. Tatsächlich sind bisher alle Testflugzeuge bei 1000 Stundenkilometern mit den auftretenden Belastungen nicht klargekommen, notgelandet oder tatsächlich auseinandergebrochen.

Yeager, endlich ins Cockpit gezwängt, startet die Triebwerke, steigt auf 13 100 Meter Höhe und erreicht über der Mojave-Wüste 1125 Stundenkilometer. Am Boden hören die Messtechniker zum ersten Mal den Überschallknall.

Der Flug sei eigentlich unspektakulär gewesen, sagt der waghalsige Pilot, als er aus dem Cockpit steigt. Von den schmerzenden Rippen abgesehen habe es sich nur angefühlt, als flöge er durch einen Wackelpudding.

Schweizer-Käse-Modell

Irren ist menschlich, und wir alle machen Fehler. Daher verfügen komplexe Systeme wie Flugzeuge, Kliniken oder Kraftwerke über ein ganzes Arsenal von Schutzmechanismen, Alarmen, Barrieren oder Abschaltvorrichtungen. Diese Vorkehrungen sind in Schichten angelegt, so dass ein Fehler in einer Schicht spätestens von der nächsten aufgefangen wird. Im Jahr 2000 untersuchte der britische Psychologe James Reason eine ganze Reihe von Untersuchungsberichten, zum Atomunfall von Tschernobyl etwa, zur Giftgaskatastrophe von Bhopal oder der Explosion der Raumfähre «Challenger» – und erfand das «Schweizer-Käse-Modell».

«In einer idealen Welt ist jede Verteidigungsschicht intakt», schrieb Reason in seiner Studie. «In der Realität aber sind Sicherheitsmassnahmen eher wie Scheiben eines Schweizer Käses, die viele Löcher haben.» Reasons Metapher leuchtet ein: Jede einzelne Käsescheibe mag zwar da und dort ein Loch haben, aber kaum je an derselben Stelle wie die nächste. Und doch zeigt die Erfahrung, dass irgendwann irgendwo lauter Löcher übereinander zu liegen kommen und ein Fehler bis zur Katastrophe durchrutscht. Und zu verhindern, dass so etwas passiert, greifen Fachleute bei der Risikoanalyse bis heute zum «Schweizer-Käse-Modell». Sie suchen nach Löchern – zum Beispiel zu ähnliche Arzneimittelpackungen in der Spitalapotheke, die, wenn dicht an dicht gelagert, zu Verwechslungen führen können. Eine neue Käsescheibe kann vorsehen, dass die Medikamente anders verpackt und nicht mehr am selben Ort gelagert werden.

Scrib

Deutschland, England, USA – wie man es dreht und wendet, der Computer ist ein Ausländer. Doch einer seiner Vorfahren war ein echter Schweizer. Und das kam so:

1976 traf Jean-Daniel Nicoud, Physikprofessor an der EPFL Lausanne, auf einem Swissair-Flug nach Boston zufällig einen Vertreter der Lausanner Firma Bobst Graphic. Ein Wort gab das andere, und am Ende waren sich die beiden einig, gemeinsam einen tragbaren Computer für Journalisten zu entwickeln, der Texte speichern und verschicken konnte.

Das Ergebnis hiess «Scrib» und war eine mittlere Revolution. Das in Olivgrün und Beige gehaltene, 16 Kilo schwere Gerät sah aus wie eine elektrische Schreibmaschine und speicherte Texte auf zwei Mikrokassetten à je 8000 Zeichen. Auf der Rückseite befand sich ein 7-Zoll-Bildschirm, den man mithilfe eines ausklappbaren Spiegels sehen konnte, und mit einem Akustikkoppler liessen sich die Texte mit atemberaubenden 300 Bit pro Sekunde in die Redaktionen übermitteln. Nach dem Fussballspiel belagerten also die Reporter die wenigen Telefonkabinen des Stadions, und nach dem Senden folgte stets ein längeres Korrekturgespräch, weil der analoge Zeitimpuls des Münztelefons alle paar Zeilen die Sportprosa in Kauderwelsch verwandelt hatte.

Trotzdem war das Gerät ein Erfolg. Rund 1000 Stück wurden verkauft; 1978 erhielt der «Scrib» in San Francisco gar einen Designpreis. Die Firma Bobst Graphic ging unter, doch die «Scrib»-Maschinen zählten volle zehn Jahre lang zum Inventar von Zeitungsverlagen, die begriffen hatten, dass die Zukunft dem Computer gehört.

Sekunde

Das Ticken der Uhr ist eine Ikone der Vergänglichkeit – «Kinder flüchtiger Sekunden» dichtete der (im übrigen ziemlich erfolglose) Zürcher Autor und Journalist Heinrich Leuthold um 1850 und meinte damit den Augenblick, der, einmal verstrichen, nie mehr wiederkehrt.

Die Sekunde ist uns so vertraut, dass wir uns über ihren seltsamen Namen nie Gedanken machen. Sekunde heisst auf Lateinisch «die Zweite» – und warum nicht «Prim» oder «Terz»? Das hat mit der Teilung der Zeit in kleinere und kleinste Einheiten zu tun. Schon die alten Ägypter teilten den Tag in 24 Stunden auf. Die erste Tagesstunde begann mit Sonnenaufgang, in der zwölften ging die Sonne unter, mit der Dämmerung begann die erste Nachtstunde. Gemessen wurde das Mass aller zeitlichen Dinge mithilfe der Sonnenuhr. Mit der Erfindung mechanischer Uhrwerke im Mittelalter war das Stundenmass auf einmal nicht mehr genau genug, und so wurde die Stunde, ein erstes Mal, durch 60 geteilt. Die so entstehende Minute kommt von lateinisch minuere, «verkleinern», und hiess ursprünglich pars minuta prima, also jener Teil, der entsteht, wenn man die Stunde ein erstes Mal aufteilt. Pars minuta secunda, von der die Sekunde abstammt, ist also folgerichtig das Ergebnis einer zweiten Teilung durch 60 – durch 60 deshalb, weil das die Grundzahl des 4000 Jahre alten Sexagesimalsystems war, des Zahlensystems im alten Babylon, das nicht auf der 10 wie unser Dezimalsystem, sondern auf der 60 beruht.

Wenn wir heute also in bangen Momenten die Sekunden zählen, dann machen wir, ohne es zu wissen, eine sekundenlange Zeitreise durch die Jahrtausende.