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Visicalc

Harvard Business School, Cambridge, Massachusetts, Frühling 1978: Der Professor entwirft ein Geschäftsmodell, das er mit Kreide in Zeilen und Spalten an die Wandtafel schreibt. Jedes Mal, wenn sich einer der Parameter ändert, nimmt er den nassen Schwamm zur Hand, wischt Feld für Feld sauber, um dann säuberlich die neuen Werte zu notieren.

Einer der Studenten, der 26-jährige Informatiker Dan Bricklin, langweilt sich zu Tode. Er träumt von einem Display, wie es die Kampfpiloten in ihren Jets haben, das Zahlen anzeigen und im Nu addieren kann. Später, beim Radfahren an der Küste, wird ihm klar: Auswischen, Neuberechnen und neu Darstellen ist ein Fall für den Computer. Zusammen mit seinem Kollegen Bob Frankston programmiert Bricklin in den kommenden Monaten eine neuartige Software für den damaligen «Apple II». «Visicalc», so nennen die beiden ihr Programm, stellt Text oder Zahlen in einer beliebig grossen Tabelle dar, und jede einzelne Zelle ist in der Lage, Berechnungen jeder Art durchzuführen. Mit «Visicalc», dieser ersten Tabellenkalkulation der Geschichte, wird der «Apple II» mit einem Schlag zum Universalwerkzeug für Finanz und Wissenschaft. Es ist das Programm, das IBM erst auf den Gedanken bringt, nicht länger nur schrankgrosse Industrierechner, sondern neu auch Personalcomputer herzustellen.

Visicalc, die Urmutter von Excel & Co., ist ein durchschlagender Erfolg und löst eine technologische Weltrevolution aus. Ironie der Geschichte: Auf eine Patentanmeldung haben die beiden begnadeten Erfinder verzichtet, weil ihnen die Kosten zu hoch und die Chancen zu klein erschienen.

Welsch

«Welsch» heisst im Grunde nichts anderes als «fremd», und das buchstäblich seit Jahrtausenden. Julius Cäsar, als Feldherr nach Gallien geschickt, fand im Osten der riesigen Unruheprovinz Celtica, die auch Helvetien umfasste, den sogenannten «herkynischen Wald» vor. So nannte man ein riesiges Gebiet, das von der heutigen Schweiz bis nach Rumänien reichte. Hier lebten, so berichtet Caesar in seinen Commentarii de bello gallico an den Senat in Rom, die Volcae. Die Volcae waren Kelten, ein Volk, das ein wichtiges Handelsnetz zwischen dem Mittelmeer und Germanien unterhielt, dessen Kultur mit der Zeit aber immer mehr romanisiert wurde.

In der Sprache der Germanen hiessen die Volcae Walhen, ein Wort, das etwa im Namen des Walensees erhalten geblieben ist und das durchs ganze Mittelalter hindurch und bis heute fast unverändert überdauern sollte. Aus den Walhen wurden die Welschen, die Bedeutung wurde allgemeiner, und das Wort bezeichnete mit der Zeit überall das jeweils nächstgelegene, eine romanische Sprache sprechende Volk. Mit «Welschland» war, je nach Region, einmal Frankreich, einmal Italien gemeint. Zur sprachlich-ethnischen Bezeichnung kamen Vorurteile: In den Augen der Deutschen waren die Welschen lebenslustig, aber auch oberflächlich, wenn nicht gar falsch. Nicht von ungefähr ist Rotwelsch die Sprache der Gauner und Ganoven.

Welsch: Das sind die, deren Mundart man nicht verstehen kann. Eine unverständliche Sprache heisst daher bis auf den heutigen Tag «kauderwelsch».

Büro, papierloses

Gedanken sind flüchtig, und wenn wir auf Nummer sicher gehen wollen, dann geht nichts über das gute alte Papier. Ob Handschrift oder Ausdruck: Papier ist verlässlich, und im Gegensatz zu all den Schallplatten, Disketten und CDs überdauert es Jahrhunderte.

Nur: Papier riecht und roch schon immer ein bisschen nach Vergangenheit. Und so tauchte in den sechziger Jahren eine Vision auf, ein Ideal von einem Büro gänzlich ohne Papier. Ein Science-Fiction-Film von 1966 zeigt ein blitzblank aufgeräumtes Büro mit drei grossen Bildschirmen und einer Art elektronischer Schreibplatte, auf der man mit Spezialstift schreiben kann. Ein Brief aus Papier kommt nicht mehr vor.

«Der Ehemann wird auch eine Korrespondenzmaschine zur Verfügung haben, eine Art persönliches Postbüro für sofortige geschriebene Kommunikation zwischen Menschen irgendwo auf der Welt.»

In einer Analyse des Wirtschaftsmagazins Bloomberg skizziert der Physiker und Forschungschef des Kopiergiganten Xerox, George E. Pake, 1975 das paperless office, das papierlose Büro der Zukunft:

«Ich werde in der Lage sein, per Knopfdruck Dokumente auf meinem Bildschirm aufzurufen, Post und jede Art von Nachrichten. Ich habe keine Ahnung, wieviel Papier ich in dieser Welt noch brauchen werde.»

Und heute? Büro ohne Papier? Weit gefehlt: Jeder von uns verbraucht pro Jahr über 60 Kilo davon, Verpackungen, Hygiene– und Zeitungspapier nicht eingerechnet. Das sind, papierloses Büro hin oder her, immer noch mehr als 30 Seiten. Pro Tag.

Diskette

Es ist noch gar nicht so lange her, da liess die Diskette die Welt Bauklötze staunen. Texte im Umfang halber Bibliotheken liessen sich bequem auf einer dieser futuristisch anmutenden Scheiben speichern und einfach so in die Tasche stecken. Die Diskette gaukelte eine beruhigende Physis der körperlosen Daten vor – jedenfalls solange kein Dateifehler ein Lesen unmöglich machte.

Die allererste Diskette stammte vom amerikanischen Ingenieur Alan Shugart und hatte Jahrgang 1969. Sie war für Grossrechner des Typs IBM S/370 bestimmt, fasste umgerechnet die Textmenge von 40 A4-Seiten und diente nur als preisgünstiger Träger der Systemsoftware. Beschreiben liess sie sich nicht. Das fand selbst der Tüftler Shugart unbefriedigend, und so erfand er Ende der siebziger Jahre die 5¼ Zoll grosse, biegsame Floppy Disk in ihrem schwarzen Pappmantel. Deren Nachfolger war die 1981 von Sony eingeführte 90-mm-Diskette im starren Plastikgehäuse, die am Ende die schier unvorstellbare Datenmenge von 1,4 MB speichern konnte – weniger als ein heutiges Handyfoto.

Die Diskette sollte sich ein volles Vierteljahrhundert lang halten – noch Windows 95, ein Meilenstein der Computerentwicklung, war auf insgesamt 13 Disketten lieferbar. Tempi passati. Auch an Disketten nagt der Zahn der Zeit, und selbst wenn sich die jahrzehntealten Daten heute noch lesen lassen, fehlen längst die Laufwerke. Und doch: So etwas wie Disketten gibt es immer noch. Sie heissen SD-Karten, als Abkürzung für Secure Digital Memory Card, sind so gross wie eine Briefmarke und fassen den Inhalt von 1,5 Millionen einstiger Floppy Disks.

Füsse, tönerne

Was auf «tönernen Füssen» steht, möge sich tunlichst vorsehen: Die sind die Metapher für alles, was auf wackligen Beinen steht. Die Füsse aus Ton stammen aus einem der spätesten Texte des alten Testaments, dem Buch Daniel. Daniel und seine Freunde werden nach Babylon deportiert und kommen im 6. Jh. v. Chr. an den Hof Nebukadnezars II. Eines Nachts fährt der König schweissgebadet aus dem Schlaf hoch, doch an den Alptraum kann er sich nicht erinnern. Er befiehlt seinen Sehern, ihm den Traum wiederzugeben und zu deuten – andernfalls würden sie hingerichtet und ihre Häuser zerstört. Die Aufgabe ist selbst den ranghöchsten Beratern zu schwer, und Polizeichef Arioch schickt sich an, die Hinrichtungen zu vollziehen.

Der jüdische Gefangene Daniel aber schafft es, das Rätsel zu lösen: Der König habe, so verkündet Daniel, von einem Koloss geträumt, dessen Kopf aus Gold bestand, Brust und Arme aus Silber, Bauch und Hüften aus Erz, Beine aus Eisen, die Füsse aber nur aus Eisen und Ton. Vom nahen Berg habe sich ein Stein gelöst und die brüchigen Füsse zerschlagen, so dass der Koloss in tausend Stücke zerbarst. Der Koloss stehe für die Weltreiche, unter denen das Volk Israel zu leiden hatte; der herabrollende Felsblock dagegen, am Ende des Traums zum weltbeherrschenden Berg angewachsen, sei das Reich Gottes, das alle weltlichen Reiche überdauern werde.

Nebukadnezar, so will es die Bibel, fällt auf die Knie, überhäuft den Propheten Daniel mit Gold und macht ihn zum Chefberater – und zum Schrecken für alles, was sprichwörtlich auf tönernen Füssen steht.