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A4

A4 ist ein Weltstandard. Jeder Brief kommt heute in dieser Uniform daher. A4 entsteht durch viermaliges Falten eines Bogens vom Format A0, dessen Fläche exakt einen Quadratmeter beträgt und dessen Seitenverhältnis sich niemals ändert, egal, wie oft man es halbiert.

Offiziell wurde das Format 210 x 297 mm am 18. August 1922 vom Deutschen Institut für Normung in der DIN-Norm 476 festgelegt, aber es ist älter, viel älter. Entdeckt wurde A4 in der Zeit der Aufklärung von unbekannten Papiermachern – und einem Studenten. Dessen Professor war der Göttinger Mathematiker und Physiker Georg Christoph Lichtenberg. In einem Brief an seinen Kollegen Johann Beckmann schreibt Lichtenberg am 25. Oktober 1786:

Ich gab einmal einem jungen Engländer, den ich in Algebra unterrichtete, die Aufgabe auf, einen Bogen Papier zu finden, bey dem alle Formate als forma patens, folio, 4to, 8, 16, einander ähnlich wären. Nach gefundenem Verhältniß wolte ich nun einem vorhandenen Bogen eines gewöhnlichen Schreib=Papiers mit der Scheere das verlangte Format geben, fand aber mit Vergnügen, daß er ihn würcklich schon hatte. (…) Die kleine Seite des Rechtecks muß sich nämlich zu der großen verhalten wie 1 : √2 oder wie die Seite des Quadrats zu seiner Diagonale.

Diese Form, fährt Lichtenberg fort,

hat etwas angenehmes und vorzügliches vor der gewöhnlichen. Sind den Papier=Formen machern wohl Regeln vorgeschrieben, oder ist diese Form durch Tradition nur ausgebreitet worden?

Eine schlüssige Antwort blieb aus, doch Lichtenbergs Begeisterung für das Format A4 und den zukunftsträchtigen Geistesblitz seines begabten Studenten tat dies keinen Abbruch.

Narrativ

Das Narrativ ist das Modewort der Zeit. Ob politischer Vorstoss oder Autowerbung – alles hat neuerdings ein Narrativ. Was das genau ist, weiss die Sozial- und Kulturwissenschaft: Für sie ist das Narrativ schlechterdings jede mündliche oder schriftliche Äusserung. Allerdings: Ob Alltagsbericht oder Liebeslyrik – ein Narrativ vermittelt stets Inhalt und Kontext. Eine Geschichte wird auf eine ganz bestimmte Art erzählt und in einen grösseren Zusammenhang gestellt. Teile werden ausgewählt, andere weggelassen, kurz: Das Narrativ interpretiert auf eine ganz bestimmte, kulturspezifische Art. Und damit wird es nicht nur zur Story, sondern zu einer Art kulturellem Fingerabdruck der Gesellschaft.

Dabei heisst das lateinische narrare ganz einfach «erzählen». Und das war nicht immer sonderlich hoch angesehen. Als im 18. Jahrhundert die ersten deutschen Entwicklungsromane erschienen, tobte unter den Lesern bald ein Meinungskrieg: Für die einen waren die neuen Werke Kunst, für die anderen waren sie erstunken und erlogen. Davor nämlich waren Erzählungen vor allem einer historisch-faktischen Wahrheit verpflichtet gewesen, die für künstlerische Gestaltung wenig Raum liess. Als Christoph Martin Wieland 1773 seine «Geschichte des Agathon» überarbeitete, sah er sich genötigt, in einem Vorwort das Verhältnis der Handlung zur griechischen Geschichte zu klären: Der Unterschied sei, dass in einem Bericht

das Erdichtete in die historische Wahrheit, in jenem [im Roman Agathon] hingegen das Historisch-Wahre in die Erdichtung eingewebt ist.

Ein bisschen Wahrheit und eine ganze Menge Fiktion: Das ist beim Narrativ in Politik und Werbung nicht anders.

Bonus

Lass einen Menschen für dich arbeiten, gib ihm ein ordentliches Gehalt, und für Extraleistungen biete ihm einen Extrabatzen. Du wirst sehen: Er arbeitet härter und besser. Dieser Batzen heisst «Bonus», lateinisch für «gut», und das Prinzip ist so etwas wie ein Axiom der Betriebswirtschaft. Im Jahr 2002 wollte es der amerikanische Verhaltensökonom Dan Ariely genau wissen und beschloss, die Wirkung von Prämien auf die erzielte Leistung präzise zu messen. Weil ein solches Experiment bei Boni in der Höhe von Tausenden, wenn nicht Millionen von Dollars aber unbezahlbar geworden wäre, verlegte er es kurzerhand in den tiefsten Süden Indiens.

Ariely und seine Studenten boten den Bewohnern kleiner Bauerndörfer bis zu 2400 Rupien für den Fall, dass sie sechs Gedächtnis- und Geschicklichkeitsaufgaben ganz besonders gut lösten, je besser das Ergebnis, desto höher der Bonus. 2400 Rupien! In einer Region, in der die Menschen ihren Lebensunterhalt mit monatlich 500 Rupien bestritten, war das ein wahres Vermögen. Doch nicht allen wurde derselbe Betrag in Aussicht gestellt. Die unterste «Gehaltsstufe» sah maximal 24 Rupien vor, die mittlere 240 Rupien. Die 2400 Rupien versprachen die Forscher nur den Versuchsteilnehmern der höchsten Klasse.

Das Ergebnis war ein Paukenschlag. Nicht die Dagobert Ducks mit dem höchsten Gewinn vor Augen erbrachten die höchsten Leistungen, sondern vielmehr die Donalds der untersten und mittleren Stufe. Der Riesenbonus der Dagoberts erwies sich als kontraproduktiv: Die Bauern hatten statt auf die Aufgabe ganz einfach viel zu sehr aufs Geld geachtet.

Projekt

Das wichtigste Wort in der Sprache der Manager ist «Projekt». Ein Projekt kann schlechterdings alles sein: Ein Auftrag, ein Hobby, eine Ehe. Die Managementlehre kennt ganze Regelwerke, wie Projekte abzuwickeln sind. Zum Beispiel nach der «Smart»-Regel: Smart ist ein Akronym, ein Abkürzungswort, für «spezifisch», «messbar», «akzeptiert», «realistisch» und «terminiert». Sprich: Ziele müssen erreichbar sein, so präzise wie möglich definiert und vom Auftraggeber bewilligt werden, die Ergebnisse müssen messbar sein und zu einem festgelegten Termin vorliegen.

Allen Management-Moden zum Trotz ist das Projekt kein Kind unserer Zeit: Schon 1783 schrieb der Schweizer Arzt und Schriftsteller Johann Georg Zimmermann in seinem Buch «Über die Einsamkeit»:

So schwärmet und wirbelt man Tag für Tag und Jahr für Jahr in rauschender Lustbarkeit durch das Leben; oder man rennet von Gedanken zu Gedanken, von Projekt zu Projekte.

Dabei war Zimmermann selbst ein über alle Massen smarter Projektleiter: Er war ein Bekannter Goethes, Leibarzt des englischen Königs Georgs III in Hannover und später auch des Preussenkönigs Friedrichs des Grossen in Potsdam; von der russischen Zarin Katharina II wurde er zum Ritter geschlagen.

Doch bei all dem Glanz und Gloria ist das Projekt (ein sprachlicher Verwandter des Projektils) nur das lateinische Partizip proiectus, auf Deutsch «nach vorn geworfen» oder auch nur «hingeschmissen». Bevor wir uns also ans nächste Projekt machen, sollten wir uns gut überlegen, ob es denn tatsächlich nur ein «Projekt» sein soll.

Ghettoblaster

JVC RC-M90 oder Sharp GF-777: Sie waren die ungekrönten Könige der späten 1970-er und der 1980-er Jahre. Sie waren mit Tragegriff versehene Hi-Fi-Anlagen der Sonderklasse: 10 bis 15 Kilo schwer und mit bis zu 100 Watt Leistung, und sie pflegten Batterien zu fressen wie Kühe Gras. Mit ihrer Soundgewalt vermochten sie ganze Strassenzüge leerzufegen; nicht umsonst nannte man sie auf Englisch boombox oder ghetto blaster – von Englisch to blast, «in die Luft jagen». Tragbar waren sie mit Einschränkungen – mit mehr oder weniger elegantem Schwung pflegte sich der breaker die koffergrossen Kraftwerke auf die Schulter zu wuchten, um anschliessend mit rhythmischem Hüftschwung die hämmernden Bässe durchs Viertel zu tragen.

Ghettoblaster
Der Ghettoblaster war in den USA nicht nur Musikmaschine, sondern Programm. In den Vierteln sozial benachteiligter Schichten wurde der Ghettoblaster rasch zum Instrument einer Strassenkultur, die sich «Hip-hop» nannte und die eigentliche music battles auszutragen pflegte, Breakdance-Duelle, bei denen die b-boys genannten Tänzer gegeneinander antraten, sich zu Boden fallen liessen, um dort mit atemberaubend akrobatischen Drehungen und Sprüngen ihrem Protest lautstark Ausdruck zu geben.

Die «Rock Steady Crew», 1977 in der New Yorker Bronx entstanden, war eine dieser Gruppen. Ihre Tanzakrobaten mit Fantasienamen wie «Crazy Legs» oder «Frosty Freeze» trugen dazu bei, dass aus dem New Yorker Hip-Hop eine weltweite Bewegung wurde – und die Soundmaschine namens Ghettoblaster zum Statussymbol.