Daumenkino

Ein Daumenkino ist ein Büchlein voller Zeichnungen, die sich, eine um die andere, geringfügig unterscheiden. Blättert man die Seiten mit dem Daumen in rascher Folge ab, entsteht die Illusion einer Bewegung. Das Auge sieht einen Film – einen Film, der so lange dauert, wie das Büchlein dick ist. Daumenkinos sind ein Vergnügen für Kinder, und sie sind einer der Vorläufer von Kino und Fernsehen.

Daumenkinos gab es schon ums Jahr 1600. Doch es sollte bis 1868 dauern, dass ein gewisser John Barnes Linnett, Drucker in Birmingham, ein flip book patentieren liess, auf Deutsch ein «Blätterbuch». Wesentlich älter ist eine Schüssel aus der Bronzezeit, die iranische Archäologen in Schahr-e Sochte ausgruben und die, um die eigene Achse gedreht, eine hochspringende Ziege zeigt, die nach Baumzweigen schnappt.

Wie alt das Daumenkino aber tatsächlich ist, wissen Archäologen erst seit kurzem. Münzengrosse, seitlich mit zwei kleinen Löchern versehene Tonscheiben, die auf beiden Seiten eingekerbte Tierfiguren zeigten, gaben der Wissenschaft lange Zeit Rätsel auf. Sie waren in Frankreich und Spanien gefunden worden, und sie waren unzweifelhaft uralt – 14 000 bis 21 000 Jahre alt. Bloss: Stellten sie Götzen dar? War das Kunst? Die jüngste Antwort lautet: Es war Kinderspielzeug. Zieht man einen Faden durch die beiden Ösen und zwirbelt ihn auf, erzeugen die Tonscheiben beim Drehen die Illusion eines davonpreschenden Rehs. Mit solcherlei Spielzeug, so nehmen die Forscher heute an, wurden Steinzeitkinder auf ein Erwachsenenleben vorbereitet – als Handwerker und als Jäger.

Defizit

Dem erfolgreichen Patron ist es fremd: das Defizit. Ein Fremdwort, in der Tat: deficit heisst in lapidarem Latein «es fehlt». Wenn’s um Geld geht, ist das dann nichts anderes als ein Loch in der Kasse. Und die gibt’s bekanntlich überall da, wo mehr Geld ausgegeben als eingenommen wird. Doch während man in Unternehmen von Verlusten spricht, von cash drain und negativem EBIT und dergleichen Wirtschafts-Kauderwelsch mehr, wird von Defizit vor allem bei öffentlichen Haushalten, beim Staat gesprochen.

Bis vor wenigen Jahren waren beim Bund Defizite der Normalfall: Seine Einnahmen sind vor allem Steuern von Privatpersonen und Unternehmen. Während die dem Gang der Wirtschaft folgen, gehorchen die staatlichen Ausgaben viel eher den Gesetzen politischer Opportunität. Und weil sich das Parlament viel lieber durch Versprechen auszeichnet als durch Sparen, wuchs in der Vergangenheit der Schuldenberg des Bundes ungebremst an, von 38 Milliarden Franken im Jahr 1990 auf 130 Milliarden im Jahr 2005. 2008 waren es noch 125 Milliarden – immer noch ein volles Viertel des Bruttoinlandprodukts, also des Gesamtwerts dessen, was die Schweiz pro Jahr leistet und herstellt.

Im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt sind die Schulden mittlerweile wieder am Sinken, denn seit 2003 wirkt die sogenannte Schuldenbremse: Die Bundesverfassung legt fest, dass der Bund seinen Haushalt auf Dauer im Gleichgewicht halten soll. Die Ausgaben werden nach gesetzlicher Rechenformel strikte begrenzt. Und tatsächlich: Die Verschuldung sinkt. Im Internationalen Vergleich ist die Schweiz zwar noch lange kein Musterknabe, aber auch kein wirklicher Sünder. Wenn die Konjunktur mitspielt, dann wird, zumindest nach Ansicht der Behörden, das Wort Defizit auf Jahre hinaus ein Fremdwort bleiben.

Dekadenz

Flöte und Lyra, ein feixender, mit blechernen Armen klatschender Hofnarr, ein endloser Reigen von Sklaven beim Auftragen der erlesensten Speisen, darunter in Honig und Mehl gebackene Haselmäuse und mit lebendigen Drosseln gefüllte Spanferkel aus Kuchenteig. Der schamlos zur Schau gestellte Luxus ist geradezu obszön: Was uns der römische Dichter Titus Petronius in seinem Roman «Satyricon» vor Augen führt, ist das alte Rom in den Tagen Neros, dessen Kultur längst von Verschwendungssucht und Sittenlosigkeit zerfressen ist und das Federico Fellini in seinem gleichnamigen Film von 1969 grell auf die Leinwand malt.

Das nachchristliche Rom ist der Inbegriff der Dekadenz, des Verfalls einer Kultur, die in der Welt ihresgleichen suchte. Décadence (von lateinisch cadere, «fallen» oder «sinken») ist ein Begriff aus der Staats- und Geschichtsphilosophie, mit dem der Aufklärer Montesquieu 1734 die Verkommenheit Roms als Vorbote des Verfalls anprangerte. Dekadenz aber setzt voraus, dass es objektiv gute und schlechte Zustände gibt, Zeiten des Aufstiegs einer Kultur und Zeiten ihres Falls. Wenn es um jahrhundertelange Entwicklungen geht, ist der Anspruch von Objektivität ein Problem, und nicht von ungefähr hat die Geschichtswissenschaft den Begriff der Dekadenz längst fallen lassen.

Für Petronius dagegen war Roms Dekadenz Realität: Er war nicht nur Dichter und Politiker, sondern auch Neros arbiter elegantiae, der persönliche Stilberater des grössenwahnsinnigen Kaisers. Und so schrieb er sich beides von der Seele: die morbide Faszination und den abgrundtiefen Ekel.

Desktop

Der Desktop ist auf Deutsch die Schreibtischplatte. Als Fachbegriff ist das Wort längst kein Fremdwort mehr – so heisst nämlich auch die Bildschirmfläche unseres Computers, auf der sich Programme und Dokumente ablegen lassen. Zwar prangt in einer Ecke stets der unvermeidliche Papierkorb, aber über diesen doch etwas realitätsfernen Umstand sehen wir grosszügig hinweg. Denn der Desktop ist eben kein richtiger Arbeitsplatz, sondern vielmehr ein graphical user interface. Das könnte ja auch ganz anders aussehen: In den Anfängen des Computers bestand es aus reinem Text, und der Papierkorb war ein dürrer Befehl namens rm (für remove) oder del (für delete).

Dann erkannten die Entwickler, dass sich nicht der Mensch dem Computer anpassen müsse, sondern umgekehrt. In den 1970-er Jahren entwickelte der Informatiker Alan Kay bei der kalifornischen Xerox-Tochter Parc die so genannte «Schreibtischmetapher» mit ihren gegenständlichen Piktogrammen: Notizblock, Aktenordner, Bleistift, Taschenrechner. Der Computer, bisher Werkzeug der Wissenschaft, sollte personal werden, und Kays Absicht war es, dieser abstrakten Welt des Digitalen ein sinnliches, intuitiv verstehbares Gesicht zu geben. Und so haben wir uns, Steve Jobs und Mac OS sei Dank, jahrzehntelang durch Büropuppenstuben geklickt, wo wir doch eigentlich arbeiten sollten.

Apps statt Programme, Inhalte statt Dateien, Tippen statt Klicken, Wischen statt Scrollen: Erst jetzt entwickeln Tablets und Smartphones neue Bedienungskonzepte. Auch das Nachahmen natürlicher Materialien, das Fachleute auf Griechisch «Skeuomorphismus» nennen –, ist zunehmend verpönt. Und so wird der Schreibtisch allmählich wieder zum Möbelstück, das er immer war.

Dessert

Das Dessert ist das Sahnehäubchen des Banketts, dabei gehört es eigentlich schon gar nicht mehr dazu: Das Wort kommt vom französischen desservir, «abtragen» – ein Dessert ist also das, was kommt, wenn das Geschirr des Hauptgangs abgetragen ist. Für ein formvollendetes Dessert wird der Tisch abgeräumt, werden die Hände gewaschen und wird ein frisches Tischtuch ausgebreitet.

Das Dessert als solches ist noch gar nicht so alt. Die heutige Abfolge von Gängen bürgerte sich erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts ein. Davor konnte es durchaus sein, dass die Gäste das Dessert im Salon zu sich nahmen, oft stundenlang, beim Plaudern und Umherschlendern. In Frankreich und England wurde beim sogenannten ambigu das Dessert gleichzeitig mit allen anderen Gerichten kunstvoll drapiert – opulente Tafeln dieser Art sind auf Renaissance- und Barockgemälden zu sehen.

Was genau ein Nachtisch zu sein hatte, hing stets von der jeweiligen Zeit und Kultur ab: Süssspeisen aller Art, Kuchen und Konfekt, Früchte, Käse, Nüsse, in Japan und China auch ein Glückskeks mit philosophischem Sinnspruch. Beim Gastmahl des Trimalchio, beschrieben vom römischen Senator und Autor Titus Petronius im 1. Jh. n. Chr., umfasste allein das Dessert gleich mehrere Mahlzeiten: Drosselfleischpastete, Quitten, Rosinen und Nüsse, Schweinefleisch in Form einer gebratenen Gans, dazu Fisch, Austern und Schnecken. Wohl bekomm’s!