Tipp-ex

Am Anfang war der Tippfehler. Der Radiergummi, der ihn ungeschehen machen sollte, war hart und rauh. Die brachiale Alternative war ein scharfes Taschenmesser, und das Ergebnis konnte durchaus schon mal ein Loch im Papier sein.

Tipp-ex
Die texanische Banksekretärin Bette Nesmith Graham vertippte sich – und dachte nach. «Ein Künstler korrigiert nie, indem er ausradiert», sagte sie später: «Er übermalt. Also habe ich beschlossen, zu tun, was Künstler tun.» Ihr Rezept war eine weisse, wasserlösliche Temperafarbe, mit der sie den Tippfehler bestrich und nach dem Trocknen überschrieb. Jahrelang hielt sie ihre Erfindung geheim und tüftelte weiter, bis sie ihre Mixtur 1956 als «Mistake Out» und später als «Liquid Paper» zu vermarkten begann, als Flüssigpapier. Den Nachteil – der Lack musste immer erst trocknen – machte drei Jahre später der Deutsche Wolfgang Dabisch wett, mit seinen pulverbeschichteten Papierstreifen namens «Tipp-ex».

Der Nutzen war enorm – nicht nur in den Büros dieser Welt, sondern auch in den Laboren der Verhaltensbiologen. Forscher der Goethe-Universität in Frankfurt am Main setzten Vögel in Käfige, deren Boden sie sorgfältig mit «Tipp-ex»-Papierchen beklebt hatten. Beim Hochspringen hinterliessen die Vögel deutliche Kratzspuren – im Herbst nach Norden hin, weil sie nach Süden aufbrechen wollten, im Frühling genau umgekehrt.

Heute, im Zeitalter der Backspace-Taste, ist «Tipp-ex» nur noch eine Erinnerung an beschwerliche Zeiten. Unverzagte Maschinenschreiber kaufen den Lack der Bette Nesmith Graham immer noch: im Fläschchen zu 20 Milliliter und statt dem alten Pinsel mit dem praktischen Auftragschwämmchen.

Tube

Der Amerikaner John Goffe Rand war Porträtmaler. Er lebte in den 1840er Jahren in England und ging, wie so mancher Kollege, bald vergessen.

Eines seiner Werke aber steht in buchstäblich jedem Haushalt dieser Welt: die Tube. John Rand war nämlich nicht nur Maler, sondern auch ein praktisch veranlagter Mensch, der sich grün und blau ärgerte, wenn seine Farben mal wieder eintrockneten. Die wurden damals entweder in Pulverform verkauft, in teuren Messingspritzen – oder aber in Beuteln, in die man ein Loch stach, um die Farbe herauszudrücken. Trockene Farbreste pflegten dieses Loch regelmässig zu verstopfen, jedes Mal wurde kräftiger zugedrückt, bis am Ende der Beutel platzte und statt der Leinwand dem Künstler Farbe verlieh.

Rand begann mit Bleifolie zu experimentieren, und am 11. September 1841 wurde ihm das US-Patent Nr. 2252 zuerkannt, für seine «Verbesserung der Konstruktion von Gefässen oder Apparaten, um Farbe aufzubewahren». Wie es sich für einen Künstler gehört, hatte Rand säuberlich mit der Hand gezeichnete Skizzen beigelegt, die die Herstellung von Farbtuben aus Metallfolie veranschaulichten.

Was für Farbe galt, traf auch auf viele andere Substanzen zu. Und so zettelte die Bleifolientube eine regelrechte Verpackungsrevolution an. Heute drücken wir längst nicht mehr nur Farbe, sondern mit aller Selbstverständlichkeit Zahnpasta, Haut- und Schuhcreme, Scheuermittel, Kondensmilch und Streichwurst aus der Tube. Die besteht nicht mehr aus Blei, sondern aus Plastik oder 99,7-prozentigem Aluminium.

Ihre charakteristische Form aber ist geblieben: das einzige Kunstwerk des Malers John Rand, das zu Weltruhm gekommen ist.

UFO

Ein UFO ist ein «unidentifiziertes Flugobjekt» – oder auf Englisch ein UAP, ein unidentified anomalous phenomenon. Tatsächlich gibt es immer wieder Sichtungen von Flugobjekten, die sich schwer erklären lassen. Ein körniges Schwarzweiss-Video stammt von einem Piloten der US-Navy. Es zeigt ein rasend schnelles Objekt, das nicht so aussieht und sich nicht so bewegt wie ein Flugzeug:

Mein Gott! Die fliegen gegen den Wind, und der weht mit 220 km/h nach Westen!

Das Pentagon bestätigte 2017 offiziell die Echtheit des Videos – was genau es zeigt, weiss man bis heute nicht.

Fliegende Untertassen und Ausserirdische, das halten viele für reine Fantasie. Tatsächlich gibt es oft plausible Erklärungen – Heissluftballons, verglühender Weltraumschrott, Versuchsflugzeuge oder sogar linsenförmige Wolken. Der angebliche Absturz eines UFOs bei Roswell, New Mexico, im Jahr 1947 und die Bergung toter Aliens wird unter Ufologen bis heute heiss debattiert; laut einem Untersuchungsbericht von 1995 sollen die Trümmer von einem geheimen Aufklärungsballon stammen.

Aber auch die Wissenschaft mit beschäftigt sich mit UFOs. Die Handschriftenabteilung der Uni Basel etwa bewahrt Aufzeichnungen über UFO-Sichtungen der Baslerin Louise Zinsstag auf, und an der amerikanischen Elite-Uni Harvard arbeiten Professor Avi Loeb und ein grosses Team mit eigenen Observatorien und selbstentwickelter KI daran, UFOs zu finden und zu dokumentieren. Und dennoch: Bis hieb- und stichfeste Ergebnisse vorliegen, bleiben UFOs vor allem eins: unbekannt.

Viertel, akademisches

Zeitangaben an der Uni waren keine einfache Sache. Im Vorlesungsverzeichnis waren zwar Ort und Uhrzeit angegeben, zum Beispiel 9 Uhr. Nur hiess das eben nicht 9.00 Uhr, sondern vielmehr 9.15 – eine alte akademische Tradition, das sogenannte «akademische Viertel». Und das ging auf die Gründung der ersten Universitäten im Mittelalter zurück. Dozenten unterrichteten nicht auf einem Campus, sondern in ihren Wohnhäusern, die über die ganze Stadt verteilt waren. So bürgerte sich die Regel ein, dass eine Vorlesung spätestens zur vollen Stunde endete und die nächste eine Viertelstunde später begann. Das gab den Studenten Zeit für den Fussweg.

In alten Verzeichnissen hiess das akademische Viertel auf Lateinisch cum tempore, abgekürzt «c. t.» und auf Deutsch «mit Zeit». Um das Ganze noch komplizierter zu machen, gab es auch die Zeitangabe magno cum tempore, «m. c. t.», eine halbe Stunde später; in seltenen Fällen sogar maximo cum tempore, «mm. c. t.», eine Dreiviertelstunde später. Sine tempore dagegen, wörtlich «ohne Zeit», hiess sinngemäss «genau zur vollen Stunde».

Das akademische Viertel ist aus der Mode gekommen; an der Uni Zürich etwa wurde es im Wintersemester 2006/2007 abgeschafft. Heute heisst 9 Uhr meistens tatsächlich neun Uhr. Um allerdings nach dieser jahrhundertelangen Zeitenverwirrung Klarheit zu schaffen, sagt man dann zur Sicherheit und auf Englisch «9 Uhr sharp».

Visicalc

Harvard Business School, Cambridge, Massachusetts, Frühling 1978: Der Professor entwirft ein Geschäftsmodell, das er mit Kreide in Zeilen und Spalten an die Wandtafel schreibt. Jedes Mal, wenn sich einer der Parameter ändert, nimmt er den nassen Schwamm zur Hand, wischt Feld für Feld sauber, um dann säuberlich die neuen Werte zu notieren.

Einer der Studenten, der 26-jährige Informatiker Dan Bricklin, langweilt sich zu Tode. Er träumt von einem Display, wie es die Kampfpiloten in ihren Jets haben, das Zahlen anzeigen und im Nu addieren kann. Später, beim Radfahren an der Küste, wird ihm klar: Auswischen, Neuberechnen und neu Darstellen ist ein Fall für den Computer. Zusammen mit seinem Kollegen Bob Frankston programmiert Bricklin in den kommenden Monaten eine neuartige Software für den damaligen «Apple II». «Visicalc», so nennen die beiden ihr Programm, stellt Text oder Zahlen in einer beliebig grossen Tabelle dar, und jede einzelne Zelle ist in der Lage, Berechnungen jeder Art durchzuführen. Mit «Visicalc», dieser ersten Tabellenkalkulation der Geschichte, wird der «Apple II» mit einem Schlag zum Universalwerkzeug für Finanz und Wissenschaft. Es ist das Programm, das IBM erst auf den Gedanken bringt, nicht länger nur schrankgrosse Industrierechner, sondern neu auch Personalcomputer herzustellen.

Visicalc, die Urmutter von Excel & Co., ist ein durchschlagender Erfolg und löst eine technologische Weltrevolution aus. Ironie der Geschichte: Auf eine Patentanmeldung haben die beiden begnadeten Erfinder verzichtet, weil ihnen die Kosten zu hoch und die Chancen zu klein erschienen.