Lifehack

Der Hacker ist ein Finsterling: Er bricht in Datenbanken ein und klaut Informationen, die er dann an den Meistbietenden verschachert. Aber kein Klischee ohne Parodie, und die heisst life hacking. Der Begriff wurde in den Achtzigerjahren in der Hackerszene geprägt, aber er hat nichts mit Computer zu tun, sondern mit spielerischen Wegen, sich das Leben ohne Informatik zu erleichtern. Lifehacks sind Tipps und Tricks meist in Form von Netzvideos, mit denen sich ungelöste Alltagsprobleme beheben oder lästige Alltagsarbeiten abkürzen lassen. Das geht dann zum Beispiel so:

Eigelb von Eiweiss trennen? Vergessen Sie alles, was Sie je gelernt haben. Schlagen Sie das Ei auf und geben Sie alles in einen Teller. Drücken Sie dann eine leere PET-Flasche zusammen, halten Sie die Öffnung behutsam aufs Eigelb und lassen Sie sachte los – Eigelb wird aufgesaugt, Eiweiss bleibt im Teller.

Oder: Schuhe binden, so dass sich die Schnürsenkel nicht wieder öffnen? Doppelknoten? Brachiale Gewalt? Von wegen. Die allerletzte Schleife des gewohnten Knotens binden Sie einfach genau andersrum. Verblüffend, aber wahr – dieser Knoten hält. Garantiert.

Ob Ladekabel, die man ordentlich aufrollt und in leere Klopapierrollen klemmt oder Äpfel, die man mit Bohrmaschine und Messer in Sekundenschnelle schält: Lifehacks sind selten frei von Komik, aber immer sind sie erfinderisch und kreativ. Was einst als Spleen begann, ist heute ein Update auf ein Leben 2.0.

Likejacking

Zwei Milliarden Menschen haben heute Zugang zum Internet. Mehr als ein Viertel davon, über 500 Millionen, nutzen Facebook. Was einst Mark Zuckerberg und seine Freunde als Online-Jahrgangsbuch in ihrer Harvard-Studentenbude zusammenbastelten, hat sich dicht hinter Google zur unangefochtenen Nummer Zwei im Internet entwickelt.

Als Facebook im April 2010 den Like-Button veröffentlichte, jenen Knopf, mit dem man spannende Inhalte auf einen Klick weiter empfehlen kann, galt das als weitere Meisterleistung von Zuckerberg & Co.: Mit einemmal war Facebook nicht länger ein geschlossenes System, sondern – kraft eines gehobenen Daumens in schmuckem Facebook-Blau – von jeder beliebigen Seite aus erreichbar.

Da sind Schmarotzer nicht weit. Der Like-Knopf kann nämlich perfiderweise auch eine transparente, über ein sichtbares Bild gelegte Grafik sein. Über ein vorgegaukeltes Video, das meist auf niedere Instinkte abzielt, wird ein unsichtbarer Like-Button gelegt. Wer sich hinreissen lässt und klickt, wird erstens ungewollt auf eine obskure Webseite umgeleitet und hat zweitens allen Facebook-Freunden denselben Schund schmackhaft gemacht. Das muss nicht immer harmlos sein: Nicht selten nutzen die Gauner Sicherheitslücken aus und verbreiten Schädlinge. «Likejacking» nennt sich diese Bauernfängerei, von to like und hijacking, Entführung.

Dabei gäbe es eine ganz einfache Gegenmassnahme: Verspricht das Filmchen einen ausgiebigen Blick auf die unverhüllte Nachbarin, zeigt die Statuszeile eine unbekannte Adresse statt facebook.com und finden sich im Titel verräterische Rechtschreibfehler, dann sollte man sich den Klick verkneifen, sich selbst und allen Facebook-Freunden zuliebe.

Denn merke: Gauner können viel. Gutes Deutsch aber zählt nicht dazu.

Link

Er hört auf einen schlichten englischen Namen: der Link. Auf Deutsch ist das eine ganz gewöhnliche Verbindung. Und als Sache alles andere als neu: Texte kennen die Fussnote, die angibt, woher das Zitat stammt, und Lexika kennen den Pfeil, der angibt, in welchem Eintrag mehr zu lesen steht. Der Link ist so alt wie der Buchdruck.

Der Link aber, den im März 1989 der damals 33-jährige Tim Berners-Lee erfand, löste eine Kulturrevolution aus. Sein zwölfseitiges Papier mit dem Titel «Information Management: A Proposal» ist heute sozusagen die Bibel des Web. Darin schreibt Berners-Lee von hot spots, Verbindungen zwischen Dokumenten, die ein Hin- und Herspringen erlauben:

Solche hot spots sind sensitive Bereiche wie zum Beispiel Icons oder markierte Textstellen. Mit der Maus auf einen solchen hot spot zu klicken, bringt die relevante Information hervor.

Der Clou dabei:

Weil sich Daten laufend verändern, erlaubt es ein solcher Hypertext, Dokumente mit Live-Daten zu verknüpfen, so dass jedes Mal die aktuellste Information verfügbar ist.

1989 war das eine wissenschaftstheoretische Vision. Heute ist der Link Alltag. In der Sprache HTML schreibt er sich a href=, danach folgt die Zieladresse. Das ganze, in spitzen Klammern, ist ein so genannter tag, der eigentliche Grundbaustein des Web. a href steht für anchor und hypertext reference, also für den Anker (den Link), und das Sprungziel: eine andere Webseite, ein Dokument, eine Mediendatei. Weil viele Klicks viel Erfolg bedeuten, ist der Klick auf einen Link heute eine globale Währung.

Allein Facebook zählt jeden Monat mehr als eine Billion Klicks. Wenn ein Link also mindestens so lang ist wie ein Dokument breit, dann reisen wir pro Monat, allein auf Facebook, mehr als 5000-mal um die Welt.

Linux

Kennen Sie Linus Torvalds? Nein. Aber Sie haben bestimmt schon von Linus Torvalds’ Sprössling gehört, dem PC-Betriebssystem Linux. Geboren wurde Linux 1991, als der 22-jährige Finne ein kleines Programm schrieb, mit dem er sich schneller in den Rechner der Universität Helsinki einwählen konnte. Weil Torvalds beschloss, sein Programm nicht für sich zu behalten, sondern es mitsamt seiner Bauanleitung veröffentlichte, und weil seither Tausende ebenso findiger Programmierer Linux weiter entwickeln, ist das agile kleine Betriebssystem zum heimlichen Star der Branche geworden.

Dabei ist ein Betriebssystem eigentlich etwas furchtbar Langweiliges. Es verwaltet den Speicher, vermittelt zwischen den einzelnen Teilen des Computers, und es überwacht die Ausführung der Programme, die wir fürs Schreiben oder fürs Internet brauchen. Und dann – Linux! Ein Ding mit so sperrigem Namen kann doch nichts wert sein! Falsch. Denn Betriebssysteme kosten Geld – Windows etwa oder Mac OS. Doch Linux ist kostenlos. Es lässt sich im Internet herunterladen, probeweise ab CD ausprobieren und einfach installieren. Weil aber Microsoft mit seinen aktuellen Betriebssystemen Vista oder Windows 7 den Markt dominiert, werden zur Zeit erst drei Prozent aller Computer mit Linux betrieben. Never touch a running system, sagen sich die meisten Anwender – und weil ihr PC bereits mit Vista verheiratet ist, gehen sie nicht mit Linux fremd.

Aber das kann sich ändern. Die bekannten Betriebssysteme sind im Laufe der Jahre zu wahren Riesen angewachsen – ungelenk und mit riesigem Hunger nach Leistung. Linux dagegen ist schlank, stabil und flink. Ob auf einem dieser neuen Netbooks, diesen winzigen, aber komplett ausgestatteten Taschencomputer, oder auf ersten Handys der Sonderklasse: Langsam lernen wir es kennen – Linux, das Kind, das längst erwachsen geworden ist.

Litfasssäule

In der guten alten Zeit hiess Spam noch Reklame und wurde noch gelesen. So wurde das wilde Plakatieren im Berlin der 1840-er Jahre zur Plage: Jeder freie Fleck wurde mit Leim bestrichen und zugeklebt.

Litfasssäule
Litfasssäule
Zum grossen Verdruss der Stadt – und eines gewissen Ernst Litfass, Besitzer des gleichnamigen Verlagshauses und königlicher Hof- und Buchdrucker. Von den Plakatflächen in Paris und London inspiriert, schlug Litfass das Aufstellen von Säulen vor, an denen die Menschen ihre Plakate anbringen sollten.

Die Berliner Behörden wollten davon anfänglich nichts wissen, und erst nach jahrelangen Verhandlungen liess sich der Berliner Polizeipräsident Karl Ludwig von Hinkeldey herab, dem findigen Verleger eine erste Genehmigung zu erteilen. Die umfasste allerdings gleich noch ein Zehnjahresmonopol; Bedingung: Nebst den Annoncen mussten auch die neuesten Nachrichten publiziert werden.

Litfass liess sich nicht lange bitten und stellte 1855 die ersten 100 Säulen auf, weitere 50 folgten 10 Jahre später. Während des deutsch-französischen Kriegs 1870/71 wurden hier auch die ersten Kriegsdepeschen veröffentlicht.

Die Litfasssäulen waren ein voller Erfolg. Die Werber konnten sich darauf verlassen, dass ihre Plakate während der vollen Mietdauer hängen blieben, ohne überklebt zu werden, und die Behörden stellten fest, dass eine Zensur der Inhalte viel bequemer war. Das Publikum schliesslich las und las:

Ich geh auf meinen Wegen
bei Sonnenschein und Regen
immer um die Litfaßsäule rum,

kalauerte Kurt Tucholsky. So wurde Ernst Litfass zum reichen Mann – und zum Säulenheiligen der Werbung.