Tabelle

Wann immer wir eine schwierige Entscheidung treffen – was spricht dafür? was dagegen? – dann erstellen wir eine Tabelle. In der Wissenschaft heisst sie matrix, auf Lateinisch «Gebärmutter», doch auf Deutsch ist die Darstellung in waagrechten Zeilen und senkrechten Spalten ganz einfach eine Tabelle. Im Grunde ist zwar auch das Latein und heisst «Brettchen» oder «Gedächtnistäfelchen», doch schon Goethe war die Tabelle als Ordnungsprinzip vertraut, als er 1809 seine Farbenlehre entwarf und überlegte, ob er auch eine Tonlehre in Angriff nehmen sollte. In Form einer «ausführlichen Tabelle», versteht sich.

Die Tabelle ist so etwas wie die kognitive Allzweckwaffe des modernen Menschen. Vor- und Nachteile, Namen und Daten – alles pflegen wir säuberlich in Zeilen und Spalten zu gliedern. In der Informatik die Datenbank, in der Wirtschaft die Bilanz, in der Chemie das Periodensystem – alles Tabellen. Und 1979 schliesslich schrieben die beiden knapp 30-jährigen Informatiker Dan Bricklin und Bob Frankston für den «Apple II» ein Programm namens Visicalc, das in Tabellen rechnen konnte: Jede einzelne Zelle konnte alle nur erdenklichen Berechnungen durchführen. «Visicalc» machte den Computer zu einer unendlichen Menge von Taschenrechnern, und das so, dass jedermann das auf Anhieb verstand. Ohne diese Urmutter aller Tabellenkalkulationen wäre der Computer kaum geworden, was er heute ist, und was Menschen alles in Tabellen speichern, wollen wir lieber gar nicht erst wissen.

Bei Goethe war die Tabelle noch eine mit Feder und Tinte geschriebene Liste von Gedanken, ein Gedächtnistäfelchen eben. Ihr Nachfolger hat noch immer die Form eines Brettchens, ist aber mittlerweile ein Hochleistungscomputer und nennt sich Handy.

Tabula rasa

«Tabula rasa» ist ein Neuanfang: Wir machen reinen Tisch und fangen nochmal ganz von vorn an.

Nur heisst das lateinische tabula rasa auf Deutsch eben nicht «reinen Tisch machen» – das ist eine Fehlübersetzung, weil tabula nicht «Tisch», sondern «Tafel» bedeutet. Im alten Rom war Papyrus für den täglichen Gebrauch zu teuer, und so machte man sich Notizen, indem man mit einem einfachen Stift aus Metall auf Wachstafeln schrieb. War die Tafel voll, griff man sich die nächste, und wurde das Geschriebene am Ende nicht mehr gebraucht, machte man tabula rasa – auf Deutsch «geschabte Tafel» – und wischte das eingedellte Wachs kurzerhand wieder glatt. Das war mitunter leichter gesagt als getan: Hatte man wie Marcus Tullius Tiro, der Sklave und Sekretär des Anwalts und Politikers Cicero, nicht bloss Stichwörter, sondern ganze Senatssitzungen wortgetreu protokolliert – tironische Noten, wie die von Tiro eigens entwickelte Kurzschrift hiess –, dann hatte man ein schönes Stück Arbeit vor sich, bis man am Ende wieder glatte, leere Wachstafeln vor sich hatte.

Tabula rasa, das unbeschriebene Blatt, wurde schon bei den alten Griechen zum Sprachbild für die Reinheit der Seele und des Geistes, bevor diese mit Eindrücken und Erfahrungen beschrieben und geprägt werden. Im 13. Jahrhundert berief sich Thomas von Aquin auf Aristoteles und nannte den menschlichen Intellekt eine tabula rasa, weil die Intelligenz seiner Ansicht nach am Anfang erst als Möglichkeit vorhanden sei. Wirklich intelligent, so schrieb er, würden wir erst im Lauf der Zeit, durch Lernen und Erfahren, also quasi durch den Griffel des Lebens.

Tafelsilber

Tafelsilber ist Tischgerät und Kapital: Mittellose Adlige, denen ausser einem Titel nichts geblieben war, trennten sich am Ende auch vom kunstvoll geschmiedeten Familienbesteck. Und das war keine Kleinigkeit. Ein reich gedeckter Tisch galt immer schon als Statussymbol. Als Queen Elisabeth II 1965 Deutschland besuchte, liess sie insgesamt sechs Tonnen Tafelsilber mitführen.

Tafelsilber ist ein ganzes Arsenal von Tellern, Schüsseln, Platten, Kasserollen, Saucièren, Schalen, Tassen, Bechern, Pokalen, Kandelabern – von den zahllosen Gabeln, Messern, Löffeln, Kellen, Servier-, Tranchier- und Spezialbestecken ganz zu schweigen. Das Tischgerät des Hauses Wittelsbach, eines der ältesten deutschen Adelshäuser, bestand aus über 3500 Teilen, die in den Silberkammern sorgfältig verwahrt wurden. Diese Silberkammern waren regelrechte Tresore – Gewölbe nahe der Küche und den Speisesälen, mit meterdicken Mauern, mit Türen aus gepanzerten Eichenbohlen und einem Riegelwerk aus Stahl.

In guten wie in schlechten Zeiten: Das königliche Tafelsilber – Silber mit einem Feingehalt von 800 Tausendsteln, teils vergoldet, selten gar Massivgold – war Teil des Staatsschatzes und diente notfalls als Rücklage. Der von Geldsorgen geplagte römisch-deutsche König Maximilian I musste 1496 sein Tafelsilber auf Jahre hinaus verpfänden; der Preussenkönig Friedrich Wilhelm I liess das seine im frühen 18. Jh. kurzerhand einschmelzen und zu Münzen prägen.

Heute ist fürstliches Tafelsilber nur noch in Museen anzutreffen. Ein sprichwörtlicher Notgroschen aber ist es geblieben – nicht für verarmte Adelshäuser, sondern für klamme Unternehmen.

Talisman

Talisman in Carneol
Gläubigen bringt er Glück und Wohl

So schreibt Goethe in seinem «West-östlichen Divan». Ein Talisman ist ein Glücksbringer, jedenfalls solange wir an ihn glauben. Wie genau der Talisman das bewerkstelligt, ist dabei so rätselhaft wie das Wort. télesma heisst auf Griechisch «Abbild», «Zauberbild» und stammt aus dem alten Byzanz. Im arabischen Plural telsamân wanderte es nach Spanien und Italien ein und kam im 18. Jahrhundert im Deutschen an. In England, Holland, Skandinavien, Frankreich, Spanien, Italien – der Talisman heisst in allen Sprachen so und klingt verheissungsvoll nach Scheherazade und der Zauberwelt des Orients.

Die Vorstellung vom glücksbringenden Zauberbild kommt aus dem alten Mesopotamien, dem Gebiet zwischen den Flüssen Tigris und Euphrat im heutigen Syrien und Irak. Vor allem in den alten Metropolen Babylon und Ninive war es Brauch, jedes Wohnhaus mit einem schützenden Bild zu versehen, einer in Stein gemeisselten, oft rätselhaften Zwittergestalt zwischen Göttern, Menschen und Tieren. Heute ist ein Talisman ein kleiner Gegenstand, oft eine bildliche Darstellung aus Metall oder Halbedelstein, die man in der Tasche oder um den Hals trägt. Glück soll er bringen, und damit ist er gleichsam das Gegenteil des Amuletts, das Unglück abwehren und Krankheiten und bösen Zauber fernhalten soll.

Es ist nicht so, dass Menschen nicht auch hierzulande auf Glücksbringer vertraut hätten: Die Hasenpfote und der Glückspfennig sind uns, was den alten Ägyptern der Skarabäus war. Und wenn wir heute am Kühlergrill eines Lastwagens ein Hufeisen sehen, dann ist das ein fernes Echo der Geschichten aus Tausendundeiner Nacht.

Tankstelle

In Wiesloch, einem Städtchen in Baden-Württemberg, begann der 3-PS-Motor zu stottern. Man schrieb das Jahr 1888, am Steuer sass Bertha Benz, Ehefrau des Konstrukteurs, und der Tank der dreirädrigen Motorkutsche war leer. Tatsächlich gab es in der Stadt-Apotheke sogenanntes «Ligroin», ein Leichtbenzin, das Hausfrauen zum Entfernen von Flecken benutzten. Mit diesem «Ligroin» füllte Bertha Benz den Tank ihres Benz Patent-Motorwagens Nummer drei und fuhr weiter. Damit ging die Apotheke von Wiesloch in die Geschichte ein: als erste Tankstelle der Welt.

Tankstellen im modernen Sinn – Tanks, Pumpenanlage, Zapfsäulen unter schützendem Dach – entstanden erst in den 1910er-Jahren, und mit ihren hell beleuchteten Säulen strahlten sie Wohlstand und Weltläufigkeit aus. Kein Wunder, dass die Tankstelle bald auch die Kunst anzog: Das Gemälde «Gas» des New Yorker Malers Edward Hopper zeigt die Tankstelle im Abendlicht, in der Bildmitte der Tankwart, an einer der knallrot lackierten Zapfsäulen stehend, in weissem Hemd, Krawatte und Seidenweste.

Die Tankstelle als Inbegriff der Zukunft rückte 1967 der deutsch-amerikanische Architekt Ludwig Mies van der Rohe ins Zentrum: Die Konstruktion, in Montréal für den Esso-Konzern gebaut, ist flach, langgestreckt, und besteht aus für Mies und das Bauhaus typischen strengen, geometrischen Formen – ein frei tragendes Dach auf Stahlpfeilern, zwei glasverkleidete Kuben für Verkaufsraum und Garage, als Kassenhäuschen eine Glasbox. Mies’ zeitlose Eleganz galt nicht bloss einer Zapfstelle: Seine Tankstelle – 2008 stillgelegt, heute ein Begegnungszentrum – war nichts weniger als eine Pilgerstätte des mobilen Menschen.