Taschenmesser

Es liegt gut in der Hand, sieht mit seinem geschwärzten Eichenholzgriff toll aus und ist mit Klinge, Schraubenzieher, Dosenöffner und Ahle unverschämt praktisch: das erste Schweizer Armeetaschenmesser Baujahr 1891. Das einzige, was fehlt, ist Swissness: 15 000 Stück hat die Armee bestellt, doch kein hiesiges Unternehmen kann so viele Messer auf einmal schmieden. So kommt schliesslich die Firma Wester & Co. aus dem deutschen Solingen zum Zug.

Das wurmt nicht nur die Armeeoberen, sondern vor allem den Schwyzer Messerschmied Karl Elsener. Noch im selben Jahr gründet er einen nationalen Verband – gemeinsam sind wir stark –, und die Aufträge gehen fortan an Elsener und seine Getreuen. Die Offiziere wissen Elseners patentes Klappmesser zwar zu schätzen, doch etwas ganz Wichtiges fehlt. Elsener tüftelt weiter – und fügt den arg vermissten Korkenzieher hinzu.

Nicht nur Elsener und seine «Victorinox», so benannt nach Mutter Victoria plus «inox» für «rostfrei» – auch die Firma Wenger aus Delémont schmiedet Taschenmesser. Zu erfinden allerdings gibt es kaum noch etwas: Das Schweizer Soldatenmesser ist so ausgereift, dass es im Zweiten Weltkrieg die neidvolle Aufmerksamkeit amerikanischer GIs erregt, die daran nur etwas auszusetzen haben: seinen unaussprechlichen Namen. Weswegen es flugs zu Swiss Army Knife umbenannt wird.

Die Anschläge auf das World Trade Center in New York und das anschliessende Messerverkaufsverbot an Flughäfen aber hinterlassen tiefe Einschnitte in den Bilanzen – die Traditionsfirma Wenger droht zugrunde zu gehen und wird 2005 von Victorinox übernommen. Die aber, mit 1800 Mitarbeitern und 500 Millionen Franken Umsatz, erfreut sich guter Gesundheit.

Tauschhandel

Tausche Beeren gegen Brennholz: Tauschhandel war das ökonomische Prinzip der Steinzeit. Es leuchtete allen ein: Man produzierte, was man am besten konnte – Getreide, Brot, Wolle, Faustkeile. Und davon immer ein bisschen mehr, so dass man überschüssige Ware gegen Dinge eintauschen konnte, die man gerade brauchte.

Nur: Tauschhandel hat einen gewichtigen Nachteil. Wie misst man Wert? Wieviele Kaninchen kostet ein Bärenfell? Wer handelte, musste ein kompliziertes Umrechnungssystem im Kopf haben, vom Umstand einmal abgesehen, dass sich Kaninchen schlecht aufbewahren liessen, weil sie mit der Zeit streng zu riechen begannen.

So erfanden die Händler der Urzeit Werteinheiten, sogenanntes Primitivgeld wie etwa Tierzähne oder Muscheln. Dieses Urgeld hatte drei Zwecke: Es war Zahlungsmittel, Wertaufbewahrungsmittel und Wertmassstab. Damit konnte man zahlen, sparen und bewerten, so dass sich das Bärenfell auf einmal präzise in Kaninchen umrechnen liess. Im Grunde konnte jedes Gut zu Geld werden – die Bedingung war nur, dass erstens alle es akzeptierten, zweitens in seinen Wert vertrauten und dass es davon drittens weder zuviel noch zuwenig gab: Gold und Silber, mit der Zeit Papier– und schliesslich gar virtuelles Geld.

Doch allen Bitcoins zum Trotz: Steinzeitgeschäfte gibt es immer noch. Firmen tauschen Dienstleistungen aus, von denen alle Beteiligten profitieren und die am Ende mit Rechnung und Gegenrechnung belegt werden, die auf genau denselben Betrag lauten, so dass keinerlei Bargeld fliessen muss. Das nennt man dann englisch bartering – auf Deutsch nichts anderes als «Tauschhandel».

Teebeutel

«Abwarten und Tee trinken», pflegen wir zu sagen – und vergessen dabei, dass man beim Warten eigentlich noch gar nichts trinken konnte, denn nach dem Ziehenlassen musste man den Tee erst noch absieben. Dass das Teetrinken bequemer – und schneller – geworden ist, verdanken wir den beiden Erfinderinnen Roberta Lawson und Mary McLaren aus Milwaukee, Wisconsin. Die beiden waren es leid, jedesmal den restlichen, schal gewordenen Tee wegzugiessen und sich über die Verschwendung zu ärgern. Ihr neuartiger «tea leaf holder» (auf Deutsch «Teeblatthalter») sollte das ändern: Ein kleines Säckchen aus dünnem Baumwollstoff, das Tee für genau eine Tasse enthielt, liess sich bequem mit Wasser übergiessen – convenience ohne foodwaste, würden wir heute sagen.

Die ersten kommerziellen Teebeutel von 1904 waren noch handgenäht, doch so richtig Fahrt nahm die Idee auf, als der Teehändler Thomas Sullivan seinen kostbaren Tee in platzsparende Seidenbeutel abpackte. Seine Kundinnen aber tauchten die Beutel gleich so ins Wasser, in der Annahme, das sei von Sullivan so vorgesehen.

Wahre Teekenner haben für die Beutel nur Verachtung übrig. Und doch landen die jährlich rund 30 Millionen Tonnen Tee zum grossen Teil in Teebeuteln. Die bestehen längst nicht mehr aus Baumwolle, sondern meist aus den Fasern der Blätter einer ostasiatischen Bananenart namens Abacá. Und auch genäht wird nichts mehr: Teebeutel werden, ohne Verwendung von Klebstoff, nach dem Abfüllen maschinell gefaltet.

Telegramm

Die Post, ob Tontafeln der Sumerer oder Wachstafeln der Römer, war eine praktische, aber nicht immer ganz zuverlässige Angelegenheit. Je grösser die Distanz, desto länger brauchte der Brief, und nicht selten ging er gleich ganz verloren.

Um Botschaften zu übermitteln, wurde schon im 17. Jahrhundert mit Rauch und Licht experimentiert, doch so richtig Schwung in die Sache brachte erst der elektrische Strom – und ganz besonders der erste elektromagnetische Schreibtelegraf des Amerikaners Samuel Morse. Sein Gerät, das Punkte und Striche mit einem Stahlstift in Papierstreifen presste oder mit einem Tintenrad aufzeichnete, war einfach und robust. Als in den 1930er-Jahren aus den Morsezeichen Buchstaben und aus dem Telegrafen- der Telexdienst wurde, war die Begeisterung gross: Nun konnten Firmen eigene Geräte ans Netz anschliessen.

Der moderne Telegraphenapparat gleicht äußerlich einer gewöhnlichen Bureauschreibmaschine und kann deshalb von jeder Daktylo ohne besondere Fachkenntnisse bedient werden,

jubelte 1956 die Neue Zürcher Zeitung. Und doch: Telegrafieren blieb ein kostspieliges Unterfangen. Weil sich die Gebühr nach der Anzahl der Wörter richtete, brachte der Telex gar eine eigene Sprache hervor: Anstatt «Ich komme am Freitag um 17 Uhr an» lautete die – nur halb so teure – Nachricht: «Ankomme Freitag 17 Uhr».

Das Bessere ist der Feind des Guten, und Telefax und E-Mail machten dem Telex den Garaus. Seit 1999 ist das Telegramm in der Schweiz Vergangenheit, und am 14. Juli 2013 schlossen auch in Indien die allerletzten Telegrafenämter, nach 163 Jahren Betrieb.

Temporalstunde

Temporalstunden sind zum ersten Mal im alten Ägypten belegt. Aufzeichnungen zeigen, dass Priester die Zeit zwischen Sonnenauf- und -untergang in zwölf gleich lange Abschnitte teilten. Weil Tage im Sommer aber länger sind als im Winter, dauerte im Tal der Könige am 21. Juni eine pharaonische Stunde 69 Minuten, am 21. Dezember dagegen bloss 51 Minuten. Die Nächte wurden nach demselben Prinzip unterteilt; die Nachtstunden dauerten dann entsprechend länger oder kürzer als die Tagesstunden.

Diese ungleich langen Temporalstunden waren in vielen Kulturen üblich und heissen deshalb auch biblische, jüdische, antike oder römische Stunden. Auch die Zählung war anders als heute: Die erste Stunde war die nach Sonnenaufgang; Mittag war sieben Uhr. Europa behielt diese Form der Zeiteinteilung bis ins späte Mittalter bei. Einfache, sogenannt «kanoniale» Sonnenuhren zeigten in Klöstern Temporalstunden an, um den Brüdern und Schwestern die täglichen Gebetszeiten anzuzeigen.

An zwei Tagen im Jahr, um den 20. März und den 23. September, ist die Nacht genau gleich lang wie der Tag. Tagundnachtgleichen hiessen auf Lateinisch aequinox, und weil dann auch Tag- und Nachtstunden gleich lang sind, nennt man unsere modernen Stunden auch «Äquinoktialstunden». Möglich wurden sie erst im 14. und 15. Jh dank Uhrwerken, die die Zeit unabhängig von der Jahreszeit messen konnten. Die Stunde als immer gleichbleibendes Zeitmass ist damit eine Erfindung der Mechanik und der Renaissance.