Teufelsstein

Unterhalb von Göschenen liegt der sogenannte «Teufelsstein». Er ist 13 Meter hoch und 2000 Tonnen schwer, und hierher versetzt hat ihn – nein, nicht der Teufel, sondern vielmehr eine mächtige Hydraulikpresse. Und das kommt so:

In alten Zeiten hatten die Urner mehrmals versucht, in der Schöllenenschlucht eine Brücke zu bauen. Vergeblich: Jedesmal stürzte der Bau in die wilde Reuss. Da schlug der Teufel ein Geschäft vor: Er werde die Brücke bauen, wenn er dafür die Seele bekomme, die als erste die Brücke überquere. Gesagt, getan. Die Urner aber, bauernschlau, jagten als erstes einen Ziegenbock hinüber. Wutentbrannt griff der Teufel nach einem riesigen Felsen, um damit das Bauwerk zu zerschlagen. Ein in den Stein geritztes Kreuz aber verwirrte den Teufel so sehr, dass er die Brücke verfehlte. So will es jedenfalls die alte Sage.

Tatsache ist, dass der Teufelsstein, der seit Menschengedenken auf dem Teufelssteinmätteli bei Göschenen lag, 1968 der geplanten Gotthardautobahn im Weg war. Die Ingenieure waren um eine Lösung nicht verlegen und planten, den lästigen Block zu sprengen. Aber auch sie hatten die Rechnung ohne die Urner gemacht: Die Naturforschende Gesellschaft, der Göschener Gemeinderat, die Natur- und Heimatschutzkommissionen von Bund und Kanton, ja sogar die Göschener Schuljugend mit einer Schülerzeitung – alle fachten sie einen wahren Entrüstungssturm an. Bis der Bund klein beigab und statt dessen eine Versetzung vorschlug.

Und so kam es, dass 1973 moderne Technik und Kosten von gut 300 000 Franken dem Teufel ins Handwerk pfuschten und den Granitblock um 127 Meter nach Norden schoben, wo er bis heute liegt.

Theaterdonner

Der sogenannte «Theaterdonner» gehört seit jeher zur Geräuschkulisse der internationalen Politik. Er ist eine martialische Drohung, die in erster Linie fürs einheimische Publikum gedacht, aber nicht wirklich ernst gemeint ist – dem Polterer geht es darum, als starker Mann dazustehen, ohne das Risiko eines echten Konflikts eingehen zu müssen.

Die Bretter, die die Welt bedeuten: Das Theater war immer schon eine Illusionsmaschine. Der grosse griechische Ingenieur Archimedes von Syrakus oder der erste Automatenbauer der Geschichte, Heron von Alexandria, dachten sich komplizierte Hebekräne und Spezialeffekte für die Bühne aus. Deren Krönung war seit jeher das Gewitter: Der Klang von Regen wurde mit einer lederbespannten und mit getrockneten Linsen gefüllten Walze erzeugt, der Einschlag eines Blitzes mit herabfallenden, flach aufschlagenden Brettern oder mit Schiesspulver. Ganz besonders erfinderisch machte der Donner: Mächtige, mit Fäusten bearbeitete Donnerbleche; mit Steinen gefüllte Fässer oder schwere Eisenkugeln, die auf dem Schnürboden hin und her gerollt wurden; schwer beladene Donnerwagen mit kantigen Rädern; Donnerrinnen, durch die Steine in die Tiefe polterten; Donnerpauken, deren Fell mit Kies belegt war, damit der Donner auch ordentlich nachgrollte. Um 1800 wurde gar eine eigentliche Donnermechanik erfunden, die mit Filz bespannte Zahnräder über einen Resonanzboden laufen liess.

Ob Politik oder Theater – so täuschend echt Theaterdonner auch grollen mag: Er grollt stets zum Schein.

Theriak

Das Königreich Pontos lag an der Südküste des Schwarzen Meeres, in der heutigen Türkei. Hier zu regieren war nicht ungefährlich: Im 1. Jahrhundert v. Chr. herrschte König Mithridates, und sein Leben lang fürchtete er sich davor, vergiftet zu werden. So liess er aus Honig und Dutzenden weiterer Substanzen ein angebliches Gegengift herstellen, das er Mithridaticum nannte. Der römische Kaiser Nero, gut ein Jahrhundert später, hatte genauso viel Angst vor Gift: Sein Leibarzt ergänzte das Rezept um Zutaten wie Honig und Vipernfleisch. Dahinter stand der Glaube, dass Schlangen ja gegen ihr eigenes Gift immun seien und ihr Fleisch demnach vor Vergiftungen schützen müsse. Findige Apotheker begannen gar Opium beizumischen, und im Mittelalter wurde die mittlerweile «Theriak» genannte Arznei zum regelrechten Allheilmittel: Es sollte gegen jede erdenkliche Krankheit wirken, gegen Fehlgeburten und selbst gegen die Pest.

Theriak war teuer, und seine Herstellung ein glänzendes Geschäft. Damit stieg auch die Versuchung, minderwertige Substanzen beizumischen. Viele Städte, darunter Venedig, Monpellier, Toulouse, Nürnberg und Basel, verfügten daher, dass Theriak nur noch öffentlich und unter behördlicher Aufsicht gemischt werden durfte.

Erst im späten 19. Jahrhundert wurde Theriak von der modernen, evidenzbasierten Medizin verdrängt. In Museen und auf Trödelmärkten aber finden sich bis heute alte, prachtvoll bemalte Porzellangefässe mit dem mystischen Namen Theriaca.

Tic Tac Toe

«Tic Tac Toe» ist ein jahrtausendealtes Strategiespiel für zwei Spieler. Abwechselnd setzen sie ein X oder ein O auf die Spielfläche mit dreimal drei Feldern. Wem es zuerst gelingt, eine Dreierlinie zu bilden – waagrecht, senkrecht, diagonal –, der hat gewonnen.

Bloss: Wenn keiner einen Fehler macht, ist das gar nie der Fall. Denn Tic Tac Toe ist ein Spiel, das zwar mehr als eine Viertelmillion möglicher Spielverläufe kennt, aber keinen Sieger – und wenn doch, dann nur, wenn einer den Durchblick nicht hat.

Erstaunlich also, dass auch heute noch jedes Kind das Spiel kennt. Das liegt daran, dass es so einfach ist: Kein anderes Spiel ist so rasch erklärt. Und kein anderes lässt sich so einfach programmieren: Es gibt zahllose Tic Tac Toes für Computer und Handy – unter dem Namen «OXO» war es 1952 eines der allerersten Games, die je für einen Computer geschrieben wurden.

Im Film «War Games» von 1983 spielte es sogar eine Hauptrolle: Dem jungen David gelingt es, in einen fremden Computer einzudringen und ein ihm unbekanntes Game namens «Globaler thermonuklearer Krieg» zu spielen. Was er nicht weiss: Der Computer steuert, ausgerechnet, Amerikas Atomraketen. Als David endlich erkennt, dass er gerade dabei ist, einen Atomkrieg auszulösen, lässt er den Computer in letzter Sekunde das Kinderspiel Tic Tac Toe spielen, bis dieser die strategische Sinnlosigkeit erkennt und die Raketenstarts abbricht.

A propos durchschauen: Fast so einfach wie die Spielregeln ist auch die Strategie. Beginnen Sie mit Ihrem X oder O stets in einer Ecke. Setzt Ihr Gegner danach nicht genau in die Mitte (und machen Sie keinen groben Schnitzer), dann werden Sie in jedem Fall gewinnen.

Ticker

Wenn der Apparat des amerikanischen Erfinders Samuel Finley Breese Morse ansprang, dann hörte die Welt hin: Zum ersten Mal in der Geschichte liessen sich mit dem neuartigen Morseapparat Telegramme übermitteln – 1837 im Rahmen eines Versuchs durch 16 Kilometer Kabel, 1850 bereits über den halben amerikanischen Kontinent: Ein technisches Weltwunder. Der Telegraf presste mit einem Stahlstift oder einem Tintenrad Punkte und Striche auf Papierstreifen, und als in den 1930er-Jahren aus den Morsezeichen Buchstaben wurden, war das Geräusch des Tickers bald einmal der Inbegriff von Tempo und Verlässlichkeit.

Nachrichten hatten auf einmal ihren eigenen Sound, und der war so prägend, dass er sich auch in der Sprache niederschlug: Das Ticken des Fernschreibers führte zum lautmalerischen Wort «Ticker» – das war weit eingängiger als der schwerfällige, aus dem Altgriechischen entlehnte «Telegraph».

Die Geräte – der Morseapparat, dann der Schreibtelegraf – sind längst Geschichte: Am 14. Juli 2013 schlossen in Indien auch die allerletzten Telegrafenämter der Welt, nach insgesamt 163 Jahren Betrieb. Der Bedarf nach Nachrichten in Echtzeit dagegen ist heute so gross wie nie. Ob Nachrichten oder Börsenkurs, Wetter oder Verkehr: News wollen wir sofort. Und so bleibt der Ticker zumindest sprachlich am Leben: Wann immer es eilt und (vermeintlich) wichtig ist, informieren Zeitungen, Radio und Fernsehen mit einem «Liveticker». Erfinder Morse hätte seine helle Freude.