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Fussball

Geld regiert die Welt, sagt man. Nur: Wenn man bedenkt, dass der internationale Fussballverband, die Fifa, nach Schätzungen des Wall Street Journal im WM-Jahr 2010 insgesamt 3,8 Milliarden Franken umsetzt, ist es vielleicht doch eher der Fussball, der die Welt regiert.

Fussball
Fussball
Die Geschichte des Spiels liegt im Dunkeln. Zwar weiss man, dass es in China bereits im zweiten Jahrtausend vor Christus ein fussballähnliches Spiel gab. Spiel ist allerdings das falsche Wort – es handelte sich viel eher um ein militärisches Trainingsprogramm, und seine Regeln sind nicht überliefert.

Doch das Leder, das da buchstäblich mit Füssen getreten wird, hat’s in sich. Aus gegerbtem Leder eine Kugel zu formen, ist nämlich – theoretisch – ebenso unmöglich wie das Falten einer Erdkugel aus einem Blatt Papier. Praktisch, das heisst annäherungsweise, geht das natürlich doch. Mathematiker würden einen Fussball als ein «abgestumpftes Ikosaeder» bezeichnen, einen Körper, der aus 12 Fünfecken und 20 Sechsecken gebildet wird.

Und aus Fünf- und Sechsecken werden sie auch genäht, die Fussbälle. Leder wird dabei kaum mehr verwendet. Ein moderner Fussball besteht aus Kunstleder, hergestellt aus Polyurethan oder dem billigeren PVC. PVC ergibt dabei die schlechteren Bälle und ist ausserdem problematisch, weil bei seiner Verbrennung das hoch giftige Dioxin entstehen kann.

Genäht werden sieben von zehn Fussbällen dieser Welt übrigens in einer einzigen Region: in der Stadt Sialkot im Nordosten von Pakistan. Hier leben 30 000 Menschen davon, dass sie die 32 Kunstlederstücke eines Balls mit Nadel und Faden zusammennähen, 40 Millionen Bälle pro Jahr. Niedriglöhne und Kinderarbeit sind dabei immer noch die dunkle Seite des Fussballs.

Autobahn

50 Jahre ist es her, da waren Autobahnen nicht Schneisen der Blechlawinen, sondern der Inbegriff der Moderne – die Politik sah in ihnen das Netz, das Stadt und Land, die Landesteile, ja die Schweiz als Staat zusammenhalten sollte, von Wirtschaftlichkeit und Sicherheit ganz zu schweigen. «Nur selten bietet sich einem Staate die Gelegenheit, in einem Wurfe die Verkehrsbeziehungen eines Verkehrsträgers durch eine Gesamtkonzeption grundlegend neu zu gestalten und damit den Erfordernissen des modernen Lebens auf Jahrzehnte hinaus anzupassen», schrieb der Bundesrat 1960 in seiner Botschaft ans Parlament.

Tatsächlich: Eine Autobahn ist nicht einfach eine Strasse – sie ist eine Strasse im Plural. Sie ist nur an bestimmten Stellen zugänglich, hat im Regelfall vier nach Fahrtrichtung getrennte Spuren, eine Pannenspur und keine Kreuzungen auf gleicher Höhe.

Und sie hat eine lange Geschichte. Die erste Autobahn der Welt war die legendäre Avus in Berlin, vom Funkturm durch den Grunewald. Die Avus, eine Abkürzung für «Automobil-Verkehrs- und Übungs-Strasse», war eine Renn- und Teststrecke, privat finanziert, ab 1913 gebaut und, nach Unterbrüchen während des Ersten Weltkriegs, 1921 eröffnet. Mit heutigen Autobahnen hatte die Avus noch wenig gemein. Sie wies eine aus Backstein gemauerte Steilkurve auf und hatte Bodenwellen von bis zu 10 Zentimetern Höhe. Die Avus war lebensgefährlich und für Private, wenn überhaupt, nur gegen teures Geld zu befahren.

Heute sind Autobahnen aus der Schweiz nicht mehr wegzudenken. Pro Jahr legen wir auf ihnen 25 Milliarden Fahrzeugkilometer zurück – das ist mehr als 80-mal von der Erde zur Sonne und wieder zurück.

Spiel des Lebens

Mathematik, mit Leib und Seele: John Horton Conway, Jahrgang 1937 und Professor in Princeton, entspricht nicht ganz dem kreidestaubigen Klischee. Denn er hat eine Schwäche: das Spielen. Für andere wäre «Unterhaltungsmathematik» eine Beleidigung. Nicht für John Conway.

1970 dachte er sich ein «Spiel für null Spieler» aus, wie er es augenzwingernd nannte. Das geht so: Man stelle sich ein unendlich grosses Schachbrett vor. Legt man einen Spielstein auf ein Feld, kann dieser Stein maximal acht Nachbarn haben, dann nämlich, wenn auf jedem umliegenden Feld ebenfalls ein Stein liegt. Conway streute wahllos Steine auf sein Brett und stellte sich dabei vor, jeder sei ein Lebewesen. Die virtuelle Natur sollte drei einfachen Regeln folgen: Ist ein leeres Feld von drei angrenzenden Zellen umgeben, dann entsteht darauf eine neue Zelle. Eine lebende Zelle, die zwei oder drei Nachbarn hat, bleibt am Leben; hat sie nur einen oder aber mehr als drei Nachbarn, geht sie zugrunde, je nachdem an Einsamkeit oder Übervölkerung.

Runde für Runde verändert sich so das Spiel, das Conway «Life» nannte, Spiel des Lebens. Nächtelang brütete er über seinen Spielsteinen – und entdeckte dabei faszinierende Muster: Figuren, die krabbeln können, Figuren, die sich in die Unendlichkeit ausdehnen – und dann urplötzlich in sich zusammenfallen.

Studenten dient das Spiel heute als Fingerübung im Programmieren, und Wissenschaftler sehen in ihm so genannte «zelluläre Automaten». Noch heute gibt es ganze Forscherteams, die das «Game of Life» in potenziell unendlichen Räumen erforschen.

Conway selbst hatte nichts als sein Spielbrett zur Verfügung. Und seinen ungebremsten Spieltrieb. So kommt es, dass die Conway-Krabbelfigur, der so genannte «Gleiter», zum Symbol geworden ist: nicht für die Gilde der Mathematiker, sondern der Computer-Hacker.

Rubikwürfel

Alea iacta est.

«Der Würfel ist gefallen» – an jenes legendäre Zitat Julius Cäsars wird auch einer gedacht haben, der mit Macht und Politik nichts, dafür mit Design und Architektur ganz viel im Sinn hatte: Ernö Rubik, Jahrgang 1944 und Dozent an der Hochschule für industrielle Kunst in Budapest, ersann den Rubikwürfel, um das räumliche Vorstellungsvermögen seiner Studenten zu trainieren.

Der Rubikwürfel hat eine Kantenlänge von etwas weniger als sechs Zentimetern, besteht aus insgesamt 26 Teilwürfeln, deren Flächen mit farbiger Folie beklebt sind und deren Anordnung jede Menge Kopfzerbrechen bereitet. Denn alle drei Würfelebenen lassen sich in jeder Raumachse drehen, was eine immense Zahl an Kombinationen zulässt – insgesamt, so rechnen Mathematiker vor, gibt es mehr als 43 Trillionen Möglichkeiten, den bunten Würfel zu verdrehen. Nur eine einzige allerdings ist die richtige – die nämlich, die am Ende auf jeder Seite eine einfarbige Fläche zeigt.

Der Würfel, 1975 patentiert und heute fast so berühmt wie Cäsars Diktum, hielt bald Einzug in den kapitalistischen Westen. 1981 erreichte die Würfelmanie ihren Höhepunkt. 160 Millionen Würfel – aus britischer und amerikanischer Produktion, aber auch in Form fernöstlicher Billigprodukte – wurden schon damals verdreht und verdreht und verdreht, mit endloser Geduld und in der Regel ohne Erfolg. Bis das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» ein Einsehen hatte und in Ausgabe Nummer 4/1981 eine Komplettlösung veröffentlichte.

Das tat dem Zauber des Würfels keinen Abbruch: Die jüngsten Rubikwürfel drehen sich im Web und auf dem iPhone, und an offiziellen Meisterschaften im so genannten speedcubing messen sich die Besten. Weltrekordhalter ist der Holländer Erik Akkersdijk – 2008 schaffte er den Rubikwürfel in 7,08 Sekunden.

Salbe

Salbungsvoll, so hoffen wir, wenn uns ein Leiden plagt, ist der Apotheker: Er hält die Salbe bereit, die uns Linderung verschafft. Salbe, diese halbfeste Masse auf der Basis von Fett, enthält Wirkstoffe, die – weil der Fettfilm lange auf der Haut haftet – über längere Zeit hinweg freigesetzt werden und so Muskelkater oder Ausschläge wirksam lindern.

Gesalbt wird seit Jahrtausenden: Als Grundsubstanz diente Schweine- oder Gänseschmalz, Wollfett und, wenn auch erst seit 1859, die vom amerikanischen Chemiker Robert Chesebrough entdeckte Vaseline. Die fand sich als lästiger Rückstand auf den Bohrstangen der Ölförderanlagen von Titusville, Pennsylvania, und pflegte die Pumpen zu verstopfen. Andererseits hatten die Ölarbeiter herausgefunden, dass Brandwunden sehr viel besser heilten, wenn man sie mit der schmierigen Masse bestrich. Chesebrough analysierte, extrahierte – und stellte 1870 die erste reine Vaseline her, die er petroleum jelly, «Erdöl-Gel», nannte.

Salbungsvoll, so stellen wir am Sonntag in der Kirche fest, ist auch der Pfarrer. Und auch er kann dabei auf Jahrtausende zurückblicken: Das lateinische christus geht auf das noch ältere griechische christós zurück, dem Partizip von chríein, «salben, mit Salbe bestreichen». Mit Christus war ursprünglich also nicht die Person Jesu gemeint, sondern vielmehr seine Eigenschaft als mit kostbarem Öl Gesalbter.

«Salben» konnte im Lauf der Zeit gar mancherlei bedeuten: die Haut mit Duftstoffen einreiben, ein quietschendes Scharnier schmieren, Lederzeug einfetten, jemandem eine Tracht Prügel verabreichen, einen Leichnam einbalsamieren, weihen, sich rituell waschen – und selbst das blanke Gegenteil: sich schmutzig machen.

Am wichtigsten war dem Menschen aber zu allen Zeiten die Salbe als Heilmittel. Wie sagt doch ein iranisches Sprichwort:

Das Beste, was man vom Reisen nach Hause bringt, ist die heile Haut.