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Pressefreiheit

Gazetten dürfen, so sie delectieren sollen, nicht genieret werden,

schrieb Friedrich der Grosse 1756 an Voltaire. Ein grosses Wort des Preussenkönigs – in einer Zeit, in der die Freiheit der Presse in Europa, wenn überhaupt, noch mit einem kleinen p geschrieben wurde. Das Wort «Pressefreiheit» war juristendeutsch und meinte das obrigkeitliche Recht, Zeitungen drucken zu dürfen. Als diese ersten Blätter es wagten, neben der Religion auch die Politik aufs Korn zu nehmen, legten ihnen die Behörden Zügel an. Und so ist die Pressefreiheit, wie wir sie heute verstehen, aus ihrem puren Gegenteil gewachsen: aus staatlicher Zensur.

Das erste Gesetz, das sich gegen die Zensur richtete, stammt aus England: Im 17. Jahrhundert forderten der Dichter John Milton und der Philosoph John Locke die Aufhebung des britischen Zensurstatuts, mit Erfolg. Als verfassungsmässig garantiertes Recht aber wurde die Pressefreiheit erst durch die Vereinigten Staaten von Amerika festgeschrieben: im 1791 verabschiedeten 1. Zusatzartikel zur Verfassung und damit als Teil der Bill of Rights, jenes für Demokratien wegweisenden Katalogs von Grundrechten eines jeden freien Menschen. Dieses so genannte First Amendment verbot dem Kongress explizit jedes künftige Gesetz, das die Meinungs-, Religions-, Presse- oder Versammlungsfreiheit einschränkt.

Ob China oder Iran: Staatliche Zensur ist in vielen Weltgegenden nach wie vor beklagenswerte Realität. Denn wie ungeheuer wichtig eine freie Presse für einen gesunden Staat ist, war Amerikas Gründervätern sehr bewusst. So schrieb der nachmalige Präsident Thomas Jefferson schon im Jahr 1787:

Wäre es an mir, zu entscheiden, ob wir eine Regierung ohne Zeitungen oder aber Zeitungen ohne eine Regierung haben sollten, ich würde keinen Moment zögern, das Letzte vorzuziehen.

Tschernobyl

Es ist still in Pripjat, jener Geisterstadt nördlich von Kiew, in der Ukraine, nahe der Grenze zu Weissrussland. Totenstill. Erst 1970 – zusammen mit dem Kernkraftwerk Tschernobyl – für die Arbeiter und ihre Familien gebaut, wurde Pripjat in den letzten Apriltagen 1986 vollständig geräumt.

Denn kurz zuvor, am 26. April, war Block 4 des Kraftwerks nach einer missglückten Notfallübung des Chefingenieurs Anatoli Djatlow «instabil» geworden, wie es hiess. Noch während der Turbinenmeister den Nachlauf der gewaltigen Lager prüfte, setzte im Reaktorraum eine Kernschmelze ein. Die diensthabenden Techniker bemerkten die Kettenreaktion Augenblicke zu spät, die über dem Uran hängenden Steuerstäbe klemmten im sich bereits verformenden Reaktor. Unterhalb des Betondecke bildeten sich grosse Mengen von Wasserstoffgas, eine gewaltige Explosion zerriss das Gebäude und setzte die Graphitbeschichtung in Brand, während sich der schmelzende Reaktorkern langsam in die Tiefe frass. Tagelang wüteten schwere Brände, die mit Bor, aus Helikoptern abgeworfen, mit Blei, Dolomit, Sand und Lehm, von so genannten «Liquidatoren» herbeigeschafft, erstickt werden sollten.

Bis zu 800 000 Aufräumarbeiter waren es, die die Hinterlassenschaft einer der grössten technologischen Katastrophen unserer Zeit beseitigen sollten. 1000 von ihnen wurden allein am ersten Tag tödlich verstrahlt; wieviele genau geopfert wurden, bleibt bis heute geheim.

Die Arbeiterfamilien in der Kraftwerksstadt Pripjat wurden innert Stunden aus ihren Wohnungen, die Kinder aus Schulen und Kindergärten geholt, in Busse verfrachtet und evakuiert. Noch jahrelang wurden die leeren Gebäude mit Abwärme der verbleibenden Tschernobyl-Reaktoren weiter beheizt – wenn sie verfallen, wird ihr Staub über das fruchtbare Land wehen und den Boden weiter verstrahlen.

Coca-Cola

Die Coca-Cola Company, mit einer Bilanzsumme von 43 Milliarden Dollar, ist eine der erfolgreichsten der Welt. Ganz schön viel für ein Süsswasser. Aber tatsächlich war Coca-Cola schon immer mehr als das. Zum Beispiel Medizin: Als der Drogist John Pemberton am 29. Mai 1886 im Atlanta Journal für sein aus schwärzlichem Sirup zusammengerührtes Getränk warb, sollte Coca-Cola gegen Müdigkeit, Kopfschmerzen, Depressionen und sogar Impotenz helfen. Erfinder Pemberton sollte den Erfolg seines Wässerchens nicht mehr erleben – nur zwei Jahre später verkaufte er alle Rechte für 2300 Dollar an den Apothekengrosshändler Asa Candler. Der machte aus der Sirupküche ein Unternehmen und ging 1917 in die Politik. Eine gute Gelegenheit, die Aktien an seine Verwandten zu verteilen – aber insgesamt eine schlechte Idee, weil zwei Jahre später sein Sohn die Company, hinter dem Rücken seines Vaters, weiterverkaufte. Vom Unternehmen zum Weltkonzern wurde Coca-Cola erst unter dem neuen Präsidenten Robert Woodruff, der seinen Job 1923 antrat. Und heute gehört Coca-Cola zum Rückgrat der amerikanischen Wirtschaft und ist Teil des Dow Jones-Börsenindex.

Da sind Mythen nicht weit. Zum Beispiel der vom Kokain – angeblich enthielt Coca-Cola anfänglich Alkaloide aus den Kokablättern. Alles falsch, sagt die Company – reichlich halbherzig, weil der Ruch des Verbotenen ausgesprochen sexy ist. A propos sexy – angeblich ist die Flasche den weiblichen Rundungen nachempfunden. Alles falsch, sagt die Company – Vorbild war 1915 eine Vase von Tiffany. Und die typische Riffelung der Flasche geht gar auf einen glatten Irrtum zurück – ein Mitarbeiter der Glasmanufaktur verwechselte Koka mit Kakao, schlug im Lexikon die Kakaofrucht nach und goss am Ende die Form in Glas, die Wirtschaftsgeschichte geschrieben hat.

Monopoly

Mit vier bis zum teuren Zürcher Paradeplatz, oder – Mist! – mit sechs übers Ziel hinaus zum billigen Kornplatz in Chur? «Monopoly» machte Generationen mit den Regeln der freien Marktwirtschaft vertraut. Die Regeln sind altbekannt: Es gilt, Boden aufzukaufen und seine Mitspieler in den Ruin zu treiben.

Doch darum ging es nicht nur auf, sondern auch neben dem Spielbrett. Monopoly geschaffen hat angeblich 1930 der Erfinder Charles Darrow, ebenso angeblich als Zeitvertreib während dessen Arbeitslosigkeit in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise. Erste Monopoly-Ausgaben entstanden in Handarbeit, die Darrow an Freunde und Nachbarn verkaufte. 1935 kaufte die Spielefirma Parker Brothers die Rechte am Spiel, das sie noch ein Jahr zuvor nicht hatte haben wollen, wegen «52 grundsätzlichen Fehlern». So grundsätzlich konnten die Fehler nicht gewesen sein, denn Monopoly wurde seinem Namen gerecht – und zum Bestseller.

Das wiederum rief den Wirtschaftsprofessor Ralph Anspach auf den Plan, der «Anti-Monopoly» entwickelte, mit umgekehrten Regeln: Das Spiel wird anfangs von Trusts beherrscht, die Spieler sammeln Anerkennungspunkte und schaffen allmählich eine freie Marktwirtschaft.

Es kam, wie es kommen musste – und Parker Brothers und Anspach fanden sich vor dem Supreme Court in Washington wieder. Doch die höchsten Richter der USA liessen Parker abblitzen und befanden, dass Monopoly gar kein Original sei, sondern vielmehr ein Plagiat. Das Original hat Jahrgang 1904, war von Hand gezeichnet, trägt die US-Patentnummer 748 626 und stammt von einer jungen, findigen Quäkerin aus Virginia. Es hiess «The Landlord’s Game».

Post-it

Sollte das papierlose Büro jemals Tatsache werden – sie werden unersetzlich bleiben: die kanariengelben, quadratischen, auf der Rückseite mit Spezialkleber versehenen Merkzettel namens «Post-it». Auf ihnen notieren wir Aufgaben, Einkaufslisten, Liebesbriefe, und dann kleben wir sie lustvoll in Bücher, auf Kühlschranktüren und Fensterscheiben. Kaum zu glauben, dass wir dem patenten Klebezettel schon seit 30 Jahren auf den Leim gehen.

Post-it
Post-it
Ende der sechziger Jahre knobelte der Chemiker Spencer Silver von der Minesota Mining and Manufacturing Company, kurz 3M, an einem Superkleber der Zukunft herum. Doch das einzige, was Silver in jahrelanger Forschung zustande brachte, war eine klebrige Masse, die zwar auf jeder Oberfläche haftete, aber auch genauso leicht wieder abzulösen war.

Das rief Silvers Kollegen Art Fry auf den Plan. Der war, so will es jedenfalls die 3M-Firmengeschichte, begeisterter Sänger im Kirchenchor und ärgerte sich immer wieder über die aus dem Gesangbuch herausfallenden Notizen. Also schnitt sich Fry handliche Zettel zurecht, borgte sich etwas Testleim von seinem glücklosen Kollegen – und fertig war das erste Post-it. Es haftete zuverlässig im Gesangbuch und liess sich nach Gebrauch mühelos und ohne Rückstände wieder entfernen.

Heute kleben Post-its zu Abermillionen an den aberwitzigsten Orten und Örtchen, und längst gibt es auch Post-it-Software und -Onlinedienste, die fast genau so simpel sind. Aber eben nur fast. Denn bevor wir zu den virtuellen Merkzetteln greifen können, müssen wir uns anmelden – natürlich mit dem Passwort, das wir uns nie merken können. Weshalb wir es notieren und, als Post-it, auf den Bildschirm kleben.