Alle Beiträge von twb

Litfasssäule

In der guten alten Zeit hiess Spam noch Reklame und wurde noch gelesen. So wurde das wilde Plakatieren im Berlin der 1840-er Jahre zur Plage: Jeder freie Fleck wurde mit Leim bestrichen und zugeklebt.

Litfasssäule
Litfasssäule
Zum grossen Verdruss der Stadt – und eines gewissen Ernst Litfass, Besitzer des gleichnamigen Verlagshauses und königlicher Hof- und Buchdrucker. Von den Plakatflächen in Paris und London inspiriert, schlug Litfass das Aufstellen von Säulen vor, an denen die Menschen ihre Plakate anbringen sollten.

Die Berliner Behörden wollten davon anfänglich nichts wissen, und erst nach jahrelangen Verhandlungen liess sich der Berliner Polizeipräsident Karl Ludwig von Hinkeldey herab, dem findigen Verleger eine erste Genehmigung zu erteilen. Die umfasste allerdings gleich noch ein Zehnjahresmonopol; Bedingung: Nebst den Annoncen mussten auch die neuesten Nachrichten publiziert werden.

Litfass liess sich nicht lange bitten und stellte 1855 die ersten 100 Säulen auf, weitere 50 folgten 10 Jahre später. Während des deutsch-französischen Kriegs 1870/71 wurden hier auch die ersten Kriegsdepeschen veröffentlicht.

Die Litfasssäulen waren ein voller Erfolg. Die Werber konnten sich darauf verlassen, dass ihre Plakate während der vollen Mietdauer hängen blieben, ohne überklebt zu werden, und die Behörden stellten fest, dass eine Zensur der Inhalte viel bequemer war. Das Publikum schliesslich las und las:

Ich geh auf meinen Wegen
bei Sonnenschein und Regen
immer um die Litfaßsäule rum,

kalauerte Kurt Tucholsky. So wurde Ernst Litfass zum reichen Mann – und zum Säulenheiligen der Werbung.

Nelson, Horatio

Horatio Nelson war krank, oft und heftig – Zeit seines Lebens litt Englands berühmtester Admiral ausgerechnet an der Seekrankheit.

Und doch sollte die See seine Heimat werden. Sohn eines Reverend, lernte er schon als Bub segeln, und mit nur 12 Jahren heuerte er wie viele andere bei der Royal Navy an, nicht als Bootsjunge, sondern – weil sein erster Kapitän ein Onkel war – gleich als Midshipman und damit Offiziersanwärter. Nelsons offenkundiges Talent und die Protektion seines Onkels waren die steife Brise in den Segeln seiner Karriere.

Die Klippen waren gesundheitlicher Natur. Einmal zwang die Malaria Nelson von Bord, später das Gelbfieber, schliesslich Holzsplitter, die sich beim Treffer einer französischen Festungskanone in sein rechtes Auge gebohrt hatten, am Ende eine spanische Musketenkugel, die eine Amputation seines rechten Arms nötig machte.

Dennoch kletterte Nelson die Wanten von Militär und Adel hoch, wurde Vizeadmiral und Graf, als königlicher Dank für eine ganze Reihe gewonnener Gefechte.

Seine letzte, vier Stunden dauernde Seeschlacht schlug Nelson 1805 an Bord seines Flaggschiffs «HMS Victory» am Kap Trafalgar. Überragender Taktiker, der er war, brachte er den vereinigten Flotten Frankreichs und Spaniens eine vernichtende Niederlage bei. Auf Deck von einem französischen Scharfschützen getroffen, starb der Admiral, kurz nachdem man ihm von seinem überwältigenden Sieg berichtet hatte.

Damit der Leichnam nicht zerfiel, wurde Nelson in einem vollen Brandyfass nach London zurückgebracht. Sein Grab liegt in der St. Pauls Cathedral, sein Denkmal am Trafalgar Square, sein Schiff im Trockendock in Portsmouth. Unter Deck: noch immer das geschichtsträchtige Fass.

Tube

Der Amerikaner John Goffe Rand war Porträtmaler. Er lebte in den 1840er Jahren in England und ging, wie so mancher Kollege, bald vergessen.

Eines seiner Werke aber steht in buchstäblich jedem Haushalt dieser Welt: die Tube. John Rand war nämlich nicht nur Maler, sondern auch ein praktisch veranlagter Mensch, der sich grün und blau ärgerte, wenn seine Farben mal wieder eintrockneten. Die wurden damals entweder in Pulverform verkauft, in teuren Messingspritzen – oder aber in Beuteln, in die man ein Loch stach, um die Farbe herauszudrücken. Trockene Farbreste pflegten dieses Loch regelmässig zu verstopfen, jedes Mal wurde kräftiger zugedrückt, bis am Ende der Beutel platzte und statt der Leinwand dem Künstler Farbe verlieh.

Rand begann mit Bleifolie zu experimentieren, und am 11. September 1841 wurde ihm das US-Patent Nr. 2252 zuerkannt, für seine «Verbesserung der Konstruktion von Gefässen oder Apparaten, um Farbe aufzubewahren». Wie es sich für einen Künstler gehört, hatte Rand säuberlich mit der Hand gezeichnete Skizzen beigelegt, die die Herstellung von Farbtuben aus Metallfolie veranschaulichten.

Was für Farbe galt, traf auch auf viele andere Substanzen zu. Und so zettelte die Bleifolientube eine regelrechte Verpackungsrevolution an. Heute drücken wir längst nicht mehr nur Farbe, sondern mit aller Selbstverständlichkeit Zahnpasta, Haut- und Schuhcreme, Scheuermittel, Kondensmilch und Streichwurst aus der Tube. Die besteht nicht mehr aus Blei, sondern aus Plastik oder 99,7-prozentigem Aluminium.

Ihre charakteristische Form aber ist geblieben: das einzige Kunstwerk des Malers John Rand, das zu Weltruhm gekommen ist.

Fälschung

Es ist der Alptraum eines jeden Museums. Das Gemälde ist angekauft, und die Wissenschaft erkennt: Der alte Meister ist keiner – die Farbe stammt aus der Dose und hat im Backofen gealtert, ein klarer Fall von Fälschung.

Doch so einfach ist es selten. Nicht weil es nicht genug Betrüger gäbe oder die Analysen unfehlbar wären, nein: ganz einfach deshalb, weil auch nicht jede Fälschung wirklich eine ist.

Die National Gallery in London ist eines der bedeutendsten Kunstmuseen der Welt. Ihr erster Holbein – «Ein Mann mit einem Schädel» – wurde nur Wochen nach dem Ankauf 1845 als Fälschung entlarvt. Tatsächlich: Eine dendrochronologische Analyse des Holzes ergab 1993, dass das Gemälde zwar erst nach Holbeins Tod gemalt wurde, aber nur um wenige Jahre, und zwar vom Belgier Michiel Coxcie. Also keine Fälschung, sondern ein simpler Fehler der Sachverständigen.

Oder das Gemälde «Il Tramonto» des italienischen Renaissancemalers Giorgione. Nur die Figur des heiligen Georg im Landschaftshintergrund wollte einfach nicht so recht passen. Doch wieder war’s keine Fälschung – Röntgenaufnahmen zeigten nämlich: Das stark beschädigte Giorgione-Original war in den 1930er Jahren restauriert worden. Ein Loch wurde mit altem Leinen gestopft – und kurzerhand mit einem dekorativen Drachentöter übermalt.

Die Wissenschaft – chemische Analysen, Elektronenmikroskop, Röntgen, Dendrochronologie und C14-Methode – macht Fälschern heute das Leben schwer. Nur ist es oft zu spät: Botticellis «Madonna mit dem Schleier», 1930 entdeckt, galt als Sensation. Heute ist klar: Die Madonna ist nicht von gestern. Der vermeintliche Holzwurmbefall ist fein säuberlich von Hand gebohrt.

Salat

Wenn Matrosen zu Kolumbus‘ Zeiten mit von Skorbut blutigem Zahnfleisch auf altem Pökelfleisch herumkauten, dann assen sie genau genommen Salat. Das Wort kommt nämlich vom latainischen salata, insalata – Gesalzenes, in Salz Eingelegtes. Salat war also ursprünglich die Speise und nicht die Pflanze.

Salat
Salat
Weil zu allen Zeiten das Haltbarmachen von Speisen an erster Stelle stand und die Salzkonservierung ein erprobtes Verfahren war, erfreute sich das Einsalzen namentlich in den Städten grosser Beliebtheit:

deszgleichen köhl, grünskraut und solat
fressen sie als gern in der statt.

So dichtete Jacob Ayrer im 16. Jahrhundert. Da galt das Wort bereits gesalzenem Salatgemüse an Essig und Öl.

Gemischten Salat, wie wir ihn heute essen, haben zwar schon die Römer und vor ihnen die Babylonier gemocht. Dem Mittelalter aber galt rohes Grünzeug als Hort von Krankheit und Seuche, und so wurde der Salat vorsichtshalber gründlich gekocht. Wagemutige wie die Schottenkönigin Maria Stuart, die gekochten Sellerie liebte, auf Salatblättern an einer sämigen Senfsauce mit Trüffeln, Kerbel und Ei, blieben die Ausnahme. Anno 1699 versuchte der passionierte Gärtner John Evelyn in seinem Buch «Acetaria: A Discourse on Sallets», den Briten den Salat schmackhaft zu machen – vergeblich. Die britische Küche blieb skeptisch und sott weiter.

Im Amerika des ausgehenden 19. Jahrhunderts waren Salate längst gang und gäbe; das skeptische Europa aber traute sich erst seit der Mitte des 20. Jahrhunderts so richtig ans rohe Grün heran. Heute ist die Schweiz bekehrt: Laut Bundesamt für Statistik essen vier von fünf Personen täglich frisches Gemüse oder Salat.