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Gratis

Das Zauberwort lässt die Augen glänzen: «Gratis». Als Kind beim Metzger, wo es als Dreingabe eine Wurstscheibe gab, als junger Erwachsener dann die Brieftasche als Dank des Verlags fürs Zeitungsabonnement, heute gleich das Handy beim Abschluss des Zweijahresvertrags – noch immer heisst das Zauberwort «gratis».

So heisst es übrigens schon eine ganze Weile. Gratis stammt vom lateinischen gratia ab, Dank, und wurde im 16. Jahrhundert ins Deutsche entlehnt – in der Bedeutung «um des Dankes, nicht um der Belohnung willen». Solcherlei etymologische Raffinesse interessiert heute niemanden mehr. Gratis kostet nichts, und damit basta.

Das klingt zwar gut, ist aber kreuzfalsch. Denn «gratis» ist das womöglich bauernschlauste Geschäftsmodell der Welt. Wer ein Gratisprogramm aus dem Internet herunterlädt, will irgendwann mehr Funktionen haben und bezahlt die teure Vollversion. Wer sein Handy kostenlos erhält, bindet sich jahrelang an einen Anbieter und bezahlt brav seine hohen Gebühren. Und wer dankend das kostbare Werbegeschenk annimmt, bleibt der Firma noch lange als treuer und zahlender Kunde erhalten.

Freemium heisst das Modell auf Neuenglisch, auf Altdeutsch würde man es «Da-ist-ein-Haken-dran» nennen. Das Produkt oder der Dienst ist zwar unzweifelhaft gratis. Aber nur 30 Tage lang. Oder mit zuwenig Funktionen. Oder zu kleiner Kapazität. Oder ohne Support. Oder, besonders nett, nur der Kollege von nebenan hat’s gratis bekommen, danach war Schluss.

Freemium: Das war selbst beim Metzger der Kindheit nicht anders. Zweimal beim Einkaufen ein geschenktes Wurstrad für uns Kinder, beim dritten Mal dann die ganze Wurst auf dem Mittagstisch. Und die war alles andere als gratis.

Obelisk

Asterix‘ bester Freund heisst Obelix. Und das ist pure Ironie: Obelix kommt von Obelisk, jener steinernen Spitzsäule der alten Ägypter. Was Obelix dagegen aus seinem Steinbruch haut, gleicht viel eher den rohen Menhiren der Bretagne, und die Korpulenz des Steinhauers hat mit den schlanken Obelisken auch herzlich wenig zu tun.

Ein Obelisk wurde von Hunderten von Arbeitern mit Steinkugeln aus dem kostbaren Rosengranit der Steinbrüche von Assuan geschlagen. In der Vorstellungswelt der alten Ägypter ist er eine Verbindung zwischen Mensch und den Göttern. Die ältesten Obelisken stammen aus der Zeit um 2300 vor Christus, als der altägyptische Pharao Teti II zwei damals noch glatte, schmucklose Granitsäulen vor dem Tempel des Sonnengottes Re aufstellen liess. Nur die Spitze war vergoldet und reflektierte das göttliche Sonnenlicht. Später erhielten die immer paarweise gesetzten Obelisken, deren Gewicht ohne weiteres 200 bis 500 Tonnen betragen konnte, aufwändige, senkrecht verlaufende Hieroglyphenbänder.

Die imposanten Säulen waren seit jeher beliebte Souvenirs der jeweiligen Machthaber. Ägyptische Obelisken stehen in Rom, London, New York. Vor dem Tempel Ramses II in Luxor steht nur noch eine einsame Spitzsäule, ihr Gegenstück, offiziell ein Geschenk Ägyptens, liess der französische König Louis Philippe an der Place de la Concorde in Paris aufstellen.

Nur ein Obelisk, der grösste aller Zeiten, liess sich nie von der Stelle bewegen: Er wiegt bis zu 1200 Tonnen, ist 42 Meter lang und liegt noch immer im Steinbruch von Assuan. Als sich herausstellte, dass ein Riss im Stein die Säule würde brechen lassen, wurde er, erst halb vollendet, aufgegeben.

Dürrenmatt, Friedrich

«Eine Geschichte», schrieb Friedrich Dürrenmatt 1961, «ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat». So steht es in den viel diskutierten «21 Punkten zu den Physikern». Der Satz war Programm: Dürrenmatts Stücke führen kunstvoll und konsequent zum bitteren Ende, was auch nur irgendwie zum bitteren Ende geführt werden kann.

Dürrenmatt ist der Meister der gnadenlosen Konsequenz, und seine Stücke sind eigentliche Deklinationen des Tragischen. Und dennoch: Ihre Überspanntheit macht sie weniger zu Tragödien als vielmehr zu Satiren. Dürrenmatt hat einen ausgeprägten Sinn fürs Komödiantische, fürs Groteske. Seien es die genialisch-irren Physiker oder der Hühner züchtende Faun Romulus: Immer drängt das Drama zum Schwank.

Dürrenmatts Stücke gewinnen da an Tiefe, wo sie über das Plakative und das Komische hinaus ragen: «Der Besuch der Alten Dame» mit deren unmoralischem Milliardenangebot wird nicht deshalb zur Weltenbühne, weil Güllens Bewohner den Filou Alfred Ill am Ende tatsächlich dem Tod überlassen, sondern wegen des leisen, unaufhaltsamen Übergangs von moralischer Entrüstung zur unverhüllten Gier in Dialogen, die geradezu beängstigend an Stammtischdebatten oder Gemeinderatssitzungen gemahnen.

Friedrich Dürrenmatt war und bleibt ein überragender Theaterautor. Wo er seine traurigen Helden mit unbarmherzigem Scharfblick in die Abgründe der menschlichen Seele blicken lässt, wo uns das Lachen im Hals stecken bleibt, genau da bleibt der Stückeschreiber Dürrenmatt von einer beklemmenden Modernität.

Natel

Man schrieb das Jahr 1975. Geschäftsleute trugen noch keine Jeans, E-Mail hiess noch Telex, doch das Telefon wollte langsam von der Leine. Also startete die PTT, die auch noch lange nicht Swisscom hiess, ein ehrgeiziges Projekt mit dem Namen «Nationales Autotelefon», kurz «Natel». Das Ziel: Telefonie möglich zu machen, wo immer der Kunde gerade war.

Natel
Dieser Kunde, durchwegs männlich, verfügte dabei idealerweise über einen Wagen mit grossem Kofferraum. Denn «Natel» war nicht nur der Name des Projekts, sondern auch des Mobiltelefons von Brown-Boveri, Baujahr 1978. Mobil war es mit Einschränkungen – das Gerät war ein 26 Kilo schwerer Aluminiumkoffer mit aufsteckbarer Antenne, frass Strom wie eine Kuh Gras und verlangte Kabelkontakt mit dem Stromnetz oder der Autobatterie – für kurze Gespräche notabene, wenn man anschliessend auch wieder wegfahren wollte.

Danach setzte eine beispiellose Erosion ein. Die Miniaturisierung begann am Koffer zu nagen, und die nächste Generation hatte noch Grösse und Gewicht eines Ziegelsteins, die übernächste eines Tischrechners. Heute tendieren Mass und Gewicht der Mobiltelefone, die nur noch von Ewiggestrigen «Natels» genannt werden, asymptotisch gegen Null. Im Übrigen auch der Preis: Der 16 000-Franken-Fernsprechkoffer von Brown-Boveri war seinen Besitzern noch lieb und sehr teuer, wogegen ein Handy heute weniger kostet als ein (notabene leerer) Reisekoffer.

Handys sind heute Schreibmaschine, Terminkalender, Taschenrechner, Kursbuch, Wecker, Plattenspieler, Tonbandgerät, Fotoapparat, Videokamera und Spielkonsole. Wir nutzen sie für SMS, E-Mail, Internet. Und ab und zu sogar für ein Telefongespräch.

Mahjongg

Es hat einen unaussprechlichen Namen. Es nennt sich Mahjongg, und das ist gleich auch noch falsch. Mahjongg ist nämlich ein altes chinesisches Spiel für vier Personen, dessen würfelzuckergrosse Bambussteine unseren Spielkarten ähneln. Das Computerspiel «Mahjongg» dagegen ist ein simples Klickspiel, bei dem es darum geht, identische Paare von Spielsteinen von einem Stapel zu entfernen. Weil die chinesischen Steine einander verflixt ähnlich sehen, ist das zwar leichter gesagt als getan, aber Mahjongg Solitaire, eine Art chinesischer Patience, ist eines der einfachsten Spiele der Welt.

Allerdings ist es auch eines der erfolgreichsten Computerspiele aller Zeiten. Am Anfang war der Geistesblitz des nach einem Trampolin-Unfall vom Nacken an abwärts gelähmten Programmierers Brodie Lockard. 1981 schrieb er sein erstes Mahjongg-Spiel auf einem Grossrechner der Universität von Illinois, und weil dieser Rechner an ein ganzes System von Mainframes angeschlossen war, wie die schrankgrossen Computer damals hiessen, spielte bald die halbe Studentenschaft der USA.

1984, am Weihnachtsmorgen, zeigte Erfinder Lockard das Game dem Produzenten Brad Fregger. Der, ein Computerspielprofi der ersten Stunde, erkannte das Potenzial, und zwei Jahre später brachte das Unternehmen Activision das Spiel unter dem Namen «Shanghai» auf den Markt, aus fernost-folkloristischen Gründen und mit überwältigendem Erfolg: «Shanghai» wurde der erste Strassenfeger der Gamegeschichte: über 10 Millionen Mal verkauft, auf mehr als 30 verschiedene Computerplattformen portiert, mit Abertausenden von Klonen im Web.

Erfinder Lockard, an den Rollstuhl gefesselt, programmiert noch immer: neben Lernsoftware – nach wie vor und mit Leidenschaft – Computergames.