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Jobs, Steve

Er sieht aus wie ein in die Jahre gekommener Student: Jeans, randlose Brille, Rollkragenpullover, Dreitagebart. Aber im Schafspelz steckt ein ausgewachsener Wolf: ein Prophet (für all jene, die für ihn arbeiten), ein Tyrann (für alle, die nicht mehr für ihn arbeiten). Sein Name: Steven Paul Jobs, überzeugter Vegetarier und Buddhist. Sein Beruf: oberster Chef der Computerfirma Apple.

Ein Student war er gar nie richtig gewesen: Noch im ersten Semester schmiss der junge Steve alles hin. Er hatte besseres zu tun. Mit seinem Freund Steve Wozniak programmierte er das Spiel Breakout und baute Kästchen, mit deren Pfeifton man die Telefongesellschaft AT&T überlisten und kostenlose Ferngespräche führen konnte. 1976 begannen die beiden Steves, Computer zusammenzubasteln: Das hässliche Holzmöbel namens Apple I wurde für 666.66 Dollar von der Computerkette Byte Shop verkauft. Slogan: Byte into an Apple.

Was immer Steve Jobs anpackte, es wurde zu Gold: die ersten Apple Computer, das Betriebssystem Mac OS, 1985, nach seiner Trennung von Apple, die Computer seiner neuen Firma NeXT und sein Trickfilmstudio Pixar. Der angebissene Apfel dagegen begann zu faulen, und 1996, in einer Zeit der Milliardenverluste, holte man Jobs zurück. Der krempelte die Firma um und liess mit den Schönheiten namens iMac, iPod, iPhone und iPad die gesamte Konkurrenz alt aussehen. Heute macht Apple zwei Milliarden Dollar Gewinn. Pro Monat.

Wenn da nur nicht die Gesundheit wäre: Nach einer ersten Krebserkrankung 2004 liess Jobs sein Team und die Welt am 17. Januar 2011 per E-Mail wissen, er nehme eine Auszeit. Der Aktienkurs fiel wie der Apfel vom Baum, aber Steve Jobs, der Prophet und Tyrann, bleibt sich treu:

I love Apple so much, and hope to be back as soon as I can. Steve

Hokuspokus

Gezaubert haben wir als Kinder schon lange vor Harry Potter. Unsere Zauber waren vielleicht nicht ganz so wirkungsvoll, dafür waren sie umso rascher gelernt: «Hokuspokus», und das Zimmer war aufgeräumt, auch wenn das die Eltern etwas anders sahen.

Der Wunsch, zaubern zu können, ist so alt wie die Menschheit. Und fast genauso alt ist das Wort «Hokuspokus».

hocus pocus schwarz und weisz,
fahre stracks auf mein geheisz
schuri muri aus den knaben,

lässt schon um 1700 der deutsche Schriftsteller Christian Reuter seinen Antihelden Schelmuffsky deklamieren.

Viele Sprachforscher sehen in «Hokuspokus» eine Verballhornung der katholischen Liturgie: Hoc est enim corpus meum, spricht der Priester während der Wandlung: «Dies ist nämlich mein Leib» – gemeint ist der Leib Jesu Christi. Das gemeine Volk, das kein Latein verstand, soll nur Hokuspokus mitbekommen haben. Eine durchaus zauberhafte Erklärung, aber am Ende doch nur etymologischer Hokuspokus.

Die Wirklichkeit ist prosaischer: Hocus, auf Englisch hoax, bedeutet Schabernack, lateinisch hocus pocus soviel wie Taschenspieler. Das später auch ins Deutsche übersetzte Buch «Hocus Pocus Iunior» des Engländers Elias Piluland von 1634 erzählt vom Sohn eines Gauklers, und in Thomas Adys ungefähr gleich alter Geschichte «Candle in the Dark» brüstet sich ein Trickkünstler, The Kings Majesties most excellent Hocus Pocus zu sein.

«Hokuspokus», nichts als Gaukelei: Daran wird es wohl gelegen haben, dass das verzauberte Kinderzimmer am Ende doch noch aufgeräumt werden musste.

Cloud computing

Fast, lieber Reinhard Mey: Wirklich grenzenlos ist die Freiheit nicht über, sondern vielmehr in den Wolken. Vor allem dann, wenn es um die Freiheit geht, mit Daten und mit Programmen zu hantieren, wo immer man gerade ist. Cloud computing nennt sich das. Und es ist, kurz gesagt, das Arbeiten am Computer mit Daten aus dem Netz.

Kaum jemand, der das noch nie erlebt hat: Die Festplatte macht keinen Mucks mehr, und die letzte Datensicherung datiert vom Mittelalter. Briefe, Bilder, Programme – alles weg. Dagegen hilft Fluchen (für die Seelenhygiene), ein neuer PC (für die Arbeit), nur gegen den Datenverlust ist kein Kraut gewachsen. Es sei denn, die lägen in den Wolken des Web.

Cloud computing kann bedeuten, dass man für E-Mail nur noch web-basierte Dienste nutzt wie Hotmail, GMX oder Google Mail, die gleichzeitig Mailprogramm und den nötigen Speicherplatz zur Verfügung stellen – kostenlos. Oder auch das Anbieten von Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Datenablage durch Google, multi-user-fähig und ebenfalls gratis. Der heimische Computer treibt dabei nur noch den Web-Browser an.

Vorteil: Die Software up-to-date zu halten, ist Sache des Anbieters, man spart Geld und Speicherplatz, und mögliche Computerabstürze bleiben folgenlos. Nachteil: Daten und Dienste lassen sich nur nutzen, wenn man online ist, Anbieter können Bankrott gehen, und namentlich Google wertet E-Mails aus, um kontextabhängige Werbung zu verkaufen.

In der Wolke muss die Freiheit der Daten wohl grenzenlos sein. Nur ist sie auch da nicht ganz ohne Schattenseiten.

Kodak

In «Dwayne’s Photo» ging eine Ära zu Ende: Am 31. Dezember 2010 wurde hier, im kleinen Familienunternehmen in Kansas, der buchstäblich letzte Kodachrome-Film entwickelt, jener legendäre Farbfilm, der seit seiner Einführung 1935 für Generationen von Amateuren und Profis der Inbegriff der Fotografie war.

Kodak
Alle haben wir zahllose dieser Blechhülsen mit dem lichtempfindlichen Kodak-Film sorgsam in die Kamera eingelegt: je nach Budget Farbnegativ oder Dia, 24 oder 36 Fotos lang. Auf Reisen mussten es schon ein oder zwei Dutzend sein – schwer vorstellbar in einer Zeit, in der daumennagelgrosse Chips bereits Zehntausende von Bildern speichern.

«Kodak», das war ein Kunstwort des Erfinders George Eastman, Jahrgang 1854. Eastman, ein Schulabbrecher und Postbote mit einem Wochengehalt von 3 Dollar, fand auf Umwegen den Weg in die Fotobranche. 1884 kaufte er einem Kollegen das Patent für den Rollfilm ab, und zwei Jahre später kam die erste Kamera namens «Kodak Nr. 1» auf den Markt. Der Rest ist Geschichte: Die Eastman Kodak Company ist einer der grossen Konzerne dieser Welt. Die Zeichen der Zeit allerdings haben George Eastmans Erben zu spät erkannt: Die Aktie verlor in den letzten zehn Jahren neun Zehntel ihres Werts, die weltweit 25 hoch spezialisierten Kodachrome-Grosslabors schlossen eines ums andere ihre Tore, Tausende wurden entlassen.

«Dwayne’s Photo» in Kansas hielt am längsten durch. Der buchstäblich allerletzte, an Silvester entwickelte Film enthielt ein Gruppenbild: von der Belegschaft in T-shirts mit der Aufschrift «Kodachrome 1935-2010».

Baez, Joan

Freitag abend, 19. August 1969, auf einer Farm in Bethel, 70 Kilometer von Woodstock und 150 Kilometer von New York entfernt. Starker Regen hatte den Boden aufgeweicht, Hunderttausende drängten sich im Matsch vor der Bühne, auf der bekiffte Nobodys improvisierten. Die Zufahrtsstrassen waren verstopft, Bands und Verpflegung mussten per Helikopter eingeflogen werden, die Organisation ein einziger Alptraum. Nichts deutete darauf hin, dass dieses aus den Fugen geratene Sommerfestival Musikgeschichte schreiben würde.

Aber dann, als letztes Konzert des ersten Tages: die damals 28-jährige Sängerin Joan Baez. Nüchtern, klar und konzentriert, das kurze schwarze Haar wie ein Helm, eine zierliche Frau, ganz Stimme. Die schliesslich die Gitarre weglegte und vor der riesigen, gebannten Menge den Gospel Swing Low, Sweet Chariot sang, a cappella und mit einer Intensität, die Löcher in den Cannabisnebel brannte.

1969 in Woodstock, da war Joan Baez bereits ein Star: als Folksängerin, als Kämpferin gegen Diskriminierung, die nur noch an schwarzen Universitäten auftrat, weil es da keine Rassenschranken gab, als Freundin von Bob Dylan, mit dem sie 1963 am legendären Civil Rights March aufgetreten war.

Musikalisch ist ihr Weg ein Mäander – von Lyrik und Folksongs zu Country und Pop –, politisch dagegen ist er gradlinig: Joan Baez, die Sängerin, trat und tritt gegen Rassentrennung an, für die Menschenrechte, gegen den Vietnam- und überhaupt alle Kriege.

Zwei Dinge haben sie dabei ein Leben lang begleitet: ein fürchterliches Lampenfieber – und eine Stimme, ohne die das Chaos von 1969 nicht Woodstock geworden wäre.