Kaffeefilter

Melitta Bentz liebte ihre wöchentlichen Kaffeekränzchen. Was die Dresdner Hausfrau aber nicht ausstehen konnte, war der lästige Kaffeesatz, der sich nur leider nicht vermeiden liess: Wie alle anderen goss Melitta Bentz den gemahlenen Kaffee auf, liess ihn einen Augenblick stehen und goss ihn dann ab. Dabei, selbst mit einem Sieb oder einer Stoffsocke, blieb immer ein bisschen Satz zurück, und das trübte den Genuss. So nahm Melitta Bentz eines Tages eine Konservendose zur Hand, schlug mit Hammer und Nagel Löcher in den Boden und legte ein zurechtgeschnittenes Löschpapier hinein. Darauf kam das gemahlene Pulver; mit kochendem Wasser übergossen, rann satzfreier Kaffee heraus – das Kaffeekränzchen war begeistert. Melitta Bentz experimentierte weiter, und 1908 wurde der

mit Filtrierpapier arbeitende Kaffeefilter mit auf der Unterseite gewölbtem Boden sowie mit schräg gerichteten Durchflusslöchern

patentiert.

Die Konkurrenz schlief nicht. Bald stellten verschiedene Hersteller Filter mit gelochtem oder geschlitztem Bodensieb vor, Kaffee-Eier, Siebrohre, Kaffeekannen mit herausnehmbarem Filtereinsatz. Das Rennen aber machten die Einwegpapierfilter mit dem passenden Halter, erst aus Aluminium oder emailliertem Blech, später, damit man sich nicht die Finger verbrannte, aus Porzellan.

Einfach, günstig, ökologisch – und bei manchen gar als sorgsam inszeniertes Kaffeeritual mit ausgeklügelter Aufgusstechnik: Selbst heute, bei all den Vollautomaten, Kapsel- und Kolbenmaschinen ist der Kaffee aus dem (biologisch abbaubaren) Filter alles andere als von gestern. In Schweizer Kaffeebars wird wieder Filterkaffee ausgeschenkt, und in Deutschland ist er von allen Zubereitungsarten nach wie vor die Nummer eins.

Laffer, Larry

Larry Laffer – mit Halbglatze und im weissen Sakko –, war 1987 der Held der Computerbildschirme. «Der Mann, der Zürich lahmlegt», titelte die Zürcher «Weltwoche». Der Grund: Larry war die Hauptfigur des PC-Spiels «Leisure Suit Larry». Es war das erste Adventure Game, das buchstäblich um die ganze Welt ging. Antiheld Larry Laffer sucht in einer pixelig-bunten, heruntergekommenen Kleinstadt nach käuflicher Liebe. Nur – das Game bestand vor allem aus Sackgassen. Wie kommt Larry an der Bar zu einem Whisky, wie in der Apotheke zu Kondomen? Und vor allem: wie zu einer Frau? Und so tauschten die Spieler per Telefon Tipps aus, vorzugsweise im Büro.

Larry Laffer
Sie lesen richtig: im Büro. Denn PCs zählten noch nicht zu den Haushaltsgeräten, und Larry verfügte über einen sogenannten boss key, eine Cheftaste – Ctrl-B rief eine fingierte Säulengrafik auf den Bildschirm; war der Chef erst wieder weg, wurde munter weitergespielt. Stunden-, tagelang.

Dabei war Larry am Anfang ein Flop. Nur 4000 verkaufte Spiele liessen Al Lowe, Spielentwickler bei der Softwareschmiede Sierra und einstiger High-School-Musiklehrer in Kalifornien, verzweifeln. Aber dann griff das Virus um sich: Mund-zu-Mund-Werbung befeuerte die Verkäufe, und im Juli 1988 war Larry das drittbeste in den USA je verkaufte Spiel.

Larry machte süchtig, und das lag am gelungenen Plot, an der putzigen Grafik, am schlüpfrigen Humor – und an der revolutionären Spielsteuerung: Anweisungen wurden ganz einfach eingetippt – «Buy whisky» trug Larry an der Bar ohne weiteres einen Rausch ein, «Buy condoms» – Sie wissen schon.

Larry machte seinen Vater Al Lowe weltberühmt: «Leisure Suit Larry» war der erste Blockbuster der Game-Industrie. Und Larry war das erste Game, das, mit einem Virus infiziert, weltweit Schrecken verbreitete.

Lifehack

Der Hacker ist ein Finsterling: Er bricht in Datenbanken ein und klaut Informationen, die er dann an den Meistbietenden verschachert. Aber kein Klischee ohne Parodie, und die heisst life hacking. Der Begriff wurde in den Achtzigerjahren in der Hackerszene geprägt, aber er hat nichts mit Computer zu tun, sondern mit spielerischen Wegen, sich das Leben ohne Informatik zu erleichtern. Lifehacks sind Tipps und Tricks meist in Form von Netzvideos, mit denen sich ungelöste Alltagsprobleme beheben oder lästige Alltagsarbeiten abkürzen lassen. Das geht dann zum Beispiel so:

Eigelb von Eiweiss trennen? Vergessen Sie alles, was Sie je gelernt haben. Schlagen Sie das Ei auf und geben Sie alles in einen Teller. Drücken Sie dann eine leere PET-Flasche zusammen, halten Sie die Öffnung behutsam aufs Eigelb und lassen Sie sachte los – Eigelb wird aufgesaugt, Eiweiss bleibt im Teller.

Oder: Schuhe binden, so dass sich die Schnürsenkel nicht wieder öffnen? Doppelknoten? Brachiale Gewalt? Von wegen. Die allerletzte Schleife des gewohnten Knotens binden Sie einfach genau andersrum. Verblüffend, aber wahr – dieser Knoten hält. Garantiert.

Ob Ladekabel, die man ordentlich aufrollt und in leere Klopapierrollen klemmt oder Äpfel, die man mit Bohrmaschine und Messer in Sekundenschnelle schält: Lifehacks sind selten frei von Komik, aber immer sind sie erfinderisch und kreativ. Was einst als Spleen begann, ist heute ein Update auf ein Leben 2.0.

Mahjongg

Es hat einen unaussprechlichen Namen. Es nennt sich Mahjongg, und das ist gleich auch noch falsch. Mahjongg ist nämlich ein altes chinesisches Spiel für vier Personen, dessen würfelzuckergrosse Bambussteine unseren Spielkarten ähneln. Das Computerspiel «Mahjongg» dagegen ist ein simples Klickspiel, bei dem es darum geht, identische Paare von Spielsteinen von einem Stapel zu entfernen. Weil die chinesischen Steine einander verflixt ähnlich sehen, ist das zwar leichter gesagt als getan, aber Mahjongg Solitaire, eine Art chinesischer Patience, ist eines der einfachsten Spiele der Welt.

Allerdings ist es auch eines der erfolgreichsten Computerspiele aller Zeiten. Am Anfang war der Geistesblitz des nach einem Trampolin-Unfall vom Nacken an abwärts gelähmten Programmierers Brodie Lockard. 1981 schrieb er sein erstes Mahjongg-Spiel auf einem Grossrechner der Universität von Illinois, und weil dieser Rechner an ein ganzes System von Mainframes angeschlossen war, wie die schrankgrossen Computer damals hiessen, spielte bald die halbe Studentenschaft der USA.

1984, am Weihnachtsmorgen, zeigte Erfinder Lockard das Game dem Produzenten Brad Fregger. Der, ein Computerspielprofi der ersten Stunde, erkannte das Potenzial, und zwei Jahre später brachte das Unternehmen Activision das Spiel unter dem Namen «Shanghai» auf den Markt, aus fernost-folkloristischen Gründen und mit überwältigendem Erfolg: «Shanghai» wurde der erste Strassenfeger der Gamegeschichte: über 10 Millionen Mal verkauft, auf mehr als 30 verschiedene Computerplattformen portiert, mit Abertausenden von Klonen im Web.

Erfinder Lockard, an den Rollstuhl gefesselt, programmiert noch immer: neben Lernsoftware – nach wie vor und mit Leidenschaft – Computergames.

Marionette

Sie ist nicht sonderlich beliebt, doch sie zählt zum Stammpersonal der kleinen und der grossen Bühne: die Marionette. Ihre Herkunft aber hat nichts mit Puppentheater oder Politik zu tun, nein: Die Marionette, jene bewegliche, an Fäden aufgehängte Gliederpuppe, kommt vielmehr aus der Kirche. Ihr Name stammt vom französischen mariolette, dem Diminutiv von mariole, jener im Mittelalter so beliebten Marienfigur. Die Marionette ist also sozusagen die Urenkelin der heiligen Maria – auch wenn andere Sprachforscher der Ansicht sind, ihr Ursprung sei vielmehr die lateinische marita, die verheiratete Frau.

Weiblich, soviel steht fest, waren allerdings – falls überhaupt – allein die Puppen. Die Fäden zogen wie überall die Männer. Der erste bekannte Puppenspieler der Schweiz war, Mitte des 16. Jahrhunderts, ein Solothurner namens Heinrich Wirre. Knapp 100 Jahre später, zu Beginn des englischen Bürgerkriegs im Jahr 1642, schlossen die Puritaner alle Theater in London, und die plötzlich arbeitslosen Puppenspieler flohen aufs Festland, wo sie die englischen Klassiker mit Marionetten aufführten. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren auf Schweizer Jahrmärkten viele fremde und einheimische Wanderkomödianten anzutreffen, die Schattenfiguren, Handpuppen und Marionetten zur Schau stellten. Im 20. Jahrhundert schliesslich entstand in der Schweiz eine eigentliche Puppentheaterbewegung, und sogar Friedrich Dürrenmatt, Säulenheiliger des Schweizer Theaters, spielte 1947 beim Marionettentheater des Künstlerpaars Fernand und Elsi Giauque mit.

Eine Marotte des grossen Dürrenmatt? In sprachlicher Hinsicht ganz bestimmt. Beide, die Marionette und die Marotte, sind nämlich eng miteinander verwandt.