Quengelware

Bonbons und Schokoriegel im Gestell bei der Kasse heissen deshalb «Quengelware», weil sie Kindern regelmässig die Tränen in die Augen und Eltern die Zornesröte ins Gesicht treiben. Weil Kindertränen aber ziemlich gute Argumente sind, wird Quengelware überdurchschnittlich oft gekauft. Und deshalb wird sie ganz bewusst in der sogenannten «Bückzone» platziert, wo sie Kindern förmlich ins Auge fällt. Dabei liegt die Auslage meistens auf der rechten Seite, weil die meisten Menschen Rechtshänder sind und eher Waren betrachten, die rechts ausliegen – aus diesem Grund finden sich in Supermärkten rechts die gewinnträchtigeren Waren, links dagegen die alltagsnotwendigen. An der Kasse schliesslich wäre eine Platzierung längs des Gangs ein Hindernis, weil so die Auslage nur aus dem Augenwinkel sichtbar wäre. Deshalb wird Quengelware quer zur Blickrichtung ausgelegt – und ist damit unübersehbar. Manche Supermärkte gehen sogar noch einen Schritt weiter: Sie vermeiden eine Präsentation in geordneten Reihen und schütten die Quengelware statt dessen in einen Regalkorb – die scheinbar nachlässig ausgelegten Artikel, absichtlich in kleine Hüllen abgepackt, suggerieren dabei einen besonders tiefen Preis, was die Bereitschaft genervter Eltern erhöht, dem Betteln der lieben Kleinen nachzugeben.

Das Prinzip «Quengelware» ist unter Beschuss geraten, weil Süssigkeiten für kindliches Übergewicht mitverantwortlich sind. Nachdem die Stadt Berkeley in Kalifornien Süssigkeiten bereits ganz aus dem Kassenbereich verbannt hat, soll das strategische Platzieren von Quengelware in Grossbritannien noch in diesem Jahr verboten werden.

Radikal

Wenn wir etwas ganz und gar tun, dann tun wir es radikal. Radikal ist ein Begriff der Alltagssprache, aber mit einer weit verzweigten und eminent politischen Geschichte.

Radikal
Radikal
Radikal stammt von radix ab, der lateinischen Wurzel, ebenso wie unser Rettich und das Radieschen. Die Redensart will es, dass man Unkraut und Übel am besten an der Wurzel packt. Und so wurde das englische radical oder das französische radical im frühen 19. Jahrhundert zum eigentlichen Schimpfwort für eine politische Bewegung, die die alten Herrschaftsverhältnisse aus Korn nahm und lautstark nach Reformen schrie. Von den Konservativen als Radikale verleumdet, drehten die Republikaner in Frankreich 1835 ganz kokett den Spiess um – und nannten sich selbst ab sofort parti radical. Und so wurde das Wort salonfähig.

Radikale gab es auch in der Schweiz, und ihre Politik war eng mit dem Liberalismus verknüpft. Der junge Albert Bitzius, für kurze Zeit Vikar an der Heiliggeistkirche in Bern, sympathisierte anfangs mit den revolutionären Ideen. Weil sich die Radikalen in ihrem Kampf für Volksrechte zunehmend gegen die Obrigkeit stellten, waren sie dem alten Jeremias Gotthelf, mittlerweile Pfarrer von Lützelflüh, ein Dorn im Auge: «Wenn die einmal recht am Brett sind», wettert er in einem seiner späten Romane, «so verbrennen die die Bibel, schliessen die Kirchen, verbieten bei Todesstrafe das Beten und befehlen, alle Tage sieben Stunden im Wirtshause oder im Kaffeehause oder auch im Theater zu sitzen, und zwar alles aus Freisinnigkeit und wegen dem entschiedenen Fortschritt.»

A propos Freisinnigkeit: Aus den Liberalen und Radikalen dieser Zeit ist tatsächlich die moderne FDP geworden. Französisch heisst sie noch heute PLR – parti libéral-radical.

Radio

21. Mai 1910: Das erste Radiosignal Europas stammt vom Observatorium im Pariser Eiffelturm, das, mit dem sinnigen Stationszeichen «FL», das Zeitzeichen ausstrahlt. Noch ahnt niemand, dass das der Urahn des Radios sein wird. Aber: Schon ein Jahr später werden in der Schweiz die ersten drei Empfangskonzessionen erteilt – an die Universität Lausanne, an die Uhrmacherschule in La-Chaux-de-Fonds und an den Uhrmacher Türler in Zürich -, auch wenn alle drei keineswegs Medien im Sinn haben, sondern vielmehr die genaue Zeit.

Radio
Das ändert sich rasch: Der Wetterbericht und gesprochene Nachrichten gehören zum Radio seit 1912, als die Physikabteilung der Uni Basel die erste Schweizer Radioantenne aufspannte – zwischen einem Uhrmacheratelier am Nadelberg und dem Turm der Peterskirche.

Was vor knapp 100 Jahren staunen machte, ist heute Alltag: Radio. Das Wort ist die Kurzform von Radiotelegrafie, die Übermittlung von Nachrichten mit elektromagnetischen Wellen. Weniger bekannt ist, dass Radio auf radius zurückgeht, den halben Kreisdurchmesser. Und der wiederum ist lateinisch und heisst «Speiche» oder «Strahl». Obgleich in den deutschsprachigen Ländern von Amtes wegen bereits in den 1920er Jahren der Begriff Rundfunk eingeführt wurde, hat sich Radio erhalten.

Heute sprechen wir von Neuen Medien und meinen damit das Internet. Falsch: Das Web ist Schrift und Bild, Ton und Film – und selbst kein Medium. Ein Neues Medium ist vielmehr das Radio. Selbst wenn es uns wie ein altes Medium vorkommt: Radio ist noch nicht einmal 100 Jahre alt.

Rand und Band, ausser

«Zwei ausser Rand und Band», heisst die Filmkomödie von 1977 in der deutschen Übersetzung. Die zwei, das sind Bud Spencer und Terence Hill, und ausser Rand und Band sind sie in der Tat: Als Streifenpolizisten in Miami nehmen die beiden, nach einer ellenlangen Schlägerei, eigenhändig gleich eine ganze Gangsterbande fest.

Tatsächlich kommt die Redensart «ausser Rand und Band geraten» aber weder aus Hollywood noch von der Polizei, sondern von Fässern, genauer: vom Handwerk der Küfer, Fassmacher, Fassbinder oder Böttcher. Jahrtausende lang waren Fässer neben Krügen und Amphoren die wichtigsten Behälter für Flüssigkeiten und Waren aller Art. Sogar Geschirr pflegte man in Fässer mit heisser, flüssiger Butter einzulegen. Kühlte die Butter ab und wurde fest, war das Geschirr im Fass sicher verstaut und konnte beim Transport mit Pferd und Wagen keinen Schaden nehmen – daher die Redensart «alles in Butter».

Ein hölzernes Fass besteht aus gehobelten Brettern, die über dem Feuer oder mit Dampf gebogen werden und die man Dauben nennt. Am Rand sind diese Dauben mit einer innen liegenden Nut versehen, in die der Deckel und der Boden eingepasst werden; aussenrum wird das Fass durch eiserne Bänder zusammengehalten. Passiert also ein Unglück, und der Boden springt aus der Nut oder ein Band rutscht ab, dann wird das Fass undicht, oder es fällt gleich ganz auseinander. In diesem Fall ist das Fass in der Sprache der Küfer, buchstäblich, ausser Rand und Band.

Rasterfahndung

1979 standen die Frankfurter Polizei und das Bundeskriminalamt vor einem Problem, und die Lösung, die der damalige BKA-Chef vorschlug, hiess «Rasterfahndung». Zwei Jahre waren seit dem Terrorjahr 1977 vergangen: Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Dresdner-Bank-Vorstandssprecher Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer waren erschossen worden, die Lufthansa-Maschine «Landshut» gekapert und entführt.

In der Zwischenzeit aber war die Polizei den Terroristen immer näher gekommen. Sie wusste, dass die RAF in Frankfurt am Main unter falschen Namen Wohnungen gemietet hatte, aber sie wusste nicht, wo. Klar war, dass die Terroristen ihre Stromrechnungen nicht von einem normalen Bankkonto bezahlten, sondern in bar – um keine Spuren zu hinterlassen. Die Fahnder beschafften also ein Magnetband, auf dem alle 18 000 Frankfurter Bürger gespeichert waren, die ihre Rechnungen in bar bezahlten. Rasterfahndung, das heisst: Nach und nach alle unverdächtigen Namen nach bestimmten Kriterien (oder «Rastern») aus der Liste löschen: Die gemeldeten Einwohnerinnen. Autobesitzer. Rentnerinnen. Bezüger von Stipendien. Versicherte. Hausbesitzer – und so immer weiter, bis am Ende noch genau zwei Namen übrig blieben: der eines Drogenhändlers und tatsächlich der eines Mitglieds der RAF.

Die Rasterfahndung ist umstritten, denn alle erfassten Personen werden am Anfang verdächtigt, und die raffiniert miteinander kombinierten Daten können leicht missbraucht werden. 1979 in Frankfurt aber war die Methode erfolgreich: Nach einer Schiesserei und schwer verletzt konnte der gesuchte Terrorist Rolf Heißler in der angegebenen Wohnung verhaftet werden.