Protektionismus

Das Erheben von Zöllen ist eine praktische Sache. Dem Staat bescheren sie Einnahmen, und der Wirtschaft bieten sie Schutz vor billiger Konkurrenz aus dem Ausland. Aussenhandelspolitik mithilfe von Schutzzöllen nennt man nach dem lateinischen Wort für «Schutz» Protektionismus.

Historisch gesehen ist freier Handel die Ausnahme und Protektionismus die Regel,

schrieb 1993 der angesehene Wirtschaftshistoriker Paul Bairoch. Protektionismus hat durchaus Vorteile. Die Schutzzollpolitik Otto von Bismarcks 1878 etwa stützte die Preise im deutschen Kaiserreich mit Abgaben auf Eisen, Getreide, Holz und Vieh, aber auch Tabak, Tee und Kaffee, was tatsächlich die wirtschaftliche Entwicklung förderte. Dann aber zeigte sich: Preise und Lebenshaltungskosten stiegen, Löhne und Nachfrage blieben tief, die Auslandsabhängigkeit der Industrie wuchs. Gleichzeitig lief die deutsche Politik ins Leere, weil die umliegenden Staaten ebenfalls in die protektionistische Trickkiste griffen. Deutschlands Exporte schrumpften, die noch junge Chemie-, Elektro- und Maschinenindustrie litt.

Protektionismus kann beim Aufbau neuer Wirtschaftszweige helfen, die noch nicht wettbewerbsfähig genug sind. Entwicklungsländer wie China stiegen auch dank breit verhängter Schutzzölle zu Industrieländern auf. Trotzdem wird Protektionismus heute in einer unaufhaltsam globalisierten Welt kritisch gesehen. Er behindert den Handel und schützt unwirtschaftliche Branchen, hält die Preise künstlich hoch und schadet damit mehr, als er nützt. Aber: Drohungen wie die des US-Präsidenten Donald Trump gegen Deutschland und China zeigen, dass die Tage des Protektionismus noch lange nicht gezählt sind.

Prügelknabe

Es ist ein Kreuz mit der Gerechtigkeit, und das weiss der ganz besonders gut, dessen Pflicht und Schuldigkeit es ist, Unrecht buchstäblich am eigenen Leib zu erfahren: der Prügelknabe.

Was heute nur noch als Metapher durch die Gazetten geistert, war vor noch nicht allzu langer Zeit nämlich peinvolle Realität. Der Prügelknabe, an Englands Höfen whipping boy genannt, war ein Jugendlicher niederen Standes, der anstelle des feudalen Nachwuchses bestraft wurde, sprich: der in aller Unschuld jene Tracht Prügel einzustecken hatte, die man nicht dem Prinzen verabreichen konnte, der die Sache ausgefressen hatte. Der Prügelknabe wurde oft zusammen mit dem jungen Adligen aufgezogen und ging mit ihm durch dick und dünn. Indem man seinen Freund verprügelte, strafte man den fürstlichen Rabauken zumindest indirekt.

Denn seine Hochwohlgeboren war unantastbar. Könige waren Herrscher von Gottes Gnaden, ja mehr noch: «Könige sind nicht nur Gottes Statthalter auf Erden, Gott selbst betrachtet sie als Götter», verkündete Englands König Jakob I, Sohn der Maria Stuart, 1609 vor dem Parlament. Unvorstellbar, Hand an einen jungen Gott zu legen.

In unseren egalitären Ohren klingt das Schicksal des Prügelknaben nach schreiendem Unrecht. An den Höfen des 15. und 16. Jahrhunderts dagegen war es kein allzu hartes Los: Die Jugendlichen wuchsen statt auf der Strasse in fürstlichen Verhältnissen auf, genossen eine gute Bildung und machten später nicht selten ritterliche Karriere im Dienst ihrer blaublütigen Freunde.

Bis auf diesen kleinen, unfeinen Unterschied: Für jeden gemeinsamen Bubenstreich hatten sie ganz allein den Kopf hinzuhalten.

Pullover

Der Pullover ist so deutsch, dass wir den Engländer in ihm kaum noch erkennen: Er kommt von pull over und ist wörtlich ein Überzieher. Während des zweiten Weltkriegs verbannten die Nationalsozialisten alles Englische aus dem Deutschen und versuchten, den Pullover in «Schwubber» umzubenennen. Vergeblich. Längst hatte sich der Pulli festgesetzt. (Der allerdings, der Pulli, war ursprünglich ein Pullunder, ein ärmelloser Unterzieher, den man über dem Hemd, aber unter der Jacke trug.)

So richtig durchgesetzt aber hat sich nur der Pullover, und das liegt daran, dass er zu allen Zeiten nicht bloss Kleidung war, sondern auch äusseres Zeichen der eigenen Weltanschauung. Im 19. Jahrhundert hatte der Pullover noch als unmodisch und unseriös gegolten, aber mit dem Aufkommen von Reformbewegungen und Sport im 20. Jahrhundert wurde er gesellschaftsfähig. Die minimalistische Mode der Existenzialisten liebte den schwarzen Rollkragenpullover, mit Jackett oder ohne. In den 70er-Jahren wurde der Pulli zum Markenzeichen der Öko-Szene, aus grober Wolle und vorzugsweise selbst gestrickt, danach, glatt gewoben, entdeckte ihn die Techno-Bewegung, mit Kapuze dann der Hip-Hop, die Skater, die Hooligans und die Autonomen. Und heute, als Pulli oder Sweatshirt, ist der praktische Überzieher aus den Kleiderschränken der Welt nicht mehr wegzudenken.

Aber nicht immer ging es dabei um Mode. Als in Frankreich ein Partygast einmal auf dem Arm der Politikerin und Holocaust-Überlebenden Simone Veil deren eintätowierte Häftlingsnummer entdeckte und tollpatschig nachfragte, ob das vielleicht ihre Garderobennummer sei, trug sie jahrelang nur noch langärmlige Pullover.

Pyjama

Der Pyjama ist nicht bloss ein Fall fürs Bett, sondern auch für die Wissenschaft. 2013 hat die amerikanische National Sleep Foundation belegt, dass der Pyjama der beliebteste Schlafanzug der Welt ist – laut einer gross angelegten Studie zumindest in den USA, in Kanada, Mexiko, Grossbritannien, Deutschland und Japan. Das Nachthemd, der Trainingsanzug, Unterwäsche oder auch gar nichts – all das kommt statistisch gesehen nicht an den Pyjama heran.

Der Pyjama stammt aus dem mittleren Osten und aus Indien. Pāy-jāmeh hiess auf persisch ursprünglich nichts anderes «Beinkleid», und über Indien und England kam beides, Wort und Hose, nach Europa. Die britischen Kolonialherren hatten die bequeme, leichte Kleidung Mitte des 17. Jahrhunderts in Indien kennengelernt. So wurde der Pyjama in Europa zu einer leichten Freizeithose – und geriet, wie so manche Mode, bald wieder in Vergessenheit. In den 1870er-Jahren aber blühte der Handel zwischen Indien und Grossbritannien auf, und auf einmal waren Stoffe wie Baumwolle oder Seide in grossem Stil verfügbar. Und damit begann sozusagen die Renaissance des Pyjamas. Zur leichten Hose kam ein Hemd mit Knöpfen, und bis zum Ende des Ersten Weltkriegs hatte der Pyjama das davor für Männer und Frauen übliche Nachthemd verdrängt. In den 1930er-Jahren kam gar der Strandpyjama in Mode, eine leichte, weite Frauenhose für den Urlaub am Meer.

Auch in China hat sich der Pyjama durchgesetzt, als Zeichen des Wohlstandes seines Besitzers. Trotz behördlicher Kampagnen gegen dieses «unzivilisierte» Benehmen ist es in einigen Städten bis heute üblich, im Pyjama aus dem Haus zu gehen und einzukaufen.

Pyramiden von Giseh

Keine Silhouette ist so imposant wie die der Pyramiden von Giseh, am Rand der Wüste im Südwesten Kairos, 45 Jahrhunderte alt.

Die Pyramiden sind das letzte erhaltene Weltwunder der Antike, und sie sind ein viereinhalbtausend Jahre altes Rätsel. Die Baumeister des Alten Reichs kannten noch keinen Flaschenzug, ja nicht einmal das Rad, und doch bauten sie Gräber für die Pharaonen Cheops, Chephren und Mykerinos, die jede Vorstellungskraft sprengen.

Man weiss zwar einiges: Archäologen fanden die Lebensmittelspeicher und die Schlaflager der 36 000 Bauleute, Steinmetzen und Hilfsarbeiter der Cheops-Pyramide, und ebenso die Steinbrüche auf der Ostseite des Nils, wo sich weitere 10 000 Granitbrecher tief in die Erde gruben. Versteinerte Brotkrümel wurden gefunden, selbst die Titel der Chefs wurden entziffert: «Technischer Inspektor» oder «Konstruktionschef» steht da in Hieroglyphen zu lesen. Und man fand auch den Arbeiterfriedhof mit Hunderten von Skeletten, die allesamt krankhafte Knochenauswüchse zeigen, wie sie sich bei jahrelanger Plackerei bilden. Kaum einer wurde älter als 35.

Aber vieles weiss man nicht. Wie war es möglich, die gigantische Cheops-Pyramide in nur 20 Jahren zu errichten? 146 Meter hoch, aus 2,6 Millionen Kubikmeter Stein, am Ende mit weissem Kalk verputzt und poliert, so dass der Bau die Sonne reflektierte und das Auge blendete? Jeder einzelne der drei Millionen Blöcke wiegt durchschnittlich 2,5 Tonnen, die Quader mussten im Zweiminutentakt hochgewuchtet und millimetergenau gesetzt werden – ohne schweres Gerät, auf Schiffen, mit Rundhölzern, über gigantische Rampen aus Lehmziegeln, und das alles mit einer Genauigkeit, die selbst heutige Ingenieure mit modernsten Lasermessgeräten nur knapp erreichen.

Ein Weltwunder für einen toten König – und für die Ewigkeit.