Predigt

Die Wortgeschichte kann entlarvend sein: Predigt, also das, was der Pfarrer auf der Kanzel hält, kommt vom lateinischen praedicare, «ausrufen», «rühmen», «anpreisen» oder «behaupten». Eine praedicatio, auf Deutsch eben eine Predigt, ist also zumindest in sprachlicher Hinsicht eine im Brustton der Überzeugung geäusserte Behauptung. Eine noch dazu, deren Sinn sich nicht ganz in jedem Fall erschliesst. Es war ausgerechnet einer der bekanntesten Prediger des Mittelalters, Berthold von Regensburg, der im 13. Jahrhundert gleich selbst die Kardinalsfrage stellte: warumbe solte ich zuo der predige gân?

Ja, warum eigentlich? Schliesslich war die Predigt zu allen Zeiten nicht nur, was die Homiletik untersucht, die Lehre von der Predigt, ihrer Form und Darbietung. Gehalten wurde Predigten auch längst nicht immer in der Kirche: «In Gesellenvereinen», so wettert der alternde Gotthelf mit Blick auf den Sittenverfall der 1840er Jahre, «wurde die Notwendigkeit einer Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse gelehrt, die freie Liebe gepredigt und bisweilen sogar der Polygamie das Wort geredet.»

Freie Liebe, Polygamie – das kann nicht gutgehen. Das schreit geradezu nach einer Predigt, und die war zu allen Zeiten auch Standpauke und Donnerwetter. Was Wunder, dass bald einmal «Gardinenpredigt» hiess, was hinter zugezogenen Bettvorhängen der Gatte von seiner entrüsteten Gattin zu hören bekam. Und weil Unsitte und Schelte einigermassen global zu sein pflegen, heisst der entsprechende Monolog auch in England curtain lecture.

Preise, gebrochene

Mineralwasser für Fr. –.95, Duschmittel für 2.90, Waschpulver für 23.95 – die Preise von Produkten folgen den Regeln der Preispsychologie. Und die besagen: Was 14 Franken kostet, wirkt teurer als als bei Fr. 13.99, auch wenn am Ende fast genau derselbe Betrag in der Kasse liegt.

Bloss: Der Ursprung dieser sogenannten «gebrochenen Preise» liegt nicht in der Wahrnehmung, sondern im Verhindern von Diebstahl. Wer Anfang des 20. Jahrhunderts im Verkauf arbeitete und selbst mehr schlecht als recht über die Runden kam, lebte mit der ständigen Versuchung, den runden Betrag einzukassieren – und, wenn der Chef gerade nicht hinsah, einzuheimsen. Das konnte auf die Dauer nicht gutgehen, und die Chefs rüsteten auf. Sie beschafften eine Registrierkasse, die alle Beträge auf eine Papierrolle druckten, und sie setzten die Preise so fest, dass der Verkäufer gezwungen war, zur Kasse zu gehen, um dem Kunden das Rückgeld auszuhändigen.

Dass sich gebrochene Preise tatsächlich positiv auf die Umsätze auswirken, lässt sich bis heute wissenschaftlich nicht belegen. Versuche mit runden oder auf .95 oder .99 gedrückten Preisen ergaben kaum je ein eindeutiges Ergebnis. Doch die Faustregel, gebrochene Preise seien gut fürs Geschäft, hat längst ein Eigenleben entwickelt. Ein Experiment aus dem Jahr 2003 von der Universität von Chicago und dem MIT zeigt, dass Kunden gebrochene Preise geradezu erwarten: Den Versandhauskatalog eines Modehauses gab es in unterschiedlichen Versionen – in der einen kostete ein bestimmtes Kleidungsstück 34, in der anderen 39 Dollar. Das teurere, mit einer 9 am Schluss, wurde häufiger gekauft.

Pressefreiheit

Gazetten dürfen, so sie delectieren sollen, nicht genieret werden,

schrieb Friedrich der Grosse 1756 an Voltaire. Ein grosses Wort des Preussenkönigs – in einer Zeit, in der die Freiheit der Presse in Europa, wenn überhaupt, noch mit einem kleinen p geschrieben wurde. Das Wort «Pressefreiheit» war juristendeutsch und meinte das obrigkeitliche Recht, Zeitungen drucken zu dürfen. Als diese ersten Blätter es wagten, neben der Religion auch die Politik aufs Korn zu nehmen, legten ihnen die Behörden Zügel an. Und so ist die Pressefreiheit, wie wir sie heute verstehen, aus ihrem puren Gegenteil gewachsen: aus staatlicher Zensur.

Das erste Gesetz, das sich gegen die Zensur richtete, stammt aus England: Im 17. Jahrhundert forderten der Dichter John Milton und der Philosoph John Locke die Aufhebung des britischen Zensurstatuts, mit Erfolg. Als verfassungsmässig garantiertes Recht aber wurde die Pressefreiheit erst durch die Vereinigten Staaten von Amerika festgeschrieben: im 1791 verabschiedeten 1. Zusatzartikel zur Verfassung und damit als Teil der Bill of Rights, jenes für Demokratien wegweisenden Katalogs von Grundrechten eines jeden freien Menschen. Dieses so genannte First Amendment verbot dem Kongress explizit jedes künftige Gesetz, das die Meinungs-, Religions-, Presse- oder Versammlungsfreiheit einschränkt.

Ob China oder Iran: Staatliche Zensur ist in vielen Weltgegenden nach wie vor beklagenswerte Realität. Denn wie ungeheuer wichtig eine freie Presse für einen gesunden Staat ist, war Amerikas Gründervätern sehr bewusst. So schrieb der nachmalige Präsident Thomas Jefferson schon im Jahr 1787:

Wäre es an mir, zu entscheiden, ob wir eine Regierung ohne Zeitungen oder aber Zeitungen ohne eine Regierung haben sollten, ich würde keinen Moment zögern, das Letzte vorzuziehen.

Projekt

Das wichtigste Wort in der Sprache der Manager ist «Projekt». Ein Projekt kann schlechterdings alles sein: Ein Auftrag, ein Hobby, eine Ehe. Die Managementlehre kennt ganze Regelwerke, wie Projekte abzuwickeln sind. Zum Beispiel nach der «Smart»-Regel: Smart ist ein Akronym, ein Abkürzungswort, für «spezifisch», «messbar», «akzeptiert», «realistisch» und «terminiert». Sprich: Ziele müssen erreichbar sein, so präzise wie möglich definiert und vom Auftraggeber bewilligt werden, die Ergebnisse müssen messbar sein und zu einem festgelegten Termin vorliegen.

Allen Management-Moden zum Trotz ist das Projekt kein Kind unserer Zeit: Schon 1783 schrieb der Schweizer Arzt und Schriftsteller Johann Georg Zimmermann in seinem Buch «Über die Einsamkeit»:

So schwärmet und wirbelt man Tag für Tag und Jahr für Jahr in rauschender Lustbarkeit durch das Leben; oder man rennet von Gedanken zu Gedanken, von Projekt zu Projekte.

Dabei war Zimmermann selbst ein über alle Massen smarter Projektleiter: Er war ein Bekannter Goethes, Leibarzt des englischen Königs Georgs III in Hannover und später auch des Preussenkönigs Friedrichs des Grossen in Potsdam; von der russischen Zarin Katharina II wurde er zum Ritter geschlagen.

Doch bei all dem Glanz und Gloria ist das Projekt (ein sprachlicher Verwandter des Projektils) nur das lateinische Partizip proiectus, auf Deutsch «nach vorn geworfen» oder auch nur «hingeschmissen». Bevor wir uns also ans nächste Projekt machen, sollten wir uns gut überlegen, ob es denn tatsächlich nur ein «Projekt» sein soll.

Projektor

Kaum ein Geräusch hat soviel mit Erinnerungen zu tun – die ersten Gehversuche der lieben Kleinen, das grosse Familienfest, der sonnige Sandstrand. Der Projektor spulte den verwackelten, von Streifen gezeichneten Film ab, und das Publikum blickte auf die Leinwand – je nach Beteiligungsgrad gebannt oder gelangweilt.

Projektor
Heute ist er selbst nur noch eine Erinnerung: der Projektor, das Gerät mit der starken Glühlampe, die ihr Licht durch einen Film, ein Dia und durch Linsen hindurch auf die Leinwand warf. Wörtlich, denn Projektor heisst lateinisch nichts anderes als «Hinwerfer». Zugegeben, ein etwas despektierlicher Ausdruck für ein Gerät, das Optik und Mechanik zu einer derart faszinierenden Erinnerungsmaschine verband.

Diese Magie trägt der Ur-Projektor in seinem Namen: laterna magica, Zauberlaterne, hiess das Gerät des niederländischen Physikers Christiaan Huygens, das im Jahr 1656 zum ersten Mal Bilder projizierte. Sonderlich viel Zauber war nicht dabei – eine Öllampe in einem Gehäuse, auf der Rückseite ein Hohlspiegel, davor handgemalte Laternbilder und das Objektiv. Magisch aber war die Wirkung: Die laterna magica wurde so aufgestellt, dass sie nicht zu sehen war, und projiziert wurde auf Rauch, der die Figuren frei im Raum schweben liess. Auch wenn die Kerzen von Glühlampen, die gemalten Bilder von Dias und der Rauch von Leinwänden abgelöst wurden – die Lichtbilder verloren nichts von ihrem Glanz.

Laterna magica, Projektor – heute sind sie Geschichte. Immerhin: Auch im Zeitalter von Beamer oder Youtube ist die Magie der Erinnerungsbilder ungebrochen.