Polstab

Auf dem Weg der Sonne von Ost nach West wandert der Schatten des Stabes einer Sonnenuhr im Gegenuhrzeigersinn über das Zifferblatt und zeigt die Zeit an. Bei heutigen Sonnenuhren steht der Stab in der Regel schräg. Er zeigt auf den Himmelsnordpol – in Richtung des Polarsterns – und heisst deshalb Polstab.

Die Vorläufer von Polstabuhren hatten Schattenstäbe, die ganz einfach rechtwinklig vom Zifferblatt abstanden. Sie heissen «kanonial», weil sie in mittelalterlichen Klöstern dazu dienten, die Gebetszeiten anzuzeigen. Die älteste kanoniale Sonnenuhr der Welt haben Forscherinnen der Uni Basel 2013 im Tal der Könige in Ägypten entdeckt: ein flaches Stück Kalkstein, auf dessen glatte Vorderseite ein Arbeiter säuberlich die zwölf Tagesstunden aufgemalt hatte – vor sage und schreibe 3200 Jahren.

Der Nachteil dieser Sonnenuhren mit rechtwinkligen Schattenstäben: Sie sind ungenau. Weil der Sonnenstand von der Jahreszeit abhängt, sind die Winkel der Stundenlinien unterschiedlich – neun Uhr im Sommer ist anders als neun Uhr im Winter.

Die Lösung für dieses Problem fanden die alten Griechen: den Polstab, auf Griechisch polos, der genau im Winkel der geografischen Breite zur Mittagslinie geneigt ist – in der Schweiz sind das zwischen 46 und 47,5 Grad. Der Polstab war eine kleine Revolution der Zeitmessung: Er verläuft parallel zur Erdachse, und damit fällt die Jahreszeit nicht mehr ins Gewicht. Denn der Schatten fällt zur selben Tageszeit immer auf dieselbe Linie, unabhängig davon, ob gerade Winter oder Sommer ist.

Pomade

«Grease», auf Deutsch «Schmierfett», in den Hauptrollen John Travolta und seine ölglänzende Tolle, war der Kinohit des Jahres 1978. Der Song «Greased Lightning» – «Geölter Blitz» – handelt von einem betagten Ford, und das Fett schmiert Ventile und Frisuren gleichermassen. «Grease», das ist die Wiederauferstehung einer Rostlaube auf vier Rädern – und ebenso der Schmalzlocke der fünfziger Jahre.

Ungebärdige Locken aber gab es immer schon, und der Widerspenstigen Zähmung war bereits im 18. Jahrhundert beim Adel gang und gäbe. Die «Grease» der ersten Stunde hiess «Pomade» – von französisch pomme, weil sie nach den darin enthaltenen, zerstampften Äpfeln duftete. Im Lauf der Zeit wurde dann so ziemlich alles zu Pomade verarbeitet, was aufmüpfige Strähnen an den Schädel zu kleben vermochte: Bärenfett (von dem man glaubte, es helfe gegen Glatzenbildung, weil Bären einen dichten Pelz besitzen), Vaseline, Bienenwachs und, für nicht ganz so gut Betuchte, Butter oder Schweineschmalz.

Vom Stummfilmstar Rudolph Valentino bis zur Boxerlegende Joe Louis: Seit den Goldenen Zwanzigern war pomadisiertes Haar der letzte Schrei, und die Marken, mit denen man all die ducktail, quiff oder pompadour genannten Schmalztollen zusammenkleisterte, lesen sich wie eine Kulturgeschichte des schönen Scheins: «Murray’s Superior Hair Dressing Pomade», «Brylcreem», «Royal Crown», «Black & White», «Sweet Georgia Brown Pomade».

Heute haben Bratfett & Co. ausgedient: Moderne Haargels duften nach Parfüm, sind wasserlöslich und lassen sich leicht wieder auswaschen.

Pong

Schlichter könnte der Name nicht sein: «Pong» heisst das Game – ein grauer Strich als Schläger, ein Punkt als Ball, ein Zähler. Voilà. Graue Linien auf schwarzem Grund – mehr brauchte es vor vierzig Jahren nicht, um Menschen in Massen vor den Bildschirm zu bannen.

Pong
1972 in den USA vom Radio- und Fernsehbauer Magnavox gebaut, ist «Pong» sozusagen die reduktionistische Form des Tischtennis. Der Ballpunkt bewegt sich hin und her, prallt vom Schlägerstrich ab, und falls nicht, weil daneben, gibt’s einen Punkt für den Gegner. Beim Ur-«Pong» war das noch ein Mitspieler aus Fleisch und Blut, der – genau wie man selbst – einen Ur-Joystick aus grauem Plastik in den schweissnassen Händen hielt. Heute (im Web gibt es Abertausende spielbarer «Pongs») wird gegen einen Computergegner gesmasht.

«Pong», am Anfang noch ein fest verdrahteter, von Hand gelöteter Schaltkreis, ist der Urvater aller Computerspiele. Der wahre Kampf allerdings fand neben dem Bildschirm statt. «Pong»-Erfinder Magnavox erfuhr kurz nach der Einführung, dass Konkurrent Atari das Spiel ebenfalls auf den Markt gebracht hatte. Vor Gericht konnte Magnavox hieb- und stichfest beweisen, dass Atari-Gründer Nolan Bushnell höchstpersönlich die Idee geklaut hatte. Die Geldstrafe allerdings, satte 700 000 Dollar, erwies sich als glänzende Investition. In nur zwei Jahren nämlich verkaufte Atari 8000 Pong-Automaten, jeder davon schrankgross und ein Vermögen wert.

Nicht nur seine Existenz, sondern auch den Namen verdankt das Spiel der Juristerei. Der Name Pingpong war nämlich geschützt, und so liess Atari das «Ping» einfach weg. So hat Pong eine erstaunliche Karriere gemacht: Computergames sind heute eine Kunstform, und «Pong» ist Kultur.

Portal

Was der Bibliothek der gute alte Katalog war, ist dem Internet das Portal. Jede Website, die etwas auf sich hält, nennt sich heute – ganz modisch und neudeutsch – ein Portal.

Neudeutsch? Uraltdeutsch wäre richtiger. Denn wie so oft, wenn’s um unsere Sprache geht, ist die Antike nicht weit. Der Ursprung des Portals ist das lateinische porta, die Tür. Das Tor ist ein so einprägsames Sinnbild für Eingang oder Übergang, dass es als lateinisches Lehnwort gleich mehrmals ins Deutsche übernommen wurde. Und jedes Mal entstand daraus ein anderes deutsches Wort.

Schon im ersten Jahrhundert vor Christus wurde porta eingedeutscht – zur heutigen Furt, dem seichten Durchgang durch einen Fluss, den man an dieser Stelle mit Pferd und Wagen durchqueren konnte, ohne jämmerlich zu ersaufen.

Aber auch die wörtliche Übersetzung der lateinischen Tür fand ihren Weg zu den Germanen: Das war etwa im sechsten Jahrhundert und führte zur heutigen Pforte.

Noch später, als Prachtbauten in Mode kamen, besann man sich wieder auf die grossen antiken Vorbilder – und nannte ein prunkvolles Tor Portal. Und da sich die neuen Medien nicht gerade durch übermässige Bescheidenheit auszeichnen, muss heute als Bezeichnung für Einstiegsseiten ins Internet natürlich der vornehmste dieser Begriffe herhalten: eben das Portal.

Wieviel bescheidener ist da für einmal das Englische: Die grösste Bibliothek der Welt, die Library of Congress in Washington, nennt ihre Portalseite schlicht und einfach home.

Post

Seit er schreiben kann, schreibt der Mensch Briefe. Schon 3200 vor Christus kratzten Sumerer ihre Nachrichten auf Tontafeln, seit 500 vor Christus Römer die ihren in Wachs. Als teuer, aber praktisch erwies sich das Pergament, das leichter zu transportieren war, doch seinen eigentlichen Durchbruch erzielte der Brief mit dem ums Jahr 100 nach Christus in China entwickelten Papier.

Von allein finden die Briefe ihren Weg kaum; im allgemeinen braucht es dazu die gute alte Post. Alt ist dabei wörtlich gemeint: Einen verlässlichen Botendienst für die Staatsverwaltung gab es schon im alten Persien. Ein Postwesen im modernen Sinn entwickelten dann die alten Römer, zur Kaiserzeit in den ersten drei Jahrhunderten nach Christus. Daher auch der Name: Post kommt vom lateinischen a positis equis – also vom Ort, wo es Boten und vor allem Pferde zur Beförderung gab.

Auch Email und SMS haben nichts daran geändert: Das Briefeschreiben kommt nicht aus der Mode. Fast 4 Milliarden Briefe stellt allein die schweizerische Post jedes Jahr zu. Und würde die Post sie nicht befördern, sondern säuberlich stapeln, entstünde da jeden Tag ein Turm von mehr als 20 Kilometern Höhe. Dass die Post täglich auch noch 300 000 Menschen ans Ziel bringt, 400 000 Pakete befördert, und 3,3 Millionen Zahlungen abwickelt, sei hier nur am Rande erwähnt. Mit Boten und Pferden ist das nicht mehr zu leisten. Dafür braucht es modernste Technik und Verkehrsmittel – und insgesamt 44 000 Angestellte. Ohne sie käme kein Feriengruss, keine Liebeserklärung jemals ans Ziel.

Die Liebe ist eine Himmelsmacht, und trotzdem: Die allermeisten Briefe sind geschäftlich und knapp gehalten. Und auch das war schon bei den alten Römern so: Brief kommt nämlich vom lateinischen brevis, und das heisst kurz.