Musikdose

Ihr Klang ist einmalig, auch wenn sie viele Namen trägt: In der Schweiz heisst sie «Musikdose», in Deutschland «Spieldose» oder «Spieluhr», in England «music box». Die kleine Dose mit ihren klingenden Metallzungen, die von Stiften auf einer langsam drehenden Walze gezupft werden, hat 1796 der Genfer Uhrmacher Antoine Favre erdacht. Seine Erfindung fand eine begeisterte Kundschaft. Der Absatz wuchs, und so entstand um 1815 in der Schweiz eine eigentliche Musikdosenindustrie.

Musikdose
Musikdose
Gefragt waren da vor allem Uhrmacher, da die Walze in der Regel von einem Uhrwerk angetrieben wurde. Folgerichtig entwickelte sich die Herstellung da, wo es auch Uhrenmanufakturen gab: zum Beispiel in Genf. 1860 wurden da bereits 13 000 Musikdosen hergestellt, was mehr als 1000 Menschen Lohn und Arbeit gab.

Nach der grossen Uhrenkrise von 1860 wandten sich die Uhrmacher im Jura, im Vallée de Joux und in Sainte-Croix, den Musikdosen zu und brachten sie zur Perfektion. Während da um 1900 die Uhrmacherei fast völlig verschwand, exportierten vierzig Hersteller in Sainte-Croix ihre Werke bereits in die ganze Welt und setzten 4 Millionen Franken um, eine damals enorme Summe.

Die Herstellung der Musikdosen war alles andere als einfach: Die goupilleuse brachte die Bohrungen an und setzte von Hand die Stifte ein, der poseur passte den Tonkamm ein, der anschliessend vom justifieur nachgestimmt wurde. Der remonteur setzte die Uhrfeder ins Gehäuse, und erst nach einer minutiösen Kontrolle durch den termineur verliess eine Musikdose das Werk.

Heute, im Zeitalter von Radio und iPod, ist die Musikdose nur noch etwas für Liebhaber. Aber ihr Klang hat nichts von seiner Einmaligkeit verloren.

Myst

September 1993. Der Computer war noch ein Arbeitstier, sein Käfig das Büro, sein Bildschirm eine Flimmerkiste. Da löste ein brandneues Game bei den Fans ein Raunen aus. Das Spiel hiess «Myst», von mystery, dem englischen Wort für Rätsel, erfunden von den beiden Brüdern Rand und Robyn Miller.

Myst
Allerdings: Nur die wenigsten konnten es überhaupt spielen. «Myst» lief anfänglich nur auf einem Mac mit hoch auflösendem Farbbildschirm und CD-ROM, vor 20 Jahren ein unerschwinglicher Luxus. Dazu war «Myst» ganz anders als andere Games. Kein Spielstand. Kein Schiessen. Kein Sterben. Sondern vielmehr eine einsame, surreale, mit zahllosen liebevollen Details gestaltete, menschenleere Insel, deren Vergangenheit es Schritt für Schritt zu enträtseln galt. Und so tauchten die Spieler ein in die Welt der missratenen Brüder Sirrus und Achenar, ihres überforderten Vaters Atrus, seinen genialen Maschinen und seinen magischen Büchern, die moderne E-Books um Jahrzehnte vorwegnahmen.

Das Spielen bestand vor allem aus Denkarbeit. Die Rätsel waren so verflixt schwierig, dass man den «Myst»-Spieler auch abseits des Computers unschwer an seinem abwesenden Blick und dem stets in Griffweite befindlichen Notizblock erkennen konnte. Die Kritiken waren euphorisch, das Spiel und seine Nachfolger ein Riesenerfolg: Neun Jahre lang war «Myst» das meistverkaufte Computergame; von den ersten drei Versionen wurden über 12 Millionen Stück verkauft.

Die Firma der beiden Miller-Brüder gibt es immer noch. Sie liegt in Spokane im US-Bundesstaat Washington, laut Firmenporträt «192 Billionen Kilometer vom nächsten bewohnbaren Planeten entfernt». «Myst» selbst liegt etwas näher: im Museum of Modern Art in New York, als Spiel im Web und, natürlich, als App auf dem Handy.

Nadel

Eine Nadel ist eine unscheinbare Sache: Wenige Zentimeter lang, 0.7 bis 1,4 Millimeter dünn, mit einem Nadelöhr, dessen Breite nur gerade 40 Prozent der Nadelstärke beträgt. Bei dünnen Nadeln ist das geradezu sprichwörtlich klein: In gleich drei Evangelien geht eher ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel.

Die Nadel ist ein Kulturgut ersten Ranges. Schon vor 35 000 Jahren schliffen die Menschen Knochen- oder Geweihspäne auf einem Stein zurecht. Ein Spalt am Nadelende klemmte den Faden aus Tierdarm oder Sehne fest, so dass sich Leder zu Kleidern zusammennähen liess. Forscher gehen davon aus, dass erst die Erfindung der Nähnadel die Ausbreitung des aus Afrika stammenden Homo sapiens möglich machte: Um bei unwirtlichen Temperaturen überleben zu können, brauchten die Menschen an ihre Anatomie angepasste Kleidung, die sich nur mithilfe von Nadeln herstellen liess – eine Technik, die etwa der Neandertaler nicht kannte, so dass die Besiedlung von Nordeuropa oder Asien dem modernen Menschen vorbehalten blieb.

Eine Nadel ist nicht nur ein Nähutensil, sondern auch ein Universalwerkzeug – und eines, das zuweilen auch gänzlich unvermuteten Zwecken dient. Zum Beispiel der Textverarbeitung: Anfang des 19. Jahrhunderts, 170 Jahre vor der Erfindung von Microsoft Word, benutzte die britische Schriftstellerin Jane Austen Stecknadeln zum Redigieren ihrer Romane: Textstellen, die ins Manuskript eingefügt werden sollten, schrieb sie fein säuberlich auf kleine Zettel und steckte diese dann präzise an der richtigen Stelle fest.

Nagel

Den Nagel auf den Kopf getroffen haben zuallererst die Bogenschützen: In die Mitte von Zielscheiben wurden Nägel eingeschlagen. Prallte der Pfeil vom eisernen Kopf ab, war der Volltreffer für alle gut sichtbar. Den Nagel sollte man tatsächlich immer auf den Kopf treffen, denn sonst tut in der Regel der Finger weh. Und vom Finger kommt auch der Name: «Nagel» stammt vom althochdeutschen «nagal» ab, dem Wort für «Fingernagel» oder «Klaue».

Die ältesten Nägel stammen aus der Jungsteinzeit und waren aus Holz: Bei Leipzig wurde 2005 ein rund 7000 Jahre alter Brunnen entdeckt, dessen Eichenbohlen von langen Holznägeln zusammengehalten wurden. Seit der Eisenzeit kamen die Nägel vom Nagelschmied, und Ende des 18. Jahrhunderts erfanden Tüftler in den USA und England die Herstellung von Nägeln durch maschinelles Zerschneiden spitz zulaufender Blechplatten. Aus Paris stammt ein anderes Verfahren, bei dem seit Anfang des 19. Jahrhunderts Nägel aus Draht geschnitten wurden, weshalb man sie folgerichtig «französische Nägel» oder «Pariser Stifte» nannte.

Heute bestehen Nägel in der Regel aus Stahl. Streicht man mit einem Magneten 10-, 20-mal vom Kopf bis zur Spitze, wird der Nagel magnetisch. Legt man ihn nun auf eine kleine Scheibe aus Kork oder Styropor, die im Wasser schwimmt, dreht er sich wie ein Kompass nach Norden. Und wer nun genau sagen kann, wo’s langgeht, der trifft, buchstäblich, den Nagel auf den Kopf.

Narrativ

Das Narrativ ist das Modewort der Zeit. Ob politischer Vorstoss oder Autowerbung – alles hat neuerdings ein Narrativ. Was das genau ist, weiss die Sozial- und Kulturwissenschaft: Für sie ist das Narrativ schlechterdings jede mündliche oder schriftliche Äusserung. Allerdings: Ob Alltagsbericht oder Liebeslyrik – ein Narrativ vermittelt stets Inhalt und Kontext. Eine Geschichte wird auf eine ganz bestimmte Art erzählt und in einen grösseren Zusammenhang gestellt. Teile werden ausgewählt, andere weggelassen, kurz: Das Narrativ interpretiert auf eine ganz bestimmte, kulturspezifische Art. Und damit wird es nicht nur zur Story, sondern zu einer Art kulturellem Fingerabdruck der Gesellschaft.

Dabei heisst das lateinische narrare ganz einfach «erzählen». Und das war nicht immer sonderlich hoch angesehen. Als im 18. Jahrhundert die ersten deutschen Entwicklungsromane erschienen, tobte unter den Lesern bald ein Meinungskrieg: Für die einen waren die neuen Werke Kunst, für die anderen waren sie erstunken und erlogen. Davor nämlich waren Erzählungen vor allem einer historisch-faktischen Wahrheit verpflichtet gewesen, die für künstlerische Gestaltung wenig Raum liess. Als Christoph Martin Wieland 1773 seine «Geschichte des Agathon» überarbeitete, sah er sich genötigt, in einem Vorwort das Verhältnis der Handlung zur griechischen Geschichte zu klären: Der Unterschied sei, dass in einem Bericht

das Erdichtete in die historische Wahrheit, in jenem [im Roman Agathon] hingegen das Historisch-Wahre in die Erdichtung eingewebt ist.

Ein bisschen Wahrheit und eine ganze Menge Fiktion: Das ist beim Narrativ in Politik und Werbung nicht anders.