Muschelgeld

Die glatten Gehäuse der Kaurischnecke sind selten, schwer zu finden und kaum zu fälschen. Schon vor Jahrtausenden dienten Kaurischnecken in vielen Regionen Afrikas, Asiens und Chinas als harte Währung.

Solches Muschelgeld ist bis heute in Gebrauch auf der Südseeinsel Neubritannien, einem Inselstaat, der zu Papua-Neuguinea gehört. Auf dieser Insel lebt das Volk der Tolai. Die Tolai bewirtschaften als Selbstversorger ihre eigenen Gärten, oft als Gemeinschaften von mehreren Haushalten. Auf dem fruchtbaren vulkanischen Boden gedeihen Taro- und Yamswurzeln, Süsskartoffeln, Bananenstauden und Kokospalmen.

Bezahlt wird mit Muschelgeld, das zu Geldschnüren aufgereiht wird, die «param» genannt werden und so lang sind wie die Spannweite eines Mannes mit ausgebreiteten Armen. Auf einen Faden dieser Länge passen 220 bis 240 sorgfältig zu Ringen geschliffene Schalen einer kleinen, in Papua-Neuguinea vorkommenden Meeresschnecke. Lokale Wechselstuben tauschen Muschel– in Bargeld und umgekehrt, denn Schulgebühren oder Arzt- und Spitalkosten müssen in Kina beglichen werden, der offiziellen Währung Papua-Neuguineas. Der aktuelle Wechselkurs beträgt 5 Kina für einen «param», was rund 1.20 Franken entspricht.

Das Muschelgeld besitzt für die Tolai grosse kulturelle und spirituelle Bedeutung, etwa bei Taufen, Hochzeiten oder Trauerfeiern. Und es ist nach wie vor die gängige Währung für Einkäufe auf dem Markt – für Reis, Gemüse und Süssigkeiten und, weil Handys auch in der Südsee allgegenwärtig sind, sogar für das Aufladen von SIM-Karten.

Museum

Wer von der Muse geküsst werden will, der geht am besten ins Museum. museum ist lateinisch und bezeichnet den Ort des Studiums, eine Universität oder, im engeren Sinn, eine Bibliothek. Und das noch ältere griechische museion hiess nichts anderes als Musentempel.

Ein solches Museion stand zum Beispiel in Alexandria, am Hof von König Ptolemaios I, im dritten Jahrhundert vor Christus. Die sagenhafte Bibliothek von Alexandria sollte nichts weniger als das gesammelte Wissen der Zeit enthalten: alle Schriftrollen, Schrifttafeln und Bücher aller Völker und Zeiten. Als Cäsar im Jahr 48 vor Christus auf der Suche nach seinem Widersacher Pompejus nach Alexandria kam und nach heftigen Kämpfen im Residenzviertel in die Enge getrieben wurde, liess er kurzerhand sämtliche im Hafen liegenden Schiffe anzünden. Mit ihnen soll die auch die legendäre Bibliothek in Flammen aufgegangen sein.

Tatsächlich haben Archäologen die Existenz der Bibliothek von Alexandria nie nachweisen können, Überreste wurden bis heute nicht gefunden. Doch ein Menschheitstraum ist sie geblieben: eine frei zugängliche Sammlung allen Wissens an einem einzigen Ort. Das Museion in diesem umfassenden Sinn gibt es dagegen wohl: zum einen in Form gigantischer Bibliotheken wie der Library of Congress in Washington mit ihren mehr als 138 Millionen Titeln, und zum anderen archive.org, das Internet-Archiv des Computerwissenschaftlers Brewster Kahle mit seinen unvorstellbaren Datenmengen, das alle zwei Monate das gesamte zugängliche Internet archiviert und öffentlich macht.

Ob die Musen wirklich jeden dieser zahllosen Autoren geküsst haben, ist fraglich. Doch die Idee des Museums als Ort der Inspiration und des Denkens ist gerade im Zeitalter des Web aktuell wie nie.

Musikdose

Ihr Klang ist einmalig, auch wenn sie viele Namen trägt: In der Schweiz heisst sie «Musikdose», in Deutschland «Spieldose» oder «Spieluhr», in England «music box». Die kleine Dose mit ihren klingenden Metallzungen, die von Stiften auf einer langsam drehenden Walze gezupft werden, hat 1796 der Genfer Uhrmacher Antoine Favre erdacht. Seine Erfindung fand eine begeisterte Kundschaft. Der Absatz wuchs, und so entstand um 1815 in der Schweiz eine eigentliche Musikdosenindustrie.

Musikdose
Musikdose
Gefragt waren da vor allem Uhrmacher, da die Walze in der Regel von einem Uhrwerk angetrieben wurde. Folgerichtig entwickelte sich die Herstellung da, wo es auch Uhrenmanufakturen gab: zum Beispiel in Genf. 1860 wurden da bereits 13 000 Musikdosen hergestellt, was mehr als 1000 Menschen Lohn und Arbeit gab.

Nach der grossen Uhrenkrise von 1860 wandten sich die Uhrmacher im Jura, im Vallée de Joux und in Sainte-Croix, den Musikdosen zu und brachten sie zur Perfektion. Während da um 1900 die Uhrmacherei fast völlig verschwand, exportierten vierzig Hersteller in Sainte-Croix ihre Werke bereits in die ganze Welt und setzten 4 Millionen Franken um, eine damals enorme Summe.

Die Herstellung der Musikdosen war alles andere als einfach: Die goupilleuse brachte die Bohrungen an und setzte von Hand die Stifte ein, der poseur passte den Tonkamm ein, der anschliessend vom justifieur nachgestimmt wurde. Der remonteur setzte die Uhrfeder ins Gehäuse, und erst nach einer minutiösen Kontrolle durch den termineur verliess eine Musikdose das Werk.

Heute, im Zeitalter von Radio und iPod, ist die Musikdose nur noch etwas für Liebhaber. Aber ihr Klang hat nichts von seiner Einmaligkeit verloren.

Myst

September 1993. Der Computer war noch ein Arbeitstier, sein Käfig das Büro, sein Bildschirm eine Flimmerkiste. Da löste ein brandneues Game bei den Fans ein Raunen aus. Das Spiel hiess «Myst», von mystery, dem englischen Wort für Rätsel, erfunden von den beiden Brüdern Rand und Robyn Miller.

Myst
Allerdings: Nur die wenigsten konnten es überhaupt spielen. «Myst» lief anfänglich nur auf einem Mac mit hoch auflösendem Farbbildschirm und CD-ROM, vor 20 Jahren ein unerschwinglicher Luxus. Dazu war «Myst» ganz anders als andere Games. Kein Spielstand. Kein Schiessen. Kein Sterben. Sondern vielmehr eine einsame, surreale, mit zahllosen liebevollen Details gestaltete, menschenleere Insel, deren Vergangenheit es Schritt für Schritt zu enträtseln galt. Und so tauchten die Spieler ein in die Welt der missratenen Brüder Sirrus und Achenar, ihres überforderten Vaters Atrus, seinen genialen Maschinen und seinen magischen Büchern, die moderne E-Books um Jahrzehnte vorwegnahmen.

Das Spielen bestand vor allem aus Denkarbeit. Die Rätsel waren so verflixt schwierig, dass man den «Myst»-Spieler auch abseits des Computers unschwer an seinem abwesenden Blick und dem stets in Griffweite befindlichen Notizblock erkennen konnte. Die Kritiken waren euphorisch, das Spiel und seine Nachfolger ein Riesenerfolg: Neun Jahre lang war «Myst» das meistverkaufte Computergame; von den ersten drei Versionen wurden über 12 Millionen Stück verkauft.

Die Firma der beiden Miller-Brüder gibt es immer noch. Sie liegt in Spokane im US-Bundesstaat Washington, laut Firmenporträt «192 Billionen Kilometer vom nächsten bewohnbaren Planeten entfernt». «Myst» selbst liegt etwas näher: im Museum of Modern Art in New York, als Spiel im Web und, natürlich, als App auf dem Handy.

Nabel der Welt

Der Nabel der Welt ist der Mythologie zufolge der Weltenmittelpunkt. Zu allen Zeiten haben Herrscher diesen Punkt für sich reklamiert. «Nabel» heisst auf Lateinisch umbilicus, und der umbilicus urbis romanae, das offizielle Zentrum des römischen Strassennetzes und damit der Nabel der Welt, war ein kleiner Tempel auf dem Forum in Rom, dessen Ruinen man heute noch sehen kann. Von hier aus wurden die Meilen der römischen Heerstrassen gezählt. Und weil sich hier, wie man glaubte, die Welt der Lebenden und die der Toten berührten, wurden den Göttern der Unterwelt, des orcus, Opfer gebracht.

Schon die Griechen besassen ihren Nabel der Welt, den omphalos, einen mit Girlandenmustern verzierten Kultstein im Apollon-Tempel von Delphi. Der Sage nach soll der Stein als Meteor vom Himmel gefallen sein und die Stelle markiert haben, an der sich zwei Adler trafen, nachdem sie von Zeus auf die Reise geschickt worden waren, um den Nabel der Welt zu finden. Ein «Omphalion», einen aus bunten Marmorkreisen bestehenden Bereich, gibt es auch unter der Kuppel der Hagia Sophia in Istanbul, und sogar auf dem Berliner Schlossplatz gab es im 19. Jh. einen «Omphalos», einen achtarmigen Kandelaber des Architekten Karl Friedrich Schinkel, auf den sich alle Distanzangaben auf den preussischen Meilensteinen bezogen.

Delphi, Rom, Konstantinopel, Berlin: Wer sich heute für den Nabel der Welt hält, hat historisch gesehen ziemlich viel Konkurrenz.