Kodak

In «Dwayne’s Photo» ging eine Ära zu Ende: Am 31. Dezember 2010 wurde hier, im kleinen Familienunternehmen in Kansas, der buchstäblich letzte Kodachrome-Film entwickelt, jener legendäre Farbfilm, der seit seiner Einführung 1935 für Generationen von Amateuren und Profis der Inbegriff der Fotografie war.

Kodak
Alle haben wir zahllose dieser Blechhülsen mit dem lichtempfindlichen Kodak-Film sorgsam in die Kamera eingelegt: je nach Budget Farbnegativ oder Dia, 24 oder 36 Fotos lang. Auf Reisen mussten es schon ein oder zwei Dutzend sein – schwer vorstellbar in einer Zeit, in der daumennagelgrosse Chips bereits Zehntausende von Bildern speichern.

«Kodak», das war ein Kunstwort des Erfinders George Eastman, Jahrgang 1854. Eastman, ein Schulabbrecher und Postbote mit einem Wochengehalt von 3 Dollar, fand auf Umwegen den Weg in die Fotobranche. 1884 kaufte er einem Kollegen das Patent für den Rollfilm ab, und zwei Jahre später kam die erste Kamera namens «Kodak Nr. 1» auf den Markt. Der Rest ist Geschichte: Die Eastman Kodak Company ist einer der grossen Konzerne dieser Welt. Die Zeichen der Zeit allerdings haben George Eastmans Erben zu spät erkannt: Die Aktie verlor in den letzten zehn Jahren neun Zehntel ihres Werts, die weltweit 25 hoch spezialisierten Kodachrome-Grosslabors schlossen eines ums andere ihre Tore, Tausende wurden entlassen.

«Dwayne’s Photo» in Kansas hielt am längsten durch. Der buchstäblich allerletzte, an Silvester entwickelte Film enthielt ein Gruppenbild: von der Belegschaft in T-shirts mit der Aufschrift «Kodachrome 1935-2010».

Kohlepapier

Im Mittelalter war der Kopist ein gefragter Mann: Sein Platz war das Skriptorium des Klosters, und seine Aufgabe war das Abschreiben kirchlicher und wissenschaftlicher Manuskripte, Wort für Wort, Band für Band. Die Erfindung des Buchdrucks war zwar der Anfang vom Ende dieses Handwerks, doch der Bedarf nach Copy & Paste blieb. Eine unscheinbare, aber ungemein effiziente Erfindung schuf Abhilfe: das Kohlepapier.

Kohlepapier besteht aus einer ursprünglich mit Kohlestaub belegten Folie, die zwischen Original und Doppel gelegt wurde. Der von Kugelschreiber oder Schreibmaschine erzeugte Druck presste die Kohle auf das darunter liegende Blatt. War die Folie ganz besonders dünn, liessen sich auf einen Schlag gleich mehrere Kopien herstellen. Aber es gab auch Nachteile: Der Druck einer Feder war für einen Durchschlag zu gering; schlich sich ein Fehler ein, musste er auf jeder einzelnen Kopie korrigiert werden, und einmal mit dem Finger darübergewischt, war die Kohleschrift verschmiert. Moderne Durchschlagspapiere enthalten daher keine Kohle mehr, sondern mikroskopisch kleine Farbkapseln, die auf Druck zerplatzen.

So patent die Erfindung auch war: Einen einzelnen Erfinder gibt es nicht, auch wenn zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Italien und England erste Durchschlagspapiere patentiert wurden. Selbst im Digitalzeitalter, 200 Jahre später, gibt es das Kohlepapier immer noch – als Produkt einiger letzter Hersteller und als E-Mail-Abkürzung «Cc», für carbon copy, auf Deutsch «Kohlekopie».

Kollege

Die römische Republik kannte ein eisernes Prinzip: Macht, in den Händen eines einzelnen, kann allzu leicht missbraucht werden. Darum, so besagten die Regeln, durfte die Macht, die eines Konsuls etwa, des höchsten politischen Amtes, immer nur ein Jahr lang ausgeübt und musste geteilt werden – unter zwei gleichberechtigten collegae. Das Wort setzt sich zusammen aus dem lateinischen cum, «mit», und lex, «Gesetz» – ein Kollege war also der, der demselben Gesetz unterstand wie man selbst.

Collegae waren im alten Rom demnach alles andere als Kollegen, und oft genug trauten sie einander nicht über den Weg. Der Anwalt und Politiker Marcus Tullius Cicero etwa, im Jahr 63 v. Chr. zum Konsul gewählt, hatte als collega den bis ins Mark korrupten Gaius Antonius Hybrida, und was die beiden miteinander verband, war vor allem eine erbitterte Feindschaft.

In der Form des «Kollegiums» fand das Wort mit dem Aufkommen der ersten Universitäten den Weg in die Akademie: Das Kollegium war die gemeinschaftlich aufgebaute Körperschaft von Dozenten; ihr anzugehören, war das sogenannte «Kollegiat», der Mitprofessor folgerichtig der «Kollege». Als solche blieben die nicht lange unter sich, denn schon bald redeten sich auch die Studenten untereinander (durchaus ironisch) mit «Herr Kollega» an.

Sportler, Lehrerinnen, Müllmänner, Ärztinnen, Anwälte: Alle sind sie heute «Kollegen», und namentlich in der Schweiz, in Österreich und Süddeutschland ist der Kollege heute gleichbedeutend mit dem Freund. Dass er einst sein genaues Gegenteil war, ist längst vergessen.

Kolophonium

Kolophonium ist ein Harz, ein Baumharz von Kiefern, Fichten und Tannen. Die Baumstämme werden im Frühjahr geritzt, im Herbst wird das Harz geerntet und destilliert. So gewinnt man Terpentinöl, und zurück bleibt festes Kolophonium in Farben von Gelb bis Dunkelbraun.

Sein Name kommt von der griechischen Stadt Kolophon, dem antiken Handelszentrum für Harze, in der heutigen Türkei.

Kolophonium braucht man in der Elektronik fürs Löten oder auch für Schutzlackierungen, in der Kunst braucht man das Harzpulver für die Aquatinta-Technik, in der Heilkunde dient es als antiseptisches Räucherwerk. Und im Sport macht das Kolophonium den Handball griffiger.

Und man braucht es in der Musik. Und wie man es braucht! Ohne Kolophonium würde das Pferdehaar des Geigenbogens sanft und glatt über die Saite streichen, und zu hören wäre ein reibendes, flüsterndes Nichts. Daher wurden die allerersten Saiteninstrumente nicht mit Haar, sondern mit aufgerauhten, eingekerbten Reibstäben traktiert. Im frühen Mittelalter kam dann der mit Rosshaar bespannte Bogen in Mode. Sein Haar, mit Geigenharz eingerieben, wurde rauh und konnte so eine Saite viel weicher zum Klingen zu bringen.

Kolophonium ist nicht gleich Kolophonium, denn: Geige ist nicht gleich Kontrabass, eine Darmsaite ist nicht dasselbe wie eine aus Stahl, in den Tropen spielt sich’s anders als im Norden – je nachdem ist ein anderes Harz nötig.

Und nach dem Konzert wird dann der Kritiker von einer grossartigen Interpretation schreiben, von einer überragenden Solistin. Von Geigenharz hat noch kein Kritiker geschrieben. Eigentlich unfair: Ohne Kolophonium hätte nämlich kein Streicher auch nur einen einzigen brauchbaren Ton hervorgebracht.

Komma

Das Komma,

sagt der Duden,

ist ein Gliederungszeichen. Innerhalb eines Ganzsatzes grenzt es bestimmte Wörter, Wortgruppen oder Teilsätze voneinander oder vom übrigen Text des Satzes ab.

Das klingt, Komma, wie wir alle wissen, Komma, viel einfacher, kein Komma, als es ist. Es kommt nicht von ungefähr, dass derselbe Duden volle 32 Kommaregeln kennt, an denen sich selbst die kundigsten Schreiber die Zähne ausbeissen.

In erster Linie hilft das Komma, Sinneinheiten voneinander zu trennen. Es ist keine Schikane, sondern eine Lese- und Verständnishilfe – und es vermag verschiedene Bedeutungen ansonsten identischer Sätze zu unterscheiden.

Männer sagen, Frauen können nicht Auto fahren.

ist in der Tat nicht dasselbe wie

Männer, sagen Frauen, können nicht Auto fahren.

Komma kommt zwar vom altgriechischen Wort für «Einschnitt» (daher auch der Plural «Kommata»), aber tatsächlich ist es ziemlich jung. Es wurde erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts erfunden, vom venezianischen Buchdrucker Aldo Pio Manuzio. Bis dahin wurden lediglich die Hauptsätze voneinander getrennt, mit einer sogenannten Virgel, die unserem heutigen Schrägstrich gleicht. In seiner Ausgabe der Werke Petrarcas machte Manuzio aus der Virgel einen Punkt; einzelne Perioden innerhalb des Satzes trennte er typografisch durch einen tiefgestellten Krähenfuss, dem Urahn unseres heutigen Kommas. Die Virgel selbst verschwand erst ums Jahr 1700 aus dem Fraktursatz, und als Wort hat sie bis heute überlebt – «Komma» heisst auf Italienisch und Französisch immer noch virgola und virgule.