Kollege

Die römische Republik kannte ein eisernes Prinzip: Macht, in den Händen eines einzelnen, kann allzu leicht missbraucht werden. Darum, so besagten die Regeln, durfte die Macht, die eines Konsuls etwa, des höchsten politischen Amtes, immer nur ein Jahr lang ausgeübt und musste geteilt werden – unter zwei gleichberechtigten collegae. Das Wort setzt sich zusammen aus dem lateinischen cum, «mit», und lex, «Gesetz» – ein Kollege war also der, der demselben Gesetz unterstand wie man selbst.

Collegae waren im alten Rom demnach alles andere als Kollegen, und oft genug trauten sie einander nicht über den Weg. Der Anwalt und Politiker Marcus Tullius Cicero etwa, im Jahr 63 v. Chr. zum Konsul gewählt, hatte als collega den bis ins Mark korrupten Gaius Antonius Hybrida, und was die beiden miteinander verband, war vor allem eine erbitterte Feindschaft.

In der Form des «Kollegiums» fand das Wort mit dem Aufkommen der ersten Universitäten den Weg in die Akademie: Das Kollegium war die gemeinschaftlich aufgebaute Körperschaft von Dozenten; ihr anzugehören, war das sogenannte «Kollegiat», der Mitprofessor folgerichtig der «Kollege». Als solche blieben die nicht lange unter sich, denn schon bald redeten sich auch die Studenten untereinander (durchaus ironisch) mit «Herr Kollega» an.

Sportler, Lehrerinnen, Müllmänner, Ärztinnen, Anwälte: Alle sind sie heute «Kollegen», und namentlich in der Schweiz, in Österreich und Süddeutschland ist der Kollege heute gleichbedeutend mit dem Freund. Dass er einst sein genaues Gegenteil war, ist längst vergessen.

Kolophonium

Kolophonium ist ein Harz, ein Baumharz von Kiefern, Fichten und Tannen. Die Baumstämme werden im Frühjahr geritzt, im Herbst wird das Harz geerntet und destilliert. So gewinnt man Terpentinöl, und zurück bleibt festes Kolophonium in Farben von Gelb bis Dunkelbraun.

Sein Name kommt von der griechischen Stadt Kolophon, dem antiken Handelszentrum für Harze, in der heutigen Türkei.

Kolophonium braucht man in der Elektronik fürs Löten oder auch für Schutzlackierungen, in der Kunst braucht man das Harzpulver für die Aquatinta-Technik, in der Heilkunde dient es als antiseptisches Räucherwerk. Und im Sport macht das Kolophonium den Handball griffiger.

Und man braucht es in der Musik. Und wie man es braucht! Ohne Kolophonium würde das Pferdehaar des Geigenbogens sanft und glatt über die Saite streichen, und zu hören wäre ein reibendes, flüsterndes Nichts. Daher wurden die allerersten Saiteninstrumente nicht mit Haar, sondern mit aufgerauhten, eingekerbten Reibstäben traktiert. Im frühen Mittelalter kam dann der mit Rosshaar bespannte Bogen in Mode. Sein Haar, mit Geigenharz eingerieben, wurde rauh und konnte so eine Saite viel weicher zum Klingen zu bringen.

Kolophonium ist nicht gleich Kolophonium, denn: Geige ist nicht gleich Kontrabass, eine Darmsaite ist nicht dasselbe wie eine aus Stahl, in den Tropen spielt sich’s anders als im Norden – je nachdem ist ein anderes Harz nötig.

Und nach dem Konzert wird dann der Kritiker von einer grossartigen Interpretation schreiben, von einer überragenden Solistin. Von Geigenharz hat noch kein Kritiker geschrieben. Eigentlich unfair: Ohne Kolophonium hätte nämlich kein Streicher auch nur einen einzigen brauchbaren Ton hervorgebracht.

Komma

Das Komma,

sagt der Duden,

ist ein Gliederungszeichen. Innerhalb eines Ganzsatzes grenzt es bestimmte Wörter, Wortgruppen oder Teilsätze voneinander oder vom übrigen Text des Satzes ab.

Das klingt, Komma, wie wir alle wissen, Komma, viel einfacher, kein Komma, als es ist. Es kommt nicht von ungefähr, dass derselbe Duden volle 32 Kommaregeln kennt, an denen sich selbst die kundigsten Schreiber die Zähne ausbeissen.

In erster Linie hilft das Komma, Sinneinheiten voneinander zu trennen. Es ist keine Schikane, sondern eine Lese- und Verständnishilfe – und es vermag verschiedene Bedeutungen ansonsten identischer Sätze zu unterscheiden.

Männer sagen, Frauen können nicht Auto fahren.

ist in der Tat nicht dasselbe wie

Männer, sagen Frauen, können nicht Auto fahren.

Komma kommt zwar vom altgriechischen Wort für «Einschnitt» (daher auch der Plural «Kommata»), aber tatsächlich ist es ziemlich jung. Es wurde erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts erfunden, vom venezianischen Buchdrucker Aldo Pio Manuzio. Bis dahin wurden lediglich die Hauptsätze voneinander getrennt, mit einer sogenannten Virgel, die unserem heutigen Schrägstrich gleicht. In seiner Ausgabe der Werke Petrarcas machte Manuzio aus der Virgel einen Punkt; einzelne Perioden innerhalb des Satzes trennte er typografisch durch einen tiefgestellten Krähenfuss, dem Urahn unseres heutigen Kommas. Die Virgel selbst verschwand erst ums Jahr 1700 aus dem Fraktursatz, und als Wort hat sie bis heute überlebt – «Komma» heisst auf Italienisch und Französisch immer noch virgola und virgule.

Konfetti

Konfetti (oder Räppli, wie sie in Basel heissen) sind uns vertraut wie Fasnacht und Silvester, aber tatsächlich sind sie made in USA. Und das kam so: Als die Stadt New York am 28. Oktober 1886 die Freiheitsstatue einweihte und der Festumzug die Börse erreichte, warfen die Börsenhändler mit vollen Händen aus dem Fenster, was sie gerade zur Hand hatten: Unmengen an Lochstreifen für die Börsenticker, auf Englisch ticker tapes. Auch wenn schon damals die Stadtreinigungsdienste alle Hände voll zu tun hatten, diese Ur-Konfetti wieder zusammenzukehren: Das Spektakel fand solchen Anklang, dass New York Anfang des 20. Jahrhunderts damit begann, solche Konfettiparaden eigens zu organisieren – die ticker tape parades. Besonders beliebt waren die Papierschlachten nach dem Zweiten Weltkrieg, um Generäle und Präsidenten gebührend zu feiern.

An Beliebtheit haben die Konfetti nichts eingebüsst. Nur sind es heute nicht mehr Lochstreifen, sondern säuberlich gestanzte Schnipsel mit italienischem Namen. Konfetti kommt von confetto (wie in Konfekt oder Konfitüre), und tatsächlich pflegten die Fürsten beim Karneval mit vollen Händen Süssigkeiten in die Menge zu werfen. Confetti, das waren ursprünglich Mandeln mit einer farbigen Zuckerglasur. Doch weil sich auch Granden aufs Sparen verstehen, wichen die gezuckerten Mandeln mit der Zeit feinen Gipsflocken und dann, weil sie sich länger in der Luft hielten, den Papierstreifen aus Aktenvernichtern oder dem Abfall, der beim Perforieren von Endlospapier für Nadeldrucker anfiel.

Tempi passati. Die Konfetti der Postmoderne kosten je nach Farbe drei bis fünf Franken pro Kilo und sind im Onlineshop erhältlich, zur Konfettischlacht passend mitsamt knallbunter Konfettipistole und Konfettimunition.

Konjunktur

Es ist eigenartig mit der Konjunktur: Nie wird so oft über sie gesprochen wie dann, wenn sie sich verabschiedet. Es ist wohl nichts als menschlich, dass man nie so sehr ans Glück denkt wie dann, wenn es einen verlässt.

Dabei hat Konjunktur gar nichts mit Glück zu tun. Sondern lediglich mit der Geschäftslage in Unternehmen, in ganzen Branchen, einem nationalen Markt oder gar der gesamten Weltwirtschaft. Die Konjunktur wird gemessen, mit Kennwerten für Preise, Löhne, Produktionsmengen, Umsätze, Zinsen, die Arbeitslosigkeit, die Geldmenge und das jährliche Wirtschaftswachstum.

Doch auch wenn sie sich messen lässt, die Konjunktur – sie verhält sich immer ein bisschen wie das Meer. Forscher unterscheiden lange Wellen (50 bis 60 Jahre), mittlere Wellen (8 bis 11 Jahre) und kurze Wellen von etwa 40 Monaten. Der Verlauf einer solchen Konjunkturwelle lässt sich in mehrere Phasen unterteilen: den Aufschwung, die Hochkonjunktur, die Krise, den Abschwung und die Reprise.

Konjunktur ist das Wellenspiel von Gesamtangebot und Gesamtnachfrage. Wellen aber sind ein Phänomen der Natur, und so lässt sich auch die Konjunktur nicht so einfach beeinflussen. Schon gar nicht kurzfristig – Konjunkturpolitik, also der Versuch der öffentlichen Hand, durch eigenes Handeln übermässige Schwankungen zu verhindern, ist in der Regel längerfristig angelegt. Oder vielmehr: war. Versuche des Staates, in Zeiten des Niedergangs mit öffentlichen Aufträgen die lahmende Nachfrage anzukurbeln und damit aktiv in den Gang der Wirtschaft einzugreifen, geriet in der Schweiz in den letzten zwanzig Jahren immer mehr in die Kritik. Heute zwingt die Bundesverfassung den Staat dazu, seinen Haushalt im Gleichgewicht – und sich aus einer Beeinflussung der Wirtschaft herauszuhalten.