Kritikalität, selbstorganisierte

Als der dänische Physiker Per Bak Kindern beim Spielen am Strand zusah, wurde er auf einmal stutzig. Die Kinder liessen Sand aus der Hand rieseln, so dass ein Häufchen entstand. «Am Anfang ist dieses flach», schrieb Bak später in seinem Buch «How Nature Works» von 1996, «und die einzelnen Sandkörner bleiben mehr oder weniger liegen, wo sie gelandet sind. Die Bewegung des Sandes lässt sich aufgrund seiner physikalischen Eigenschaften beschreiben. Mit der Zeit aber werden die Hänge steiler, und es bilden sich kleine Lawinen. Und irgendwann wird eine Lawine so gewaltig sein, dass sie den Haufen als Ganzes erfasst.»

Bak beschloss, solche Sandhaufen am Computer zu simulieren, um so die durchschnittliche Grösse einer Lawine herauszufinden. Die ernüchternde Antwort, nach der Berechnung zahlloser virtueller Sandhaufen: Es gibt keine durchschnittliche Lawine. Die Eigenschaften von Systemen, die einen kritischen Punkt erreicht haben – ganz von selbst, ohne Zutun von aussen –, können sich urplötzlich dramatisch ändern. Wie gross dann eine nächste Lawine sein wird, lässt sich nicht mehr vorhersagen.

Diese Unberechenbarkeit nannte Bak «selbstorganisierte Kritikalität». Und die betrifft beileibe nicht nur Sandhaufen: Lawinen, Waldbrände, Erdbeben sind ebenfalls Systeme, die ganz von selbst kippen können. Das gilt schliesslich auch für die Wirtschaft und die Märkte: Der durchschnittliche Umfang eines Börsencrashs lässt sich mit Modellen nicht vorhersagen, und so kann eine Pleite, ein Konflikt, eine Epidemie das eine letzte Sandkorn sein, das den ganzen Haufen zum Einsturz bringt.

Kultur

Je höher die Kultur, desto reicher die Sprache,

schrieb Anton Tschechow im Jahr 1892. So gesehen, ist die Sprache ausgesprochen neureich. Denn Kultur ist, zumindest in seiner heutigen Bedeutung, kein altes Wort. Seit dem 17. Jahrhundert steht das lateinische Substantiv cultura für Landbau, aber auch für Pflege – Pflege des Körpers, des Geistes. Hochkultur und Agrikultur: Bis heute steht das Wort gleichberechtigt für Landwirtschaft und für die Pflege geistiger Güter, so dass Geisteskultur streng genommen ein Pleonasmus ist, genau wir der berühmte weisse Schimmel aus der Primarschule.

Lateinisch cultura geht auf das Verb colere zurück, das bebauen, bewohnen, pflegen, oder ehren heisst. Dieser Bedeutung haftet etwas Konservatives, etwas Bewahrendes an. Aber: Auch das Wort Kultur ist durchaus modeanfällig. Die Eigenschaft «kulturell» nämlich wurde erst im 20. Jahrhundert und mit der modischen, elegant-französischen Endsilbe gebildet. Und das deutsche Kultusministerium verdankt seinen klingenden Namen dem modischen, gelehrt-lateinischen cultus, wörtlich bebaut, bewohnt. Das Kultusministerium ist aber weder für Landwirtschaft noch für Wohnungsbau zuständig, sondern vielmehr für die Bildung.

Kultur wird oft als Gegenteil von Natur verstanden und meint damit alles, was Menschen erdacht, gelernt und geleistet haben, von Kunst bis Knigge, sozusagen. Sprachlich hat die Kultur hat aber auch ihre Schattenseiten: Dass die mit dem Wort Kultur verwandte Kolonie nicht die Sprache reich macht, wie Tschechow sagt, zeigt ein Blick in die Geschichte. An Kolonien bereichert haben sich ausgerechnet Grossmächte, die damit ihre eigene humanistische Kultur Lügen straften.

Kursiv

Aldo Pio Manuzio war ein angesehener Buchdrucker und Verleger in Venedig. Vornehm lateinisch nannte er sich «Aldus Pius Manutius», und seine Bücher sollten die Texte der grössten Dichter und Denker der Antike enthalten, Aristoteles, Homer und Platon, die Werke von Vergil und Horaz. Seit 1495 arbeitete er mit dem Schriftengiesser Francesco Griffo aus Bologna zusammen. Der stellte für seinen Auftraggeber als erstes griechische Lettern her, die mit ihren verschlungenen Linien eine griechische Handschrift imitierten. Die Drucke waren beim gelehrten Publikum zwar beliebt, aber alles andere als lesefreundlich, und dazu erschwerten die Schnörkel den Setzern die Arbeit.

Ums Jahr 1500 begann Manutius eine Vergil-Ausgabe zu planen – handlich und gut lesbar sollte sie sein,

ein sehr kleines Format, so dass man die Bücher gut in der Hand halten und die Texte gut lesen und auswendig lernen kann,

wie er einem Freund schrieb. Als Schrift wählte Manutius völlig neuartige Typen seines Partners Griffo aus – die Grossbuchstaben gerade (recte, wie das in der Typographie heisst), die Kleinbuchstaben dagegen «kursiv», vom lateinischen Verb currere, «eilen», weil sie sich elegant in Leserichtung vorbeugen, als ob sie liefen – die erste Kursivschrift der Geschichte.

Die Vergil-Ausgabe erschien 1501, und die neue Schrift war auf Anhieb so beliebt, dass die Drucker aus Venedig sie für viele weitere Werke verwendeten.

Venedig, Bologna, Italien: Auf Englisch heisst kursiv übrigens nicht «kursiv», sondern italic. Und weil die Schrift des Francesco Griffo so erfolgreich war, wird das 16. Jahrhundert auch the age of italics genannt, das Zeitalter der Kursivschrift.

Kursivschrift

Kursiver Text neigt sich leicht nach vorn, als hätte er es eilig. Deshalb heisst er auch kursiv, vom lateinischen currere, «laufen». Normal gesetzte Schrift dagegen steht gerade und heisst deshalb recte.

Als Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts in Mainz seine erste Bibel druckte, war deren Schrift nur «recte». Kursive Lettern wurden erst 50 Jahre später erfunden, in der sogenannten «Aldus-Offizin», dem Verlag des Aldo Pio Manuzio in Venedig. Das war kein Zufall: In Venedig befand sich eine der grössten Bibliotheken der Zeit mit einem grossen Bestand an griechischen und lateinischen Manuskripten. Manuzios Geschäft war es, diese Texte nachzudrucken, relativ preisgünstig und in einem handlichen Format, so dass Kunden aus ganz Europa auf einmal Literatur lesen konnten, die bis dahin nur wenigen Gelehrten zugänglich gewesen war.

Manuzio legte Wert auf hochwertige Typographie. Er plante eine Ausgabe der gesammelten Werke des römischen Dichters Horaz, und dafür entwickelte Aldus’ Geschäftspartner in Bologna, der Stempelschneider Francesco Griffo, eine moderne, elegante Druckschrift, und die besass zum ersten Mal auch kursive Lettern. Die Horaz-Ausgabe erschien 1501 und wurde, wie viele andere Werke aus dem Aldus-Verlag, ein grosser Erfolg.

Die sogenannten «Aldinen» trugen viel bei zur Wiederentdeckung der Antike in der Renaissance und zur Entwicklung des Humanismus. Und weil ihre Druckschrift aus Italien stammt, heissen kursive Buchstaben auf Englisch bis heute italics.

Laffer, Larry

Larry Laffer – mit Halbglatze und im weissen Sakko –, war 1987 der Held der Computerbildschirme. «Der Mann, der Zürich lahmlegt», titelte die Zürcher «Weltwoche». Der Grund: Larry war die Hauptfigur des PC-Spiels «Leisure Suit Larry». Es war das erste Adventure Game, das buchstäblich um die ganze Welt ging. Antiheld Larry Laffer sucht in einer pixelig-bunten, heruntergekommenen Kleinstadt nach käuflicher Liebe. Nur – das Game bestand vor allem aus Sackgassen. Wie kommt Larry an der Bar zu einem Whisky, wie in der Apotheke zu Kondomen? Und vor allem: wie zu einer Frau? Und so tauschten die Spieler per Telefon Tipps aus, vorzugsweise im Büro.

Larry Laffer
Sie lesen richtig: im Büro. Denn PCs zählten noch nicht zu den Haushaltsgeräten, und Larry verfügte über einen sogenannten boss key, eine Cheftaste – Ctrl-B rief eine fingierte Säulengrafik auf den Bildschirm; war der Chef erst wieder weg, wurde munter weitergespielt. Stunden-, tagelang.

Dabei war Larry am Anfang ein Flop. Nur 4000 verkaufte Spiele liessen Al Lowe, Spielentwickler bei der Softwareschmiede Sierra und einstiger High-School-Musiklehrer in Kalifornien, verzweifeln. Aber dann griff das Virus um sich: Mund-zu-Mund-Werbung befeuerte die Verkäufe, und im Juli 1988 war Larry das drittbeste in den USA je verkaufte Spiel.

Larry machte süchtig, und das lag am gelungenen Plot, an der putzigen Grafik, am schlüpfrigen Humor – und an der revolutionären Spielsteuerung: Anweisungen wurden ganz einfach eingetippt – «Buy whisky» trug Larry an der Bar ohne weiteres einen Rausch ein, «Buy condoms» – Sie wissen schon.

Larry machte seinen Vater Al Lowe weltberühmt: «Leisure Suit Larry» war der erste Blockbuster der Game-Industrie. Und Larry war das erste Game, das, mit einem Virus infiziert, weltweit Schrecken verbreitete.