Tschingg

Fremdenfeindlichkeit ist erfinderisch, besonders was die Sprache angeht. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde ein Gastarbeiter aus Italien Tschingg genannt. Der Tschingg galt als laut, schmutzig, faul und dumm. Tschingg, das war in Sprache gegossene Verachtung.

Dabei ist sein Ursprung denkbar heiter. Das schlimme Wort geht nämlich auf ein jahrtausendealtes Spiel zurück. Es nennt sich «Morra», wird mit den Händen gespielt und war namentlich in Italien weit verbreitet. Zwei Spieler versuchen in atemberaubendem Tempo, die Summe zweier Zahlen zu erraten, die sie mit den Fingern anzeigen. Beide strecken sie einen bis fünf Finger ihrer rechten Hand aus, und gleichzeitig rufen sie eine Zahl zwischen 2 und 10. Wer die richtige Summe trifft, erhält einen Punkt. Erreicht ein Spieler das vereinbarte Total, etwa von 16 oder 21, hat er gewonnen. Anders als man annehmen könnte, ist «Morra» kein reines Glücksspiel; es kommt auch auf Beobachtungsgabe, Gedächtnis und die Einschätzung des Gegners an.

«Morra» wurde von den Gastarbeitern vor allem in den Pausen gespielt. Weil dabei die Zahlen laut gerufen werden (und weil aus Gründen der Statistik die Zahlen 5, 6 und 7 am häufigsten vorkommen), war immer wieder dieses fremdartige Wort cinch zu hören, die Kurzform von cinque, «fünf». Der Ausdruck wurde zum Inbegriff des Fremden, und so hiess ein Arbeiter aus dem Süden bald einmal Tschingg.

In Italien ist «Morra» heute selten geworden; da und dort versuchen Vereine das alte Spiel als Tradition zu bewahren. Das böse Wort Tschingg aber, so ist zu hoffen, ist fast gänzlich ausgestorben.

Tube

Der Amerikaner John Goffe Rand war Porträtmaler. Er lebte in den 1840er Jahren in England und ging, wie so mancher Kollege, bald vergessen.

Eines seiner Werke aber steht in buchstäblich jedem Haushalt dieser Welt: die Tube. John Rand war nämlich nicht nur Maler, sondern auch ein praktisch veranlagter Mensch, der sich grün und blau ärgerte, wenn seine Farben mal wieder eintrockneten. Die wurden damals entweder in Pulverform verkauft, in teuren Messingspritzen – oder aber in Beuteln, in die man ein Loch stach, um die Farbe herauszudrücken. Trockene Farbreste pflegten dieses Loch regelmässig zu verstopfen, jedes Mal wurde kräftiger zugedrückt, bis am Ende der Beutel platzte und statt der Leinwand dem Künstler Farbe verlieh.

Rand begann mit Bleifolie zu experimentieren, und am 11. September 1841 wurde ihm das US-Patent Nr. 2252 zuerkannt, für seine «Verbesserung der Konstruktion von Gefässen oder Apparaten, um Farbe aufzubewahren». Wie es sich für einen Künstler gehört, hatte Rand säuberlich mit der Hand gezeichnete Skizzen beigelegt, die die Herstellung von Farbtuben aus Metallfolie veranschaulichten.

Was für Farbe galt, traf auch auf viele andere Substanzen zu. Und so zettelte die Bleifolientube eine regelrechte Verpackungsrevolution an. Heute drücken wir längst nicht mehr nur Farbe, sondern mit aller Selbstverständlichkeit Zahnpasta, Haut- und Schuhcreme, Scheuermittel, Kondensmilch und Streichwurst aus der Tube. Die besteht nicht mehr aus Blei, sondern aus Plastik oder 99,7-prozentigem Aluminium.

Ihre charakteristische Form aber ist geblieben: das einzige Kunstwerk des Malers John Rand, das zu Weltruhm gekommen ist.

UFO

Ein UFO ist ein «unidentifiziertes Flugobjekt» – oder auf Englisch ein UAP, ein unidentified anomalous phenomenon. Tatsächlich gibt es immer wieder Sichtungen von Flugobjekten, die sich schwer erklären lassen. Ein körniges Schwarzweiss-Video stammt von einem Piloten der US-Navy. Es zeigt ein rasend schnelles Objekt, das nicht so aussieht und sich nicht so bewegt wie ein Flugzeug:

Mein Gott! Die fliegen gegen den Wind, und der weht mit 220 km/h nach Westen!

Das Pentagon bestätigte 2017 offiziell die Echtheit des Videos – was genau es zeigt, weiss man bis heute nicht.

Fliegende Untertassen und Ausserirdische, das halten viele für reine Fantasie. Tatsächlich gibt es oft plausible Erklärungen – Heissluftballons, verglühender Weltraumschrott, Versuchsflugzeuge oder sogar linsenförmige Wolken. Der angebliche Absturz eines UFOs bei Roswell, New Mexico, im Jahr 1947 und die Bergung toter Aliens wird unter Ufologen bis heute heiss debattiert; laut einem Untersuchungsbericht von 1995 sollen die Trümmer von einem geheimen Aufklärungsballon stammen.

Aber auch die Wissenschaft mit beschäftigt sich mit UFOs. Die Handschriftenabteilung der Uni Basel etwa bewahrt Aufzeichnungen über UFO-Sichtungen der Baslerin Louise Zinsstag auf, und an der amerikanischen Elite-Uni Harvard arbeiten Professor Avi Loeb und ein grosses Team mit eigenen Observatorien und selbstentwickelter KI daran, UFOs zu finden und zu dokumentieren. Und dennoch: Bis hieb- und stichfeste Ergebnisse vorliegen, bleiben UFOs vor allem eins: unbekannt.

Ukulele

«Ukulele» ist Hawaiianisch und heisst «hüpfender Floh», angeblich eine Anspielung auf die Finger virtuoser Spieler. Davon sind Anfänger weit entfernt, und so kennen wir die Ukulele vor allem als Folter fürs Ohr. Dabei ist sie ein erstzunehmendes Instrument.

Die Ukulele ist vergleichsweise jung: Sie wurde in den 1880er-Jahren auf Hawaii entwickelt, nach dem Vorbild kleiner Gitarren, die portugiesische Immigranten aus Madeira und der Kolonie Kapverde mitgebracht hatten. Keine zwei Wochen war es her, dass die Instrumentenbauer Manuel Nunes, José do Espírito Santo und Augusto Dias von Bord des Immigrantenschiffs «Ravenscrag» gegangen waren, da berichtete die hawaiianische Lokalzeitung im Herbst 1879 bereits über beliebte nächtliche Ukulelenkonzerte. Ein glühender Bewunderer war Hawaiis letzter König Kalākaua, der es liebte, seine Gäste mit der Ukulele zu unterhalten. Bis heute stammen die angeblich besten Ukulelen aus der Werkstatt der Familie Kamaka, und als Krönung gilt ihre Ukulele aus dem Holz der nur auf Hawaii vorkommenden Koa-Akazie, die Ananas-Ukulele heisst, weil ihr ovaler Klangkörper keine Taille besitzt.

Von Piccolo- bis Kontrabassukulele, handgemacht und Tausende von Dollars teuer oder aus billigem Sperrholz und manchmal gar aus Plastik: Die Ukulele ist handlich und leicht zu transportieren, und so fand sie ihren Weg erst nach Japan und in die USA, dann nach Europa und in die ganze Welt – in die Volksmusik, gelegentlich in die Klassik – und ganz besonders in den Jazz.

Unwort

Auch Sie werden schon darüber gestolpert sein: Jährlich kürt eine hochkarätige Professorenjury das – und jetzt kommt’s – Unwort des Jahres. Welch ein Wort! Un-Wort!

Es ist Programm: Das Unwort des Jahres ist zwar ein öffentlich gebrauchtes Wort, aber es sollte keines sein. Es ist ein Wort, das uns schaudern macht. Besonders produktiv ist in dieser Hinsicht die Wirtschaft: Da war etwa die Entlassungsproduktivität – damit gemeint sind Gewinne, die ein Unternehmen macht, nachdem es überflüssige Mitarbeiter entlassen hat. Oder da gab es das Humankapital – der Mensch als buchhalterische Grösse. Übel auch die Ich-AG, die uns Individuen auf Börsentitel reduziert. Oder der Wohlstandsmüll – Menschen, die nicht arbeiten wollen oder können.

Politik und Geschichte sind vor schlimmen Wortschöpfungen nicht gefeit. Da wäre etwa das Tätervolk – in Wort gegossene, kollektive Schuldzuweisung. Gotteskrieger – oder nicht doch einfach Verbrecher? Oder eines der schlimmsten Un-Wörter, die es je gab: der Kollateralschaden – die Bezeichnung für Todesopfer, die von Generälen zwar nicht beabsichtigt waren, aber grosszügig in Kauf genommen wurden.

Wörter, eines schlimmer als das andere. Aber muss es denn gleich ein Unwort sein? Wort, das seine Existenz gleich selbst verneint? Sprache, die sich – mit einer kleinen Vorsilbe – gleich selbst die Sprache nimmt? Un-Wort, das mag zwar originell gedacht sein, ist aber eigentlich viel eher Un-Sinn. Wären Menschenmaterial & Co. Unwörter, dann wären sie ja gar nicht erst zu beklagen.

Papier ist geduldig, sagt man. Doch welche Elefantenhaut erst die Sprache haben muss, wenn Jahr für Jahr sogar ihre selbsternannten Wächter in unwörtliche Abgründe schlittern!