Toi, toi, toi

Der Mensch, so scheint es, ist ein durch und durch abergläubisches Wesen, und «toi, toi, toi» ist nichts anderes als ein so genannter Abwehrzauber. Er soll verhindern, dass das Gelingen eines Vorhabens den Neid böser Geister hervorruft. Und weil auch Geister es nicht sonderlich mögen, wenn man ihnen vor die Füsse spuckt, tat man in alten Zeiten genau das: man wünschte alles Gute und spuckte anschliessend dreimal auf den Boden. Aus naheliegenden Gründen geriet die Sitte, trotz der freundlichen Absicht, im 18. Jahrhundert aus der Mode, und als Ersatz für das dreimalige Spucken hielt das lautmalerische «toi, toi, toi» Einzug ins Norddeutsche, wo es seit dem 19. Jahrhundert belegt ist.

In alten Zeiten wurde gespuckt, was das Zeug hielt. Weshalb, erklärt im ersten Jahrhundert nach Christus der römische Gelehrte Plinius der Ältere, in seinem einflussreichen Werk Historia naturalis:

Zu den geheimen Mitteln gehöret auch, dass ein jeder in sein von ihm gelassenes Wasser speye; so auch in den Schuh des rechten Fusses, ehe man ihn anziehet; desgleichen, wenn jemand über einen Ort gehet, wo er irgend Gefahr gelaufen ist. (…) Glauben wir diess, so können wir auch glauben, dass folgendes gehörig geschehe: Komme ein Fremder dazu, oder sehe man ein Kind schlafen, so müsse die Amme dreymal dabey ausspeyen.

Speichel galt als probates Mittel gegen Entzündungen, Geschwüre und Beschwerden aller Art, einschliesslich neidischer Götter. Dreimaliges Speien war dabei besonders wirksam, weil es die heilige Trinitas unterstrich, die Dreieinigkeit Gottes.

Ein bisschen heidnischer Brauch, ein bisschen christliche Religion: Wenn’s gegen die bösen Geister geht, ist jedes Mittel recht. Toi, toi, toi.

Tonträger

Verba volent, scripta manent,

wussten schon die alten Lateiner: Das gesprochene Wort verfliegt, einzig Geschriebenes bleibt. Daher wird seit Jahrtausenden geschrieben – die alten Ägypter auf Ton und Papyrus, die Römer in Wachs und Stein.

Mit dem gesprochenen Wort allerdings ist das so eine Sache. Erst als 1877 der amerikanische Erfinder Thomas Alva Edison seinen ersten Phonographen vorführte, liess sich auch schreiben, was zuvor buchstäblich in den Wind gesprochen war – auf mit Zinnfolie bespannte oder mit Wachs beschichtete Walzen, später auf Schelllackplatten, dann auf Vinyl, heute auf CD und in mp3.

Aber der Zahn der Zeit nagt an allem, was der Mensch je geschrieben hat. Unmerklich nur am Stein von Rosetta, jener halbrunden Stele im British Museum, in die ägyptische Priester ein Dekret gemeisselt haben, stärker schon am Book of Kells, jenem ums Jahr 800 in Schottland geschriebenen, reich illustrierten Evangeliar.

An Tonaufzeichnungen aber nagt die Zeit in grossen Bissen. Wachswalzen zerfallen, Schellackplatten verformen sich, Tonbänder entladen sich und brechen. «Degradation» nennen das die Fachleute. Und die macht nicht einmal vor modernsten Tonträgern Halt: Auf CD gebrannte Daten können nach 10 Jahren schon nicht mehr lesbar sein. Noch schlimmer ist die so genannte «Obsoleszenz»: Die Technik stirbt aus. Selbst die besterhaltene Single ist nichts wert, wenn es keine Plattenspieler mehr gibt.

Auf Dauer erhalten lassen sich Tonaufnahmen allein durch eine Digitalisierung – und danach durch systematisches Umkopieren auf Datenträger der jeweils neuesten Generation. Nur ein Speichermedium wäre beständig genug, um Inhalte über Jahrhunderte zu bewahren. Aber das fasst leider keinen Ton: das Papier.

Tram

Zur Welt kam das Tram in England. Am 25. März 1807 wurde im südwalisischen Swansea ein Pferd angeschirrt und vor die hölzerne Schienenkutsche gespannt, die aussah, als wolle sie gleich den wilden Westen durchqueren. Damit war die erste Pferdebahn geboren. Ihr helvetisches Pendant liess noch etwas auf sich warten: Erst 1862 liessen sich die Genfer Stadtväter von den Vorzügen dieses Zwitters aus Postkutsche und Eisenbahn überzeugen und nahmen das erste Rösslitram in Betrieb.

Auch wenn die Geschichte bekannt ist: Woher der Name kommt – «Tram» (vom englischen tramway) –, liegt im Dunkeln. Der Ursprung ist, so wird spekuliert, das altnordische Wort für «Balken», das als tram oder trämel im Zimmermannswesen und in vielen Dialekten noch heute gebräuchlich ist. Dieser (im übrigen männliche) Tram wurde Anfang des 16. Jahrhunderts in Schottland zum Synonym für die auf Schienen laufende Lore in Kohleminen und später für jede Art von Schienenwagen.

Wie alle Fahrzeuge wurde auch das Tram zunächst mit Hafer betrieben, später mit Kohle, da und dort mit Diesel, dann endlich mit elektrischem Strom. Vieles hat sich im Laufe der Jahrzehnte geändert: nicht nur die Futtermittel, sondern auch die Länge. Die ersten Schweizer Kutschen boten Platz für eine Handvoll Reisende; Hochleistungstrams von heute sind über 40 Meter lang, fassen mehr als 200 Passagiere und bieten Klimaanlage und drahtloses Internet.

Die Moderne machte auch vor der historischen Schienenkutsche von Swansea nicht Halt: Das Zugpferd wurde der Reihe nach von einem Segel, einer Dampfmaschine, einem Diesel- und einem Elektromotor abgelöst. Bis schliesslich 1960 der schärfste Konkurrent des Trams das Geschäft übernahm: der Bus.

Trockenwohnen

1890, mit gerade mal 20 Jahren, verliert die spätere deutsche Gewerkschafterin Paula Thiede ihren Mann. Ein Schicksalsschlag, denn für mittellose Witwen gibt es weder Versicherungen noch staatliche Unterstützung. Paula zieht aus ihrer Berliner Mitwohnung aus, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten kann, und um nicht obdachlos zu werden, bleibt der Mutter zweier kleiner Kinder nur eines: Sie wird Trockenwohnerin.

In nur 20 Jahren, zwischen 1870 und 1890, hatte sich die Berliner Wohnbevölkerung auf 1,6 Millionen Menschen verdoppelt. Die stark wachsende Arbeiterklasse litt unter permanentem Wohnungsmangel und überhöhten Mieten, und so wurde überall gebaut. Mietskasernen schossen wie Pilze aus dem Boden. Die Wände wurden mit Kalkmörtel verputzt, der Wasser freisetzte und auch nach der Fertigstellung Monate brauchte, bis er vollkommen trocken war. Weil man aber eine müffelnde, feuchte Wohnung zahlenden Mietern nicht zumuten konnte, pflegten Bauherren den Wohnraum in dieser Zeit zu einem stark reduzierten Mietzins oder gar kostenlos zur Verfügung zu stellen. Nicht etwa aus Nächstenliebe, sondern aus ganz praktischen Überlegungen: Die Menschen beheizten die Neubauten allein schon mit ihrer Körperwärme, und das ausgeatmete Kohlendioxid liess den Mörtel schneller aushärten.

Keine Frage, dass das Trockenwohnen klammer Neubauten der Gesundheit alles andere als zuträglich war. Paula Thiedes zweitgeborenes Kind wurde krank und starb kurze Zeit später.

Tschernobyl

Es ist still in Pripjat, jener Geisterstadt nördlich von Kiew, in der Ukraine, nahe der Grenze zu Weissrussland. Totenstill. Erst 1970 – zusammen mit dem Kernkraftwerk Tschernobyl – für die Arbeiter und ihre Familien gebaut, wurde Pripjat in den letzten Apriltagen 1986 vollständig geräumt.

Denn kurz zuvor, am 26. April, war Block 4 des Kraftwerks nach einer missglückten Notfallübung des Chefingenieurs Anatoli Djatlow «instabil» geworden, wie es hiess. Noch während der Turbinenmeister den Nachlauf der gewaltigen Lager prüfte, setzte im Reaktorraum eine Kernschmelze ein. Die diensthabenden Techniker bemerkten die Kettenreaktion Augenblicke zu spät, die über dem Uran hängenden Steuerstäbe klemmten im sich bereits verformenden Reaktor. Unterhalb des Betondecke bildeten sich grosse Mengen von Wasserstoffgas, eine gewaltige Explosion zerriss das Gebäude und setzte die Graphitbeschichtung in Brand, während sich der schmelzende Reaktorkern langsam in die Tiefe frass. Tagelang wüteten schwere Brände, die mit Bor, aus Helikoptern abgeworfen, mit Blei, Dolomit, Sand und Lehm, von so genannten «Liquidatoren» herbeigeschafft, erstickt werden sollten.

Bis zu 800 000 Aufräumarbeiter waren es, die die Hinterlassenschaft einer der grössten technologischen Katastrophen unserer Zeit beseitigen sollten. 1000 von ihnen wurden allein am ersten Tag tödlich verstrahlt; wieviele genau geopfert wurden, bleibt bis heute geheim.

Die Arbeiterfamilien in der Kraftwerksstadt Pripjat wurden innert Stunden aus ihren Wohnungen, die Kinder aus Schulen und Kindergärten geholt, in Busse verfrachtet und evakuiert. Noch jahrelang wurden die leeren Gebäude mit Abwärme der verbleibenden Tschernobyl-Reaktoren weiter beheizt – wenn sie verfallen, wird ihr Staub über das fruchtbare Land wehen und den Boden weiter verstrahlen.