Datei

Kaum ein Wort treibt uns um wie «Datei». Spätestens wenn die Worte «nicht gefunden» am Bildschirm prangen, steigt der Blutdruck in ungesunde Höhen. Das Wort klingt nach staubigem Kontor, doch tatsächlich ist «Datei» ein Kunstwort aus der Feder des Deutschen Instituts für Normung (DIN). Es ist ein Zusammenzug aus «Daten» (von lateinisch datum, «das Gegebene») und der althergebrachten Kartei.

Ob Text, Bild oder Ton: Erst als Datei kann der Computer mit Inhalten umgehen. Die Datei ist die digitale Entität schlechthin, und sie ist Teil der sogenannten «Schreibtischmetapher», die versucht, abstrakten digitalen Inhalten einen gegenständlichen Anschein zu geben. Die Datei ist eine zusammenhängende, maschinenlesbare, auf einem Datenträger dauerhaft gespeicherte Menge von Informationen. Sie war ein Meilenstein der Computergeschichte: Die ersten elektronischen Rechner waren zwar in der Lage, komplexe Berechnungen durchzuführen, aber die Ergebnisse waren flüchtig; ein Speichern war nicht möglich. Der erste Speicher war eine vom amerikanischen Konzern RCA entwickelte Elektronenröhre, die im Februar 1950 vom Wissenschaftsmagazin «Popular Science» als bahnbrechende Erfindung gefeiert wurde. Diese Röhre wies den Weg in die Zukunft – in einer Zeit, in der das englische Wort file noch «Aktenhefter» oder allenfalls «Lochkarte» bedeutete. Dateisysteme, wie wir sie heute nutzen, wurden erst durch Computer möglich, die in den 1960-er Jahren entwickelt wurden.

Seit Jahrzehnten ist die Datei buchstäblich in aller Munde. Doch allmählich hat ihre letzte Stunde geschlagen: Auf Smartphones und Tablets gibt’s nur noch Texte und Songs, Fotos und Filme. Die Datei wird allmählich abgelöst von dem, worauf es wirklich ankommt: dem eigentlichen Inhalt.

Daumenkino

Ein Daumenkino ist ein Büchlein voller Zeichnungen, die sich, eine um die andere, geringfügig unterscheiden. Blättert man die Seiten mit dem Daumen in rascher Folge ab, entsteht die Illusion einer Bewegung. Das Auge sieht einen Film – einen Film, der so lange dauert, wie das Büchlein dick ist. Daumenkinos sind ein Vergnügen für Kinder, und sie sind einer der Vorläufer von Kino und Fernsehen.

Daumenkinos gab es schon ums Jahr 1600. Doch es sollte bis 1868 dauern, dass ein gewisser John Barnes Linnett, Drucker in Birmingham, ein flip book patentieren liess, auf Deutsch ein «Blätterbuch». Wesentlich älter ist eine Schüssel aus der Bronzezeit, die iranische Archäologen in Schahr-e Sochte ausgruben und die, um die eigene Achse gedreht, eine hochspringende Ziege zeigt, die nach Baumzweigen schnappt.

Wie alt das Daumenkino aber tatsächlich ist, wissen Archäologen erst seit kurzem. Münzengrosse, seitlich mit zwei kleinen Löchern versehene Tonscheiben, die auf beiden Seiten eingekerbte Tierfiguren zeigten, gaben der Wissenschaft lange Zeit Rätsel auf. Sie waren in Frankreich und Spanien gefunden worden, und sie waren unzweifelhaft uralt – 14 000 bis 21 000 Jahre alt. Bloss: Stellten sie Götzen dar? War das Kunst? Die jüngste Antwort lautet: Es war Kinderspielzeug. Zieht man einen Faden durch die beiden Ösen und zwirbelt ihn auf, erzeugen die Tonscheiben beim Drehen die Illusion eines davonpreschenden Rehs. Mit solcherlei Spielzeug, so nehmen die Forscher heute an, wurden Steinzeitkinder auf ein Erwachsenenleben vorbereitet – als Handwerker und als Jäger.

Desktop

Der Desktop ist auf Deutsch die Schreibtischplatte. Als Fachbegriff ist das Wort längst kein Fremdwort mehr – so heisst nämlich auch die Bildschirmfläche unseres Computers, auf der sich Programme und Dokumente ablegen lassen. Zwar prangt in einer Ecke stets der unvermeidliche Papierkorb, aber über diesen doch etwas realitätsfernen Umstand sehen wir grosszügig hinweg. Denn der Desktop ist eben kein richtiger Arbeitsplatz, sondern vielmehr ein graphical user interface. Das könnte ja auch ganz anders aussehen: In den Anfängen des Computers bestand es aus reinem Text, und der Papierkorb war ein dürrer Befehl namens rm (für remove) oder del (für delete).

Dann erkannten die Entwickler, dass sich nicht der Mensch dem Computer anpassen müsse, sondern umgekehrt. In den 1970-er Jahren entwickelte der Informatiker Alan Kay bei der kalifornischen Xerox-Tochter Parc die so genannte «Schreibtischmetapher» mit ihren gegenständlichen Piktogrammen: Notizblock, Aktenordner, Bleistift, Taschenrechner. Der Computer, bisher Werkzeug der Wissenschaft, sollte personal werden, und Kays Absicht war es, dieser abstrakten Welt des Digitalen ein sinnliches, intuitiv verstehbares Gesicht zu geben. Und so haben wir uns, Steve Jobs und Mac OS sei Dank, jahrzehntelang durch Büropuppenstuben geklickt, wo wir doch eigentlich arbeiten sollten.

Apps statt Programme, Inhalte statt Dateien, Tippen statt Klicken, Wischen statt Scrollen: Erst jetzt entwickeln Tablets und Smartphones neue Bedienungskonzepte. Auch das Nachahmen natürlicher Materialien, das Fachleute auf Griechisch «Skeuomorphismus» nennen –, ist zunehmend verpönt. Und so wird der Schreibtisch allmählich wieder zum Möbelstück, das er immer war.

Dezimalzeit

Am 24. November 1793 beschloss der französische Nationalkonvent, dass nicht nur Masse und Gewichte, sondern neu auch die Zeit auf der Zahl 10 beruhen sollte. Das Dezimalsystem galt als Ausdruck reiner Vernunft. Wie beim Meter oder beim Gramm sollte die natürliche Zahl 10 neu auch die Grundlage der Zeitmessung sein.

Zuvor war im selben Jahr der Revolutionskalender beschlossen worden. Der hatte schon die Dezimalwochen eingeführt – vom «primdi», dem ersten Wochentag, bis zum «decadi», dem letzten. Und nun sollte also auch die Tageszeit dezimal werden. Das brachte eine gewaltige Umstellung mit sich. Jeder Tag sollte 10 Stunden haben, jede Stunde 100 Minuten, jede Minute 100 Sekunden. Auf einmal hiess es also «5 Uhr mittags», Mitternacht war um 10 Uhr.

Das klang zwar logisch, brachte aber ein ziemliches Problem mit sich. Alle notabene enorm kostspieligen Uhren hatten die Zeit bisher duodezimal (12 Stunden) und sexagesimal (60 Minuten, 60 Sekunden) gemessen. Sie wurden durch das neue Gesetz auf einen Schlag unbrauchbar. Und neue Uhren, deren Stunden und Minuten auf der 10 beruhten, mussten erst einmal gebaut werden. Bei aller Liebe zum neuen Dezimalsystem war das den Revolutionären am Ende dann doch zu teuer: Gut ein Jahr später, am 7. April 1795, wurde das Dezimalzeitgesetz ausgesetzt. In Kraft trat es nie, und die wenigen tatsächlich gebauten Dezimaluhren sind heute Museumsstücke.

Dilemma

«Dilemma» ist griechisch und bedeutet wörtlich «eine zweiteilige Annahme». Es ist ein ausgesprochen junges Fremdwort, das etwa die Gebrüder Grimm noch gar nicht kannten, als sie 1838 ihr «Deutsches Wörterbuch» in Angriff nahmen. Als Gedankenexperiment aber beschäftigt das Dilemma seit jeher die Ethik und das Recht. Die britische Philosophin Philippa Foot formulierte 1967 das sogenannte «Trolley-Problem»: Eine Strassenbahn – auf Englisch trolley – gerät ausser Kontrolle und droht, fünf Passanten zu überrollen. Das Umstellen einer Weiche würde das Tram zwar auf ein anderes Gleis umleiten, doch da steht ebenfalls ein Mensch. Darf man nun den Tod dieses einen in Kauf nehmen, um fünf andere zu retten? Dieses Gedankenspiel beschäftigt beileibe nicht nur Philosophen: Darf ein von Terroristen gekapertes, voll besetztes Passagierflugzeug abgeschossen werden, wenn es Kurs auf einen Wolkenkratzer oder ein Atomkraftwerk nimmt?

Aber kein Dilemma, das sich nicht noch steigern liesse. Habe ich die Wahl zwischen drei Sackgassen, dann stehe ich vor einem «Trilemma», bei einem ganzen Knäuel von Irrwegen gar vor einem «Polylemma». Und als ob das nicht reichte, gibt es auch noch das «positive Dilemma». Es zwingt mich, zwischen zwei gleich guten Optionen zu wählen. Das kann tüchtig schiefgehen, wie schon im Jahr 1095 der persische Religionsgelehrte al-Ghazali schrieb: Ein durstiger Mann hat zwei Wassergläser vor sich stehen. Beide sind genau gleich gross, gleich voll und gleich weit weg. Ein klassisches Dilemma: Der Mann kann und kann sich nicht entscheiden – und verdurstet.