Dunning-Kruger-Effekt

Das Problem mit dummen Menschen ist, dass sie keine Ahnung haben, wie dumm sie wirklich sind.

Der bitterböse Sketch des britischen Komikers John Cleese ist tatsächlich ein Ergebnis wissenschaftlicher Forschung. David Dunning, Professor für Sozialpsychologie und ein Freund von Cleese, schrieb 1999 zusammen mit seinem Kollegen Justin Kruger an der Cornell University ein anfänglich kaum beachtetes Papier. Es zeigte, dass Schwierigkeiten, die eigene Inkompetenz zu erkennen, zu einer überhöhten Selbsteinschätzung führen. Dunning und Kruger wiesen nach, dass Menschen mit spezifischen Schwächen – etwa beim Lesen, Autofahren oder Schach – dazu neigen, ihr eigenes Können zu überschätzen, während sie gleichzeitig das der anderen unterschätzen. Diesen «Dunning-Kruger-Effekt», wie das Phänomen heute heisst, beschreibt Dunning so:

Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist. Die Fähigkeiten, die wir brauchen, um die Lösung eines Problems zu finden, sind genau die selben Fähigkeiten, die nötig wären, um die gefundene Lösung als richtig zu erkennen. Wir sind nicht so gut darin, zu wissen, was wir nicht wissen.

Auf die Spur gebracht hatte die Forscher ein Banküberfall: Der Bankräuber McArthur Wheeler in Pittsburgh hatte keine Maske getragen und war von Überwachungskameras gefilmt worden. Die Bilder kamen in den Nachrichten, und keine Stunde später wurde Wheeler verhaftet. Mit den Videos konfrontiert, murmelte der verblüffte Räuber: «Aber ich war doch voller Saft!» Er hatte felsenfest geglaubt, dass sein mit Zitronensaft eingeriebenes Gesicht für Kameras unsichtbar sei. Was nicht ganz den Tatsachen entsprach.

Dymaxion

Die einen sahen in Richard Buckminster Fuller ein Universalgenie, die anderen einen Spinner. Fuller war Architekt, Konstrukteur, Designer und Philosoph in einem. Seine umfassende Vision hatte einen Namen: «Dymaxion», aus «dynamisch», «maximal» und tension (Spannung). Auf die Idee des Dymaxion hatte ihn der Anblick eines Ozeanriesen gebracht, genauer: dessen riesiges Steuerruder. Am Ende des Ruders befindet sich eine kleine Klappe, die sogenannte Trimmungsklappe. Sie zu bewegen, überlegte er, kostet kaum Kraft – aber sie zieht das mächtige Ruder herum und steuert so das Schiff. Später erzählte er:

Auf diese Weise kann der kleine Einzelne das Trimmruder sein. Die Welt zieht an einem vorbei – aber wenn man auf die richtige Weise seinen Fuss rausstreckt, kann man die Richtung ändern, in die sich alles bewegt.

Und so erfand Fuller ein Dymaxion-Auto, in Tropfenform und auf drei Rädern, für elf Passagiere, aber mit sehr geringem Verbrauch. Oder das Dymaxion-Schlafsystem, das in 24 Stunden bloss viermal ein 30-Minuten-Nickerchen vorsah, laut Fuller «mit exzellenten Ergebnissen». Oder ein energiesparendes, umweltfreundliches Dymaxion-Haus aus Stahl, das aussah wie ein Ufo, das an Stahlseilen von einem Mast hing und so leicht war, dass es auf einem Lastwagen transportiert werden konnte.

Wen kümmerte es, dass das Haus bloss als Modell existierte, das Schlafsystem ein Fehlschlag war und der Wagen bei hohem Tempo lebensgefährlich zu schlingern begann: Fuller starb 1983 als gefeierter Visionär. Auf seinem Grabstein stehen drei Worte:

Nennt mich Trimmruder.

Ediacarium

Tag für Tag lagern sich auf der Erde Stoffe ab – Staub, Sand, Geröll, die Reste von Pflanzen und Tieren. Auf diese Weise schreibt die Natur seit Beginn der Erdgeschichte vor 4,6 Milliarden Jahren ein Tagebuch, Seite für Seite, Schicht für Schicht.

Dieses Tagebuch wird von Geologinnen und Paläontologen gelesen. Bloss: Vor einer Milliarde Jahren reissen die Aufzeichnungen ab. Ein rund 500 Millionen Jahre langes Kapitel fehlt; aus dieser Zeit hat so gut wie nichts überdauert. Forscher nennen diesen mysteriösen Abschnitt «Ediacarium».

Der Name kommt von den Ediacara Hills im Süden Australiens. Hier stiess 1946 der Forscher Reginald Sprigg auf Seiten dieses fehlenden Erdkapitels. Die Schichten enthalten Versteinerungen von Geschöpfen, die aussehen, als kämen sie von einem anderen Planeten: Meerestiere, die aussehen wie Farne oder Schwämme, wie gerippte Omeletten, Seesterne ohne Arme oder kriechende Fische ohne Knochen und Augen. Die Ediacara-Wesen waren sozusagen die Betaversion unserer heutigen Fauna: 60 Millionen Jahre lang bevölkerten sie die Flachmeere der Urzeit, bis sie vor 540 Millionen Jahren auf einmal verschwanden – genau dann, als sich unsere heutigen Tierstämme ausbreiteten.

Warum man aus diesem «Ediacarium» kaum Spuren findet, weiss die Wissenschaft erst seit kurzem: Gestaute vulkanische Hitze hob die Landmassen immer weiter an; bis sämtliche Schichten von Wind und Wetter abgetragen wurden, so dass am Ende nichts mehr übrigblieb.

Etymologie

Etymologie, das ist die Wissenschaft, die die Herkunft der Wörter erforscht. Etymologie kommt vom altgriechischen etymos (wahrhaftig oder echt). Etymologie ist ein Fremdwort, das nur wenige kennen. Und das ist erstaunlich.

Genau genommen haben Menschen nämlich nur drei Fragen, wenn es um Sprache geht. Die erste – und häufigste: Wie schreibt man das? Die zweite, gerade bei Fremdwörtern: Was heisst das? Und schon die dritte: Woher kommt das?

Etymologie als eine Disziplin der Sprachwissenschaft war lange Zeit umstritten, und Etymologen wurden vielfach nicht ganz ernst genommen – was damit zusammenhängen mochte, dass ihre Wissenschaft mehr mit Raten und Behaupten zu tun hatte als mit wissenschaftlicher Forschung. Das änderte sich mit zwei Herren, die wir von ihrer Märchensammlung her kennen: den Gebrüdern Grimm. Beide – Jacob und der um ein Jahr jüngere Wilhelm Grimm – waren ausgewiesene Forscher, und beide suchten sie das Ursprüngliche, das Wahrhaftige in Sprache und Kultur. Sie nahmen das erste wissenschaftliche Werk der Etymologie in Angriff: das gewaltige Deutsche Wörterbuch, dessen erster Band 1854 erschien und das von ihren Nachfolgern erst 1960 fertiggestellt wurde. Noch heute ist das Deutsche Wörterbuch ein Pfeiler der Wissenschaft, die uns einwandfrei beweisen kann, dass der Hirsch, das Horn und unser Hirn viel enger miteinander verwandt sind, als wir das vermuten würden. Oder dass Mauer und Wand nicht nur anders gebaut werden, sondern viel mit dem Zusammenprall der römischen mit der germanischen Kultur zu tun haben.

Die Gebrüder Grimm übrigens haben den Aufschwung der Etymologie nicht mehr erlebt: Wilhelm Grimm starb schon 1859, Jacob vier Jahre später – über seinem letzten Artikel «Frucht».

Experte

Ein Experte, sagt der Duden, ist ein Fachmann, eine Sachverständige, eine Autorität. Experte kommt vom lateinischen Verb experiri, «versuchen» oder «ausprobieren»; «expertus» ist jemand, der von einer Sache ganz viel weiss – und der auch ganz viel kann.

Was das genau heisst, ist nicht immer so ganz klar. So seufzte schon im 2. Jh. der griechische Satiriker Lukian von Samosata, es sei schon seltsam,

dass Männer, die sich für Sachverständige ausgeben, einander widersprechen und von einerlei Sache nicht einerlei Begriff haben.

Worauf es ankommt, ist die Fachkompetenz. Und die, so definiert es die deutsche Kultusministerkonferenz, ist die

Bereitschaft und Fähigkeit, auf der Grundlage fachlichen Wissens und Könnens Aufgaben und Probleme zielorientiert, sachgerecht, methodengeleitet und selbstständig zu lösen und am Ende das Ergebnis zu beurteilen.

Das ist aber nicht alles: 1984 stellte der amerikanische Informatiker Edward Feigenbaum fest, dass für wahre Expertise nicht nur Methoden nötig sind, sondern zuweilen auch das genaue Gegenteil:

Ein Experte versteht nicht nur den Wortlaut der Regeln, sondern ihren Geist. Und deshalb weiss er auch, wann es Zeit ist, sie zu befolgen – und wann sie zu brechen.

Expertin zu werden, dauert seine Zeit. Wie lange, weiss etwa die ETH Zürich: Hier gilt die 10-Jahres-Regel – weil es mindestens 10 Jahre Ausbildung und Erfahrung braucht, bis ein Experte auch wirklich einer ist.