Toast

In Grossbritannien gehört der Toast zu jedem Frühstück. Doch ein Brite ist er nicht: «Toast» kommt vom lateinischen torrere, «dörren» oder «rösten». Tatsächlich wurde Toast längst vor der Erfindung des elektrischen Stroms gegessen. Im alten Ägypten hielt man Brot übers Feuer, um es haltbar zu machen. Das taten auch die Römer, und mit ihnen fand der Toast seinen Weg nach ganz Europa. Mit der Zeit wurde das offene Feuer vom eisernen Kanonenofen abgelöst: Die Brotscheibe wurde an die heisse Aussenwand geklebt – fiel sie von selbst wieder ab, war der Toast fertig. Den elektrischen Toaster gibt es erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts.

Andere Zeiten, andere Vorlieben: Im ausgehenden Mittelalter wurde der Toast zwar geröstet, aber nicht unbedingt gegessen – er diente vor allem dazu, Getränken Geschmack zu verleihen. «Go fetch me a quart of sack; put a toast in’t» – «Geh, hol mir ein Glas Sekt; leg ein Stück Toast hinein», sagt Falstaff in Shakespeares Lustigen Weibern von Windsor. Danach wurde der schlappe Toast schon mal den Hunden vorgeworfen.

Heute dagegen ist die Toastscheibe vom Frühstückstisch nicht mehr wegzudenken. Was ein absolut perfekter Toast ist, hat 2011 nach Tausenden Testscheiben der britische Wissenschaftler Dom Lane herausgefunden: 3 Grad kaltes Weissbrot, 14 Millimeter dick, 900-Watt-Toaster, Stufe 5 von 6, Temperatur 154 Grad. Röstdauer: Genau 216 Sekunden.

Tonträger

Verba volent, scripta manent,

wussten schon die alten Lateiner: Das gesprochene Wort verfliegt, einzig Geschriebenes bleibt. Daher wird seit Jahrtausenden geschrieben – die alten Ägypter auf Ton und Papyrus, die Römer in Wachs und Stein.

Mit dem gesprochenen Wort allerdings ist das so eine Sache. Erst als 1877 der amerikanische Erfinder Thomas Alva Edison seinen ersten Phonographen vorführte, liess sich auch schreiben, was zuvor buchstäblich in den Wind gesprochen war – auf mit Zinnfolie bespannte oder mit Wachs beschichtete Walzen, später auf Schelllackplatten, dann auf Vinyl, heute auf CD und in mp3.

Aber der Zahn der Zeit nagt an allem, was der Mensch je geschrieben hat. Unmerklich nur am Stein von Rosetta, jener halbrunden Stele im British Museum, in die ägyptische Priester ein Dekret gemeisselt haben, stärker schon am Book of Kells, jenem ums Jahr 800 in Schottland geschriebenen, reich illustrierten Evangeliar.

An Tonaufzeichnungen aber nagt die Zeit in grossen Bissen. Wachswalzen zerfallen, Schellackplatten verformen sich, Tonbänder entladen sich und brechen. «Degradation» nennen das die Fachleute. Und die macht nicht einmal vor modernsten Tonträgern Halt: Auf CD gebrannte Daten können nach 10 Jahren schon nicht mehr lesbar sein. Noch schlimmer ist die so genannte «Obsoleszenz»: Die Technik stirbt aus. Selbst die besterhaltene Single ist nichts wert, wenn es keine Plattenspieler mehr gibt.

Auf Dauer erhalten lassen sich Tonaufnahmen allein durch eine Digitalisierung – und danach durch systematisches Umkopieren auf Datenträger der jeweils neuesten Generation. Nur ein Speichermedium wäre beständig genug, um Inhalte über Jahrhunderte zu bewahren. Aber das fasst leider keinen Ton: das Papier.

Tube

Der Amerikaner John Goffe Rand war Porträtmaler. Er lebte in den 1840er Jahren in England und ging, wie so mancher Kollege, bald vergessen.

Eines seiner Werke aber steht in buchstäblich jedem Haushalt dieser Welt: die Tube. John Rand war nämlich nicht nur Maler, sondern auch ein praktisch veranlagter Mensch, der sich grün und blau ärgerte, wenn seine Farben mal wieder eintrockneten. Die wurden damals entweder in Pulverform verkauft, in teuren Messingspritzen – oder aber in Beuteln, in die man ein Loch stach, um die Farbe herauszudrücken. Trockene Farbreste pflegten dieses Loch regelmässig zu verstopfen, jedes Mal wurde kräftiger zugedrückt, bis am Ende der Beutel platzte und statt der Leinwand dem Künstler Farbe verlieh.

Rand begann mit Bleifolie zu experimentieren, und am 11. September 1841 wurde ihm das US-Patent Nr. 2252 zuerkannt, für seine «Verbesserung der Konstruktion von Gefässen oder Apparaten, um Farbe aufzubewahren». Wie es sich für einen Künstler gehört, hatte Rand säuberlich mit der Hand gezeichnete Skizzen beigelegt, die die Herstellung von Farbtuben aus Metallfolie veranschaulichten.

Was für Farbe galt, traf auch auf viele andere Substanzen zu. Und so zettelte die Bleifolientube eine regelrechte Verpackungsrevolution an. Heute drücken wir längst nicht mehr nur Farbe, sondern mit aller Selbstverständlichkeit Zahnpasta, Haut- und Schuhcreme, Scheuermittel, Kondensmilch und Streichwurst aus der Tube. Die besteht nicht mehr aus Blei, sondern aus Plastik oder 99,7-prozentigem Aluminium.

Ihre charakteristische Form aber ist geblieben: das einzige Kunstwerk des Malers John Rand, das zu Weltruhm gekommen ist.

Ukulele

«Ukulele» ist Hawaiianisch und heisst «hüpfender Floh», angeblich eine Anspielung auf die Finger virtuoser Spieler. Davon sind Anfänger weit entfernt, und so kennen wir die Ukulele vor allem als Folter fürs Ohr. Dabei ist sie ein erstzunehmendes Instrument.

Die Ukulele ist vergleichsweise jung: Sie wurde in den 1880er-Jahren auf Hawaii entwickelt, nach dem Vorbild kleiner Gitarren, die portugiesische Immigranten aus Madeira und der Kolonie Kapverde mitgebracht hatten. Keine zwei Wochen war es her, dass die Instrumentenbauer Manuel Nunes, José do Espírito Santo und Augusto Dias von Bord des Immigrantenschiffs «Ravenscrag» gegangen waren, da berichtete die hawaiianische Lokalzeitung im Herbst 1879 bereits über beliebte nächtliche Ukulelenkonzerte. Ein glühender Bewunderer war Hawaiis letzter König Kalākaua, der es liebte, seine Gäste mit der Ukulele zu unterhalten. Bis heute stammen die angeblich besten Ukulelen aus der Werkstatt der Familie Kamaka, und als Krönung gilt ihre Ukulele aus dem Holz der nur auf Hawaii vorkommenden Koa-Akazie, die Ananas-Ukulele heisst, weil ihr ovaler Klangkörper keine Taille besitzt.

Von Piccolo- bis Kontrabassukulele, handgemacht und Tausende von Dollars teuer oder aus billigem Sperrholz und manchmal gar aus Plastik: Die Ukulele ist handlich und leicht zu transportieren, und so fand sie ihren Weg erst nach Japan und in die USA, dann nach Europa und in die ganze Welt – in die Volksmusik, gelegentlich in die Klassik – und ganz besonders in den Jazz.

Unwort

Auch Sie werden schon darüber gestolpert sein: Jährlich kürt eine hochkarätige Professorenjury das – und jetzt kommt’s – Unwort des Jahres. Welch ein Wort! Un-Wort!

Es ist Programm: Das Unwort des Jahres ist zwar ein öffentlich gebrauchtes Wort, aber es sollte keines sein. Es ist ein Wort, das uns schaudern macht. Besonders produktiv ist in dieser Hinsicht die Wirtschaft: Da war etwa die Entlassungsproduktivität – damit gemeint sind Gewinne, die ein Unternehmen macht, nachdem es überflüssige Mitarbeiter entlassen hat. Oder da gab es das Humankapital – der Mensch als buchhalterische Grösse. Übel auch die Ich-AG, die uns Individuen auf Börsentitel reduziert. Oder der Wohlstandsmüll – Menschen, die nicht arbeiten wollen oder können.

Politik und Geschichte sind vor schlimmen Wortschöpfungen nicht gefeit. Da wäre etwa das Tätervolk – in Wort gegossene, kollektive Schuldzuweisung. Gotteskrieger – oder nicht doch einfach Verbrecher? Oder eines der schlimmsten Un-Wörter, die es je gab: der Kollateralschaden – die Bezeichnung für Todesopfer, die von Generälen zwar nicht beabsichtigt waren, aber grosszügig in Kauf genommen wurden.

Wörter, eines schlimmer als das andere. Aber muss es denn gleich ein Unwort sein? Wort, das seine Existenz gleich selbst verneint? Sprache, die sich – mit einer kleinen Vorsilbe – gleich selbst die Sprache nimmt? Un-Wort, das mag zwar originell gedacht sein, ist aber eigentlich viel eher Un-Sinn. Wären Menschenmaterial & Co. Unwörter, dann wären sie ja gar nicht erst zu beklagen.

Papier ist geduldig, sagt man. Doch welche Elefantenhaut erst die Sprache haben muss, wenn Jahr für Jahr sogar ihre selbsternannten Wächter in unwörtliche Abgründe schlittern!