Welsch

«Welsch» heisst im Grunde nichts anderes als «fremd», und das buchstäblich seit Jahrtausenden. Julius Cäsar, als Feldherr nach Gallien geschickt, fand im Osten der riesigen Unruheprovinz Celtica, die auch Helvetien umfasste, den sogenannten «herkynischen Wald» vor. So nannte man ein riesiges Gebiet, das von der heutigen Schweiz bis nach Rumänien reichte. Hier lebten, so berichtet Caesar in seinen Commentarii de bello gallico an den Senat in Rom, die Volcae. Die Volcae waren Kelten, ein Volk, das ein wichtiges Handelsnetz zwischen dem Mittelmeer und Germanien unterhielt, dessen Kultur mit der Zeit aber immer mehr romanisiert wurde.

In der Sprache der Germanen hiessen die Volcae Walhen, ein Wort, das etwa im Namen des Walensees erhalten geblieben ist und das durchs ganze Mittelalter hindurch und bis heute fast unverändert überdauern sollte. Aus den Walhen wurden die Welschen, die Bedeutung wurde allgemeiner, und das Wort bezeichnete mit der Zeit überall das jeweils nächstgelegene, eine romanische Sprache sprechende Volk. Mit «Welschland» war, je nach Region, einmal Frankreich, einmal Italien gemeint. Zur sprachlich-ethnischen Bezeichnung kamen Vorurteile: In den Augen der Deutschen waren die Welschen lebenslustig, aber auch oberflächlich, wenn nicht gar falsch. Nicht von ungefähr ist Rotwelsch die Sprache der Gauner und Ganoven.

Welsch: Das sind die, deren Mundart man nicht verstehen kann. Eine unverständliche Sprache heisst daher bis auf den heutigen Tag «kauderwelsch».

Wette

Wetten, dass wir keine Ahnung haben, woher das Wort «Wette» kommt? Die alten Goten verstanden unter einer Wette den Wetteinsatz oder das Pfand, doch das Wort reicht bis in vorgermanische Zeiten zurück. Sozusagen ein Cousin unserer heutigen Wette ist der lateinische vas, der Bürge, oder auch vadimonium, das Pfand.

Welcher Jäger erlegt das Mammut, welcher Ritter gewinnt das Turnier? Wetten zählt zu den ältesten Leidenschaften des Menschen. Ob Bauland oder Börse – Wetten war zu allen Zeiten ein Geschäft. Ob ein gutes oder schlechtes, war dabei nur eine Frage des Sachverstandes oder des Glücks. Weltmeister sind die Briten – auf der Insel ist Wetten big business. Mit über einer Milliarde Pfund Umsatz pro Jahr zählt der Wettanbieter Ladbrokes zu den 250 grössten Unternehmen Englands, und auf ladbrokes.com lässt sich auf alles setzen, was sich in eine Wette fassen lässt: Fussball, Schach, den nächsten Chef von Microsoft oder den nächsten Literatur-Nobelpreisträger. (Den übrigens haben die belesenen Zocker längst gewählt: Der Japaner Haruki Murakami ist mit einer Quote von 3/1 haushoher Favorit. Der Amerikaner Philip Roth, quasi ewiger Nobelpreiskandidat, steht bei 16/1. Dagegen erzielt die britische Landsfrau Hilary Mantel lediglich eine kümmerliche Quote von 100/1, trotz ihres überragenden Romans «Wolf Hall», einer packenden Biografie von Thomas Cromwell, Minister des Skandalkönigs Heinrich VIII, und der ebenso fesselnden Fortsetzung «Bring Up the Bodies».)

Übrigens: Mit der deutschen Wette nicht verwandt ist das englische to bet. Dessen Ursprung liegt ebenso im Dunkeln wie der zukünftige Bodenpreis, Aktienkurs – oder Nobelpreisträger.

Yamaha DX7

So tönt es, wenn ein Pianist wie Herbie Hancock für einmal nicht Piano spielt, sondern Synthesizer, genauer: den legendären Yamaha DX7. Keine 250 Kilo schwer wie ein Klavier, sondern nur deren 10 und dazu bloss einen Meter breit und 10 Zentimeter dick, war der DX7 auf Anhieb ein Star in Jazz und Pop. Nicht wegen seiner Grösse, sondern – natürlich – wegen seiner noch nie gehörten Sounds.

Der Yamaha DX7 ist ein Synthesizer, ein Tasteninstrument, das seinen Klang auf elektronischem Weg erzeugt. 1967 entwickelte der amerikanische Musikprofessor John Chowning einen Algorithmus für die sogenannte Frequenzmodulationssynthese. Dabei werden die Schallwellen eines bestimmten Tons durch Überlagerung rechnerisch verändert, und es entstehen nie dagewesene Klänge.

1974 lizenzierte der japanische Konzern Yamaha das Prinzip, und das Keyboard, das 1983 auf den Markt kam, stellte alles Bisherige in den Schatten. Polyphon, mit frei programmierbaren Tönen, die sich gar auf externen Datenträgern speichern liessen: Die Songschreiber der Achtziger waren begeistert. «Chicago», Whitney Houston, der Soundtrack zum Film «Top Gun» – alle griffen sie zum Yamaha DX7.

Die Erfindung des Tüftlers Chowning lieferte den Sound für ein ganzes Jahrzehnt – und beeinflusst den Pop und den Jazz bis heute.

Zirkus

Mit Zirkus kann vieles gemeint sein: Artisten und Clowns, Politik, Börse. Doch ob Arena, Parlament oder Ring – eines ist allen Zirkussen gemein: sie sind rund. Und diese Rundung gab ihnen den Namen – circus heisst lateinisch nichts anderes als Kreis. Im übertragenen Sinn wurde daraus, etwa im Circus Maximus in Rom, die Arena, in der man Rennen fuhr – und in denen gestorben wurde. Zum Glück ist nicht jeder Zirkus so blutig – man denke nur an die leisen, poetischen Nummern eines Clowns wie Grock.

Zirkus
Zirkus
Der Zirkus, wie wir ihn heute kennen, ist eine junge Erfindung: Sein Schöpfer ist der britische Ex-Kavallerist und Kunstreiter Philip Astley. 1768 eröffnete Astley in London eine Reitschule. Da gab er morgens Unterricht – und nachmittags Vorführungen, begleitet von seiner Frau Patty, die dazu die Trommel schlug. Seine Arena war rund, weil das Publikum so von allen Seiten freie Sicht auf die Bühne hatte, und weil sich beim Reiten im Kreis die Zentrifugalkraft für Kunststücke nutzen liess. Astleys erster Zirkus, der einfach Pferdetheater hiess, hatte ursprünglich einen Durchmesser von 19 Metern; später verkleinerte er den Ring auf 42 Fuss – 13 Meter, wie sie auch heute noch üblich sind. Diese Grösse ist für das stehende Balancieren auf dem Rücken trabender Pferde optimal.

Unglücklicherweise hatten auch andere eine gute Nase: Es war Astleys schärfster Konkurrent Charles Dibdin, der ganz in der Nähe einen zweiten Zirkus eröffnete. Dibdin kopierte Astleys erfolgreiches Programm – und gab seinem Unternehmen den klingenden Namen The Royal Circus. Damit war der moderne Zirkus geboren, von Knie bis Nock, von Monti bis Krone: der Zirkus als Sinnbild für Artistik und für Affentheater.

Zunder

«Brennen wie Zunder» ist eine Redensart, und falsch ist sie obendrein. Zunder ist ein glockenförmiger Schwamm, der als Parasit auf dem Stamm von Laubbäumen wuchert, bis 30 Jahre alt und bis 30 Zentimeter gross wird, und der zum Feuermachen dient, aber nicht brennt, sondern glimmt.

Von Zunder und Feuerstein ist der Mensch seit jeher Feuer und Flamme. Schon in der Steinzeit wurde mit dem getrockneten Pilzgewebe gezündelt – auch Ötzi hatte Zunder dabei, als er vor 5300 Jahren von einem Pfeil in den Rücken getroffen wurde. In der Neuzeit wurde die Zunderherstellung raffinierter. Man entdeckte, dass die Mittelschicht des Schwamms – gekocht, geklopft, in Urin eingelegt und getrocknet – einen rehbraunen Filz ergibt, der buchstäblich beim ersten Funken zu glimmen beginnt.

Doch der Zunderschwamm, lateinisch fomes fomentarius oder französisch amadouvier, kann noch viel mehr. Im Mittelalter machte man aus ihm Westen oder Kappen – noch heute werden in Rumänien Zunderhüte und -taschen an Touristen verkauft. Bis ins 19. Jahrhundert war Zunder auch eine Heilpflanze: Als blutstillenden Verband gab es den so genannten fungus chirurgorum oder Wundschwamm beim Apotheker zu kaufen. Die Nachfrage nach dem braunen Gewächs war zeitweise so gross, dass der in Asien, Nordamerika und Europa überall heimische Zunder gar importiert werden musste. Heute hat der korkartige Schwamm nur noch einen dekorativen Zweck: Man findet ihn auf dem Blumengesteck oder auf dem Grabkranz.

Das ist durchaus stimmig, denn am Stamm alter, kranker Bäume ist er ein übler Schädling: Zunder verursacht Fäule und lässt die Birke, Buche oder Eiche am Ende brechen.