Wellblech

Henry Robinson Palmer war Architekt und Ingenieur – und ein begnadeter Erfinder. Es waren die 1820-er Jahre, und England wurde von Industrialisierung regelrecht umgepflügt. In den London Docks wurden immer grössere Lagerhallen immer schneller hochgezogen, und Palmer sann auf eine Möglichkeit, deren Dächer rasch und ohne teure, tragende Elemente bauen zu können. Da kam er auf die Idee, Stahlblechplatten mit einer Riffelung zu versehen und zu galvanisieren, also mit einer Zinkschicht zu überziehen. Dieses Blech war billig, leicht, rostfrei und verwindungssteif.

Meine Verbesserung in der Konstruktion von Dächern und anderen Teilen von Lagerhäusern und Speichern besteht im Anbringen von Metallplatten oder Blechen in geriffelter oder gewellter Form,

schrieb Palmer in seinem Patentantrag von 1829. Das war ziemlich untertrieben – zu welchen Leistungen sein Wellblech fähig war, zeigte sich bereits ein Jahr später, als Palmer das Dach eines neuen Lagerhauses mit Wellblech deckte, das über eine Länge von 12 Metern nicht mehr abgestützt zu werden brauchte.

Auf dem Bau erwies sich Wellblech als eigentliche Revolution. Lässt man die Platten seitlich um nur eineinhalb Wellen und längs um nur 15 Zentimeter überlappen, sind die Dächer wasserdicht. Sie sind kostengünstig, und sie lassen sich in Windeseile decken. Erst Wellblech machte es möglich, dass Dörfer in den Weiten der Vereinigten Staaten, aber auch in Australien oder Afrika in wenigen Jahrzehnten zu Millionenstädten heranwuchsen.

Als Meilensteine moderner Technik gelten die Kernspaltung, die Landung auf dem Mond, die Erfindung des Computers. Die industrielle Herstellung von Wellblech steht diesen Leistungen in nichts nach.

Welsch

«Welsch» heisst im Grunde nichts anderes als «fremd», und das buchstäblich seit Jahrtausenden. Julius Cäsar, als Feldherr nach Gallien geschickt, fand im Osten der riesigen Unruheprovinz Celtica, die auch Helvetien umfasste, den sogenannten «herkynischen Wald» vor. So nannte man ein riesiges Gebiet, das von der heutigen Schweiz bis nach Rumänien reichte. Hier lebten, so berichtet Caesar in seinen Commentarii de bello gallico an den Senat in Rom, die Volcae. Die Volcae waren Kelten, ein Volk, das ein wichtiges Handelsnetz zwischen dem Mittelmeer und Germanien unterhielt, dessen Kultur mit der Zeit aber immer mehr romanisiert wurde.

In der Sprache der Germanen hiessen die Volcae Walhen, ein Wort, das etwa im Namen des Walensees erhalten geblieben ist und das durchs ganze Mittelalter hindurch und bis heute fast unverändert überdauern sollte. Aus den Walhen wurden die Welschen, die Bedeutung wurde allgemeiner, und das Wort bezeichnete mit der Zeit überall das jeweils nächstgelegene, eine romanische Sprache sprechende Volk. Mit «Welschland» war, je nach Region, einmal Frankreich, einmal Italien gemeint. Zur sprachlich-ethnischen Bezeichnung kamen Vorurteile: In den Augen der Deutschen waren die Welschen lebenslustig, aber auch oberflächlich, wenn nicht gar falsch. Nicht von ungefähr ist Rotwelsch die Sprache der Gauner und Ganoven.

Welsch: Das sind die, deren Mundart man nicht verstehen kann. Eine unverständliche Sprache heisst daher bis auf den heutigen Tag «kauderwelsch».

Wetter

Wenn die Leute mit mir über das Wetter reden, bin ich mir stets sicher, dass sie etwas ganz anderes meinen,

kalauerte Oscar Wilde 1895. Ohne es zu wissen, tun sie das tatsächlich: nämlich den Wind. Das Wort «Wetter» heisst in allen germanischen Sprachen so (auf Englisch weather, norwegisch vær, schwedisch väder, dänisch vejr, isländisch veður). «Wetter» kommt vom indoeuropäischen Wort weðra, und das bedeutete «Wind» – so gesehen meint «Wind und Wetter» heute im Grunde ein und dasselbe. «Wetter» ist denn auch verwandt mit «wehen» und mit «wedeln».

Was wir «Wetter» nennen, spielt sich in der unteren Atmosphäre ab, der sogenannten Troposphäre, und es lässt sich mit Messgrössen beschreiben wie Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck, Drucktendenz, Windrichtung, Windgeschwindigkeit, Bewölkung, Niederschlag und Sichtweite. So weit, so klar.

Und doch sorgt das Wetter auch für Missverständnisse. Als Kinder wurden wir ermahnt, immer schön alles aufzuessen, damit das Wetter wieder gut wird. Sprachgeschichtlich gesehen sind unsere Eltern hier einem Missverständnis zum Opfer gefallen. Die Redensart stammt nämlich aus dem Plattdeutschen und lautet

Et dien Töller leddig, dann givt dat morgen goods wedder.

Wedder heisst auf Platt aber nicht «Wetter», sondern «wieder», und so heisst die Redensart «Iss deinen Teller leer, dann gibt es auch morgen wieder etwas Gutes» – von schönem Wetter ist da nicht die Rede.

Wetterhahn

Um zu sehen, woher der Wind weht, erfand der Astronom Andronikos von Kyrros im 1. Jh. v. Chr. die sogenannte Wetterfahne: Eine drehbare Figur des Meeresgottes Triton, zuoberst auf dem Turm der Winde in Athen.

Das Anemoskop, wie die Windfahne in der Wissenschaft heisst, stellt auf den meisten Kirchen einen Hahn dar. Der allererste Wetterhahn wurde im Jahr 820 auf einem Kirchturm in Brescia angebracht, und warum er ausgerechnet einen Hahn darstellt, hat einmal mit der Physik zu tun. Sein besonderes Merkmal ist das ausladende Federkleid, und die Asymmetrie sorgt dafür, dass sich sein Kopf in die Windrichtung dreht. Der Hahn bietet sich auch deshalb an, weil man morgens, beim ersten Hahnenschrei, als erstes nach dem Wetter sah.

Und dann ist da noch die Bibel:

Ehe der Hahn kräht, wirst du, Petrus, mich dreimal verleugnen,

propezeiht Jesus, und so gilt der Hahn dem Christentum als Mahnung, sich nicht nach dem Wind zu drehen, sondern unbeirrt dem Glauben zu folgen. Im Stundenbuch des spätantiken Dichters Prudentius ist der Hahn denn auch ein Symbol für Christus selbst, der die Nacht der Sünde beendet und den Menschen zum Glauben erweckt.

Und dann ist da noch die ums Jahr 800 erbaute Alte St.-Alexander-Kirche von Wallenhorst in Niedersachsen. Sie trägt auf der Turmspitze keinen Hahn, sondern vielmehr eine Henne. Der Sage nach sollte sie nach dem Willen Karls des Grossen in der Gegend weitere Kirchen ausbrüten.

Windsurfen

Der Sonntag, 21. Mai 1967, ist für den 38-jährigen Militäringenieur Jim Drake ein ganz besonderer Tag. Zum ersten Mal setzt er sein Surfbrett ins Wasser der Jamaica Bay in New York, befestigt den Mast mit den zwei gekrümmten Holmen, die zwischen sich das Segel aufspannen. Und dann beginnt das heikle Balancieren, das Anfänger heute noch kennen: Das Gerät namens «Old Yeller», mit dem Tüftler Jim Drake die ersten unsicheren Meter in der kabbligen Bucht zurücklegt, ist der erste moderne Windsurfer der Welt.

Waghalsige Prototypen hat es schon 1965 gegeben. In seiner Augustnummer bringt das Magazin «Popular Science» eine bebilderte Bauanleitung für ein sailboard. Dessen Brett sieht aus wie eine Kiefernholztür, das bewegliche Segel hat die Form eines auf dem Kopf stehenden Kinderdrachens. Als begeisterter Segler weiss Drake, dass damit das Wegpaddeln vom Ufer mühsam und das Segeln bei auffrischendem Wind schwierig wird. Deshalb spannt er ein Dreieckssegel zwischen einen gegabelten Baum, konstruiert einen beweglichen Mastfuss, und als Rumpf nimmt er ein schnittiges Surfboard. Am 6. Januar 1970 heisst das amerikanische Patentamt den Antrag für «einen windgetriebenen Apparat» gut.

Sein Freund und Financier Hoyle Schweizer treibt mit seinem Unternehmen «Windsurfing International» die Entwicklung voran; 1973 übernimmt er für nur 30 000 Dollar Drakes Anteile an den Patentrechten. Drake, der Erfinder, und Schweitzer, der Unternehmer, trennen sich im erbitterten Streit. Drake geht als Erfinder in die Technikgeschichte ein, Schweizer dagegen wird Multimillionär – und Windsurfing olympische Sportart.