Visitenkarte

Sie lernen den neuen Generaldirektor kennen, und als höflicher Mensch – der arme Mann kann sich ja unmöglich all die Namen merken – drücken Sie ihm Ihr Kärtchen in die Hand. Tja, und damit sind Sie voll ins Fettnäpfchen getreten.

Die Visitenkarte ist so etwas wie die Duftmarke des Geschäftsmanns. Doch dem war nicht immer so. Visitenkarten heissen, wozu sie einst gedient haben, als aufwändig gedruckte, auf einem freien Feld handschriftlich ergänzte Karte, die man dem Hausdiener oder der Empfangsdame übergab, damit sie den Herrschaften den Besuch gebührend ankündige. Die Karten wurden nicht einfach überreicht, nein: Sie wurden leicht geknickt, nach einer ganz bestimmten Regel, je nachdem, ob es sich um einen Antritts- oder einen Beileidsbesuch handelte. Das Knicken hatte zudem den Vorteil, dass sich die Karte auch mit Seidenhandschuhen bequem vom Silbertablett aufnehmen liess. Bei Hofe ging die Karte am Ende an den Zeremonienmeister, der Namen und Rang der Gäste bei ihrem Eintreten mit fester Stimme verlas.

Visitenkarten, im 18. und 19. Jahrhundert oft Kunstwerke bekannter Kupferstecher, sind heute zwar nicht normiert, doch hat sich in Europa die Grösse einer Kreditkarte eingebürgert. In Amerika und Skandinavien sind sie etwas schmaler, im fernen Osten etwas höher. Auch das Zeremoniell gibt es immer noch. Es ist ein Tauschgeschäft – wer eine Karte übergibt, darf im Gegenzug die seines Gegenübers erwarten. Dem Ranghöheren seine Visitenkarte aufzudrängen, hiesse, ihn zur Herausgabe seiner Kontaktdaten zu nötigen. Daher gilt: Als erstes ist immer der Chef am Zug.

Wäscheklammer

Die Wäscherin im Mittelalter hatte genau zwei Möglichkeiten: Entweder klemmte sie die Wäsche mit einer Klammer fest, die aus einem einfachen Holzstück mit Schlitz bestand, oder aber sie hängte die Kleider lose über die Leine. Beides war nicht ohne Tücken: Entweder scheuerte das Holz mit der Zeit den Stoff durch, oder der Wind verteilte die Wäsche übers Land.

Das änderte sich erst 1853, nachdem Erfinder David M. Smith im US-Bundesstaat Vermont über das Problem nachgedacht hatte. Seine neuartige Wäscheklammer besass zwei Holzschenkel mit einem Stift als Achse. Oberhalb, zwischen die beiden Griffe geklemmt, fand sich eine separate Feder, welche die Klammer nach dem Loslassen wieder zusammenpresste. «Meine Erfindung», so schrieb Smith, «beschädigt den Stoff nicht, wie das eine herkömmliche Klammer tut, und ein weiterer wichtiger Vorteil besteht darin, dass sie sich vom Wind nicht losreissen lässt».

So simpel eine einfache Wäscheklammer auch scheinen mag – in der Zeit der Industrialisierung war sie Gegenstand einer wahren Erfindungswut. Für Klammern aller Art wurden zwischen 1852 und 1887 allein in den USA 146 Patente erteilt. Eine markante Verbesserung war schliesslich die Erfindung des ebenfalls in Vermont lebenden Solon E. Moore: Sein Patent von 1887 zeigt eine Wäscheklammer mit nur noch einem gebogenen Drahtstück, das zugleich als Spiralfeder und als Achse dient. Eben diese Klammer ist es, die seither in unterschiedlichsten Ausführungen unsere Wäsche an der Leine hält: aus Plastik – oder aber, ökologischer, aus Birkenholz, das nicht abfärbt und keine Harzflecken hinterlässt.

WC-Ente

Sauberkeit liegt dem Drogisten Walter Düring aus Dällikon im Kanton Zürich sozusagen im Blut: Seine Mutter Maria hat 1950 das Entkalkungsmittel Durgol erfunden, und Reinigungsmittel werden zum Geschäft der Familien-AG.

Nun gibt es stille Örtchen, die sich naturgemäss nicht gar so leicht putzen lassen – der nach innen gebogene Rand der Toilettenschüssel zum Beispiel. Walter Düring und seine Ehefrau Vera tüfteln und tüfteln, im Büro stapeln sich die Zeichnungen, und daraus wird eine Flasche, deren Hals so gebogen ist, dass sich der Reiniger auch dann noch unter den WC-Rand spritzen lässt, wenn die Flasche fast leer ist.

Ich sah mir meine Skizzen an und plötzlich machte es Klick,

sagt Düring später:

Ich hatte die technische Lösung gefunden. Sie sah aus wie ein Entenhals.

Ein von Hand geschnitzter Prototyp aus Holz wird 1980 patentiert, die WC-Ente kommt auf den Markt und tritt ihren Siegeszug an.

20 Jahre später, im Jahr 2000, läuft der Patentschutz aus, und heute wird der Reiniger «mit Entenhals-Technologie» vom amerikanischen Konzern SC Johnson hergestellt. Doch die Ente hat schon bessere Zeiten gesehen: Tests bemängeln seit Jahren bedenkliche Inhaltsstoffe, umweltschädliche Desinfektionsmittel oder Ameisensäure. Und doch kennt jedes Kind die Plastikflasche mit dem charakteristischen Hals: Die WC-Ente ist eine Design-Ikone, und sie prangt, zu Ehren des Erfinders Walter Düring, seit September 2025 auf einer 2.50-Franken-Briefmarke der Schweizerischen Post.

Weihnachtsgeld

Beim Weihnachtsfest fragte der Chef seinen Fahrer, ob er denn auch am Sonntag in der Kirche gewesen sei. Der Fahrer sagte: «Nein, ich weiss nicht, wieso sollte ich auch?» «Ja, danken für das Weihnachtsgeld.» «Das habe ich doch von der Firma erhalten.» «Nein, über die Firma durch Gott.»

Mit dieser Anekdote beschreibt Hans-Hermann Beckherrn die Stimmung als junger Industriearbeiter im Ruhrgebiet der 1950er-Jahre. Das Weihnachtsgeld ist eine freiwillige Zahlung des Arbeitgebers an den Arbeitnehmer, und es stammt aus dem 19. Jahrhundert. Das Arbeiterelend machte den Fabrikbesitzern ihre auch soziale Verantwortung bewusst, und so kam es, dass an Weihnachten manch einer durchs Werk schritt und jedem Arbeiter ein Geschenk, Esswaren oder ein Geldstück überreichte, damit auch die Ärmsten etwas zu feiern hatten. Solche «Remunerationen», wie man sie nannte, wurden in der Weimarer Republik allgemein üblich – das Weihnachtsgeld im November etwa oder das Urlaubsgeld im Juni. Die Zahlungen blieben freiwillig, bis deutsche Gewerkschaften in den 1950er-Jahren – in der Schweiz erst ein Jahrzehnt später – zum ersten Mal einen kollektivvertraglichen Anspruch auf Weihnachtsgeld durchsetzten.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Spannweite noch enorm – in Deutschland konnten das ein paar Pfennig sein oder auch mehrere Mark. Heute heisst das Weihnachtsgeld «13. Monatslohn», und es hat sich in der Schweiz wie in anderen Ländern fest eingebürgert. In besonders ertragsintensiven Branchen gibt‘s gar einen 14., wenn nicht sogar einen 15. Monatslohn. Und kein Patron fragt mehr danach, ob man dafür auch ein Dankgebet gesprochen habe.

Weihnachtsinsel

Nein, die Weihnachtsinsel ist kein verschneites Idyll, in dem Rentiere mit Geschenken bepackte Schlitten ziehen. Und genau genommen gibt es die Weihnachtsinsel nur im Plural. Es gibt nämlich eine Weihnachtsinsel ganz im Osten Kanadas, eine Weihnachtsinsel im Pazifik, auf halbem Weg zwischen den USA und Australien, ein Weihnachtsinselchen vor der Ostküste Tasmaniens, und dann gibt es die bekannteste aller Weihnachtsinseln, «Territory of Christmas Island», südlich von Indonesien im Indischen Ozean. Sie ist das pure Gegenteil von dem, was wir unter Weihnachten verstehen: Im Sommer wie im Winter herrschen Temperaturen zwischen 22 und 28 Grad. Die Weihnachtsinsel gehört politisch zu Australien, und auf ihren 135 Quadratkilometern (weniger als der Kanton Appenzell-Innerrhoden) leben etwas mehr als 2000 Einwohner.

Der erste, der an den hoch aufragenden vulkanischen Felsen vorbeisegelte, war der britische Kapitän William Mynors. Auch wenn er die unbewohnte und bis dahin namenlose Insel nicht betrat, taufte er sie nach dem Datum seiner Entdeckung: dem 25. Dezember 1643. Es sollte bis zum Jahr 1688 dauern, dass der britische Pirat William Dampier als erster Europäer die schroffen Küsten, die Sandstrände und den tropischen Regenwald zu erkunden begann. Weitere 200 Jahre lang lag die Insel in einem Dornröschenschlaf, doch nachdem man Phosphor-Vorkommen entdeckt hatte, beschloss die britische Krone, die Insel kurzerhand zu annektieren. Bis heute werden Phosphate abgebaut und exportiert, und weil die meisten Arbeiter aus China und Malaysia stammen – zusammen vier Fünftel der Bevölkerung –, ist die Weihnachtsinsel, ihrem christlichen Namen zum Trotz, mehrheitlich buddhistisch und islamisch.