Schwundgeld

Wie kommt man zu Geld? Die Frage ist fast so alt wie die Menschheit, und im Grunde gibt es darauf nur zwei Antworten: Entweder man arbeitet dafür, oder man knöpft es anderen ab. Letzteres leuchtete nicht nur Strassenräubern ein, sondern auch den Fürsten des Mittelalters. Zum Beispiel Wichmann von Seeburg: Im Jahr 1154 wurde er zum Erzbischof von Magdeburg geweiht und damit zu einem der bedeutendsten Kirchenfürsten der Zeit. Seine Idee: Einmal geprägt, wurden die Magdeburger Münzen alle sechs Monate «verrufen», d.h. kurzerhand für ungültig erklärt. Die alten Münzen konnten danach zwar in die frisch geprägten umgetauscht werden, doch obwohl das alte und das neue Geld denselben Gold- oder Silbergehalt aufwiesen, erhielten die Bürger für zwölf alte Münzen nur noch neun neue. Ein volles Viertel ging so an den Erzbischof, der damit Kirchen und Kriege finanzierte.

Mit der Erfindung dieses «Schwundgeldes» schlug Wichmann zwei Fliegen auf einen Streich: Zum einen flossen der Staatskasse so alle sechs Monate beträchtliche Geldmengen zu, und zum anderen wurde der Geldumlauf enorm beschleunigt, denn um dem empfindlichen Wertverlust zu entgehen, brachten Bürger, Handwerker und Händler die als «rostendes Geld» verspotteten Pfennige rasch wieder in Umlauf. Der Konsum kam in Schwung, und die Wirtschaft begann zu blühen.

Dieses radikale Konzept einer 25-prozentigen Kapitalsteuer war ein mittelalterlicher Erfolg, und während der grossen Depression 1932/33 kam der Bürgermeister des Tiroler Dorfs Wörgl auf die Idee, eigenes Schwundgeld drucken zu lassen, Banknoten, auf die jeden Monat Marken im Wert von einem Prozent ihres Werts aufgeklebt werden mussten. Wörgls Wirtschaft kam erstaunlich gut durch die Krise – bis die österreichische Nationalbank dem illegalen Experiment, unter Androhung eines Armeeeinsatzes, 1933 ein abruptes Ende setzte.

Scrib

Deutschland, England, USA – wie man es dreht und wendet, der Computer ist ein Ausländer. Doch einer seiner Vorfahren war ein echter Schweizer. Und das kam so:

1976 traf Jean-Daniel Nicoud, Physikprofessor an der EPFL Lausanne, auf einem Swissair-Flug nach Boston zufällig einen Vertreter der Lausanner Firma Bobst Graphic. Ein Wort gab das andere, und am Ende waren sich die beiden einig, gemeinsam einen tragbaren Computer für Journalisten zu entwickeln, der Texte speichern und verschicken konnte.

Das Ergebnis hiess «Scrib» und war eine mittlere Revolution. Das in Olivgrün und Beige gehaltene, 16 Kilo schwere Gerät sah aus wie eine elektrische Schreibmaschine und speicherte Texte auf zwei Mikrokassetten à je 8000 Zeichen. Auf der Rückseite befand sich ein 7-Zoll-Bildschirm, den man mithilfe eines ausklappbaren Spiegels sehen konnte, und mit einem Akustikkoppler liessen sich die Texte mit atemberaubenden 300 Bit pro Sekunde in die Redaktionen übermitteln. Nach dem Fussballspiel belagerten also die Reporter die wenigen Telefonkabinen des Stadions, und nach dem Senden folgte stets ein längeres Korrekturgespräch, weil der analoge Zeitimpuls des Münztelefons alle paar Zeilen die Sportprosa in Kauderwelsch verwandelt hatte.

Trotzdem war das Gerät ein Erfolg. Rund 1000 Stück wurden verkauft; 1978 erhielt der «Scrib» in San Francisco gar einen Designpreis. Die Firma Bobst Graphic ging unter, doch die «Scrib»-Maschinen zählten volle zehn Jahre lang zum Inventar von Zeitungsverlagen, die begriffen hatten, dass die Zukunft dem Computer gehört.

Sekunde

Das Ticken der Uhr ist eine Ikone der Vergänglichkeit – «Kinder flüchtiger Sekunden» dichtete der (im übrigen ziemlich erfolglose) Zürcher Autor und Journalist Heinrich Leuthold um 1850 und meinte damit den Augenblick, der, einmal verstrichen, nie mehr wiederkehrt.

Die Sekunde ist uns so vertraut, dass wir uns über ihren seltsamen Namen nie Gedanken machen. Sekunde heisst auf Lateinisch «die Zweite» – und warum nicht «Prim» oder «Terz»? Das hat mit der Teilung der Zeit in kleinere und kleinste Einheiten zu tun. Schon die alten Ägypter teilten den Tag in 24 Stunden auf. Die erste Tagesstunde begann mit Sonnenaufgang, in der zwölften ging die Sonne unter, mit der Dämmerung begann die erste Nachtstunde. Gemessen wurde das Mass aller zeitlichen Dinge mithilfe der Sonnenuhr. Mit der Erfindung mechanischer Uhrwerke im Mittelalter war das Stundenmass auf einmal nicht mehr genau genug, und so wurde die Stunde, ein erstes Mal, durch 60 geteilt. Die so entstehende Minute kommt von lateinisch minuere, «verkleinern», und hiess ursprünglich pars minuta prima, also jener Teil, der entsteht, wenn man die Stunde ein erstes Mal aufteilt. Pars minuta secunda, von der die Sekunde abstammt, ist also folgerichtig das Ergebnis einer zweiten Teilung durch 60 – durch 60 deshalb, weil das die Grundzahl des 4000 Jahre alten Sexagesimalsystems war, des Zahlensystems im alten Babylon, das nicht auf der 10 wie unser Dezimalsystem, sondern auf der 60 beruht.

Wenn wir heute also in bangen Momenten die Sekunden zählen, dann machen wir, ohne es zu wissen, eine sekundenlange Zeitreise durch die Jahrtausende.

Serviette

Wenn’s um Tischmanieren geht, waren die alten Römer Barbaren. Im «Gastmahl des Trimalchio», das uns der römische Dichter Titus Petronius in seinem Roman «Satyricon» vor Augen führt, tragen Dutzende Sklaven die erlesensten Speisen auf: In Honig und Mehl gebackene Haselmäuse, mit lebendigen Drosseln gefüllte Kuchenteigschweine und in Pfeffersauce schwimmenden Bratfisch. Unerlässliches Requisit dieses Inbegriffs der Dekadenz: Die lateinische mappa, die Serviette. Genaugenommen waren es deren zwei: Die grössere diente dazu, die mit teuren Stoffen bezogene Liege vor Flecken zu bewahren, die kleinere wurde in der linken Hand gehalten und diente als Mundtuch.

Mit Rom ging im 5. Jahrhundert auch die Serviette unter. Im dunklen Mittelalter pflegte man sich den Mund mit dem Ärmel und die Finger mit dem Tischtuch abzuwischen. Erst im 16. Jahrhundert entdeckte der Adel die Serviette neu. Das französische Wort bedeutet wörtlich «kleine Dienerin», und tatsächlich pflegten Bedienstete mit dem «Tellertuch», wie es auf Deutsch hiess, das Gedeck der hohen Gäste abzuwischen.

Ob Damast, Leinen oder Papier: Ohne Serviette nehmen wir heute keinen Happen mehr zu uns. Bei McDonald’s gibt’s zum Burger gleich ein halbes Dutzend davon. Meistens jedenfalls: Der 59-jährige Webster Lucas hatte Anfang 2014 zu seinem Big Mac eine einzige Papierserviette erhalten; eine zweite sei ihm, seiner Hautfarbe wegen und «aus rassistischen Gründen», verweigert worden. Einen Gratis-Burger zur Beschwichtigung schlug Lucas aus und verklagte McDonald’s stattdessen auf Schadenersatz. Im Umfang von 1,5 Millionen Dollar.

Sexagesimalsystem

Was uns die Zehn ist, war den alten Babyloniern die Sechzig: Das Sexagesimalsystem (vom lateinischen Wort sexagesimus, der Sechzigste) ist weit intuitiver, als man meinen könnte. Mit ihm lässt sich nämlich effizient zählen, mit den Fingern einer Hand bis zwölf und mit beiden Händen sogar bis 60. Das geht so: Für die Zahl eins berührt der Daumen das obere Fingerglied des kleinen Fingers derselben Hand, für die Zahl zwei das mittlere und für drei das untere Fingerglied des kleinen Fingers. Für die Zahl vier geht es dann mit dem oberen Glied des Ringfingers weiter, bis das Dutzend am unteren Ende des Zeigefingers erreicht ist. Mit der anderen Hand streckt man dann für jedes volle Dutzend einen Finger aus. Noch heute wird in Teilen der Türkei, im mittleren Osten und in Indien auf diese Weise gezählt.

Um 3300 v. Chr., in Sumer, dem heutigen südöstlichen Irak, war das Sexagesimalsystem noch ein reines Additionssystem – die fragliche Zahl ergab sich aus dem Addieren der einzelnen Ziffern. Ab 2000 v. Chr. dagegen entwickelten die Babylonier daraus ein modernes Stellenwertsystem, das genauso funktioniert wie unser heutiges Dezimalsystem, nur eben auf der Basis von 60: Einstellige Zahlen reichten so von 1 bis 59, zweistellige bis 3599.

Babylon war die führende Wissenschaftsnation der Zeit, und weil sich die babylonische Astronomie allmählich über Ägypten und Griechenland nach Europa ausbreitete, rechnen wir heute noch bei Winkelgraden, Stunden, Minuten und Sekunden mit Zahlen aus längst vergangenen Zeiten.