Schlitzohr

Das Ohr macht den Unterschied zwischen gut und Tunichtgut: Der Handwerksgeselle auf der Walz trägt einen Ohrring, nach alter Väter Sitte mit Hammer und Nagel ins mit Alkohol desinfizierte Ohrläppchen geschlagen. Dieser Ring diente einst als eiserne Reserve für Notzeiten oder, im schlimmsten Fall, für ein anständiges Begräbnis. Vor allem aber war er ein Ehrenzeichen. Dem Gesellen, der sich etwas zuschulden kommen liess, pflegte man den Ohrring kurzerhand auszureissen – die Narbe brandmarkte ihren Träger fortan als Schlitzohr.

Die Walz ist eine jahrhundertealte Tradition: Es sind die Wanderjahre, die der Handwerksgeselle nach seiner Lehrzeit absolviert, um zur Meisterprüfung zugelassen zu werden. Der Brauch ist klar geregelt: Ein Geselle, ein Zimmermann, Dachdecker oder Schreiner etwa, ist ledig, hat keine Kinder und keine Schulden – die Walz ist keine Flucht vor der Verantwortung. Während der Wanderschaft, die mindestens drei Jahre und einen Tag lang dauert, darf der Geselle seinem Heimatort nicht näher kommen als 50 Kilometer. Er geht zu Fuss oder per Anhalter; Bahn und Bus sind verpönt. Gearbeitet wird hier und da, überall, wo es Arbeit gibt.

Wandergesellen sind selten geworden, doch man erkennt sie an ihrer Uniform: Da ist die Kluft mit den Perlmuttknöpfen, dazu die weite Hose aus Samt, deren glockenförmige Beine vor Sägemehl schützen. Da sind der Stenz genannte Stock und das Bündel mit Wäsche und Werkzeug, der so genannte Charlottenburger. Da ist schliesslich der schwarze Hut mit der breiten Krempe, und darunter – so ist zu hoffen – ein unversehrtes Ohr.

Schnitt, goldener

Für den Mathematiker ist der Goldene Schnitt ein Verhältnis zweier Distanzen: Ein Punkt teilt eine Strecke dann im Goldenen Schnitt, wenn dabei der längere Teil zum kürzeren im selben Verhältnis steht wie die gesamte Strecke zum längeren. Es geht sogar noch trockener: Der Goldene Schnitt Φ (Phi) ist das Ergebnis einer Teilung der längeren durch die kürzere Strecke und beträgt rund 1,618.

Der Künstler dagegen erkennt in diesem ganz besonderen Verhältnis gestalterische Perfektion – nicht umsonst nannte man den Goldenen Schnitt auf Lateinisch proportio divina, die göttliche Proportion. Wir finden sie, wo immer Menschen Bedeutendes geschaffen haben: im Parthenon-Tempel in Athen (Säulen- im Vergleich zur Gesamthöhe: im Goldenen Schnitt), im Gemälde «Das Abendmahl» von Leonardo da Vinci (Jesus‘ offen auf dem Tisch liegende Hand: im Goldenen Schnitt), selbst in den Dimensionen unserer Kreditkarten (Breite und Höhe: im Goldenen Schnitt).

Über alle Zeiten hinweg: Diese rätselhafte Verhältniszahl 1,618 empfinden wir Menschen als ganz besonders ausgewogen und harmonisch. Vielleicht weil die Natur selbst diesem Verhältnis immer wieder folgt: in der Fibonacci-Folge, mit der Leonardo da Pisa im Jahr 1202 nachweisen wollte, wie sich Kaninchen im Lauf der Zeit vermehren, im spiralförmigen Aufbau von Tannzapfen oder Sonnenblumen, ja selbst in der Höhe der Wellenbewegungen, die heftigen Kursausschlägen an der Börse folgen.

Das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben,

schrieb Galileo Galilei anno 1623. Falls dem so ist, müsste der Titel dieses Buches lauten: «Der Goldene Schnitt».

Schreber, Moritz

Gemüsebeet, Giesskanne, Gartenlaube und rund herum ein Lattenzaun: Ein Schrebergarten ist dem Städter, was Arkadien den alten Griechen war: Ein Naturidyll, das Befreiung von den Zwängen des Alltags – und dazu erst noch günstiges Gemüse verheisst.

Der Schrebergarten trägt den Namen von Daniel Gottlob Moritz Schreber, einem etwas exzentrischen Arzt und Professor an der Universität Leipzig. Schreber beschäftigte sich Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Gesundheit der Kinder und den sozialen Folgen der Industrialisierung, die das Stadtbild regelrecht umpflügte: Fabriken und Mietskasernen schossen in die Höhe und verdrängten das verbleibende Grün. Viel Bewegung an der frischen Luft aber, davon war Schreber überzeugt, könne die Kinder verarmter Familien kurieren, die zunehmend an Mangelernährung und an Haltungsschäden litten. Letztere versuchte Schreber durch martialische Apparaturen zu heilen – lederne Kinnbänder, um Fehlbissen vorzubeugen, Schulterriemen, die das im Bett liegende Kind in Rückenlage zwangen, sogenannte «Geradhalter» für aufrechtes Sitzen und, ganz dem sexualfeindlichen Zeitgeist entsprechend, mechanische Gerätschaften zur «gesunden Triebabfuhr», im Klartext: um die Jugendlichen am Onanieren zu hindern.

Schrebers Schwiegersohn Ernst Hauschild war Schuldirektor und liess 1865 in Leipzig eine Wiese herrichten, die er «Schreberplatz» nannte. Hier konnten die Kinder unter Betreuung nach Herzenslust herumturnen und sich austoben. Aus diesem «Schreberplatz» schliesslich wurde unser heutiges Vorstadtidyll, das bis heute den Namen des Leipziger Medizinprofessors trägt.

Schuh

Der Schuh ist so alt wie die Menschheit selbst. 120 000 Jahre alte Ahlen aus Knochen zeigen, dass schon die Neandertaler Fellstücke zu einer Art Stiefel zusammengenäht haben. Aus dem Fusssack gegen die Kälte wurde mit der Zeit der heutige Mokassin, aus unter die Füsse gebundenen Palmblättern die Sandale – tatsächlich sind die ältesten, in Fort Rock, Oregon, gefundenen Schuhe indianische Sandalen, die vor über 10 000 Jahren hergestellt wurden.

Mit Schuh ist der Fuss anderen Belastungen ausgesetzt als ohne. Das verändert mit der Zeit das Skelett, und solche Mutationen lassen sich schon an den fossilen Knochen von Steinzeitmenschen nachweisen, die in der Tianyuan-Höhle bei Peking gelebt haben. Alt ist auch das Wort: Der Ursprung ist vermutlich die indoeuropäische Silbe sko – und so heisst «Schuh» in ganz Skandinavien bis heute.

Wenn ein Schuhmacher einen Schuh herstellt, benutzt er seit jeher einen Schusterleisten, eine Holzform in der Form eines Fusses – von ihm kommt die Redensart «Schuster, bleib bei deinem Leisten». Zwei gut erhaltene römische Schuhleisten wurden 2007 in Oberwinterthur gefunden. Bei der Herstellung eines soccus (eines bei Römerinnen beliebten leichten Schuhs, von dem auch unsere «Socke» abstammt) wurde zuerst Oberleder und Innensohle mit der Innenseite nach aussen zusammengenäht. Damit die Nähte später innen lagen und die Laufsohle aufgenäht werden konnte, musste der Schuh nach aussen gestülpt werden. Und dank diesem Kniff sagen wir bis heute: «Umgekehrt wird ein Schuh draus».

Schutzstaffel

Am Anfang war der «Stosstrupp Adolf Hitler», 1923 rekrutiert, im Jahr des ersten Putschversuchs im Münchner Bürgerbräukeller. Aus den Bodyguards von einst wurde die «Schutzstaffel», eine reichsweite Organisation, die sich gegen Widersacher im Inneren der Partei richtete. Dieser Wandel vom Schläger- zum Spitzeldienst war fatal: Die SS und insbesondere ihre Elite, die Waffen-SS, gab vor, das deutsche Volk zu schützen – nicht vor äusseren Feinden, sondern vielmehr vor angeblichen Schädlingen im Inneren: vor Juden, Kommunisten, Geisteskranken, Homosexuellen, Kriminellen, Arbeitsscheuen, Zigeunern und Landstreichern, wie sie im SS-Jargon hiessen. Mit «Schutzhaftbefehlen» wurde ohne Verfahren, auf blosse Denunziation hin oder nach reinem Gutdünken verhaftet, oft auf unbeschränkte Zeit und bis zum Tod durch Krankheit oder Folter. Die SS führte die Konzentrationslager, SS-Einheiten eskortierten die Züge, die Millionen in die Vernichtungslager brachten. Und in der Zentrale im Berliner Prinz-Albrecht-Palais wurden die Gräuel mit bürokratischem Irrwitz verwaltet: Jede Schreibmaschine verfügte eigens über eine Type mit der SS-Doppelrune.

Heinrich Himmler, oberster Chef dieser perversen Polizei, suchte nach Kriegsende hektisch nach Kontakten mit den Alliierten, um einer Strafe zu entgehen. Ohne Erfolg. Seine etwas zu neuen, auf den Namen «Heinrich Hitzinger» gefälschten Papiere fielen britischen Militärpolizisten auf, und am 23. Mai 1945 biss Himmler in einem Verhörzimmer in Lüneburg auf eine Zynkalikapsel. Die SS wurde formell aufgelöst, ihr Hauptquartier an der Prinz-Albrecht-Strasse gesprengt.

Heute steht auf der mit grauem Schotter bedeckten, leeren Fläche ein Dokumentationszentrum mit dem Namen «Topographie des Terrors».