Kursivschrift

Kursiver Text neigt sich leicht nach vorn, als hätte er es eilig. Deshalb heisst er auch kursiv, vom lateinischen currere, «laufen». Normal gesetzte Schrift dagegen steht gerade und heisst deshalb recte.

Als Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts in Mainz seine erste Bibel druckte, war deren Schrift nur «recte». Kursive Lettern wurden erst 50 Jahre später erfunden, in der sogenannten «Aldus-Offizin», dem Verlag des Aldo Pio Manuzio in Venedig. Das war kein Zufall: In Venedig befand sich eine der grössten Bibliotheken der Zeit mit einem grossen Bestand an griechischen und lateinischen Manuskripten. Manuzios Geschäft war es, diese Texte nachzudrucken, relativ preisgünstig und in einem handlichen Format, so dass Kunden aus ganz Europa auf einmal Literatur lesen konnten, die bis dahin nur wenigen Gelehrten zugänglich gewesen war.

Manuzio legte Wert auf hochwertige Typographie. Er plante eine Ausgabe der gesammelten Werke des römischen Dichters Horaz, und dafür entwickelte Aldus’ Geschäftspartner in Bologna, der Stempelschneider Francesco Griffo, eine moderne, elegante Druckschrift, und die besass zum ersten Mal auch kursive Lettern. Die Horaz-Ausgabe erschien 1501 und wurde, wie viele andere Werke aus dem Aldus-Verlag, ein grosser Erfolg.

Die sogenannten «Aldinen» trugen viel bei zur Wiederentdeckung der Antike in der Renaissance und zur Entwicklung des Humanismus. Und weil ihre Druckschrift aus Italien stammt, heissen kursive Buchstaben auf Englisch bis heute italics.

Limerick

1843 erschien in London ein Büchlein mit dem Titel «A Book of Nonsense», und dieses Büchlein hatte es in sich. Es enthielt 107 Nonsens-Gedichte des britischen Schriftstellers und Malers Edward Lear, von ihm selbst illustriert, die alle einem verblüffend eingängigen Schema folgten. Zwei lange Zeilen, die sich reimen. Dann zwei kurze, die sich ebenfalls reimen, am Ende ein fünfter langer Vers mit dem Anfangsreim. Immer nahm Lear eine fiktive Person auf die Schippe, die an einem realen Ort lebt, und die sich durch eine geradezu absurde Angewohnheit oder Eigenschaft auszeichnet.

Weil diese Strophenform einem alten irischen Soldatenlied gleicht, «Will You Come up to Limerick», wurde der Scherzvers bald einmal «Limerick» genannt. Auch wenn Dichter Lear nicht der Erfinder war – schon bei Shakespeare finden sich ähnlich gebaute Verse –, traf der Limerick einen Nerv. Mit einer Pointe, in die Schlusszeile verpackt, zählt er heute zum festen Repertoire von Humoristen in aller Welt. In der Version des Schweizer Kabarettisten César Keiser klang das 1964 zum Beispiel so:

Da gab’s einen Forscher in Brahmen
Der bastelte künstliche Damen,
Wobei ihm die vierte
Zum Teil explodierte,
Jetzt bastelt er keine mehr. Amen.

Wer jetzt vom Ehrgeiz gepackt ist und sich fragt, wie genau man einen Limerick zu schreiben hat, dem sei auch das erklärt. Am besten in einem Limerick:

Ein Limerick-Dichter aus Leimen
War stolz auf sein treffliches Reimen.
Doch macht’s nicht allein
Der treffliche Reim:
Man muss auch den Rhythmus gut timen.

Marshmallow-Test

Ein Kind sitzt im Raum, vor ihm ein Marshmallow, ein zweiter in Sichtweite. Das Kind ist allein; seine Aufgabe: Sich beherrschen. Wenn es warten kann, bis der Professor nach einer Viertelstunde wiederkommt, darf es beide Marshmallows essen – wenn nicht, gibt’s bloss diesen einen.

Der Test von 1972 mit 32 Kindern von Eltern an der Stanford University machte seinen Erfinder, den Psychologen Walter Mischel, weltberühmt, wegen eines verblüffenden Zusammenhangs: Je geduldiger das Kind, folgerte Mischel, desto grösser seine Selbstkontrolle im Erwachsenenalter. Die Kinder, die der Versuchung länger standhalten konnten, seien später erfolgreicher – persönlich, in der Beziehung, in Beruf und Gesellschaft.

Daran mochten der Entwicklungspsychologe Tyler Watts von der New York University und seine Kollegen nicht so recht glauben. Sie wiederholten den Versuch mit 900 Kindern, die sie später, mit 15, einer Reihe von Tests unterzogen, in Sprache oder Mathematik. Dazu befragten sie die Mütter über den familiären Hintergrund. Das Ergebnis war ernüchternd: Die Fähigkeit, einer Versuchung zu widerstehen, hing nur noch mässig mit späteren Kompetenzen zusammen. Und wenn die Forscher noch andere Grössen herausrechneten, den Ausbildungsgrad der Eltern etwa, sagte die Wartezeit als Kind nichts mehr über die Leistungen als Jugendliche aus.

Das war, nach einem langen Forscherleben, auch Test-Erfinder Mischel bewusst. In einem Interview im Jahr 2015 gab er zu:

Die Vorstellung, man könne die Zukunft eines Menschen sicher vorhersagen, durch die simple Tatsache, wie lange er sich eine Belohnung versagen kann, ist Unfug.

Mastermind

1970 hatte der Israeli Marco Meirovitz in Paris eine Idee. Der Telekomexperte ersann ein kleines Spiel mit bunten Stöpseln und einem gelochten Brett. Die Regeln waren simpel: Ein Spieler steckt am Ende des Spielbretts eine beliebige Folge von vier Stöpseln, die er aus sechs Farben auswählt. Der zweite Spieler versucht, den Code zu knacken, indem er Runde für Runde Kombinationen steckt, auf die ihm sein Gegner antwortet – mit je einem schwarzen Stecker für eine richtig erratene Position und einem weissen für eine richtig geratene Farbe am falschen Platz.

Mastermind
Meirovitz ging mit seiner Idee hausieren, von einem Spielehersteller zum nächsten. Alle gaben sie ihm einen Korb: Wahlweise zu schwierig oder zu simpel, in jedem Fall zu spartanisch, lautete das Urteil. Aber Meirovitz war hartnäckig. Auf eigene Faust fuhr er nach Nürnberg und stellte sein Spiel an der dortigen Fachmesse vor. Und hatte Glück: Unter den Besuchern befand sich Edward Jones-Fenleigh, und der war Chef der kleinen britischen Firma Invicta Plastics. Die beiden wurden rasch handelseinig: Invicta kaufte alle Rechte und brachte das Stöpselspiel schon ein Jahr später auf den Markt – unter dem Titel Mastermind, in Deutschland Superhirn oder in der DDR Variablo, gefertigt im VEB Berlinplast.

Wo Konzentration und Logik gefordert ist, sind Mathematiker nicht weit. Donald Knuth etwa, Professor in Stanford, legte eine bestechende Spielstrategie vor und wies nach, dass sich jeder beliebige Farbcode in höchstens fünf Zügen knacken lässt.

Dass sich der findige Israeli von skeptischen Herstellern nicht hatte bremsen lassen, war ein Glück: 1973 wurde Mastermind britisches Spiel des Jahres, -zig Millionen Exemplare wurden bis heute verkauft, und im Internet finden sich Hunderte spielbarer Masterminds. Über Meirovitz‘ Stöpseln grübelt auch heute noch die halbe Welt.

Meton-Zyklus

Der Astronom Meton lebte im 5. Jh. v. Chr. in Athen. Von ihm ist wenig bekannt – ausser dass er den nach ihm benannten Meton-Zyklus beschrieb, der ein astronomisches Rätsel löste. Mit dem Mond ist es nämlich so eine Sache: Seine Phasen lassen sich schlecht mit dem Kalenderjahr in Einklang bringen. Genau wie heute beruhte das Jahr im alten Griechenland auf dem Lauf der Sonne und hatte, etwas anders als heute, zwölf Monate zu 30 Tagen plus fünf Zusatztage. Ein Mondmonat dagegen, das ist die Zeit von Neu- bis Neumond, dauert rund 29,5 Tage, so dass sich die Kalender- und die Mondmonate immer leicht gegeneinander verschieben.

Astronomen hatten nun herausgefunden, dass 19 Jahre und 235 Mondphasen fast haargenau gleich lang sind. 19 zu 235 – mit diesem Meton-Zyklus liessen sich Sonnen- und Mondkalender endlich präzise miteinander in Beziehung bringen.

Allerdings nur fast: Ein Jahrhundert später stellten Wissenschaftler nämlich fest, dass vier Meton-Zyklen – also 76 Jahre – um einen Tag zu lang sind. Ohne diesen überschüssigen Tag ergab sich so neu ein Jahr von 365¼ Tagen – und das hiess nichts anderes, als dass man einmal in vier Jahren einen zusätzlichen Schalttag einfügen musste. Julius Cäsar höchstpersönlich übernahm diesen vierjährlichen Schalttag, und so ist es Cäser – und davor dem Griechen Meton – zu verdanken, dass der Februar in Schaltjahren 29 Tage hat.