Strick-Code

Ein Strickmuster ist binär: Im Grundsatz gibt es genau zwei Möglichkeiten, Muster zu erzeugen, rechte Maschen und linke. Rechts gestrickte Maschen sehen aus wie kleine Vs, links gestrickte dagegen wie Quer- oder Trennstriche. V oder Strich, Null oder eins: Wie das Morsealphabet mit seinen kurzen und langen Signalen lässt sich auch das Stricken nutzen, um Buchstaben und Botschaften zu codieren.

Im ersten Weltkrieg warb die französische Spionin Louise de Bettignies unter ihrem Tarnnamen Alice Dubois Strickerinnen an. Die perfekt zweisprachige Bettignies arbeitete von Lille aus für den britischen Geheimdienst. Sie rekrutierte Frauen, die in der Nähe von Bahnhöfen oder Gleisanlagen lebten, und liess sie minutiös beobachten: Wie viele Züge der Deutschen kamen an, wie viele fuhren ab? Was hatten sie geladen? Waren es Waggons mit Soldaten oder Güterzüge mit Geschützen und Panzern? Stricken galt dabei als völlig unverdächtig, also sassen die Frauen tagsüber am Fenster und strickten ihre Informationen, statt sie auf Papier zu schreiben, in Form eines eigens dafür entwickelten Codes ganz einfach in ihre Schals. Eine Fallmasche stand für Truppentransporte, eine linke für Artilleriezüge und so weiter. Am Ende wurden die Stricksachen in die Geheimdienstzentrale geschmuggelt, und die Muster verrieten den Agenten des MI6 die Truppenbewegungen des Feindes.

Stricken als Spionage: Mit ihren eigenen Mitteln wollten sich die Briten später auf keinen Fall selbst schlagen lassen. Im Zweiten Weltkrieg war in Grossbritannien das Verschicken von Strickanleitungen verboten.

Styropor

Träume sind Schäume, und Styropor ist ein Traum von einem Schaumstoff. Er ist billig, leicht, formbar, dabei aber druckfest, wetterfest, isoliert gegen Strom und gegen Kälte, lässt sich mit heissem Draht schneiden und nach Gebrauch vollständig wiederverwerten. Wir kennen den Stoff als Platte, die Häuser isoliert, und als Verpackung, die Eier und Computer schützt.

Am Anfang stand der Zufall. 1835 kaufte der Berliner Apotheker Eduard Simon eine Menge Harz des Amberbaums, der auf Rhodos und in der Türkei wächst. Dieses Harz namens «Styrax» wurde seit jeher für Arznei, Räucherwerk und Parfüm genutzt. Simon destillierte das Harz, erhielt eine klare Flüssigkeit, die er «Styrol» nannte, und wenn er das Wässerchen ein paar Monate lang stehen liess, war es auf einmal keines mehr, sondern vielmehr eine dickflüssige Masse – eine Substanz namens «Polystyrol», der Vater des Stoffs, aus dem die Schäume sind.

Gut 100 Jahre später experimentierte der BASF-Chemiker Fritz Stastny weiter, vergass dabei prompt eine der Proben – und erlebte sein blaues Wunder: «Klare Lösung bei Raumtemperatur bis 1. Dezember 1949 gelagert», schrieb er in sein Laborjournal. «Durchsichtige harte Scheibe entnommen. Diese Scheibe, die in einer Schuhcremedose im Trockenschrank vergessen worden war, verwandelte sich in den folgenden 36 Stunden zu einem kleinen Schaummonster. Der Dosendeckel sass neckisch wie eine Baskenmütze auf einem 26 Zentimeter hohen Schaumstrang.»

Damit war der Styropor erfunden. Nur auf einen einheitlichen Markennamen konnte man sich nie einigen, und so heisst der Stoff von Land zu Land anders: in Deutschland «Styrodur», in Österreich «Austrotherm», in Ungarn «Hungarocell» und in der Schweiz «Sagex».

Suchmaschine

Die wichtigste Maschine des modernen Lebens kocht keinen Kaffee, und sie treibt auch kein Auto an. Die Internet-Suchmaschine hat weder Kolben noch Zylinder, sondern besteht aus einer schlichten Seite mit einem Eingabefeld. Wir tippen einen Begriff ein, und schon durchsucht die Suchmaschine das weltweite Datennetz und listet ihre Funde auf.

Nur: Ganz so einfach ist es nicht. Eine Suchmaschine ist ein hoch raffiniertes Computerprogramm, das nur auf den leistungsfähigsten Rechnern der Welt läuft. Zudem ist das Internet so gross, dass es im Grunde gar nicht mehr durchsuchbar ist. Rund 150 Millionen Websites, so schätzen Analysten, sind zur Zeit in Betrieb, und jede davon enthält Dutzende, vielleicht Zehntausende von Dokumenten. Im Vergleich zu diesem Datenozean ist selbst die grösste Bibliothek der Welt, die Library of Congress in Washington, ein Notizbuch.

Damit uns eine Suchmaschine dennoch finden lässt, wonach wir suchen, muss sie sich sehr geschickt anstellen. Das Web ist verteilt auf Abermillionen einzelner Computer und wäre für eine Suche viel zu langsam. Also erstellt eine Suchmaschine mit speziellen Hilfsprogrammen einen sogenannten Index – eine Datenstruktur des Web – und speichert ihn ab. Diese Indexdaten lassen sich viel rascher durchsuchen, sind aber dafür von gestern: Allein Google braucht mehrere Wochen, um das Web einmal neu zu indexieren. Aktuelles, von Medien abgesehen, hat so fast keine Chance. Ein weiteres Problem: Das Web wächst schneller, als die Suchmaschinen es indexieren können, davon abgesehen, dass gar nicht alle Inhalte für die Öffentlichkeit bestimmt sind und gezielt versteckt werden. Die Folge: Die meisten Dokumente bleiben im Dunkel des so genannten «Deep Web».

Das «Surface Web» allerdings ist auch so noch gross genug. Der Begriff «Suchmaschine», bei Google eingegeben, liefert mehr als 21 Millionen Treffer.

Sudoku

Sudoku heisst auf Japanisch ganz einfach «einzelne Zahlen». Das Spiel gehört zu Japan wie der Vulkan Fuji, und genau das ist falsch. Denn Sudoku stammt nicht aus dem Land der aufgehenden Sonne, sondern aus Europa und den USA.

Der Urahn von Sudoku heisst magisches Quadrat, ein Quadrat aus Zahlenfeldern. Zählt man die Zahlen in jeder Zeile, Spalte und Diagonale zusammen, erhält man stets dieselbe Summe. Eines der ganz besonders vertrackten Zahlenquadrate hat sich 1514 der Maler und Mathematiker Albrecht Dürer ausgedacht, in seinem berühmten Kupferstich «Melancholia I».

Wenn man eine Reihe von Zahlen weglässt, lassen sich aus magischen Quadraten trefflich Rätsel fabrizieren. Besonders beliebt waren diese Rätsel im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts, und am 6. Juli 1895 stand in der Zeitung «La France» ein teilweise ausgefülltes Zahlenquadrat aus 81 Feldern, das nur die Ziffern von 1 bis 9 enthielt, ein Rätsel, das beinah identisch ist mit dem heutigen Sudoku.

Und dann kam Howard Garns. Garns, ein 74-jähriger pensionierter Architekt aus Connersville, Indiana, entwarf Zahlenrätsel für den Verlag «Dell Magazines», und 1979 erschienen Garns‘ erste modernen Sudokus, unter dem Namen «Number Place». So richtig Feuer fing die Rätselwelt allerdings erst, als 1984 der japanische Verlag Nikoli das Spiel in seinen Zeitschriften abzudrucken begann, unter dem japanischen Namen Sūji wa dokushin ni kagiru.

Erfinder Garns starb 1989 – dass seine Erfindung als «Sudoku» heute die halbe Welt in Atem hält, sollte er nicht mehr erleben.

Sündenbibel

Robert Barker war Drucker in London und von Berufes wegen auf exaktes Arbeiten bedacht. Sein Vater war königlicher Drucker gewesen. Nach seinem Tod erbte Sohn Robert das Patent und war nun offizieller Drucker von King James I.

Barkers wichtigstes Werk ist die King-James-Bibel, die bis heute einflussreichste englischsprachige Bibelübersetzung. Die erste Ausgabe erschien 1611 – ein gewaltiges Werk: Im Auftrag des Königs hatten 47 Gelehrte jahrelang daran gearbeitet.

Im Alten Testament, im 2. Buch Mose, steht in der King-James-Bibel

Thou shalt not commit adultery,

«du sollst nicht ehebrechen». Und ausgerechnet hier unterlief dem Drucker Robert Barker ein fataler Fehler. King James’ Sohn Charles war nach James’ Tod mittlerweile selbst König von England. Er hatte eine neue Auflage in Auftrag gegeben und 1000 Bibeln bestellt. Monate nach dem Druck im Jahr 1631 fiel der Blick des Königs bei den zehn Geboten auf den verhängnisvollen Satz

Thou shalt commit adultery,

«Du sollst ehebrechen» – das Wörtchen «not» war aus unerfindlichen Gründen beim Satz verloren gegangen.

Der König war ausser sich. Die Drucker wurden zu einer horrenden Geldstrafe verurteilt. Die bereits ausgegebenen Exemplare wurden beschlagnahmt und verbrannt. Indes: Einige wenige Exemplare entgingen der Vernichtung. Sie werden heute Wicked Bible genannt, «Sündenbibel», und sie sind Sammlern auf Auktionen Zehntausende Pfund wert.