Schlamassel

Nach dem Segen trinkt das Brautpaar einen Schluck Wein aus einem Becher; so will es der jüdische Hochzeitsbrauch. Der Becher wird danach in ein Tuch gehüllt, der Bräutigam tritt darauf, und die Gäste rufen «Masel tov!». Das Zertreten des Glases soll dabei an die Eroberung von Jerusalem und die Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. erinnern. Auf Jiddisch heisst der Glückwunsch Masel tov, auf Hebräisch Mazal tov. Beides bedeutet frei übersetzt «viel Glück» oder «gutes Gelingen». Das Wort «Massel», laut Duden der Ausdruck für unverdientes, unerwartetes Glück, ist schliesslich auch ins Deutsche eingewandert.

Und doch liegt es auf der Hand, dass man im Leben nicht immer nur Massel haben kann. Wenn man also gehörig Pech hat, dann ist das auf Jiddisch ein schlimasl, Unglück. Das Wort schlimasl, so steht es im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm zu lesen,

entstammt der jüdischen Gaunersprache, sein zweiter Theil entspricht dem jüdischen mazal, Glücksstern, das als Masel, Massel in der Gaunersprache gebräuchlich ist.

Aus diesem jiddischen schlimasl und vielleicht auch in Verbindung mit dem Adjektiv «schlimm» ist im 18. Jh. in Deutschland der Schlamassel geworden (und in Österreich die «Schlimastik»), der Ort also, in dem wir immer dann stecken, wenn wir in einer schwierigen, verfahrenen Lage sind – oder, um’s mit demselben jiddischen Wort zu sagen: wenn wir etwas gehörig vermasselt haben.

Schlaraffenland

Das Schlaraffenland ist das Land urmenschlicher Sehnsüchte: Dort gibt es, laut verlässlichen Quellen wie dem Nürnberger Meistersinger Hans Sachs anno 1530, Häuser mit Türen aus Lebkuchen und Zäunen aus Bratwürsten und Brunnen voller Wein. An den Tannen hängen Krapfen, in den Flüssen schwimmen die gebackenen Fische, und den fetten Schweinen, allesamt bereits mundfertig gebraten, steckt praktischerweise bereits ein Messer im Rücken.

Die geografische Lage des Schlaraffenlandes allerdings hat die Wissenschaft bis heute nicht ganz klären können, und ebensowenig den sprachlichen Ursprung. «Schlaraffenland» besteht aus dem mittelhochdeutschen Wort slur, das «Faulenzer» hiess und mit der heutigen Schludrigkeit oder dem Schlendrian verwandt ist, und dem althochdeutschen Wort für Affe, der in Sanskrit kapi hiess und der laut den Gebrüdern Grimm mit dem altnordischen gapa verwandt sein könnte, «das Maul aufsperren, gaffen». Dessen Bedeutung wiederum spiegelt sich noch heute, so vermuten die Sprachexperten, in der Redensart «Maulaffen feilhalten». So gesehen wäre ein «Schlaraffe» nichts anderes als ein nichtsnutziger Tagedieb.

Der Theologie gilt, nach Hochmut, Geiz, Wolllust, Zorn, Völlerei und Neid, die Faulheit als siebte Todsünde, eben deshalb, weil sie ein urmenschliches Laster ist. Und die Welt trotz allem kein Schlaraffenland. Der da dem Meistersinger und Schlaraffenland-Erfinder Hans Sachs widerspricht, ist kein Geringerer als der alte Goethe:

Die Welt ist nicht aus Brei und Mus geschaffen,
Deswegen haltet euch nicht wie Schlaraffen;
Harte Bissen gibt es zu kauen:
Wir müssen erwürgen oder sie verdauen.

Schlitzohr

Das Ohr macht den Unterschied zwischen gut und Tunichtgut: Der Handwerksgeselle auf der Walz trägt einen Ohrring, nach alter Väter Sitte mit Hammer und Nagel ins mit Alkohol desinfizierte Ohrläppchen geschlagen. Dieser Ring diente einst als eiserne Reserve für Notzeiten oder, im schlimmsten Fall, für ein anständiges Begräbnis. Vor allem aber war er ein Ehrenzeichen. Dem Gesellen, der sich etwas zuschulden kommen liess, pflegte man den Ohrring kurzerhand auszureissen – die Narbe brandmarkte ihren Träger fortan als Schlitzohr.

Die Walz ist eine jahrhundertealte Tradition: Es sind die Wanderjahre, die der Handwerksgeselle nach seiner Lehrzeit absolviert, um zur Meisterprüfung zugelassen zu werden. Der Brauch ist klar geregelt: Ein Geselle, ein Zimmermann, Dachdecker oder Schreiner etwa, ist ledig, hat keine Kinder und keine Schulden – die Walz ist keine Flucht vor der Verantwortung. Während der Wanderschaft, die mindestens drei Jahre und einen Tag lang dauert, darf der Geselle seinem Heimatort nicht näher kommen als 50 Kilometer. Er geht zu Fuss oder per Anhalter; Bahn und Bus sind verpönt. Gearbeitet wird hier und da, überall, wo es Arbeit gibt.

Wandergesellen sind selten geworden, doch man erkennt sie an ihrer Uniform: Da ist die Kluft mit den Perlmuttknöpfen, dazu die weite Hose aus Samt, deren glockenförmige Beine vor Sägemehl schützen. Da sind der Stenz genannte Stock und das Bündel mit Wäsche und Werkzeug, der so genannte Charlottenburger. Da ist schliesslich der schwarze Hut mit der breiten Krempe, und darunter – so ist zu hoffen – ein unversehrtes Ohr.

Schnitt, goldener

Für den Mathematiker ist der Goldene Schnitt ein Verhältnis zweier Distanzen: Ein Punkt teilt eine Strecke dann im Goldenen Schnitt, wenn dabei der längere Teil zum kürzeren im selben Verhältnis steht wie die gesamte Strecke zum längeren. Es geht sogar noch trockener: Der Goldene Schnitt Φ (Phi) ist das Ergebnis einer Teilung der längeren durch die kürzere Strecke und beträgt rund 1,618.

Der Künstler dagegen erkennt in diesem ganz besonderen Verhältnis gestalterische Perfektion – nicht umsonst nannte man den Goldenen Schnitt auf Lateinisch proportio divina, die göttliche Proportion. Wir finden sie, wo immer Menschen Bedeutendes geschaffen haben: im Parthenon-Tempel in Athen (Säulen- im Vergleich zur Gesamthöhe: im Goldenen Schnitt), im Gemälde «Das Abendmahl» von Leonardo da Vinci (Jesus‘ offen auf dem Tisch liegende Hand: im Goldenen Schnitt), selbst in den Dimensionen unserer Kreditkarten (Breite und Höhe: im Goldenen Schnitt).

Über alle Zeiten hinweg: Diese rätselhafte Verhältniszahl 1,618 empfinden wir Menschen als ganz besonders ausgewogen und harmonisch. Vielleicht weil die Natur selbst diesem Verhältnis immer wieder folgt: in der Fibonacci-Folge, mit der Leonardo da Pisa im Jahr 1202 nachweisen wollte, wie sich Kaninchen im Lauf der Zeit vermehren, im spiralförmigen Aufbau von Tannzapfen oder Sonnenblumen, ja selbst in der Höhe der Wellenbewegungen, die heftigen Kursausschlägen an der Börse folgen.

Das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben,

schrieb Galileo Galilei anno 1623. Falls dem so ist, müsste der Titel dieses Buches lauten: «Der Goldene Schnitt».

Schreber, Moritz

Gemüsebeet, Giesskanne, Gartenlaube und rund herum ein Lattenzaun: Ein Schrebergarten ist dem Städter, was Arkadien den alten Griechen war: Ein Naturidyll, das Befreiung von den Zwängen des Alltags – und dazu erst noch günstiges Gemüse verheisst.

Der Schrebergarten trägt den Namen von Daniel Gottlob Moritz Schreber, einem etwas exzentrischen Arzt und Professor an der Universität Leipzig. Schreber beschäftigte sich Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Gesundheit der Kinder und den sozialen Folgen der Industrialisierung, die das Stadtbild regelrecht umpflügte: Fabriken und Mietskasernen schossen in die Höhe und verdrängten das verbleibende Grün. Viel Bewegung an der frischen Luft aber, davon war Schreber überzeugt, könne die Kinder verarmter Familien kurieren, die zunehmend an Mangelernährung und an Haltungsschäden litten. Letztere versuchte Schreber durch martialische Apparaturen zu heilen – lederne Kinnbänder, um Fehlbissen vorzubeugen, Schulterriemen, die das im Bett liegende Kind in Rückenlage zwangen, sogenannte «Geradhalter» für aufrechtes Sitzen und, ganz dem sexualfeindlichen Zeitgeist entsprechend, mechanische Gerätschaften zur «gesunden Triebabfuhr», im Klartext: um die Jugendlichen am Onanieren zu hindern.

Schrebers Schwiegersohn Ernst Hauschild war Schuldirektor und liess 1865 in Leipzig eine Wiese herrichten, die er «Schreberplatz» nannte. Hier konnten die Kinder unter Betreuung nach Herzenslust herumturnen und sich austoben. Aus diesem «Schreberplatz» schliesslich wurde unser heutiges Vorstadtidyll, das bis heute den Namen des Leipziger Medizinprofessors trägt.