Rubikon

Die Würfel sind gefallen: Dieses Zitat schreibt der römische Geschichtsschreiber Sueton dem grossen Julius Cäsar zu, als der, im Morgengrauen des nasskalten 11. Januar 49 v. Chr., mit seiner Armee im Rücken am gallisch-italienischen Grenzfluss Rubikon stand und darüber nachdachte, dass sein Vorrücken unweigerlich einen Bürgerkrieg auslösen würde. Cäsar zögerte, bis ein aus dem Nichts auftauchender Hüne einem Trompeter die Tuba entriss und kurzerhand zum Angriff blies. Cäsar wusste: Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Seither ist der Rubikon der sprichwörtliche Fluss of no return. Das kleine Flüsschen Rubicone entspringt 40 Kilometer nordöstlich von Florenz auf halber Höhe des Apennin, fliesst an Forlì und Ravenna vorbei und mündet am Ende in die Adria. Nur: Ob das tatsächlich Cäsars Rubikon ist, darüber wird seit Jahrhunderten erbittert gestritten. Die Sache ist verzwickt. In der fraglichen Region gibt es nämlich gleich drei Flussläufe. Jeder davon hat im Lauf der Jahrhunderte mehrmals sein Bett gewechselt, und an jedem Ufer finden sich Überreste römischer Brücken oder Münzen.

Eines der Flüsschen pflegte Italiens Diktator Benito Mussolini regelmässig zu überqueren – in der Staatskarosse und auf dem Weg von seinem Heimatort zu seiner Strandvilla bei Rimini. Die Vorstellung, ein wahrhaft historisches Gewässer zu überqueren, muss dem Duce gefallen haben: Per Dekret vom 4. August 1933 wurde der unscheinbare Bach zum historischen Rubikon.

Doch jedes neu entdeckte Gemäuer, jeder neue Fund lässt den alten Streit neu aufflammen. Und weil Cäsar nur von Würfeln und von Krieg gesprochen hat, liegt der genaue Ort des Diktums wohl für immer im Dunkel der Geschichte.

Rubikwürfel

Alea iacta est.

«Der Würfel ist gefallen» – an jenes legendäre Zitat Julius Cäsars wird auch einer gedacht haben, der mit Macht und Politik nichts, dafür mit Design und Architektur ganz viel im Sinn hatte: Ernö Rubik, Jahrgang 1944 und Dozent an der Hochschule für industrielle Kunst in Budapest, ersann den Rubikwürfel, um das räumliche Vorstellungsvermögen seiner Studenten zu trainieren.

Der Rubikwürfel hat eine Kantenlänge von etwas weniger als sechs Zentimetern, besteht aus insgesamt 26 Teilwürfeln, deren Flächen mit farbiger Folie beklebt sind und deren Anordnung jede Menge Kopfzerbrechen bereitet. Denn alle drei Würfelebenen lassen sich in jeder Raumachse drehen, was eine immense Zahl an Kombinationen zulässt – insgesamt, so rechnen Mathematiker vor, gibt es mehr als 43 Trillionen Möglichkeiten, den bunten Würfel zu verdrehen. Nur eine einzige allerdings ist die richtige – die nämlich, die am Ende auf jeder Seite eine einfarbige Fläche zeigt.

Der Würfel, 1975 patentiert und heute fast so berühmt wie Cäsars Diktum, hielt bald Einzug in den kapitalistischen Westen. 1981 erreichte die Würfelmanie ihren Höhepunkt. 160 Millionen Würfel – aus britischer und amerikanischer Produktion, aber auch in Form fernöstlicher Billigprodukte – wurden schon damals verdreht und verdreht und verdreht, mit endloser Geduld und in der Regel ohne Erfolg. Bis das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» ein Einsehen hatte und in Ausgabe Nummer 4/1981 eine Komplettlösung veröffentlichte.

Das tat dem Zauber des Würfels keinen Abbruch: Die jüngsten Rubikwürfel drehen sich im Web und auf dem iPhone, und an offiziellen Meisterschaften im so genannten speedcubing messen sich die Besten. Weltrekordhalter ist der Holländer Erik Akkersdijk – 2008 schaffte er den Rubikwürfel in 7,08 Sekunden.

Rubinstein, Jon

Wie jedes Jahr lud Apple Ende Februar 2001 zur Kultmesse, auf der der oberste Apple-Chef Steve Jobs jeweils seine neuesten Gadgets vorstellt. Der Konferenzsaal an der «Macworld» in Tokio war restlos ausgebucht, und Jobs sprach: Digitalkameras und Organizer hätten längst ihren Siegeszug angetreten, nur die Musikplayer, das wohl wichtigste Requisit des modernen Menschen, seien nach wie vor «gross und sperrig oder aber klein und nutzlos», ihre Software «unglaublich hässlich». Das Publikum hörte gebannt hin – volle 12 Minuten lang unterbrach kein Applaus das Evangelium des Steve Jobs, bis dato ein Rekord.

Nur einer fehlte im Saal: der Apple-Entwicklungschef Jon Rubinstein. Der nutzte die Messe für eine Stippvisite bei den Ingenieuren von Toshiba. Die führten ihm voller Stolz ihre neueste Errungenschaft vor: eine nur viereinhalb Zentimeter kleine Computerfestplatte mit einer Kapazität von 5 Gigabyte. Auf Rubinsteins verblüffte Frage, wozu dieser Winzling denn dienen sollte, herrschte betretenes Schweigen: Toshiba hatte schlicht keine Ahnung.

Jon Rubinstein dagegen schon. Kurzerhand lieh er sich das Minilaufwerk aus, führte es seinem Chef Steve Jobs vor und machte sich ans Werk. Nur acht Monate später war er geboren: der allererste iPod von der Grösse einer Handseife, mit gerundeten Kanten, elegant verchromtem Rücken, blau leuchtendem Display und Platz für 1000 Songs.

Ein Wunderding. Zusammen mit der Musiksoftware iTunes und dem Music Store machte der iPod Apple zum Giganten: Bis heute sind gegen 300 Millionen Stück verkauft, und das laufende Geschäftsjahr wird für Apple ein glänzendes sein: mit einem Gewinn von über 20 Milliarden Dollar.

Runen

Runen sind uns unverständlich, wir sagen ihnen magische Wirkungen nach, und dass die Nazis sie missbrauchten, hat sie vollends in Verruf gebracht. Dabei sind sie nichts anderes als ein altes Alphabet germanischer Völker in Südskandinavien. Runen wurden vom 2. bis ins 14. Jahrhundert gebraucht, und erhalten sind geritzte Inschriften auf Steindenkmälern und Gebrauchsgegenständen.

Die Runenschrift ist, wie die unsere, eine Lautschrift, aber jede Rune trägt dazu den Namen einer Sache, für die sie ebenfalls stehen kann. Das älteste bekannte Runenalphabet heisst, nach seinen ersten fünf Buchstaben, «Futhark». Sein erster Buchstabe gleicht unserem heutigen F und hiess fehu, auf Deutsch «Vieh». Die zweite Rune, ein umgekehrtes U, hiess uruz, «Auerochse», und die dritte, die aussieht wie der Dorn einer Rose, hiess auch so: thorn. Als sich ab dem 5. Jahrhundert die Angeln, Sachsen und Jüten in blutigen Schlachten durch England kämpften (wovon unter anderem die Artus-Sagen erzählen), wanderte mit ihnen auch die Dornenrune ein: Im Altenglischen stand der thorn für den Laut, den wir heute mit th schreiben. Sein Ende kam mit der Schlacht bei Hastings im Jahr 1066, als die Normannen unter Herzog Wilhelm II England eroberten und der Inselaristokratie ihre lateinisch-französische Sprache aufzwangen.

Neben allfälliger Magie hatten Runen übrigens noch eine zweite, höchst praktische Eigenschaft: Weil sie ausschliesslich aus geraden Linien bestehen, lassen sie sich gut in Ton, Metall oder Stein ritzen. Graviert wurden Urkunden oder Bannsprüche, aber manchmal auch ganz einfach Graffiti: In eine Marmorbrüstung der Hagia Sofia in Istanbul kritzelte vor eintausend Jahren ein Vikingergardist: «Halfdan war hier».

Sabotage

Moses hob den Stab und schlug ins Wasser, vor Pharao und seinen Beamten. Und das Wasser verwandelte sich in Blut. Die Fische starben, und der Strom begann zu stinken, so dass die Ägypter das Wasser nicht mehr trinken konnten.

Die erste der zehn Plagen, die über Ägypten kamen, ist, je nach Standpunkt, eine gerechte Strafe – oder aber eine frühe Form von Sabotage. Ein Saboteur ist, wer mit Absicht staatliche, wirtschaftliche oder militärische Einrichtungen schädigt, sei es durch passiven Widerstand oder durch gezielte Beschädigung oder Zerstörung.

Das Wort kommt vom französischen sabot, wörtlich «Holzschuh», auch «Bremsklotz» oder «Hemmschuh». Ende des 19. Jahrhunderts diskutierte die französische Arbeiterbewegung Sabotageakte als legitimes Mittel des Klassenkampfs. Im grossen französischen Eisenbahnerstreik von 1910 zerschlugen die Arbeiter die sabots genannten Halterungen der Schienen, um die Züge zum Entgleisen zu bringen.

Die zerstörerische Idee machte Schule: Vordenker der in den USA gegründeten Gewerkschaft «Industrial Workers of the World» propagierten in vielbeachteten Broschüren die Sabotage von Maschinen und Anlagen als wirksame Waffe der Arbeiterbewegung. «Sabotage», so schrieb 1916 die Aktivistin und spätere Kommunistin Elizabeth Gurley Flynn, sei «der bewusste Entzug der industriellen Effizienz des Arbeiters». «Ich werde nicht versuchen, Sabotage zu rechtfertigen. Wenn die Arbeiter Sabotage aber für nötig halten, macht sie das automatisch zur moralischen Sache.»

Das sieht der Staat heute naturgemäss etwas anders. Laut schweizerischem Militärstrafrecht steht auf Sabotage eine Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren.