Plexiglas

Plexiglas ist ein Wundermaterial. Es ist klar wie Glas, aber es zerbricht nicht, es ist wetterbeständig, es lässt sich erhitzen und beliebig verformen. Gebogene Frontscheiben für die stromlinienförmigen Autos der Dreissigerjahre, verglaste Balkone, extravagante Deckenlampen, Leuchtreklamen und durchsichtige Hauben für Musikautomaten in den Fünfzigern, Uhrgläser, Geschirr, transparente Plattenspielerhauben und ganze Stadiondächer in den Sechzigern: Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Bloss: Was ist Plexiglas? Plexiglas, manchmal auch Acrylglas genannt, ist ein Markenname für einen Kunststoff namens Polymethylmethacrylat. Sein Entdecker heisst Otto Röhm. Röhm war ein Apotheker, der davon träumte, Akrylkautschuk, eine Art künstlichen Gummi, herzustellen – was ihm indessen nie gelang. Allerdings hatte ihn seine jahrzehntelange «Gummiarbeit», wie er es nannte, zu einem erfolgreichen Chemieunternehmer gemacht.

Anfang der Dreissigerjahre arbeitete Röhms Firma an der Entwicklung von mehrschichtigem Sicherheitsglas, und dabei kam Meister Zufall zu Hilfe: Eines Abends liess ein Forscher im Labor in Darmstadt eine Flasche mit empfindlichen Chemikalien am Fenster stehen. Als am nächsten Tag die Sonne aufging, liess eine heftige chemische Reaktion die Flasche zersplittern; zurück blieb ein Block aus festem, durchsichtigem Kunststoff. In weiteren Versuchen verfeinerten Röhm und sein Team das Verfahren, 1933 wurde der auf den Namen «Plexiglas» getaufte Stoff als Marke angemeldet und trat seinen Siegeszug durch die Designwelt an.

Podcasting

Worte sind flüchtig: Das wussten schon die alten Lateiner und misstrauten daher allem, was nicht in Stein gemeisselt oder doch mindestens in Wachs geritzt war. Wie recht sie hatten! Denn an Flüchtigkeit ist auch heute kein Mangel. Man denke nur an all die neuen englischen Modewörter, die via Computer und Internet nur so auf uns niederprasseln. Eines davon heisst Podcasting. Ein weiterer Neologismus, allerdings einer, der es in sich hat.

Podcasting ist ein Kunstwort aus pod, englisch für Gefäss, und cast von broadcast, englisch für Rundfunk. Podcast ist also wörtlich nichts anderes als Radio oder Fernsehen für den iPod oder fürs Handy. Eine ganz patente Erfindung: Podcasting macht es möglich, Radiosendungen zu abonnieren, als wären es Tageszeitungen. Wenn Sie zum Beispiel, wie dies Hunderte von Millionen Menschen tun, Ihre Plattensammlung mit dem kostenlosen Programm iTunes von Apple verwalten, dann sind Sie von Podcasting nur einen Klick entfernt. Und einmal eingerichtet, wird Ihr PC bei jedem Programmstart automatisch die neueste Folge Ihrer Lieblingssendung herunterladen, wenn möglich gleich noch mit einer knappen Inhaltsangabe und einem Bild. Genau so einfach und selbstverständlich wie Ihre E-Mails.

Podcasting ist also genau das Gegenteil von flüchtig: Es macht das von Natur aus flüchtige Radio dauerhaft – alles was Sie brauchen, ist ein PC und ein Handy oder ein iPod. Was Sie gewinnen, ist eine Menge spannender Radiosendungen, die Sie hören können, wann immer und wo immer Sie wollen.

Wenn nur dieses hässliche Wort nicht wäre! Es bleibt zu hoffen, dass der Begriff «Podcasting» so flüchtig ist wie alle anderen Worte auch. Aber was er bedeutet, ist nichts weniger als ein neuer Zugang zum Radio.

Poka Yoke

Fehler vermeiden ist besser – und billiger – als Fehler korrigieren. Diese Erfahrung machte auch der japanische Autobauer Toyota in den 1960er-Jahren. Bei Toyota kam es nämlich vor, dass Arbeiter beim Zusammenbau eines Druckschalters vergassen, unter dem Knopf eine Feder einzulegen. Einmal gedrückt, liess sich der Kontakt nicht mehr unterbrechen – unter Umständen ein fataler Fehler. Der für das Qualitätsmanagement verantwortliche Ingenieur Shingo Shigeo dachte sich daher ein Vorbeugungskonzept aus, das er «Poka Yoke» nannte, auf Japanisch soviel wie «unglückliche Fehler vermeiden». Das funktioniert so: Wenn man weiss, wie ein Fehler entsteht, kann man die Bedingungen so verändern, dass er gar nicht mehr auftreten kann.

Das «Poka Yoke»-Konzept teilte den Montageprozess des Druckschalters neu in zwei Schritte auf: Als erstes wurde die Feder von Hand in das nötige Werkzeug eingelegt, erst danach wurde mit eben diesem Werkzeug der Schalter montiert. Wenn nun bei der Vorbereitung für den nächsten Schalter die Feder schon bereitlag, wusste der Arbeiter, dass etwas schiefgelaufen war.

«Poka Yoke» finden wir heute überall. Ein Auto mit manuellem Getriebe lässt sich nur starten, wenn die Kupplung gedrückt ist. Die SIM-Karte lässt sich dank der einen abgeschrägten Ecke bloss auf eine – die richtige – Art einlegen. Und damit wir am Geldautomaten die Bankkarte nicht vergessen, müssen wir immer zuerst die Karte entnehmen – erst danach wird das Geld ausgegeben. Und wenn wir selbst das vergessen sollten, kommt gleich nochmal «Poka Yoke» zum Zug: Die Noten werden nach kurzer Zeit ganz einfach wieder in den Automaten zurückgezogen.

Polaroid

So schnell kann es gehen mit der Nostalgie: Gestern noch waren sie die Zukunft: Polaroidfotos, die nicht ganz quadratischen, immer leicht grünstichigen Bilder mit ihrem charakteristischen weissen Rand. Damals hiess Fotografieren vor allem Warten – auf die Entwicklung des Films, danach auf das Vergrössern der Fotos. Polaroidbilder, die man nach dem Klick einfach der Kamera entnehmen konnte, waren da gleichsam die Steigerung, der Komparativ der Fotografie.

Polaroid
Der sperrige Name Polaroid stammt von der optischen Eigenschaft einer Folie. Die filtert durchscheinendes Licht so, dass nur polarisierte, also auf einer einzigen Ebene schwingende Lichtstrahlen sie durchdringen. Die erste solche Folie erfand 1928, gerade mal 19-jährig, der Physikstudent Edwin Herbert Land. Vier Jahre später hatte Land sein Studium noch immer nicht abgeschlossen. Doch die polarisierende Folie war eine wissenschaftliche Sensation. Land gründete in Boston seine eigene Firma namens Polaroid und begann, seinen revolutionären Film für Fotofilter, Sonnenbrillen und Flugzeugfenster herzustellen. Und 1947 stellte Land seine bahnbrechende Sofortbildkamera vor.

Polaroid als Komparativ der Fotografie – wie es Steigerungen so geht: Irgendwann droht der Superlativ. Und der ist digital. Ob Spiegelreflex oder Handy – heute werden Bilder nicht mehr belichtet, sondern gespeichert. Dem unerbittlichen Trend beugt sich auch Polaroid: Die Produktion der unförmigen Plastikkameras und der dazugehörigen Filme wurde 2008 eingestellt. Die letzten Polaroids gingen, irgendwann im Jahr 2009, über den Ladentisch.

Auf die liebgewonnenen Sofortbilder müssen wir trotzdem nicht verzichten: Sie kommen künftig aus Minidruckern von der Grösse eines Handys. Natürlich aus dem Hause Polaroid.

Polonium

Es ist ein silbrig glänzendes Metall, und es hat ein Geburtsdatum: Am 18. Juli 1898 berichtete das begnadete Forscherpaar Pierre und Marie Curie erstmals über ein bis dahin unbekanntes Element. Die Curies hatten es geschafft, aus Gesteinsproben eine Substanz zu gewinnen, die 300-mal stärker strahlte als Uran.

Wenn sich die Existenz dieses neuen Metalls bestätigen lässt, schlagen wir vor, es «Polonium» zu nennen, nach dem Heimatland des einen von uns beiden,

schrieben die Curies – tatsächlich war Marie im polnischen Weichselland aufgewachsen, das zum russischen Zarenreich gehörte, und sie war nach Paris gezogen, weil Frauen in Polen nicht zum Studium zugelassen wurden.

Polonium ist stark radioaktiv, aber anders als Uran gibt es nur die sogenannte Alphastrahlung ab. Im Gegensatz zur gefürchteten Gammastrahlung können Alphateilchen bereits von einem Blatt Papier aufgehalten werden. Menschliche Haut können sie kaum durchdringen, und so bleibt Polonium ungefährlich, solange es nicht eingenommen wird. Im Körper nämlich kann Polonium schwere Schäden anrichten. Der Zerfall der Polonium-Isotope setzt gewaltige Energiemengen frei: Schon ein Gramm Polonium-210 gibt eine Leistung von 140 Watt ab und entwickelt Temperaturen von mehreren hundert Grad, weshalb es auch als Heizung in Satelliten genutzt wurde.

Polonium, das in Atomwaffen zur Zündung dient, ist ein starkes Gift; bereits ein Staubkorn Polonium-210 kann einen Menschen töten. Am 23. November 2006 starb in London der russische Ex-Spion Alexander Litwinenko an Verstrahlung durch Polonium, das ihm heimlich verabreicht worden war, und auch der PLO-Führer Jassir Arafat soll 2004 mit Polonium umgebracht worden sein. Die Gefährlichkeit dieses Metalls hatten bereits die Curies erfahren müssen: 1956 starb ihre Tochter Irène an Leukämie.