Perücke

Perücken werden seit Jahrtausenden getragen, von Männern wie Frauen – im alten Ägypten, im alten Griechenland, im alten Rom. So richtig in Mode kam die Perücke aber im Barock, nicht aus modischen, sondern medizinischen Gründen. Mit einer künstlichen Haartracht liessen sich nämlich die kahlen Stellen verdecken, die auf durch Syphilis verursachten Haarausfall zurückzuführen waren – oder aber auf die brachiale Behandlung der Krankheit mit Quecksilber. Ausserdem war eine Perücke warm, was in den schlecht beheizten, zugigen Schlössern des 17. Jahrhunderts durchaus angenehm war.

Vorreiter der Perücke bei Hofe war, seines schütteren Haars wegen, Frankreichs König Ludwig XIV. Schon 1656 entstand in Paris die erste Perückenmacherzunft, und die grosse Allongeperücke mit ihren üppigen, mehr als schulterlangen Locken, wie sie auf barocken Gemälden zu sehen ist, wurde zum Statussymbol und zum Zeichen der Zugehörigkeit zur höfischen Gesellschaft.

Ohnehin war die Perücke nicht für jedermann gedacht. Die kunstvoll aus Pferde- oder Ziegenhaar gemachten Haarteile waren kostspielig, und sie mit Mehl weiss zu pudern, blieb dem Adel vorbehalten. Unteren Schichten mit ihren einfacheren, kurzen Stutzperücken war das Pudern verboten.

Heute dient die Perücke vor allem dem Kaschieren einer Glatze, oder aber sie ist Teil des jüdischen Glaubensbekenntnisses. Weil offenes Haar als etwas ausgesprochen Sinnliches gilt, gebietet die Tora, dass verheiratete Frauen ihr Haar bedecken – mit einem Hut, einem Kopftuch namens Tichel oder dem Scheitel, jiddisch für «Perücke».

Pixel

Ohne den Pixel gäbe es kein E-Mail, kein Internet, kein gar nichts, und doch gibt es kaum etwas unscheinbareres auf der Welt. Das ist eigentlich erstaunlich. Denn alle blicken wir Tag für Tag auf einen Bildschirm – Handy, Fernsehen, Computer. Wenn Sie den einzelnen Pixel suchen: In normaler Computerschrift ist der Pixel buchstäblich das einzelne Pünktchen auf dem i.

Pixel ist ein in den 60er Jahren entstandenes Kunstwort aus picture und element. Wer’s etwas deutscher mag, spricht von Bildpunkten. Aus ihnen setzt sich jedes elektronische Bild zusammen. Was Sie auf einem handelüblichen Computer betrachten, wird von rund 1,3 Millionen Pixeln dargestellt, allein Ihr Handy kann es schon auf 100 000 Pixel bringen.

Vor 20 Jahren war der einzelne Bildpunkt noch viel bescheidener: eine kleine Stelle auf dem Bildschirm, auf der durch eine Lochmaske hindurch geschossene Elektronen besondere, auf dem Bildschirmglas angebrachte chemische Verbindungen zum Leuchten brachten. Diese Punkte konnten mehr oder weniger hell sein und erzeugten so einfarbige Bilder. Heutige Pixel haben mit ihren Vorfahren nur noch wenig gemein: Sie sind kleine Quadrate, die aus Flüssigkristall und hauchdünn aufgetragenen Transistoren bestehen. Sie sind 0,3 Millimeter klein und unterteilen sich in drei Rechtecke – je einem für die drei Grundfarben Rot, Grün und Blau. Die fein abgestufte elektrische Ansteuerung dieser drei Teile versetzen schon den einfachsten Pixel in die Lage, sage und schreibe 17 Millionen verschiedene Farben darzustellen.

Heute bestimmt der Pixel nichts weniger als unser digitales Leben. Allerdings, wirklich bedeutsam ist das nicht. Wer ein Buch liest, hat auch keine Ahnung davon, wieviel Punkt, Pica oder Cicero der Schriftgrad beträgt. Auf den Inhalt kommt es an. Und, trotz seiner staunenswerten Eigenschaften, nicht auf den Pixel.

Plexiglas

Plexiglas ist ein Wundermaterial. Es ist klar wie Glas, aber es zerbricht nicht, es ist wetterbeständig, es lässt sich erhitzen und beliebig verformen. Gebogene Frontscheiben für die stromlinienförmigen Autos der Dreissigerjahre, verglaste Balkone, extravagante Deckenlampen, Leuchtreklamen und durchsichtige Hauben für Musikautomaten in den Fünfzigern, Uhrgläser, Geschirr, transparente Plattenspielerhauben und ganze Stadiondächer in den Sechzigern: Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Bloss: Was ist Plexiglas? Plexiglas, manchmal auch Acrylglas genannt, ist ein Markenname für einen Kunststoff namens Polymethylmethacrylat. Sein Entdecker heisst Otto Röhm. Röhm war ein Apotheker, der davon träumte, Akrylkautschuk, eine Art künstlichen Gummi, herzustellen – was ihm indessen nie gelang. Allerdings hatte ihn seine jahrzehntelange «Gummiarbeit», wie er es nannte, zu einem erfolgreichen Chemieunternehmer gemacht.

Anfang der Dreissigerjahre arbeitete Röhms Firma an der Entwicklung von mehrschichtigem Sicherheitsglas, und dabei kam Meister Zufall zu Hilfe: Eines Abends liess ein Forscher im Labor in Darmstadt eine Flasche mit empfindlichen Chemikalien am Fenster stehen. Als am nächsten Tag die Sonne aufging, liess eine heftige chemische Reaktion die Flasche zersplittern; zurück blieb ein Block aus festem, durchsichtigem Kunststoff. In weiteren Versuchen verfeinerten Röhm und sein Team das Verfahren, 1933 wurde der auf den Namen «Plexiglas» getaufte Stoff als Marke angemeldet und trat seinen Siegeszug durch die Designwelt an.

Podcasting

Worte sind flüchtig: Das wussten schon die alten Lateiner und misstrauten daher allem, was nicht in Stein gemeisselt oder doch mindestens in Wachs geritzt war. Wie recht sie hatten! Denn an Flüchtigkeit ist auch heute kein Mangel. Man denke nur an all die neuen englischen Modewörter, die via Computer und Internet nur so auf uns niederprasseln. Eines davon heisst Podcasting. Ein weiterer Neologismus, allerdings einer, der es in sich hat.

Podcasting ist ein Kunstwort aus pod, englisch für Gefäss, und cast von broadcast, englisch für Rundfunk. Podcast ist also wörtlich nichts anderes als Radio oder Fernsehen für den iPod oder fürs Handy. Eine ganz patente Erfindung: Podcasting macht es möglich, Radiosendungen zu abonnieren, als wären es Tageszeitungen. Wenn Sie zum Beispiel, wie dies Hunderte von Millionen Menschen tun, Ihre Plattensammlung mit dem kostenlosen Programm iTunes von Apple verwalten, dann sind Sie von Podcasting nur einen Klick entfernt. Und einmal eingerichtet, wird Ihr PC bei jedem Programmstart automatisch die neueste Folge Ihrer Lieblingssendung herunterladen, wenn möglich gleich noch mit einer knappen Inhaltsangabe und einem Bild. Genau so einfach und selbstverständlich wie Ihre E-Mails.

Podcasting ist also genau das Gegenteil von flüchtig: Es macht das von Natur aus flüchtige Radio dauerhaft – alles was Sie brauchen, ist ein PC und ein Handy oder ein iPod. Was Sie gewinnen, ist eine Menge spannender Radiosendungen, die Sie hören können, wann immer und wo immer Sie wollen.

Wenn nur dieses hässliche Wort nicht wäre! Es bleibt zu hoffen, dass der Begriff «Podcasting» so flüchtig ist wie alle anderen Worte auch. Aber was er bedeutet, ist nichts weniger als ein neuer Zugang zum Radio.

Poka Yoke

Fehler vermeiden ist besser – und billiger – als Fehler korrigieren. Diese Erfahrung machte auch der japanische Autobauer Toyota in den 1960er-Jahren. Bei Toyota kam es nämlich vor, dass Arbeiter beim Zusammenbau eines Druckschalters vergassen, unter dem Knopf eine Feder einzulegen. Einmal gedrückt, liess sich der Kontakt nicht mehr unterbrechen – unter Umständen ein fataler Fehler. Der für das Qualitätsmanagement verantwortliche Ingenieur Shingo Shigeo dachte sich daher ein Vorbeugungskonzept aus, das er «Poka Yoke» nannte, auf Japanisch soviel wie «unglückliche Fehler vermeiden». Das funktioniert so: Wenn man weiss, wie ein Fehler entsteht, kann man die Bedingungen so verändern, dass er gar nicht mehr auftreten kann.

Das «Poka Yoke»-Konzept teilte den Montageprozess des Druckschalters neu in zwei Schritte auf: Als erstes wurde die Feder von Hand in das nötige Werkzeug eingelegt, erst danach wurde mit eben diesem Werkzeug der Schalter montiert. Wenn nun bei der Vorbereitung für den nächsten Schalter die Feder schon bereitlag, wusste der Arbeiter, dass etwas schiefgelaufen war.

«Poka Yoke» finden wir heute überall. Ein Auto mit manuellem Getriebe lässt sich nur starten, wenn die Kupplung gedrückt ist. Die SIM-Karte lässt sich dank der einen abgeschrägten Ecke bloss auf eine – die richtige – Art einlegen. Und damit wir am Geldautomaten die Bankkarte nicht vergessen, müssen wir immer zuerst die Karte entnehmen – erst danach wird das Geld ausgegeben. Und wenn wir selbst das vergessen sollten, kommt gleich nochmal «Poka Yoke» zum Zug: Die Noten werden nach kurzer Zeit ganz einfach wieder in den Automaten zurückgezogen.