Panzerknacker

Roter Kittel, blaue Hose und Mütze, die schwarze Maske im Gesicht und die Sträflingsnummer auf der Brust: Die Panzerknacker aus Entenhausen hatten höchst reale Vorbilder. Wie zum Beispiel die Gebrüder Franz und Erich Sass aus Berlin. Im deutschen Reich der 1920er-Jahre wurden sie zu gefeierten Medienstars.

Wochenlang hatten sie geschuftet, um den Tunnel zu graben, doch nun, an diesem 27. Januar 1929, waren sie am Ziel, im Tresorraum der Diskontobank an der Kleiststrasse 23. Staubig und verschwitzt leerten die beiden Bankräuber zur Feier des Sonntags zwei Flaschen Wein. Die Schliessfächer waren aufgebrochen, und alles, was die Berliner Hautevolee der Bank anvertraut hatte, lag zum Abtransport bereit.

Es sollte eine Weile dauern, bis der Einbruch überhaupt bemerkt wurde. Als der Kassierer am Montagmorgen den Tresor öffnen wollte, stellte er verblüfft fest, dass sich die Panzertür nicht bewegen liess. Die Bank vermutete einen Defekt, und erst nach zwei Tagen gelang es, die massive Wand zu durchbrechen. Um Zeit zu gewinnen, hatten die Sassens die Tür von innen blockiert.

Der Fall schlug hohe Wellen. Die Kriminalpolizei hatte sofort die Brüder Sass im Visier, doch es half alles nichts: Keine Fingerabdrücke, von der Beute keine Spur. Als die Sassens aus der U-Haft freikamen, schenkten sie der begeisterten Presse Champagner aus.

Fünf Jahre später wurden die Ganoven dann doch überführt und 1940 auf Befehl Adolf Hitlers erschossen. Die 2,5 Mio. Reichsmark aus der Diskontobank dagegen sind bis heute verschollen.

Papier

Geduld, endlose Geduld: Sie ist die wohl wichtigste Fähigkeit des Papiers. Seit Jahrtausenden erträgt Papier, was Menschen kritzeln, malen, schreiben. Und was längst nicht immer für die Ewigkeit gedacht und gemacht ist.

Papier allerdings ist es wohl: Es wurde im ersten Jahrhundert nach Christus in China entwickelt. Aber die Schreibunterlage dieses Namens ist viel älter: Sie hat ihren Ursprung im 3. Jahrtausend vor Christus, bei den alten Ägyptern. Papyrus wurde aus der gleichnamigen Pflanze hergestellt, jenem bis zu drei Meter hohen Gras, das den Menschen heilig war, weil sein Stängel im Querschnitt dreieckig ist und an eine Pyramide erinnert, ein Symbol für Ewigkeit. Das Papyrusmark wurde in dünne Streifen geschnitten, kreuzweise übereinandergelegt, gepresst und geklopft. Vom klebrigen Saft zusammengehalten, ergab das Bogen von Ur-Papier. Dieses wurde mit einem Spezialleim satiniert und zu Rollen verleimt.

Papyrus war teuer, zu teuer – für die Hieroglyphenkritzeleien der Schulkinder oder die Mannschaftslisten der Baumeister mussten Tonscherben reichen. Einen ganzen Brunnenschacht mit solchen vollgekritzelten Scherben fanden Forscher in der Nähe des Tals der Könige, wo Heerscharen von Arbeitern vor dreieinhalbtausend Jahren in glühender Wüstenhitze die Pharaonengräber in den Fels schlugen. Die Archäologen fanden heraus: Nur was wirklich wichtig war, wurde am Ende des Tages auf Papyrusrollen übertragen.

Und weil schon damals die Könige für sich in Anspruch nahmen, für alles wirklich Wichtige zuständig zu sein, unterstand die Papierfabrikation einem königlichen Monopol. Genau das sagt auch der Name: Papier. Das Wort kommt vom ägyptischen pa-per-aa, und das heisst ungefähr soviel wie «was dem Pharao gehört».

Parkett

Parkettböden, versiegelt oder geölt, sind zeitlos elegant und sehr beständig. Sie sind so alt wie die Architektur. Bei Steinböden nämlich zeigte sich oft ein Problem: Beim Fegen drang regelmässig Wasser durch die Fugen, was die tragenden Balken darunter morsch werden liess. Im Mittelalter waren daher unbehandelte Holzbohlen ein einfacher, robuster Zweckbelag.

Das änderte sich, als der französische König Louis XIV im Jahr 1677 das Schloss Versailles zum offiziellen Regierungssitz machte. Um den Hofstaat aufnehmen zu können, musste der Palast um- und ausgebaut werden. Den Boden des neuen Spiegelsaals liess Architekt Jules Hardouin-Mansart mit rautenförmigen Tafeln aus französischer Eiche belegen. Tatsächlich kommt «Parkett» vom Diminutiv von parc und bedeutete «abgetrennter Raum» oder «hölzerne Einfassung».

Die Herstellung der Tafeln war alles andere als trivial. Die Grösse der einzelnen Kassetten musste perfekt auf den 73 Meter langen und 10,5 Meter breiten Prunksaal und die an den beiden Enden gelegenen Salons abgestimmt werden. Eine erste Parketttafel wurde gezeichnet, und nach ihr hatten sich alle Gesellen und Lehrlinge bis ins letzte Detail zu halten.

Das charakteristische Flechtmuster aus Eichenholz wurde bald zum Inbegriff höfischer Eleganz. Wer etwas auf sich hielt – erst Adel und Kirche, schliesslich wohlhabende Bürger –, liess seinen Salon mit Versailler Parkett schmücken. Und wenn die Kasse stimmt, wird das Parkett des französischen «Sonnenkönigs» bis heute verlegt.

Parkuhr

Der Patentantrag, den Carlton Cole Magee am 13. Mai 1935 einreichte, zeigt einen futuristischen Apparat mit Drehknopf und Sichtfenster am oberen Ende einer Stange. Magee war Anwalt, Lokalpolitiker und Chef des Verkehrsausschusses von Oklahoma City. Mit seiner Erfindung wollte er Dauerparkierer aus dem Stadtzentrum verbannen und die Parkplätze statt dessen für Shoppingkunden freihalten. Die Parkuhr sollte, so erklärt die Patentschrift, das Bezahlen einer vom Münzwert abhängigen Parkzeit ermöglichen und, nach deren Ablauf, ein Verbotsschild anzeigen. Die Patentbeamten beäugten die dargestellte Münzuhr mit ihren komplizierten Innereien misstrauisch – und liessen sich Zeit, viel Zeit. Dem Antrag wurde erst drei Jahre später stattgegeben.

Da allerdings hatte der findige Anwalt Magee seine Parkuhren längst bauen lassen. Beliebt waren sie nicht: Die erste, noch im selben Jahr in der Stadt aufgestellt, trug bald den Spitznamen «Black Maria». Aufgebrachte Bürger protestierten gegen die neue «Wegelagerei»; einzelne Parkuhren wurden kurzerhand umgefahren. Allein, die Proteste waren vergeblich. Mit Magees Erfindung hatte das Gratis-Parkieren in den Städten dieser Welt ein Ende. Die erste «Parkograph» genannte Münzuhr Europas wurde 1952 in Basel aufgestellt.

Doch auch die Zeit der Parkuhr ist abgelaufen: Zu heikel die Mechanik, zu teuer die Wartung. Das endgültige Aus in Europa kam mit der Euro-Einführung am 1. Januar 2002: Es hatte sich schlichtweg nicht gelohnt, die jahrzehntealten Präzisionsgeräte auf die neuen Münzen umzurüsten.

Passwort

Das erste Passwort der Geschichte lautet «Sesam öffne dich», und mit ihm öffnete Ali-Baba die Höhle im Fels, in der der Schatz der 40 Räuber lag.

Seither haben sich die Passwörter tüchtig vermehrt. Brauchte man vor der Burg noch eine einfache Parole, um durchs Tor zu kommen – sozusagen das Passwort des Mittelalters –, gehen wir heute durchschnittlich mit einem bis zwei Dutzend Passwörter durchs Leben: Handy, Internet, Mailbox, Bankkonto – allesamt wollen sie erst einen korrekten Code sehen, bevor sie uns an ihre Schätze lassen.

Dabei hat sich dessen Zweck nie geändert: Das Passwort soll Freund von Feind unterscheiden. Die einfachste Form ist die so genannte PIN, die persönliche Identifikationsnummer. Sie ist am einfachsten zu knacken: Maximal 10 000 Versuche, und ein vierstelliger Code ist keiner mehr. Für einen Computer und die so genannte Brute-Force-Methode, das systematische Durchprobieren, ist das ein Klacks. Ohne zusätzliche Sicherungen wie das Unterbinden von mehr als drei Fehleingaben ist so eine PIN schneller geknackt, als man «Sesam öffne dich» sagen kann.

Ein bisschen besser sind die Passwörter, die wir uns frei einfallen lassen. Nur Sicherheit bieten auch sie nicht, denn sie lassen sich erraten. Faustregel: Der Vorname der Ehefrau ist kein kluges Passwort. Am sichersten wären Zufallsreihen aus Buchstaben und Zahlen. Nur kann sich die kein Mensch merken. Ein guter Kompromiss: das Abkürzungswort, etwa eines Liedes oder einer Gedichtzeile, in Gross– und Kleinbuchstaben, möglichst lang, mit Zahlen und Sonderzeichen. Und vor allem: Regelmässiges Wechseln.

Damit wäre die Geschichte von Ali Baba und den 40 Räubern gar nie eine geworden.