Makulatur

Flecken sind lästig. Kleider lassen sich waschen, doch Papier machen sie unbrauchbar. Der Abdruck einer Kaffeetasse, ein Druckfehler, eine falsche Formatierung machen aus Papier Ausschuss, und den nennt man «Makulatur», von lateinisch macula, «der Fleck». Weil Papier aber kostet, wird Makulatur oft weiterverwendet, denn in der Regel ist da ja immer noch die leere Rückseite.

Makulatur entsteht aus vielen Gründen. Werden im Buchdruck Fehler zu spät entdeckt, werden die Druckbogen zu Makulatur, ebenso wie Werbebriefe, Zeitungen, Akten und sogar ganze Bücher, die nicht mehr aktuell und damit wertlos geworden sind. Makulatur nennt man deshalb auch Gesetze oder Verträge, die nicht eingehalten werden und daher überflüssig sind.

Mit Makulatur lässt sich eine Menge anstellen. Im Mittelalter wurden mit altem Pergament oder Papier Buchdeckel verstärkt – wird heute ein alter Band restauriert, kommt die Makulatur wieder zum Vorschein, eine wahre Fundgrube für die Wissenschaft. Auch beim Tapezieren war Makulatur nützlich: Das Papier reduzierte die Saugfähigkeit der Wand und glich Unebenheiten aus. Beim Renovieren findet man deshalb unter den abgeschossenen Tapeten oft Zeitungspapier aus vergangenen Zeiten.

Auf dem Bau wird Makulatur auch heute noch gebraucht, so viel sogar, dass sie in Rollen eigens hergestellt wird. Für ganz besondere Wandbeläge gibt’s sogar Flüssigmakulatur aus Kleister und Füllstoff. Die wird mit der Bürste aufgetragen, damit am Ende alles glatt läuft.

Marionette

Sie ist nicht sonderlich beliebt, doch sie zählt zum Stammpersonal der kleinen und der grossen Bühne: die Marionette. Ihre Herkunft aber hat nichts mit Puppentheater oder Politik zu tun, nein: Die Marionette, jene bewegliche, an Fäden aufgehängte Gliederpuppe, kommt vielmehr aus der Kirche. Ihr Name stammt vom französischen mariolette, dem Diminutiv von mariole, jener im Mittelalter so beliebten Marienfigur. Die Marionette ist also sozusagen die Urenkelin der heiligen Maria – auch wenn andere Sprachforscher der Ansicht sind, ihr Ursprung sei vielmehr die lateinische marita, die verheiratete Frau.

Weiblich, soviel steht fest, waren allerdings – falls überhaupt – allein die Puppen. Die Fäden zogen wie überall die Männer. Der erste bekannte Puppenspieler der Schweiz war, Mitte des 16. Jahrhunderts, ein Solothurner namens Heinrich Wirre. Knapp 100 Jahre später, zu Beginn des englischen Bürgerkriegs im Jahr 1642, schlossen die Puritaner alle Theater in London, und die plötzlich arbeitslosen Puppenspieler flohen aufs Festland, wo sie die englischen Klassiker mit Marionetten aufführten. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren auf Schweizer Jahrmärkten viele fremde und einheimische Wanderkomödianten anzutreffen, die Schattenfiguren, Handpuppen und Marionetten zur Schau stellten. Im 20. Jahrhundert schliesslich entstand in der Schweiz eine eigentliche Puppentheaterbewegung, und sogar Friedrich Dürrenmatt, Säulenheiliger des Schweizer Theaters, spielte 1947 beim Marionettentheater des Künstlerpaars Fernand und Elsi Giauque mit.

Eine Marotte des grossen Dürrenmatt? In sprachlicher Hinsicht ganz bestimmt. Beide, die Marionette und die Marotte, sind nämlich eng miteinander verwandt.

Marshmallow-Test

Ein Kind sitzt im Raum, vor ihm ein Marshmallow, ein zweiter in Sichtweite. Das Kind ist allein; seine Aufgabe: Sich beherrschen. Wenn es warten kann, bis der Professor nach einer Viertelstunde wiederkommt, darf es beide Marshmallows essen – wenn nicht, gibt’s bloss diesen einen.

Der Test von 1972 mit 32 Kindern von Eltern an der Stanford University machte seinen Erfinder, den Psychologen Walter Mischel, weltberühmt, wegen eines verblüffenden Zusammenhangs: Je geduldiger das Kind, folgerte Mischel, desto grösser seine Selbstkontrolle im Erwachsenenalter. Die Kinder, die der Versuchung länger standhalten konnten, seien später erfolgreicher – persönlich, in der Beziehung, in Beruf und Gesellschaft.

Daran mochten der Entwicklungspsychologe Tyler Watts von der New York University und seine Kollegen nicht so recht glauben. Sie wiederholten den Versuch mit 900 Kindern, die sie später, mit 15, einer Reihe von Tests unterzogen, in Sprache oder Mathematik. Dazu befragten sie die Mütter über den familiären Hintergrund. Das Ergebnis war ernüchternd: Die Fähigkeit, einer Versuchung zu widerstehen, hing nur noch mässig mit späteren Kompetenzen zusammen. Und wenn die Forscher noch andere Grössen herausrechneten, den Ausbildungsgrad der Eltern etwa, sagte die Wartezeit als Kind nichts mehr über die Leistungen als Jugendliche aus.

Das war, nach einem langen Forscherleben, auch Test-Erfinder Mischel bewusst. In einem Interview im Jahr 2015 gab er zu:

Die Vorstellung, man könne die Zukunft eines Menschen sicher vorhersagen, durch die simple Tatsache, wie lange er sich eine Belohnung versagen kann, ist Unfug.

Marzipan

Pfarrer Johannes Coler war ein Feinschmecker.

«Wil man einen guten Martzipan backen, so stoss [man] geschelte Mandeln in einem Mörsel, und thue darunter weissen Zucker und Rosenwasser, und stoss wohl durcheinander, dass es nicht zu dünne wird, sondern das es fein dicke bleibet»,

schreibt er 1593 in seinem «Hausbuch». Das Rezept, so will es die Legende, stammt aus Lübeck oder auch aus Königsberg. Während einer Hungersnot Anfang des 15. Jahrhunderts sollen Bäcker eine Art Notbrot erfunden haben, weil es nichts anderes mehr gab als Mandeln und Zucker. Das ist volkstümlicher Unsinn, denn Mandeln und Zucker waren kostbar und hätten sich leicht gegen andere Nahrungsmittel eintauschen lassen. Marzipan – darin sind sich Kulturhistoriker einig – kommt aus Persien. Im Mittelalter brachten arabische Händler das Marzipan nach Spanien und von da über Venedig an die Fürstenhöfe ganz Europas.

Auf diesen langen Reisen ging irgendwann auch der Ursprung des Wortes verloren. Zwar gilt als sicher, dass das italienische Wort für Marzipan, marzapane, im 16. Jahrhundert ins Deutsche eingewandert ist, aber dann verliert sich die Spur. Und so wird munter spekuliert – über ein lateinisches Marci panis etwa, auf Deutsch «Markusbrot», über einen ähnlich lautenden persischen Grafentitel oder antike Wörter für «Mehlbrei». Nicht einmal das Wortgeschlecht ist klar – ob das oder der Marzipan, ist laut Duden ziemlich einerlei.

Dagegen steht fest: Marzipan ist seit jeher eine begehrte Leckerei. Im Mittelalter noch in Apotheken hergestellt, galt Marzipan sogar lange Zeit als Medikament gegen Verstopfungen und Blähungen – und als Potenzmittel.

Mashup

Ein Mashup, von Englisch «mischen» oder «stampfen», ist ein Gemisch von Webtechnologien: Google Maps zum Beispiel wird mit Echtzeitdaten von Flügen gefüttert, mit Flugzeugsymbolen versehen – und fertig ist die Liveansicht aller Flüge über Zürich. Aber Mashups sind mehr: ein wilder Mix von Medien, die zu neuen, überraschenden Inhalten zusammengemischt werden.

Zum Beispiel so: Der britische Stand-up-Komiker Eddie Izzard nahm auf seiner Tour 2000 das Weltraumepos «Star Wars» und dessen dunklen Helden «Darth Vader» aufs Korn:

Da muss es auf dem Todesstern doch sowas wie eine Kantine gegeben haben, eine Cafeteria, tief unten, wo sich Darth Vader zwischen den Schlachten ein bisschen entspannen und auch mal was essen konnte.

Für den 18-jährigen Kevin alias «Thorn 2200» war das ein gefundenes Fressen: Er griff sich die Tonspur und fabrizierte einen Trickfilm mit putzigen Lego-Figuren in der Hauptrolle. Das Ergebnis ruckelt und wackelt – und ist überbordend komisch. Kevins Video «Death Star Canteen» ist auf Youtube bis heute über 13 Millionen Mal abgespielt worden.

Mashups sind so etwas die Stampfkartoffeln des Internet: Man nehme Tonspuren, Videos, Texte und Bilder, mische sie neu zusammen, schmecke sie mit eigenen Zutaten ab und lade sie neu hoch. Das nötige Werkzeug für Ton- und Filmbearbeitung findet sich heute auf jedem Computer, und Inhalte gibt’s im Web ohnehin frei Haus. Wer’s fachchinesisch mag, spricht von «Web 2.0» oder von user-generated content, auf gut Deutsch aber sind Mashups respektlos, originell und kreativ.

Und manchmal gar erfolgreicher als die Originale.