Lorem ipsum

Grafikerinnen und Schriftsetzer kennen diesen Text auswendig:

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Das ist, mit Verlaub, lateinischer Unsinn. Und: Es ist gute alte (und sinnvolle) typografische Tradition. Das «Lorem ipsum», wie dieser Text heisst, ist schon seit ungefähr dem Jahr 1500 für Entwürfe üblich. Lorem ipsum bedeutet nichts. Sein Un-Sinn hat den Zweck, das Auge des Betrachters allein auf den Entwurf und nicht auf sprachlichen Inhalt zu lenken. Lorem ipsum scheint lateinisch, aber ist es nicht – schon das erste Wort lorem gibt es nicht. Lorem ipsum ist Blindtext, gestalterische Textmasse.

So dachte man. Aber Richard McClintock, Lateinlehrer am Hampden-Sydney-College in Virginia, war skeptisch. Er mochte nicht so recht an die Pseudolateintheorie glauben und suchte. Und wurde fündig:

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«Da ist niemand, der den Schmerz an sich liebt, der danach sucht und ihn haben möchte, einfach weil es Schmerz ist.» Solches schrieb, im Jahr 45 vor Christus, kein anderer als der begnadete Redner und Politiker Marcus Tullius Cicero in seinem philosophischen Werk De finibus bonorum et malorum.

Wenn Cicero das gewusst hätte! Heute gibt es im Web praktische Lorem ipsum-Generatoren, wo sich Grafiker Blindtexte in jeder gewünschten Länge erzeugen lassen können, und moderne Gestaltungsprogramme enthalten sogar eine Lorem-ipsum-Warnung, die verhindern soll, dass die lateinischen Worte aus Versehen gedruckt und veröffentlicht werden.

Lucullus, Lucius Licinius

Lucius Licinius Lucullus, ein Zeitgenosse Cäsars und Ciceros, war Soldat. Sein Erzfeind hiess Mithridates, seines Zeichens Herrscher über das Königreich Pontos am Schwarzen Meer. Die pontische Streitmacht war gefürchtet – wegen ihrer Kriegsflotte und ihrer schlagkräftigen Kavallerie. General Lucullus marschierte im Jahr 74 v. Chr. mit einem römischen Heer nach Osten, wo er Mithridates binnen weniger Jahre vernichtend schlug.

Der Ruhm und die gewaltigen Schätze, die Lucullus während seines Kleinasien-Feldzugs angehäuft hatte, weckten Neid. Eine von Rom geschürte Meuterei und eine Intrige im Senat führten am Ende zur schmachvollen Absetzung. Vor den Toren Roms wartete Lucullus jahrelang verbittert auf den ihm zustehenden Triumphzug, baute in der Zwischenzeit Luxusvillen und legte riesige Gärten an. In Neapel liess er Verliese in den Fels schlagen, in denen Dutzende pontischer Kriegsgefangener vor sich hin vegetierten, weil Lucullus sie dem Volk vorzuführen und anschliessend zu erdrosseln gedachte.

Glorreicher General und schwerreicher Gastgeber: Die Gastmähler des Lucullus – von Diners zu sprechen, wäre eine krasse Untertreibung – dienten weniger dem Stillen des Hungers als vielmehr der Selbstdarstellung. Je exklusiver die Speise (jede erdenkliche Art von Gemüse, Fisch und Fleisch, bis hin zu Pfauenhirnragout oder gebratenen Flamingozungen), desto höher der Status des Gastgebers. Lucullus war auch der allererste, der die damals noch unbekannten Kirschbäume importieren und anpflanzen liess. Und so steht sein Name heute für Luxus in einem Ausmass, von dem das gemeine Volk nicht einmal zu träumen wagte.

Lügendetektor

Lügen haben kurze Beine,

sagt man. Zuweilen aber galoppieren Unwahrheiten munter davon, und deshalb haben Ermittler schon immer davon geträumt, eine Lüge von der Wahrheit zweifelsfrei unterscheiden zu können.

Der Gedanke ist gar nicht so abwegig: Anfang des 20. Jahrhunderts hielten die Psychologen Carl Gustav Jung und Max Wertheimer unabhängig voneinander fest, dass – erstens – Menschen beim Lügen nervös werden, und sich dass sich – zweitens – Nervosität auch in der Physiologie zeigt. Lügen ist nämlich anstrengend: Beschleunigter Atem, schneller Puls, erhöhter Blutdruck, Schwitzen, zuweilen gar Zittern. Diese körperlichen Phänomene lassen sich beobachten und messen. Und so konstruierte 1913 der Psychologe Vittorio Benussi an der Universität Graz einen ersten sogenannten «Polygraphen», einen Apparat, der kontinuierlich die Atemfrequenz und den Puls einer Testperson anzeigte.

Lügendetektoren haben sich vor allem in den USA verbreitet, und sie sind viel raffinierter geworden. Die neuesten Geräte sind sogar in der Lage, mit Infrarotkameras die Durchblutung des Gesichts und damit das Erröten zu messen – oder auch winzige Veränderungen der Stimmlage (sogar am Telefon). Magnetresonanz-Scans machen heute selbst Vorgänge im Gehirn sichtbar.

Wahr oder unwahr aber kann auch der modernste Apparat nicht unterscheiden; das kann allein der geschulte Bediener. Wenn der sich irrt – und das tut er Studien zufolge immer wieder –, kann das vor Gericht gravierende Folgen haben. In der Schweiz und in Deutschland ist der Lügendetektor im Strafverfahren daher verboten.

Mace

Es war eine skurrile Szene, die sich am 10. Dezember 2018 im britischen Unterhaus in London abspielte. Aus Protest gegen die chaotische «Brexit»-Debatte ergreift der Labour-Abgeordnete Lloyd Russell-Moyle den zwischen den Rednerpulten liegenden zeremoniellen Streitkolben, die sogenannte mace, und schickt sich an, mit ihr den Saal zu verlassen. Der Vorsitzende protestiert, die Abgeordneten geraten ausser sich, eine Saaldienerin stoppt den Frevler, nimmt ihm die kostbare Beute ab und legt sie wieder zurück.

Die mace ist eine zeremonielle Schlagwaffe aus vergoldetem Silber, 1,40 Meter lang und 7,2 Kilo schwer, eine Art Morgenstern, der im Mittelalter im Kampf Mann gegen Mann benutzt wurde. Das britische Königshaus besitzt insgesamt 13 dieser reich verzierten Streitkolben: 10 davon sind Teil der Kronjuwelen und lagern im Tower, drei sind Leihgaben ans Parlament, zwei ans Ober- und eine ans Unterhaus. Jeden Tag werden sie vom Sergeant at Arms feierlich herein-; am Abend wieder hinausgetragen. Ceremonial maces sind nichts Ungewöhnliches: Es gibt sie in Ländern der ganzen Welt; in Parlamenten oder auch an Universitäten.

Der Kolben, den der Abgeordnete Russell-Moyle zu rauben versuchte, stammt aus dem 17. Jahrhundert. Doch der Tumult hat nichts mit dem Wert der Waffe zu tun – sie hat vielmehr eine ganz besondere Bedeutung. Die mace ist das Symbol der königlichen Autorität, und weil Ober- und Unterhaus ihre Macht von der Krone ableiten, sind sie nur dann beschlussfähig, wenn sich die mace im Saal befindet. Wäre der Raub erfolgreich gewesen, hätte das die Debatte auf einen Schlag beendet.

Mahjongg

Es hat einen unaussprechlichen Namen. Es nennt sich Mahjongg, und das ist gleich auch noch falsch. Mahjongg ist nämlich ein altes chinesisches Spiel für vier Personen, dessen würfelzuckergrosse Bambussteine unseren Spielkarten ähneln. Das Computerspiel «Mahjongg» dagegen ist ein simples Klickspiel, bei dem es darum geht, identische Paare von Spielsteinen von einem Stapel zu entfernen. Weil die chinesischen Steine einander verflixt ähnlich sehen, ist das zwar leichter gesagt als getan, aber Mahjongg Solitaire, eine Art chinesischer Patience, ist eines der einfachsten Spiele der Welt.

Allerdings ist es auch eines der erfolgreichsten Computerspiele aller Zeiten. Am Anfang war der Geistesblitz des nach einem Trampolin-Unfall vom Nacken an abwärts gelähmten Programmierers Brodie Lockard. 1981 schrieb er sein erstes Mahjongg-Spiel auf einem Grossrechner der Universität von Illinois, und weil dieser Rechner an ein ganzes System von Mainframes angeschlossen war, wie die schrankgrossen Computer damals hiessen, spielte bald die halbe Studentenschaft der USA.

1984, am Weihnachtsmorgen, zeigte Erfinder Lockard das Game dem Produzenten Brad Fregger. Der, ein Computerspielprofi der ersten Stunde, erkannte das Potenzial, und zwei Jahre später brachte das Unternehmen Activision das Spiel unter dem Namen «Shanghai» auf den Markt, aus fernost-folkloristischen Gründen und mit überwältigendem Erfolg: «Shanghai» wurde der erste Strassenfeger der Gamegeschichte: über 10 Millionen Mal verkauft, auf mehr als 30 verschiedene Computerplattformen portiert, mit Abertausenden von Klonen im Web.

Erfinder Lockard, an den Rollstuhl gefesselt, programmiert noch immer: neben Lernsoftware – nach wie vor und mit Leidenschaft – Computergames.